Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise I

„Oft hat man den Eindruck, dass der deutsche Bürger vom Teufel geritten wird.“[1]

von Johannes Leitner

1)

Am 15. November 2021 ist in Österreich während rasch steigender Coronafallzahlen und einer anscheinend drohenden Überlastung der Intensivstationen ein zeitlich unbeschränkter lockdown für Ungeimpfte in Kraft getreten. Der Kontakt zwischen den Ungeimpften und den Geimpften und Geschützten sollte auf ein Minimum gebracht werden, wie der damalige Bundeskanzler Schallenberg erklärte. – Diese Maßnahme stellt die bisher bemerkenswerteste im derzeitigen gesellschaftlichen Ausnahmezustand dar, aus guten Gründen bemerkenswerter als allgemeine lockdowns, deren österreichweit nunmehr vierter eine Woche danach verhängt wurde. Die nächste Qualitätsstufe wird mit dem allgemeinen Impfzwang erreicht, dessen Wirksamwerden für 1. Februar 2022 angekündigt ist.

Zugleich ist in der Politik, in den Medien und in der ganzen Öffentlichkeit eine Enthemmung der Sprache zu beobachten, die ihresgleichen sucht. Nicht nur werden Maßnahmengegner und Ungeimpfte angefeindet, verächtlich gemacht und für moralisch minderwertig erklärt; man geht soweit, an erster Stelle der Bundeskanzler selbst, sie unmittelbar zu beschuldigen dafür, dass die Pandemie nicht ende und die gehorsamen Geimpften weiterhin Einschränkungen zu erleiden hätten. Die gesellschaftlichen Folgen dieser gruppenethisch seit jeher streng verpönten Aufwiegelungen lassen nicht auf sich warten. Täglich ist von Vorkommnissen zu hören, sind Meinungsartikel zu lesen, die man teils als Ausdruck eines pandämonischen Wahns, teils als offenbar gewordene Niedertracht Einzelner verstehen muss.

Alles gibt Anlass, eine Reihe von Geisteshaltungen, Handlungsprinzipien, Verhaltensmustern und sozialen Wirkweisen zu betrachten, die durch die Seuche und die sozialen, ethischen und politischen Antworten darauf ins Licht treten oder angestoßen werden. Und zwar sollen vorrangig die mit solcher Politik kausal und korrelativ nahen geistig-sozialen Phänomene betrachtet werden, sprich die Denk- und Verhaltensmuster der Maßnahmentreiber und Maßnahmenbefürworter, und weniger die der Gegner und negativ Betroffenen; diese stammen großteils aus Abwehr- und Trotzhaltung, sind daher einfacher und bedürfen weniger der Aufklärung.

Unbefangen würde man der Gesundheitskrise begegnen mit allgemeiner und individueller Kosten-Nutzen-Einschätzung: mit der Frage der Risiken bestimmter Altersgruppen und durch bestimmte Vorerkrankungen, mit epidemiologischen und gesundheitsökonomischen Überlegungen, mit dem Kosten-Nutzen-Verhältnis und den Opportunitätskosten von Maßnahmen gegen die (gruppliche) Seuche und die (individuelle) Krankheit, insbesondere der Wirkung der Impfung, und so weiter. Bis zu einem gewissen Grade ist dies alles möglich und wird getan. So können bestimmte Handlungen zu bestimmten Zeiten als wahrscheinlich richtig und andere als wahrscheinlich falsch erkannt werden. Es gilt das aus der Ökonomie bekannte Prinzip, dass Maßnahmen zwei Sorten von Wirkungen haben: jene, die man (sofort) sieht, und jene, die man nicht (sofort) sieht.

Zuletzt eröffnet sich immer die Frage nach der interpersonalen Bewertung von Leben und Gesundheit, und deren Abwägung gegen andere Werte. Haben wir etwa auf die Alten und Vorerkrankten besondere Rücksicht zu nehmen, weil sie besonders schutzbedürftig sind und weil dies der überlieferte abendländische Gesellschaftsvertrag so vorsieht, oder müssen wir nicht auch die Kosten und Opportunitätskosten dieser Rücksicht, überdies Dinge wie die Zahl der verbliebenen gesunden Lebensjahre in die Rechnung aufnehmen? –  In dieser zuletzt nicht aufklärbaren Unentschiedenheit liegt eine wichtige (aber weder notwendige noch hinreichende) Voraussetzung für die erfolgte Ideologisierung und Politisierung der Krankheit.

