Dixie

Jeden Tag sterben Leute – man nimmt das zur Kenntnis und weiter geht’s. Dieser Tage verstarb ein Bekannter von mir als Ungeimpfter an den Folgen … na, ihr wisst schon. Zur Kenntnis genommen, Witwe bedauert, aber nicht wirklich nahe gegangen.

Aber dann gibt es Tode, die erschüttern einen, selbst wenn man den Menschen nicht persönlich kannte,  und von einem solchen habe ich soeben erfahren. Dixie Dörner war einer der großen Helden meiner wilden Jugend.

Ein paar Jahre lang hatte ich versucht herauszufinden, wie es ist, Dynamo Dresden-Fan zu sein. So richtig! Mecke, Schal, Trikot, Fahne, zerschlissene hautenge Jeans und sogar schwarz-gelbe Hosenträger, so zog ich los. Nur die gelben Zähne und den schwarzen Hals, die man den Fans nachsagte, hatte ich nicht. Trotzdem rief einmal ein Kind ganz verzaubert irgendwo auswärts: „Guck mal, Mama, ein echter Dresden-Fan!“ Die höchste Auszeichnung!

Ohne Dörner und Häfner hätte es die nie gegeben – und jetzt sind beide tot. Einen Spieler wie Dixie Dörner gibt es nur alle paar Jahrzehnte mal. Man nannte ihn den Beckenbauer des Ostens, aber ich behaupte, Beckenbauer war der Dörner des Westens. An Bewegungseleganz und Spielüberblick war er nicht zu überbieten. Vielleicht – für die Jüngeren – lebt von seinem Stil (wenn auch auf anderer Position) noch etwas in Kevin de Bruyne fort …

Er war der Dirigent dieser Ausnahmemannschaft, die in den 70er und 80er Jahren das Maß der Fußballästhetik war, er hielt alle Fäden in der Hand, las das Spiel wie kein zweiter, wußte um die Wellen von Beschleunigung und Verlangsamung und hatte auch die technischen Fähigkeiten, die Ideen umzusetzen. Sicher, dazu braucht es entsprechende Mitspieler und die hatte Dynamo zur Genüge, aber Dörner war der spiritus rector. Dabei immer bodenständig und bescheiden. Ihn spielen gesehen zu haben, war eine große Ehre.

Zwei ganz gegensätzliche Spiele kommen in Erinnerung. Zum einen das Pokalendspiel gegen den BFC 1984, wenige Wochen vor dem Einzug in die Armee, das Dynamo aus Dresden in einer hektischen Schlußphase 2:1 gewann. Dörner schoß das erste, Häfner das zweite Tor. Ich war mit meinem guten Freund Jörg Müller unterwegs – der auch schon lange tot ist –, ganz selbstbewußt stiegen wir in die S-Bahn und dann fuhren wir plötzlich in eine Station ein, die rammelvoll mit BFC-Fans war. In Windeseile versteckten wir alles Gelbe und Schwarze an uns und zogen die Jackenkragen hoch und da waren sie schon da, wie Ölsardinen standen sie und sangen und hüpften, daß der Zug zu entgleisen drohte und gestoppt werden mußte. Im Stadion waren die Kräfteverhältnisse umgekehrt. 30 000 von den Unseren standen in Berlin (!) 3000 BFClern gegenüber. Nur ein Mal in meinem Leben bekam ich wirklich einen Faustschlag unters Kinn und den schenkte mir der Sportsfreund vor mir ein, als er bei Dörners Tor in die Höhe sprang.

noch einmal das gleiche Spiel ein Jahr darauf – gibt die Stimmung gut wieder

Das andere Erlebnis fast noch eindrücklicher. Dynamo spielte in Lengenfeld ein Vorbereitungsspiel. Ich stieg auf meine KR50, Jörg auf seine SR2 und gemeinsam zuckelten wir die 12 km mit unseren Karren und wehenden Mähnen gen Lengenfeld – beide Maschinen waren für solche Strecken nicht gemacht, hielten aber durch. Zusammen mit vier, fünf anderen Spinnern bildeten wir einen Dynamo-Fanblock im menschendicht umrundeten Dorfacker. Wir standen unmittelbar hinter der Dresdner Sitzbank – so nah waren wir unseren Helden noch nie. Befremdlich fand ich die Kaltwelle, die Dixie sich über den Sommer hat machen lassen – das galt damals als „schwul“ –, später wurde sie so eine Art Markenzeichen. Dörner spielte gegen den Dorfverein, als ginge es gegen Bayern im UEFA-Pokal. Ernsthaft, konzentriert, dirigierend und tadelnd, wenn ein Mitspieler den falschen Weg gegangen war, aber immer ruhig und souverän, den Kopf erhoben – das war seine typische Stellung. Den Ball mußte er nicht sehen, auch nicht die Füße, das war alles instinktiv, aber die Weite des Platzes zu überblicken, das war seine Passion. Wir gewannen 11:1 – das eine Tor war ein Geschenk kurz vor Schluß, um den Lengenfeldern zu danken. So war das damals. Großartige Zeiten, großartige Spieler, großartige Menschen.

Dörner einer von ihnen, vielleicht der Größte unter allen. Der bedeutendste Spieler, den Dynamo definitiv und vielleicht die DDR überhaupt hervorgebracht hatte. Einer der wenigen, die es im Westen zu Weltstars hätten schaffen können.

SG Dynamo Dresden, Verabschiedung Hans-Jürgen Dörner

© Wikipedia ADN-ZB-Häßler – Dörner bei seiner Verabschiedung: Markenzeichen Dauerwelle

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