Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise II

Fortsetzung von: Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise I

(von: Johannes Leitner)

PDF: Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise (komplett)

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In der Rücksichtslosigkeit gegen die Opfer zum Erreichen des guten Zwecks zeigt sich etwas, das Hannah Arendt die Banalität des Bösen genannt hat. Es gibt drei Stufen, wie wir das Böse und den, der Böses tut, verstehen und einordnen: a) die Lust am Bösen, von satanischer Qualität, uns mangels Einfühlung in diese Lust vollkommen unverständlich; b) die Banalität des Bösen, ein zwar nicht allgegenwärtiges Böses, das wir aber verstehen und für empörend halten; c) die Mitarbeit mit dem Bösen, die unter bestimmten Bedingungen sittlich erlaubt, folglich normal und gewöhnlich ist.

Banalität des Bösen heißt, um der Sache willen das vermeintlich Notwendige zu tun, das Gewünschte zu sagen, zum Schaden des anderen, ohne jede Einfühlung in den anderen. In diese Kategorie fällt die rücksichtslose Regelvorgabe, die blinde Regelumsetzung, das Mitläufer- und Denunziantentum, die Hetze der Journalisten, schließlich die Entsolidarisierung mit den Ungeimpften und Coronaleugnern: Man rechtfertigt die eigene Entsolidarisierung mit dem Vorwurf an die Anderen, sich zuerst entsolidarisiert zu haben. Da sie nicht das gesellschaftlich Gewünschte getan und gesagt haben, sind sie, wenn sie erkranken, selbst daran schuld und haben sie statt Mitleid Häme verdient. Jedenfalls braucht sich die Gesellschaft nicht weiter um sie zu kümmern; sie sollen bei knappen Krankenhauskapazitäten zugunsten der Geimpften nachgereiht werden oder ihre Behandlung selbst zahlen müssen.

Billigend nehme ich den Schaden des anderen, seine Schlechterstellung, sein Leid und seine Entwürdigung in Kauf: Lieber wäre es mir vielleicht, ich müsste es nicht tun; wenn ich es aber tun muss, so verhärte ich mein Herz und kümmere ich mich nicht weiter um sein Leiden, da es doch unumgänglich ist. Einfühlung in den anderen würde mich daran hindern, ihm gewisse Dinge zu sagen oder anzutun, oder würde mich bewegen, ihm seine Lage nach Möglichkeit zu erleichtern; der unbedingten Zweckerfüllung wäre dies abträglich. – Nichts davon ist natürlich bewusst gewollt oder reflektiert: Es handelt sich um eine seelische Dummheit und Stumpfheit, die mit einer intellektuellen nicht immer einhergeht.

Der Banalität des Bösen verwandt ist die Heuchelei, mit der ein Teil der gesellschaftlich Guten den Bösen und Dummen gegenübertritt. Heuchelei ist das Auseinandertreten von eigenem Tun und Anspruch an die Anderen und die Leugnung dieses Auseinandertretens: Wenn der Aufruf an die Anderen, solidarisch zu sein und die Gesellschaft nicht zu spalten, durch seine Einseitigkeit und seinen Moralismus selbst spaltet. – Wenn man Rücksicht auf die Schwachen fordert, und dabei selbst keine Rücksicht auf dieselben oder auf andere Schwache nimmt. – Wenn man den Anderen mangelnde Wissenschaftlichkeit vorwirft, und dabei selbst ein primitives Wissenschaftsverständnis hat. – Wenn man die Wissenschaft zum Gott erhebt, den Glauben der Anderen aber verlacht.

Ein bestimmtes Maß an Heuchelei kann gemeinschaftsstärkend sein: Selbst wenn man sich im Privaten nicht an die gesellschaftlichen Normen hält, bekräftigt man sie doch in seiner öffentlichen Rede. Heuchelei hat daher ihren Platz in jeder transzendentalen und zivilen Religion, so auch in der Coronareligion. Dass der Kampf gegen Corona in den Rang einer Religion aufgestiegen ist, dass deren Zeichen, etwa Impfung und Desinfektionsmittel, sakramentalen Charakter tragen, dass sie Hohepriester und Schriftgelehrte ausgebildet hat, dass sie Ketzer und Ungläubige verdammt, alles ist schon von vielen besprochen worden.