Mehr noch: Eine Seuche gefährdet die Gemeinschaft an sich, die Gemeinschaft hat daher starke soziale Abwehrkräfte entwickelt und ihren Einzelnen mitgegeben: Gruppendruck, Meidung, Ekel, Angst vor der unsichtbaren Gefahr, Opferung des Einzelnen zugunsten der Gruppe. Was sonst bloß im übertragenen Sinne gilt (etwa der Hass gegen den politisch Andersdenkenden, als ob er Überträger einer leiblichen Krankheit wäre), wirkt dann buchstäblich und unmittelbar.

2)

In der Sprache zunächst wahrzunehmen ist die bisher unübliche Substantivierung „Geimpfte“ und „Ungeimpfte“; dies als Ausdruck von Essentialisierung und Personalisierung eines Gesundheitsdatums. Es werden zwei streng getrennte Gruppenidentitäten geschaffen, vordergründig bloß anhand des kurzen (wenn auch hochsymbolischen) Impfvorgangs – was mittlerweile aber zur Chiffre für einander ganz entgegengesetzte Anschauungen und Einstellungen geworden ist: zum Staat und zur Demokratie, zur Technik und zum Expertentum, zur Freiheit und zur Gemeinschaft, zum Heiligen und zum Bösen. Man nimmt teil an einer vorgestellten Gemeinschaft mit einem vorgestellten Gegner („Wir dreifach Geimpfte“ gegen die „Impfverweigerer“ und „Corona-Leugner“). Undenkbar, dass derartiges in den vergangenen Jahren geschehen wäre etwa aufgrund der herkömmlichen Grippeimpfung.

Erklärt werden könnte dies zunächst durch die (angenommene) Schwere von Sars-CoV-2 und der gesundheitsökonomischen Folgen einerseits und den (verspürten) Impfdruck auf „uns Ungeimpfte“ andererseits. Nur das (anscheinend) essentiell Wichtige kann in das wahrgenommene Sein von Person und Gruppe übergehen.

Nachdem nun eine starke Überschneidung zwischen überzeugten Coronamaßnahmen-, insbesondere Impfbefürwortern einerseits und überzeugten Befürwortern anderer Bewegungen der Jetztzeit andererseits (Pro-Einwanderung, Anti-Rassismus, Gender und Anti-Sexismus, Klima) festzustellen ist, und jeweils umgekehrt, liegt es nahe, das Coronaphänomen als weiteres Symptom einer allem zugrundeliegenden gesellschaftlichen Krankheit anzusprechen: nämlich der Gesellschaftsspaltung zwischen Eliten und Elitennahen einerseits und einfachen Menschen und Gegeneliten andererseits,  zugleich jene zwischen den fortschrittlichen und den verharrenden Volksschichten.

Eliten sind die Inhaber der politischen, medialen, wirtschaftlichen, geistigen und geistlichen Machtstellen, seien diese mit höchster Macht ausgestattet oder seien es, zahlenmäßig natürlich weit überwiegend, bloße Hilfs- und Zuarbeitsstellen. Eliten sind jene, die sich mit einiger Berechtigung dieser Gruppe zugehörig fühlen, die ihre Zugehörigkeit stets beteuern, indem sie nichts Verwerfliches sagen, die ihre Tugend auch durch andere Zeichen untermauern, und die so in ihrer Elitenzugehörigkeit von anderen bestätigt werden.

