Judäische Volksfront oder Volksfront von Judäa?

Wo wir stehen II

… in der Welt und speziell in Deutschland, das kann man oft am besten an Marginalien, Petitessen und Nebeninformationen sehen.

In der „Jungen Welt“ etwa war ein kleiner, aber aufschlußreicher und zugleich verstörender Artikel zu lesen. Darin war zu erfahren, daß im Studienrat der Universität Halle über den Arbeitskreis Antifaschismus gestritten wird. Es gebe dort demnach „drei Hochschulgruppen mit linkem Selbstverständnis – die Jusos, die Grüne Hochschulgruppe und die Offene Linke Liste“ und die versuchten den „Arbeitskreis Antifaschismus aufzulösen, können das auch, denn sie stellen die Mehrheit im „Studierendenrat“. Denn dieser hat gesündigt. Und das, obwohl er auf 27 verdienstvolle Jahre verweisen kann.

Die Sünde bestand darin, einen Referenten geladen zu haben, dereinen kritischen Blick auf die Gendertheorie von Judith Butler und einige Tendenzen in den damit zusammenhängenden Debatten geworfen“ hatte.

Es gab eine Protestdemo vor dem Veranstaltungsort und auch im Auditorium gab es Störer, die selbst vor Gewaltdrohungen nicht zurückschreckten. Es wurde dem Veranstalter „Transfeindlichkeit und Sexismus“ vorgeworfen. In einem weiteren Vortrag wurden „homophobe und frauenfeindliche Tendenzen innerhalb der queerfeministischen Szene thematisiert“.

Zudem wird dem erzlinken Arbeitskreis von ultralinker Seite vorgeworfen, „nur Theoriearbeit zu machen und keine Demonstrationen zu organisieren“, also nur eine Quasselbude zu sein, wo doch Antifaschismus Handarbeit zu sein hat. Erschwerend kommt hinzu, daß der Arbeitskreis „sein Fehlverhalten nicht einsieht“. Die Sprecherin der “Antifaschistischen Liste” – es ist nicht ganz klar, ob es sich dabei um die „Offene Linke Liste“ oder eine andere Liste handelt – weist den Vorwurf mit den Worten zurück:Daß wir uns aus der Politik verabschiedet hätten, sehe ich nicht so. In einem der genannten Vorträge wurden etwa Elemente der Gendertheorie als Vorschein des Neoliberalismus analysiert.“ „Vorschein“ ist eine ästhetische Vokabel aus der Aufklärungsphilosophie, aber das wissen die Protagonisten vermutlich nicht, sondern nutzen ihn als Blochianische Kategorie, wo sie ein in der progressiven Kunst enthaltenes Revolutionsversprechen bedeutet. Man ist also – wie in Glaubensgemeinschaften üblich – sprachfest, bibelfest ohne historienfest sein zu müssen.

Nun, da die „Offene Linke Liste“ vom Säuberungsdrang noch linkerer linker Listen betroffen ist, dämmert die Einsicht: „Ohne Zweifel kann man eine Tendenz hin zu einem Genderaktivismus feststellen, der zur Ideologie erstarrt und sich offensiv gegen jegliche Art von Kritik abschließt. Es gibt einen Feminismus, der sich auf Gendertheorien stützt. Es gibt aber auch einen genderkritischen Feminismus. Wenn dieser im Rahmen einer linken Debatte nicht mehr vertreten werden darf, ist das ein ernstes Problem. Zumal dann, wenn versucht wird, die Strukturen, die man als Gegner ausgemacht hat, einzuschüchtern und zu zerstören.“

Auch der unbeteiligte Beobachter kann aus dieser verwirrenden Geschichte – die noch komplexer wird, wenn man sich in die Positionen anderer vertieft – einiges lernen. Obwohl nichts davon neu ist. Die Revolution frißt immer ihre Kinder und auch ihre Kindeskinder und Kindeskinderkinder und sie wird dabei selbst immer kindischer, immer lächerlicher – wenn man bereit ist, ihre potentielle oder ausgelebte Gewalt zynisch zu betrachten. Was sich hier im Kleinen wiederholt, haben die russischen Kommunisten schmerzhaft erfahren, haben die deutschen Kommunisten und Sozialisten der KPD, VKPD, USPD, SPD schmerzhaft erfahren, haben später die marxistischen, leninistischen, trotzkistischen, maoistischen … K-Gruppen um KPD, KPD/ML, KPD/AO, KBW, KB, KABD, DKP, SEW usw. als Farce gestaltet. Helmut Lethen etwa mußte später eingestehen, „daß die Initiatoren der ML-Parteien … objektiv gesehen, der Stabilisierung der Republik gedient“, also „objektiv“ exakt das getan haben, was sie verhindern wollten.

Allerdings haben die heutigen innerextremistischen Auseinandersetzungen dennoch eine neue Komponente. Konnte man die früheren unter das klassische Phänomen der Nähefeindschaft einordnen, der Gegnerschaft der kleinen Differenz, die sich vor allem politisch artikuliert und wohl zuvörderst auf Machtstreben, selbstauferlegte Unmündigkeit durch Eigenbluttherapie aka Orthodoxie und individuelle charakterliche Mängel beruht, so kommt den heutigen Diskrepanzen ein neues Element hinzu: der Moralismus oder Wokismus.

Vermutlich läßt sich das historisch erklären. Während die Alten, die Habermas-Generation, noch Elendserfahrungen hatten und den Schock des Nationalsozialismus durchlebten, nebst der unmittelbaren Schulderfahrung – wie sie Lethen exemplarisch beschrieben hatte –, während sie selbst oder ihre Väter und Familien noch in die Geschichte verstrickt waren, sind die neueren Generationen in die Komplettversorgung, das totale Sicherheitsversprechen, die mit der Muttermilch aufgesogenen Gewißheit der historischen Progression, der Utopie eines langen, gesunden und sogar glücklichen, erfüllten und selbst gestaltbaren Lebens hineingeboren worden und generieren daraus ein tief verinnerlichtes Überlegenheitsgefühl, nicht nur eine unerschütterliche Seinsberechtigung, sondern auch eine  unnachgiebige So-Seinsberechtigung, eine moralische Überhöhung wie man sie vielleicht nur aus den Hochzeiten des römischen Dekadenz kennt: sie sind kleine Neros und Algabals.

Genauso grausam, wenn sie können, aber auch genauso weinerlich und verweichlicht, wenn ihnen der Strom abgedreht wird.

Der Marsch der 68er durch die Institutionen war beeindruckend erfolgreich, aber es häufen sich die Indizien – oft im Klitzekleinen – daß die Marschierenden ihre geistigen und seelischen Reserven bald aufgebraucht haben. Verknöcherter Feminismus und radikaler Genderismus – radikal und verknöchert sind hier Synonyme – drohen den positiven theoretischen Ertrag linken Denkens aufzufressen. Was wir oben sahen, ist ein lehrreiches Beispiel für den Verfall in den gegenseitigen Kannibalismus durch theoretische Komplettüberdrehung.

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