Religion kommt von relegere, etwas genau beachten, und hat in die Wortbedeutung auch religare, rückbinden (an die Gemeinschaft), aufgenommen. Wer sich genau hält an die jeweils geltenden Regeln, die anerkannten Begriffe, die Dogmen, die gewünschten Emotionsäußerungen, beweist seine Treue zur Gemeinschaft und damit seinen Wert für die Gemeinschaft.

Religion benötigt die Bereitschaft und die Lust des Einzelnen, sich den Regeln zu unterwerfen, denen er bloß imstande ist sich zu unterwerfen. Nur jener fastet, der fasten kann und dem es Freude macht zu fasten, auch wenn ihn der Hunger manchmal schmerzt, und wenn er sogar im Geheimen ab und zu sein Fasten bricht. Der Religiöse, und umso mehr der im Fleische schwache Religiöse, will die ganze Gemeinschaft den Regeln unterworfen sehen: Er fordert strikte Regeln für alle, er verachtet die Laxen und Lahmen, er hasst jene, die aus bösem Willen die Regeln brechen. Möglichst wenige Ausnahmen von der gesetzlichen Impfpflicht sollen gewährt werden, sie soll scharf durchgesetzt, Schlupflöcher gestopft, Verweigerer streng bestraft werden.

Als weiteres Beispiel der Umgang mit der Maske: Bei welcher Gelegenheit sie getragen und bei welcher Gelegenheit sie abgesetzt wird, das ist zur gesellschaftlichen Konvention geworden (und hat andere Konventionen ersetzt, wie etwa den Handschlag). Der epidemiologische Nutzen tritt in den Hintergrund; wichtig ist die Maske als Tugendsignal, mit allen menschlichen Absurditäten. Gegen das allgemein beachtete Gebot sich nicht zu maskieren erfordert für die meisten Leute großen sozialen Mut (oder Unverfrorenheit). Dass sie bei Demonstrationen getragen werden muss, wirkt dagegen entwürdigend, ein besonderer Hohn.

Die Maske wird zum Attribut der Person, bestimmt die Person wesentlich mit. Der eigentliche Mensch verschwindet: Das Ich verbirgt sich hinter der Maske, das Du entzieht sich. Früher trug nur der Henker die Maske, heute tut es jeder Polizist. Die Maske uniformiert das letzte offene Merkmal des Individuums; der Maskenmensch ist der Massenmensch.

Die Maske ist sowohl Symbol der Unterwerfung des Einzelnen gegenüber der Gruppe als auch Gemeinschaftssymbol der Unterworfenen; das Ich geht auf im Wir. Damit aber, wenn nämlich alle gleich aussehen, das gleiche sagen, das gleiche tun, verschwindet das Bewusstsein unserer Unfreiheit: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit. Weil erst die Unterwerfung aller Leute die Gemeinschaft schafft, und weil sie meinen Platz in der Gemeinschaft sichert, ist sie notwendig; weil sie notwendig ist, macht sie nicht unfrei, sondern sie befreit.

5)

In seiner Psychologie der Massen nennt Gustave Le Bon drei Stufen, wie sich in der Massengesellschaft neues (scheinbares) Wissen durchsetzt: Behauptung, Wiederholung (Gewöhnung) und Übertragung. Eine Behauptung braucht nicht vernünftig untermauert zu sein; sie muss nur oft genug wiederholt werden, dass sie sich im Bewusstsein der Leute festsetzt und wie durch Ansteckung von selbst verbreitet. Dann wird sie zum Allgemeingut, das niemand bestreiten kann, ohne sich in einen Gegensatz zur herrschenden Meinung zu begeben.

Gegenwärtig ist zu beobachten, wie zahlreiche neue Begriffe und Begriffsinhalte erst im wissenschaftlich-medial-politischen Komplex auftauchen, sich dort, sollte ihnen nicht sofort scharf widersprochen werden, einnisten, und sich schließlich in sämtlichen elitären und elitennahen Gesellschaftsteilen durchsetzen (zum Beispiel: Coronaleugner, Impfverweigerer, vollimmunisiert, Pandemie der Ungeimpften, Tyrannei der Ungeimpften, Kinderimpfung, Triage, Impfpflicht, neuerlicher lockdown). Nicht mehr aber gehen die neuen Vorstellungen über in die elitenfernen Schichten, die vielmehr ihrerseits einen Sonderglauben entwickeln.