Oft, jedoch weder geschichtlich noch gegenwärtig notwendig, werden gesellschaftliche Elitenpositionen von Fortschrittsmenschen eingenommen. Fortschrittlichkeit ist die Fähigkeit und Neigung, den (tatsächlichen oder angenommenen) Nutzen des Neuen und Unerprobten höher zu werten als seine (tatsächlichen oder angenommenen) Kosten. Klar, dass ohne diese Einstellung, ohne die Bereitschaft zu Versuch und Irrtum, die Völker auf primitivster Stufe verblieben wären. Je mehr Mittel eine Gesellschaft verwendet und zu verwenden bereit ist, um je weiter entfernte Ziele zu erreichen, desto fortschrittlicher und zivilisierter ist sie.

Gespalten ist die Gesellschaft, einerseits wenn sich das fortschrittliche und das verharrende Denken, Fühlen und Verhalten allzu sehr voneinander entfernen, wenn also die einen die Lebensäußerungen der anderen für ganz unverständlich, gefährlich, abartig, verächtlich und böse halten. Andererseits ist die Gesellschaft gespalten, wenn sich die Inhaber und die Nicht-Inhaber der gesellschaftlichen Macht, Eliten und Nicht-Eliten, zu sehr voneinander entfernen; wenn beide die Fähigkeit und Neigung verlieren, sich mit den Anderen zu beschäftigen, sich in sie einzudenken und einzufühlen, sie behutsam zum Guten zu führen oder sich vertrauensvoll von ihnen zum Guten führen zu lassen.

Die fortschrittlichen Eliten begrüßen die neuartigen Mittel gegen das Virus, vor dem sie sich ängstigen wie vor nichts anderem, als einem Einbruch der unberechenbaren Natur in die technisierte Welt. Die verharrenden Nicht- und Gegeneliten – die habituell und politisch Konservativen – misstrauen dem Neuen und Ungewohnten, und sie misstrauen vor allem den Fortschrittlichen, die es ihnen aufdrängen wollen, durch Propaganda, Moralismus und versteckten oder offenen Zwang, mit allen Hilfsmitteln des gesamten breiten Staates. Irgendwann, wenn ein bestimmtes Maß an Belastung erreicht ist, sind die Verharrenden nicht mehr bereit, das Neue zu dulden, und sie trotzen ihm, auch über das Maß hinaus: aus Angst vor dem Unbekannten, aus Hass gegen die übergriffigen Fortschrittler, und aus Furcht, wenn man weicht, seine Selbstachtung, seine Stellung im Leben und seine ganze Identität zu verlieren. Trotz kennzeichnet die Widerständler, im kleinen und im großen; jene, die angesichts einer höheren Wahrheit nicht anders können, als den irdischen Gewalten zu widerstehen, und die dabei größte Kosten auf sich nehmen.

Politisch lässt sich die Abspaltung der Eliten als meritokratische Oligarchie begreifen: Herrschaft der wenigen Mächtigen, Großexperten und Wissensautoritäten, unterstützt von ihren Zuarbeitern, den Technikern und Intellektuellen. Geistig drückt es sich unter anderem aus als Wissenschaftsglaube: Die Schulwissenschaft wird überhöht, jede (scheinbar) nicht-wissenschaftliche Heuristik, etwa jene des gesunden Menschenverstands, verächtlich gemacht. Im Wesen jedoch handelt es sich dabei nicht um den Glauben an die Wissenschaft an sich, also an die wissenschaftliche Methode der Erkenntnisgewinnung (Empirie, Induktion, Hypothesenbildung, Falsifizierbarkeit und so weiter). Vielmehr sagt der Glaube: „Wissenschaft ist, was Wissenschaftler sagen, und Wissenschaftler sind jene, die von den Institutionen als solche ausgebildet, beglaubigt und beschäftigt werden“.

Zweifellos reichen persönliche Intuition und anekdotische Evidenz nicht aus, um etwa Nutzen und Schaden der Impfung im Gesamten zu beurteilen; aber sie können Anlass bieten, wenn sie nicht in Einklang zu bringen sind mit den Aussagen der Experten, den beworbenen Statistiken und Studien, diese noch genauer zu überprüfen und vor allem ihre Annahmen zu hinterfragen. Die Gesundheitskrise verdeutlicht sowohl die Perfektion der Technik als auch ihre Krise und ihr Scheitern. Erstmals in Friedenszeiten kommt es zur totalen Mobilmachung technischer Mittel gegen einen natürlichen Feind, dem man nicht anders Herr zu werden glaubt. Und ehe man es sich versieht wird die Technik von der Gehilfin selbst zur Herrin; das Massenüberwachen, Massentesten und Massenimpfen führt zur Selbstfesselung von Politik und Gesellschaft an Belagzahlen, Inzidenzen und Quoten, damit zu Fallzahlmechanismen und Systemlogiken, denen man nur noch schwer in die Speichen greifen kann.

