Dekadenzgedöns

Der Drache hebt noch immer sein Haupt! Selbst in unseren Leitmedien darf seine Apologie gesungen werden.
FireShot Capture 685 - Laubbläser_ Gepriesen sei dein kraftvoll konstantes »Bröööööö« - Glos_ - www.spiegel.de
Daher noch einmal der vernichtende Bannspruch!

Allerdings giebt es Leute, ja, recht viele, die hierüber lächeln; weil sie unempfindlich gegen Geräusch sind: es sind jedoch eben die, welche auch unempfindlich gegen Gründe, gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke, kurz, gegen geistige Eindrücke jeder Art sind. (Schopenhauer)

Den Grad der Dekadenz einer Gesellschaft, kann man an den großen historischen Parallelen erkennen – wie das David Engels etwa tut, Alessandro Barbero oder Alexander Demandt – aber auch an den ganz kleinen Details. Und ich behaupte:

Eine Gesellschaft, in der man zum Laubharken nicht mehr die Harke, sondern Laubbläser benutzt, ist wert unterzugehen.

Jetzt sieht und hört man sie wieder an allen Ecken und Enden: Men at work. Ein anderes Wort für Idioten, sofern die Arbeit sinnlos ist, zum Selbstzweck wird. Sie müssen sich sogar die Ohren verstopfen, um es überhaupt erträglich zu machen. Die seltsame These Freuds – die mit dem Penis – wird hier in jeder Hinsicht evident.

Man kann die Absurdität modernen Lebens und auch den vornehmlich männlichen Drang, immer „etwas zu tun“ zu haben, an tausend Beispielen durchexerzieren, aber der Laubbläser ist kaum zu überbieten. Denn er leistet noch nicht mal etwas.

Schon der Rasenmäher ist ein eigen Ding. Was, bitte schön, ist gegen eine gute Sense einzuwenden? Scharf geschliffen, wohl gedengelt – ein Wort, das U30 gar nicht mehr versteht – läßt sie eine kunstfertige Bewegung zu, die, wenn man sie erst beherrscht, eine innere Schönheit ausstrahlt, ein Wohlgefühl, ja, in den besten Fällen eine Meditation ermöglicht, die eine Jahreskarte im Sonnenstudio locker ersetzt. Aber nein, Männer brauchen Maschinen, brauchen Krach, brauchen Qualm und irgendein Ding vor der Hüfte. Immerhin, man kann dem Rasenmäher zumindest einen Zeitgewinn – die bedeutsamste Währung in unserer Ära – zusprechen und auch weniger Kraftverbrauch … weshalb auch sehr dicke Männer solche Geräte schieben können.

Andererseits verlangt die Maschine natürlich Nutzung und so werden unzählige Wiesen zu Tode gemäht und geschunden, die keinen Menschen stören würden, die aber wichtigen Lebensraum für sehr viel Leben darstellen. (Daher wird mein Garten nicht gemäht und wenn, dann hauptsächlich mit Sense – ein paar Gehschneisen ausgenommen.)

Am schlimmsten freilich ist der Rasentrimmer mit seinem lauten hohen Summen, Kreischen, Knattern, daß einem die Ohren schmerzen, der eine Arbeit vollbringt, die eine Gartenschere ebenfalls geleistet hätte. Ich gestehe: wenn ich Rasentrimmer sehe, bekomme ich Erschießungsphantasien – sie sind nur so schwer zu treffen.

© OBI „In die Ecke, Besen, Besen! Seids gewesen. Denn als Geister ruft euch nur zu seinem Zwecke, erst hervor der alte Meister.“

Wer hier nicht an Heideggers „Gestell“ denken muß, hat Heidegger nicht gelesen. Muß man auch nicht – wichtiger ist, mit dem Unsinn aufzuhören!

Der Laubbläser ist nun der Inbegriff dieser vernichtenswerten Dekadenz, denn, wie gesagt, er leistet nichts. Bisher hat mich auch der größte Laubbläserkünstler nicht davon überzeugt, daß er die gleiche Arbeit nicht in gleicher Zeit und mit gleichem physischen Aufwand, für weniger Geld und ohne Ressourcenverschwendung hätte erledigen können, wenn er zum Rechen oder zum Laubbesen gegriffen hätte, wie Männer das viele Jahrhunderte lang taten – und auch die, glaubt es mir, haben eine abbekommen.

Das alles gilt übrigens auch für den Laubsauger.

siehe auch:

Was heißt konservativ

Wiese und Weg

4 Gedanken zu “Dekadenzgedöns

    • Ja, es gibt sogar laubsaugende Monster. Eines davon hat uns der unübertroffene István Csukás in seinem „Az Ásító Szörnyeteg“ (Das gähnende Monster) aus der Pom-Pom-Reihe überliefert. Die Geschichte geht so:

      ein Drache tut, was ein Drache tut – er raubt Jungfrauen udn läßt sie von tapferen Rittern befreien. Aber der Strom der Ritter versiegt mit der Zeit, er beginnt sich zu langweilen und muß immer mehr gähnen. Nach 400 Jahren verzweifeltem Gähnen hat sich seine Physiognomie angepaßt – er ist fast nur noch Maul. Schließlich kommt er auf die Idee, die Ritter zu suchen und zu den Menschen zu gehen. Doch die leben mittlerweile in der Moderne und nehmen Reißaus. Nur der Straßenkehrer Dániel Hörpentő kümmert sich nicht, denn er muß Laub zusammenkehren. Das Ungeheuer beginnt zu gähnen und saugt dabei alles Laub auf, beim Auspusten landet es schön gepflegt auf einem Haufen. Die beiden werden ein Team und der ehemalige Drache ist überglücklich, endlich wieder eine Aufgabe im Leben zu haben.

      Csukás‘ Bücher sind legendär und unglaublich gut. Leider kaum übersetzt. Ich bin ganz großer Fan! Es gibt ein paar Pom-Pom-Geschichten unter dem Titel „Pom-Pom erzählt“, kann man hin und wieder antiquarisch erwischen, und wer Kinder im Haushalt hat, sollte sich dringend auf die Suche machen, auch wenn die dt. Ausgabe nicht halb so schön ist wie das Original. Gäbe es einen interessierten Verlag, ich wüßte, was ich zu tun hätte.

      Auch die Trickverfilmung gehört zum Kulturerbe und viele Ungarn schwärmen davon, aber m.E. bleiben sie hinter den Büchern zurück.

      Gefällt 1 Person

  1. Beifall von mir, hätten Sie’s gedacht? Bevor der angekündigte Schnee kommt, werde ich mich heute aufmachen, das Laub vom Rasen zu entfernen und in die Hecke und unter die Büsche zu schieben, von Hand mit einem Laubrechen versteht sich. Alles andere ist ungärtnerhaft, wir wissen ja schließlich um die Zusammenhänge. Ob eine Gesellschaft, die es mehrheitlich anders hält, den Untergang verdient hat? Wer nicht an die Möglichkeit von Entwicklung glaubt (einem der Evolution immanenten Prinzip), muss vermutlich binär denken. Das wiederum ist nicht die Form von Digitalisierung, die wir anstreben sollten. Blöd ist, dass auch die Laubbläser zunehmend elektrisiert und damit sozusagen legitim werden, ein Menetekel für die gesamte Elektromobilität, die am Ende mehr Schaden als Nutzen anrichten wird.
    Ein Rätsel, das ich für mich noch nicht auflösen konnte: warum zahlen die Laubbläserträger so viel für ihr Gerät und dann anschließend auch noch für das Fitnessstudio? Laubrechen genügt und ist gut für die Volksgesundheit.

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