Von der Leidenschaft

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XIV

Zu glauben, wir könnten uns der Leidenschaft entziehen, ist ebenso verrückt, als wenn jemand ernsthaft glaubte, er könne sich mitten in der Wüste aus Sand ein Haus und einen Schutz gegen den Wüstenwind (Samum) bauen.

Die Leidenschaft ist ebenso Sinn unseres Lebens, wie die Vernunft, das Maßhalten und die besonnene Verteidigung. Nur der kann ein ganzer und sich mit kluger Gefügsamkeit an die Ordnung der Natur anschmiegender Mensch sein, der sich seiner körperlichen und charakterlichen Leidenschaft mit der Mäßigung und Aufrichtigkeit, die seiner Natur entspricht, hingeben kann.

Er wird kein Tier sein, denn er kennt die Grenzen, wo er mit Zähnen und Klauen sich im heranbrausenden Sturm festklammern muß, die Grenzen der Vernunft.

Verleugne den Körper nicht, sondern gehe mit ihm respektvoll (méltányosan) und souverän (fölényesen) um, wie der Dompteur mit dem wilden Tier. Verleugne den Ehrgeiz nicht, aber setze ihm Grenzen.  Verleugne die Sinne nicht, aber schreite im Aufruhr deiner Sinne auf und ab wie ein Kapitän in tosendem Sturm inmitten seiner meuternden Matrosen: mit Strenge, mit Verständnis, unerbittlich und heroisch.

Mehr kannst du nicht tun. Es ist das höchste, was der Mensch tun kann.

Übersetzung: © Seidwalk

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