Demokratische Gesellschaften und populistische Bewegungen hingegen neigen zu Wissenschaftsskepsis und Technikfeindlichkeit, weil ihnen Wissenschaft und Technik als hermetisches und gnostisches Geheimwissen scheint, das ihre alten Vorstellungen und ihre überkommene Lebensweise bedroht. Das Pendel schwingt hier oft in die Gegenrichtung des Irrationalen; etwas sei wahrscheinlicher wahr, wenn es der Schulwissenschaft widerspricht. Dass sich ein solcher technischer Irrationalismus jedoch allgemein durchsetzt, besteht keine Gefahr, auch wenn das jene glauben mögen, die sich vor Flach- und Jungerdlern fürchten.

3)

Im Kern der gegenwärtigen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Maßnahmen steht das Trittbrettfahrerproblem. Wer den Kampf gegen Corona – „die Pandemie“ – vorrangig als öffentliches Gut wahrnimmt, der wird die Nicht-Kooperierenden anprangern, als Drückeberger, Regelbrecher, Verweigerer, Schmarotzer und Schädlinge an der Herdenimmunität, und im nächsten, spieltheoretisch folgerichtigen Schritt den erkrankten Ungeimpften etwa die Krankenhausbehandlung vorenthalten wollen. Umgekehrt werden jene, die ihre Gesundheit als privates Gut betrachten, Eingriffe in ihr Leben abwehren und mögliche Externalitäten ihres Gesundheitszustands auf die große Gesellschaft nicht anerkennen.

Zwar könnte man zu jedem der beiden Standpunkte durch vorurteilslose Lagebeurteilung gelangen; zumeist aber ist von vornherein der Mensch, je nachdem, eher auf die Moral der großen Gesellschaft oder eher auf die der kleinen Gemeinschaft und des Einzelmenschen hingeordnet. Jenes Fühlen, Denken und Handeln folgt aus der relativen Hoch- und Übersozialisierung eines Menschen, seiner Konformität mit dem großen Kollektiv und der Kollektividee und Religion, dieses aus seiner Niedrig- und Untersozialisierung.

Die übersozialisierte Persönlichkeit erzeugt mit die Tyrannis der kleinen und mittleren Bürokratie: Innerhalb und außerhalb des Staates machen sich Bürokraten die (offenbarten oder angenommenen) Ziele der Führung zu eigen; in vorauseilendem Gehorsam übererfüllen sie das Soll. Der Druck auf die Ungeimpften in den Schulen,  Betrieben und Vereinen dient nicht vorrangig der Sicherheit, da diese durch Hygiene und Testungen besser gewährleistet wäre, sondern fügt sich ein in das höhere Ziel, die allgemeine Impfquote zu steigern.

Das Milgram-Experiment wird oft verzerrt wiedergegeben und zu fehlerhaften Schlüssen verwendet. Immerhin zeigt es, dass viele Leute bereit sind, für den Erfolg des Richtigen und Guten Opfer zu bringen und Opfer zu fordern, also starke Mittel einzusetzen. Jedoch tun sie dies meist nur solange, wie sie annehmen, dass dies im Bereich des Normalen und Erprobten liegt; eben darin, und kaum in ihrem blinden Gehorsam vor Autoritäten und Führern, besteht ihr Konformismus.

