Über den Aberglauben

Sándor Márai: Das Kräuterbuch X

Man darf nicht im Aberglauben leben.

Den Freitag, die Dreizehn, den bösen Blick, das Wahrsagen aus Zahlen und Zeichen brachten die Gnostiker in unsere Welt, die zur Zeit des Christentums nach Rom drängenden dahergelaufenen und kunterbunten Sekten, syrische und alexandrinische Possenreißer, scheeläugige Wortverdreher mit Schaum vor dem Mund und duckmäuserische Schwärmer.

Das junge Christentum hatte noch nicht die Macht gehabt, jene zu besiegen, die den bösen Blick haben, zum Freitag zu sagen: „ein ganz normaler Tag“, zur Dreizehn: „Eine Zahl wie jede andere.“ Es war eine verwirrende und gärige Zeit. Die Vorherrschaft der Stoiker in Rom war bereits vorüber, die Christen andererseits waren noch nicht an der Macht. Der Mensch stand seiner Natur und der Natur verlassen gegenüber. Er hatte Angst, winselte, ergab sich dem Aberglauben und zauberte.

Du bist ein Mensch, du hast einen Glauben, du weißt, daß es hinter den Erscheinungen eine Ordnung gibt, eine höhere Intelligenz. Verabscheue den Aberglauben.

Aber wisse auch, daß dein Verstand und das stolze Selbstbewußtsein deines Glaubens, die geheimeren Kräfte der Welt nicht disziplinieren und einschüchtern, die dich von deiner Geburt an bis zu deinem Tode umschleichen und um dich herumgeistern. Der Zufall, das Zusammenspiel der Zahlen, das Gesetz der großen Zahlen, die unergründlichen Absichten und Pläne der Erde, der Luft, der Strahlen – all das ist unvorhersehbar. Ein wenig Demut und Zittern solltest du daher in deinem Herzen bewahren.

Die Welt ist nicht nur Licht und Schatten, nein; die Welt ist auch verwirrend. Es gibt nicht nur Strahlen, Licht und Wärme; es gibt auch Dämonen. (Goethe glaubte an Dämonen.) Die Welt ist nicht nur sinnvoll und schlüssig; irgendwo verbirgt sich in den Phänomenen auch die Magie.

Du darfst nicht abergläubisch sein, denn das ziemt dem Menschen nicht. Aber man darf den Aberglauben auch nicht gänzlich verachten, denn das wäre übermenschlicher unziemlicher Hochmut. Vielmehr sollten wir unserem Aberglauben nur mit sanftem Spott begegnen, wie einer, der lächelt – aber auch ein bißchen fürchtet.

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