Die neue lingua a Corona imperii, die Sprache der Herrschaft durch Corona, betont das Gemeinschaftliche, die Solidarität der Minderheit mit der Mehrheit und die Unterwerfung der Minderheit unter die Mehrheit, das Behütende, die Pflicht und die Verantwortung Einzelner. Außenseiter und Gemeinschaftsfeinde hingegen greift sie an: entweder durch offene Brandmarkung oder aber langfristig und unbemerkt; Viktor Klemperer sagte, dass die Worte der vergiftenden Sprache winzigen Arsendosen gleichen, die täglich geschluckt werden.

Credo quia absurdum: Indem ich das vordergründig Absurde und Widersprüchliche glaube, sage und tue, beweise ich – vor mir und vor den anderen – meinen Glauben, meine Hingabe an die Sache. Mein Glaube ist so stark, ich selbst bin so stark und gefestigt, dass ich durch scheinbare Widersprüche oder neue Entwicklungen nicht irre werde. An das Offensichtliche glaubt auch der Areligiöse und tut damit nichts Besonderes. Wer aber das sacrificium intellectus begeht, der hat dem Glauben schon zu viel geopfert, um noch aus Vernunftgründen davon abzufallen. Solche Überzeugungen können nur durch schwere Erschütterungen ins Wanken gebracht werden.

Verwandt mit dem Glauben an das Absurde ist die schützende Dummheit. Der Dumme hat in der Gesinnungsdiktatur nichts zu fürchten; es genügt, wenn er nichts anderes sagt, als ihm zu jedem Zeitpunkt zu sagen erlaubt und vorgegeben ist. Mehr und differenziertere Dinge zu wissen als notwendig, auch mehr und differenziertere Fragen zu stellen macht verdächtig: Fragen nach Vorerkrankungen von Patienten, Risikofaktoren der Krankheit, Gesundheitsrisiken und psychosoziale Folgekosten der Impfung, nach der Sauberkeit der Statistiken, dem Abbau von Intensivbetten, ob eine Herdenimmunität bei Coronaviren überhaupt zu erreichen sei und so weiter.

So ist Corona in den Kreis des Politisch Korrekten eingetreten. Die Meinungen gleichen sich an: Es ist nicht mehr erlaubt, wie noch in der ersten Zeit der Krise, vom Hauptstrom mehr als nur gering abweichende Meinungen zu äußern. Von den Kerndogmen darf in keiner Einzelheit abgegangen werden. Meinungshomogenisierung führt als Mitursache zu Vermassung oder ist eines ihrer Symptome. Wenn einem die freie Rede zur Gefahr würde, beschränkt man erst sein Sagen und dann oft sein Denken auf das Einfache, Glaubhafte und Sichere, sprich das Dogma, die Platitüde und alles aus der Propaganda Bekannte, die Gut-Böse-Dichotomie, das (Zivil-)Religiöse, das Kollektiv, die Personalisierung, die Emotionalisierung, den Moralismus und den Sündenbock.

Zum religiösen Charakter der Pandemie gehört die Meinungsmacht einer radikalen Minderheit Überzeugter (Nassim Taleb), persifliert als „Zeugen Coronas“, während die gemäßigte Mehrheit aus Toleranz und Indolenz ihr zu wenig entgegensetzen kann. Zuerst innerhalb der „Blase“, dann auch außerhalb, setzen sich jene durch, die die immer reineren und radikaleren Meinungen äußern. Und zwar tun sie dies einerseits aus einem narzisstischen Geltungsdrang (der Twittermob oder das Kommentariat gewisser Qualitätszeitungen), andererseits aber aus der Notwendigkeit, früher getroffene Aussagen und Entscheidungen, wenn diese durch gegenwärtige Entwicklungen gefährdet sind, durch immer größere Entschiedenheit zu stützen (eskalierendes Commitment).

Religiös oder hyperreligiös ist die Feinderklärung des Gegners und seine Charakterisierung; es sind viele Dumme, die von wenigen Bösen geführt und verführt werden (Alinskys 13. Regel: „Pick the target, freeze it, personalize it, and polarize it.“) Bei missverständlichen Aussagen oder grundsätzlich unterstellt man dem Anderen daher Dummheit oder Bosheit (principle of malice).