Der Rücksicht auf das Normale entledigt hat sich das extreme Nutzenprinzip, anscheinend Grundgedanke der gegenwärtigen Coronapolitik: „Koste es, was es wolle; der Zweck heiligt alle Mittel.“ Für den guten Zweck darf man Dinge tun, die sonst verboten und verrufen sind, denn der gute Zweck ist das Heilige selbst. Das äußerste Gute wird, wenn nötig, durch die äußersten Mittel vollbracht und mit den äußersten Kosten erkauft. – Extremes fordern und tun sowohl die religiös und ideologisch Überzeugten (alles für die gute Sache, alles für das Kollektiv) als auch, in anderer Weise, die Opportunisten, die Funktionäre und reinen Techniker (alles für meinen und unseren Erfolg, alles für das Funktionieren des Apparats).

Koste es, was es wolle, das ist nötig in der absoluten Gefahr, der Gefahr totaler Vernichtung. Die bedrohte Ordnung setzt dann, um sich zu retten, den Ausnahmezustand ein. Es bezeichnet damit das Prinzip des totalen Krieges und seiner Dauerform, des Totalitarismus: das rücksichtslose Einsetzen sämtlicher kollektiven Mittel hin zum Endsieg, als einzige Alternative der totalen Niederlage und des Untergangs. Alle Bedenken haben in den Hintergrund zu treten, gegen Widerständler ist exemplarisch mit aller Härte vorzugehen.

Angewandt auf das Verhältnis von Gemeinschaft und Einzelnem drückt sich das absolute Nutzenprinzip aus im Satz: Gemeinnutz vor Eigennutz.               Dass das Wohl der Gemeinschaft, also der einander verbundenen Vielen, über dem unmittelbaren Nutzen der wenigen Einzelnen steht, und dass die Einzelnen daher für die Gemeinschaft Opfer zu erbringen haben, dem würde man zunächst nicht leicht widersprechen.

Es stellt sich jedoch die Frage, worin jene Opfer zu bestehen hätten, und ob nicht dadurch Werte und Grundsätze verletzt werden könnten, auf denen die Gemeinschaft selbst beruht, etwa Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde, Rechtlichkeit, Folterverbot und so weiter. Dass es im Kern des Einzelnen etwas gibt, das die Gemeinschaft nicht und unter keinen Umständen angreifen darf, das stärkt die Gemeinschaft selbst. Richtig und gesund wäre daher: Gemeinwohl vor Eigennutz, Eigenwohl vor Gemeinnutz. Wer dies ins Gegenteil verkehrt (Gemeinnutz vor Eigenwohl), vertritt eine kollektivistische Ethik, wie sie heute tatsächlich als neue Ethik auftritt.

Das Prinzip des absoluten Nutzens rechtfertigt den Bruch des Kategorischen Imperativs in seiner Selbstzweckformel: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ – Zum Beispiel, was die Selbstzweckformel noch verboten hätte, werden geimpfte Kinder ausschließlich als Mittel fremder Zwecke verwendet. Die Kinderimpfung dient ausschließlich dazu, die Impfquote zu erhöhen und damit die Herdenimmunität zu erreichen; aufgrund der relativen Harmlosigkeit der Krankheit in diesem Alter nützt sie aber nicht den geimpften Kindern selbst, die vielmehr durch mögliche kurz- und langfristige Nebenwirkungen der Impfung eher gefährdet sind.

Die Diskriminierung der Minderheit von Ungeimpften in der Öffentlichkeit (Eintrittssperren und Ausgangsverbote) ist für das Ansteckungs- und Krankheitsgeschehen, da es auch von den Geimpften ausgeht, wohl nur wenig nützlich. Das gleiche gilt für den Impfzwang an sich, wenigstens was die Nichtrisikogruppen betrifft (bei Risikogruppen könnte Zwang tatsächlich den unmittelbaren Nutzen mehren, weniger Intensivpatienten und an und mit Corona Verstorbene). – Neben der unmittelbaren Bestrafung der Ungeimpften dient ihre Diskriminierung und dienen die Zwangsmaßnahmen, das gezielt ungemütlich gemachte Weihnachten für die Ungeimpften, vor allem dazu, den freiwillig Geimpften noch eindrücklicher zu zeigen, dass ihr Impfopfer notwendig war und weiterhin sein wird.