Lediglich dumm ist der materielle Feind der Gemeinschaft, die rücksichtslos Leichtfertigen und die Schmarotzer. Willentlich böse ist der geistige Feind des Glaubens, die Leugner und Verharmloser von Corona, und die Leugner der Wissenschaft. Impfverweigerer verweigern die Erlösung, ihre persönliche und die der Gesamtgesellschaft. Sie wollen ja nicht gerettet werden und ebensowenig helfen, die Gemeinschaft zu retten. Im christlichen Gedankengut ist das die einzige Sünde, die notwendig verdammt, die Sünde wider den Heiligen Geist. Nur mittels einer religiöser Hermeneutik versteht man voll den überaus starken und vielgestaltigen Druck, der vom Staat und von großen Teilen der Medien, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Gesellschaft auf die Ungeimpften ausgeübt wird – und auf alle anderen, damit sie nicht von der Generallinie abweichen.

6)

Das Sündenbockopfer (nach René Girard) ist dann nötig, wenn wir uns selbst (wir als Gruppe und als Individuen) schuldig fühlen, wenigstens in einem geringen Maße. Wir haben irgendwie gefehlt, ein Sollen nicht erfüllt. Dann müssen wir den schuldlosen Zustand wiederherstellen, indem wir unsere Schuld auf den offenbar Schuldigeren ableiten; im Mythos müssen wir die Götter beschwichtigen mit dem Opfer des ärgeren Sünders. Der Sündenbock muss wenigstens den Anschein der Schuld tragen, er darf nicht offensichtlich frei sein von Schuld. Überdies muss er, vor allem vielleicht ästhetisch, von den Guten unterscheidbar sein, darf aber nicht ein ganz Anderer und Fremder sein; erst diese Nähe – in der Zuspitzung des Mythos: der persönlich sogar schuldlose eigene Sohn – heiligt das Sündenbockopfer.

Der menschliche Sündenbock – dem im Unterschied zum tierischen die Fähigkeit zur Verantwortung zugestanden wird – wird zunächst beschuldigt, schuldhaft, das heißt wissentlich und willentlich, eine bestimmte schlimme Lage herbeigeführt oder mitherbeigeführt zu haben, oder als Trittbrettfahrer nichts zu deren Behebung zu tun. Diese Beschuldigung kann tatsächlich stimmen oder nicht stimmen, bewegt sich also weiterhin im Bereich des Willens zum Faktischen und Rationalen.

Wichtiger ist das Seelische und damit Überrationale: Man legt die eigene Sünde, seine eigene Schwäche und Scham, seine Angst, den Unglauben und Zweifel, allgemein das sonst Unbewältigte in den Sündenbock. Was, wenn die Leugner in einigem doch recht haben, lautet ungestellt die peinliche Frage. Habe ich mich übertölpeln lassen, als ich an die Nützlichkeit der Maßnahmen, die vollständige Impfwirkung, die Weisheit der Experten und Regierenden, gerne geglaubt habe? – Indem einer, gemeinsam mit den anderen, den Sündenbock hasst und verächtlich macht, setzt er ihn, und sein Gegenstück in der eigenen Seele, vor aller Augen moralisch herab. Indem er den Sündenbock austreibt, treibt er das Schlechte, das zur guten Gemeinschaft untauglich Machende, aus der eigenen Seele.

Aus und von sich selbst, ohne Vorbild, Anleitung oder Führung, können die Leute den Sündenbock nicht erschaffen. Zum Sündenbock muss jemand willentlich gemacht werden. Einer aus der Gruppe muss den ersten Stein werfen, muss das Tabu brechen und die Worte aussprechen: Wenn die Ungeimpften nicht wären, dann brauchten wir die Restriktionen nicht und wäre die Pandemie schon vorbei. – Bundeskanzler Schallenberg entschuldigte sich bei den Geimpften, „die alles richtig gemacht haben“, dass er ihnen zumuten musste, mit dem allgemeinen lockdown ihnen die Freiheit zu nehmen; und er hielt es für schwer erträglich, dass er sie zur Solidarität auffordern musste mit jenem Teil der Gesellschaft, der sich bisher sehr unsolidarisch gezeigt habe. (Die Moderatorin des Staatssenders: „Dafür werden Sie bestimmt wenig Widerspruch ernten“.)

Am ersten Wort oder der ersten Tat entzündet sich die Wut der anderen, der mimetische Furor; ich sehe, dass ein anderer etwas getan hat, das ungestraft blieb, also kann ich es nicht minder tun. Es entsteht die Hetzmasse (Elias Canetti), worin der Einzelne die moralischen Bedenken, die er als Einzelner noch hätte, vergisst, bei starker Wirkung der Masse auch seinen freien Willen beiseitelegt.

Starke Gesellschaften, selbstbewusste Einzelne, haben den Sündenbock nicht nötig. Je schlimmer der Hass, desto schwächer der Hassende. Man hasst ja nur den, durch den man wehrlos Schaden befürchtet; den Schwachen und Harmlosen verachtet man. Auffallend, dass sich der Furor gegen die Ungeimpften aus beiden Quellen nährt: Man hasst sie als schädlich, man verachtet sie als ungebildet, pöbelhaft, vor allem unmoralisch. Denn der Versuch, die Ungeimpften moralistisch zu beschämen, scheitert; er entfremdet die beiden Seiten – die eine als übergriffig, die andere als störrisch – noch mehr voneinander.

7)

Politik ist, was das Gemeinwesen und seine Bürgerschaft betrifft. Politiker müssen sich also über die beschriebenen (und die vielen unerwähnt gelassenen) grupplichen Muster im Klaren sein. Sie können die guten bestärken und die schlechten mildern; sie können sie zum Guten oder zum Schlechten nutzen; sie werden selbst von ihnen zum Guten oder zum Schlechten gedrängt.

Um die Politik zu verstehen und um sich gegen schädliche Politik wehren zu können, sollten Beobachter und Betroffene der Politik zunächst das Denken, Fühlen und Verhalten der Gruppe und in der Gruppe verstehen. Was man aber versteht, das fällt es schwer zu hassen; Hass ist ein schlechter Ratgeber und schadet nicht nur dem gehassten Anderen, sondern vor allem mir selbst.

Jetzt ist die Zeit der Auseinandersetzung; sie zu führen können wir nicht mehr entgehen. – Dennoch: Den Anderen richtig zu verstehen dient einem noch wichtigeren Zweck, als ihm und seinen Anschlägen wirksam entgegenzutreten; es ermöglicht das künftige Zusammenleben der Leute, die in der Krise mehr denn je voneinander geschieden werden.

Alles verstehen heißt fast alles verzeihen. Verzeihen fällt leichter, wenn der andere seine Sünden nicht aus Feindschaft, Hass und bösem Willen begangen hat, sondern aus verständlichem Irrtum oder verständlicher Irreführung, in einer Lage, die solches aufgrund seiner menschlichen Verfasstheit und dem Verhalten der Gruppe nahelegte. Wenn die andere Seite gesündigt hat, der politische oder weltanschauliche Gegner, genauso wie der persönliche Gegner, und wenn dieser Gegner Reue vermuten lässt, dann soll ich ihm verzeihen; nur so können wir wieder auf gleicher Ebene einander gegenübertreten. Damit der gesellschaftliche Friede wiederhergestellt werden kann, werden beide Seiten einander zu verzeihen haben, tatsächliche oder vorgestellte Verfehlungen.

Dann wird hoffentlich die seit langem schlimmste Verletzung der Volksseele, die die Seuche, die Seuchenpanik, die Gegenmaßnahmen und alle gesellschaftlichen Folgen angerichtet haben und noch haben werden, zu heilen beginnen.

2 Gedanken zu “Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise II

  1. Michael B. schreibt:

    Mein Gott, was fuer eine Wortmauer…

    Entschuldigung, das hilft niemand. Bevor hier maerchenhafte Vorstellungen ueber eine Gesellschaft wie sie ist und sein sollte, ueber Verstaendnis, Hass, Schuld, Suehne, Vergebung und Heilung palavert wird, versuche man doch wenigstens die Zustaende noch so zu beeinflussen, dass hinterher ueberhaupt noch Wunden und Koerper zum Heilen da sind.

    Gefällt 1 Person

    • Wir sind tatsächlich einmal einer Meinung, wenigstens was den „Text“ angeht, vermutlich weniger, was geeignete Maßnahmen zur Überwindung der Malaise betrifft. Aber jetzt gibt’s ja Novavax.

      Seidwalk: Jetzt gibt’s Omikron.

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