Erstens sehen die Geimpften die offenbare materielle Notwendigkeit bewiesen, ihre Freiheit und Bequemlichkeit, die ungestörte Fortsetzung ihrer beruflichen Tätigkeit, und ihr ganzes vertrautes Leben, mit der Impfung zu erkaufen.

Zweitens: Indem der Staat den Zustand der Nicht-Impfung für so gefährlich hält, dass er die Freiheit der Ungeimpften stark einschränken muss und sie schließlich zur Impfung zwingt, und indem er dadurch und durch seine sonstige Propaganda die Entscheidung gegen eine Impfung moralisch stark abwertet, steigt der sittliche Gehalt der Entscheidung zur Impfung. Als Geimpfter kann ich die Kosten meiner Impfung, die allfälligen Nebenwirkungen und das Risiko von Impfschäden, auch dadurch rationalisieren, dass ich meine Impfentscheidung ex post moralisch überhöhe. Vielleicht hätte ich meine Impfung bereut, aber jetzt verstehe ich umso mehr, dass sie richtig und gut war. – Dadurch gewinnt der Staat zum einen mehr Unterstützung der Geimpften für seine Maßnahmen, zum anderen die begründete Erwartung, dass sie sich auch zum dritten und wiederholten Male impfen lassen würden.

© Johannes Leitner

 
[1] Ernst Jünger, Strahlungen, 1945, verändert zitiert („… das deutsche Volk …“) von Hannah Arendt in ihrem Rundfunkgespräch mit Joachim Fest, 1964

3 Gedanken zu “Menschliches Handeln in der Gesundheitskrise I

  1. Robert X. Stadler schreibt:

    Die Motive der Maßnahmengegner sind ja nicht Thema des Artikels, können daher nur verkürzt und sicherlich zu wenig differenziert angesprochen werden.

    Die Begriffe Angst, Furcht, Hass und Trotz sind dennoch nicht fehl am Platz. Es handelt sich nun einmal um Negatives: Emotionen und Geisteshaltungen des Neins gegen an die Leute, insbesondere an Schwächere, herangetragene Forderungen und Anmaßungen. Daher sind sie (obwohl allgemein als schlecht konnotiert) zunächst etwas, das festgestellt und verstanden werden muss, sowohl in ihrem evolutionären und individualpsychischen Sinn. Dass langfristig Angst und Hass das Ich selbst schädigen und daher überwunden werden müssen ist sowohl individual- als auch volkspsychologisch nichts Neues. Furcht und Trotz dagegen sind weder langfristig schädlich noch unbedingt unsittlich; den Widerständlern sind etwa die Märtyrer anzuschließen.

    Auf anderer Ebene, und auch von Ihnen so verstanden, handelt es sich um negative Werturteile, wie sie von den Maßnahmenbefürwortern über die Gegner gefällt werden. Sie (bzw. die Urteilenden) muss man ebenso zuerst verstehen, bevor man ihnen entgegnen kann, im Dialog oder durch Änderung des eigenen Verhaltens.

    Sicherlich kann man als emotional unbeteiligter Beobachter durch rein verstandesmäßige Überlegungen die Maßnahmen ablehnen (was nicht heißt, dass die emotional Engagierten nicht auch verständig und rational dächten). Aber das betrifft nur die wenigsten und ist auch nicht gemeint, wenn man die Gesellschaftsspaltung beklagt.

    Wie obiges möchte ich die Frage Progression/Regression zunächst auf der beschreibenden Ebene verstanden wissen. Dass die Progressiven zu manchen Mitteln greifen und manche Ziele verfolgen, die „in Wirklichkeit“ regressiv sind, sehen wir wohl ähnlich, ändert aber nichts daran, dass sie sich als solche selbst betrachten und die anderen als rückschrittlich verachten.

    Auch zu Ihrem letzten Absatz kein Widerspruch. Leider fällt die schulmäßig gelehrte und praktizierte Wissenschaft nicht zusammen mit einem Ideal von Wissenschaft, wie ich es angedeutet habe, und kann es gar nicht; ein Mangel, der sich heute deutlicher denn je bemerkbar macht.

    JL

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  2. Michael B. schreibt:

    Und zwar sollen vorrangig die mit solcher Politik kausal und korrelativ nahen geistig-sozialen Phänomene betrachtet werden, sprich die Denk- und Verhaltensmuster der Maßnahmentreiber und Maßnahmenbefürworter, und weniger die der Gegner und negativ Betroffenen; diese stammen großteils aus Abwehr- und Trotzhaltung, sind daher einfacher und bedürfen weniger der Aufklärung.

    Dieser Satz erzeugte das erste ungute Gefuehl, welches sich beim weiteren Lesen konkretisierte. Denn der Schluss ist natuerlich Unsinn, da ist nichts weniger komplex und im Gegenteil wuerde eine Beschaeftigung mit den Beweggruenden und sehr weitgespannten Ursachen die zur Resilienz und ueberhaupt zur Entstehung der Abwehrhaltung der Gegner fuehrt fuer den Autor wohl eine lohnende Lernleistung darstellen, wenn er sie ernst nehmen wuerde.
    D.h. nicht, dass man nicht ausschliesslich eine Gruppe betrachten kann. Aber den Gegenpart speziell auf ein Wort wie „Trotz“ („grossteils“!) reduzieren zu wollen ist verraeterisch. Und wie man weiter sehen kann, hoert es mit diesen Seitenhieben nicht auf, obwohl man anderes ankuendigt.

    Die naechsten Bauchschmerzen bekam ich beim verwendeten Elitenbegriff.

    „Eliten sind jene, die sich mit einiger Berechtigung [Hervorhebung durch mich] dieser Gruppe zugehörig fühlen“.

    Das sind sie sicher nicht. Speziell auf geistigem Gebiet sind sie ganz im Gegenteil Teil einer generellen und gesellschaftsbreiten Form von echter Regression, die seit etlichen Jahren auch in der Tiefe zu konstatieren ist. Regression hier genau als Gegensatz zu progressiv(!) verstanden, als Rueckentwicklung.

    Weiter geht es mit einer auf mehreren Ebenen sehr problematischen Dualitaet fortschrittlich/konservativ. Da ich schon in eigener Person in verschiedenen Gebieten dahingehend ganz verschiedene als auch in einer einzelnen Frage sowohl konservative als auch progressive Haltungen zu verschiedenen Zeiten einnehmen kann, stoesst mir das sofort auf. Diese Mischform haben die meisten Menschen in sich und natuerlich auch Gesellschaften. Schlimmer ist aber eine andere Ebene dieser Dualitaet:

    Irgendwann, wenn ein bestimmtes Maß an Belastung erreicht ist, sind die Verharrenden nicht mehr bereit, das Neue zu dulden, und sie trotzen ihm, auch über das Maß hinaus: aus Angst vor dem Unbekannten, aus Hass gegen die übergriffigen Fortschrittler, und aus Furcht, wenn man weicht, seine Selbstachtung, seine Stellung im Leben und seine ganze Identität zu verlieren. Trotz kennzeichnet die Widerständler,

    Man lese hier einmal die ausschliesslich emotionalen und zusaetzlich negativ besetzten Begrifflichkeiten: „aus Angst“, „aus Hass (die Trivialisierung dieses starken Begriffs geht mir generell schon lange gegen den Strich)“, „aus Furcht“, wieder „Trotz“ – was treibt den Autor dazu, derartige Etikettierungen in ungebrochener staerkster negativer Konnotation vorzunehmen? Ist er einfach nicht in der Lage zur differenzierten Wahrnehmung? Eine Projektion? Keine Ahnung. Wie schon in anderem Zusammenhang: Ich kann hier nur dringend ein paar Nichtsolospaziergaenge empfehlen.

    Und noch zum Abschluss:

    Die Schulwissenschaft wird überhöht

    Das ist wohl nicht zufaellig der Formulierung „Schulmedizin“ aehnlich. Es ist keine Wissenschaft, die hier ueberhoeht wird, es ist ein Cargokultartiges Zerrbild davon (und nein, die nennt sich nicht „Schulwissenschaft“). Akzeptanz und Kenntnis echter Wissenschaft haette das Ganze schon lange beendet.

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