Das Verschwinden des Weiblichen

Wo wir stehen I

… in der Welt und speziell in Deutschland, das kann man oft am besten an Marginalien, Petitessen und Nebeninformationen sehen.

In Ungarn etwa war die Möglichkeit, daß in Deutschland eine „schwarze Transfrau“ oder  ein „binäres Modell“  zur „Miss Germany“ gekrönt werden könnte, noch eine Nachricht wert. Man wunderte sich dort.

Aus dem Staunen kommt man tatsächlich nicht mehr heraus, wenn man sich die 40 Kandidaten und Kanditatinnen im Endausscheid anschaut. Nur wenige entsprechen überhaupt noch dem bisher gewohnten Bild weiblicher Schönheit. Kaum noch einer oder eine entspricht dem klassischen Bild der Bilf – B steht für Beauty und f für follow.

Schon 2019 hatte man den männlichen Blick auf weibliche Schönheit untersagt und nur noch Frauen in der Jury zugelassen, es folgte dann das Bekenntnis zur Vielfalt und der Entschluß, „nicht mehr allein das Aussehen der Kandidatinnen bewerten zu wollen. Persönlichkeit, Charakter und Lebensgeschichte der Frauen sollten stattdessen künftig stärker im Vordergrund stehen.“

Das Ergebnis kann man nun bewundern. Jede(r) vierte hat sichtbar Migrationshintergrund, was die heutige Gesellschaft wohl gut abbildet. Wir sehen zudem vor allem Allerweltsgesichter und Alltagsfiguren, keine expliziten Schönheiten mehr. Mehrere TeilnehmerInnen entfalten eher herbe  Beautyimpressionen, andere sind offensichtlich adipös, und fast alle leiden an und kämpfen für etwas. Bei dreien weiß man nicht recht, ob sie je potentiell Menstruierende und Gebärfähige waren.

Alle Farbigen leiden natürlich am allgegenwärtigen Rassismus, andere an Fehlgeburten, Immunsupprimierung, an ausbleibender Periode, Endometriose, Eßstörungen, sozialer Ungerechtigkeit, Panikattacken , sexuellen Übergriffen, männlichen Zuschreibungen, Gehörlosigkeit, Transgender-Ungerechtigkeit, einem verlorenen Arm, dicken Beinen, Legasthenie oder einfach nur an Problemzonen, Konkurrenzkampf,  das Gegeneinander-sein, der fehlenden Akzeptanz, an zu wenig Frauen im Aktien-Gewerbe, toxischer Umwelt, Haßparolen oder Schubladen und Vorurteilen der Gesellschaft. Manche fahren gleich eine Kombination an Behinderungen auf, etwa „das Aufwachsen mit blinden Eltern, Migrationshintergrund und eine überwundene Eßstörung“ nebst „Bodyhair“ usw. usf.

Besondere Aufmerksamkeit in Ungarn haben Gadou und Tini (she/they) erweckt. Die eine ist eine „schwarze Transfrau” mit ganz natürlicher Ausstrahlung, die tapfer “ein Zeichen für Respekt, Toleranz und diversity setzen“ will, „denn jeder Mensch hat es verdient akzeptiert zu werden und in Frieden leben zu dürfen“ – sofern er nicht, wird man vermuten dürfen, die obigen Prämissen in Frage stellt. Die andere steht „für Gerechtigkeit und vor allem für die Hoffnung auf Gerechtigkeit“ und meint: „The future is intersectional.“ Sie will „Tabuthemen“ wie das ihre in die Öffentlichkeit bringen. Während die eine tanzt, macht die andere Poetry Slam.

Sie alle gehen mit ihren Defiziten hausieren, tragen ihre Gebresten wie Monstranzen vor sich her und deuten diese als Stärken um, in einem absurden Wettbewerb um die größte Sonderbegabung, frei nach dem Quasi-Modo: wer den größten Buckel hat, gewinnt den Beauty-contest.

Alle bekennen sich zur Toleranz, zur freien Entfaltung aller, sind kreativ, wollen positives Beispiel sein, Mut machen, anderen Betroffenen helfen, inspirieren, stärken, kämpfen für „Bodypositivity“, mehr Visibilität für Frauen, häkeln Schildkröten für den Umweltschutz, wollen durch Leidenschaft und Kreativität Menschen sensibilisieren, gesellschaftliche Standards neu definieren und dergleichen mehr. Alle haben einen Instagram account und die meisten sehen sich als Influencer.

Diese jungen Menschen – die älteste ist 39; man darf in der absoluten Freiheitszone also von Altersdiskriminierung sprechen, denn natürlich ist auch meine Oma noch wunderschön –, diese jungen Wesen können nicht mehr akzeptieren, daß wir alle irgendwelche körperlichen, geistigen, seelischen Probleme mit uns herumzutragen haben und daß die Aufgabe des Lebens darin besteht, diese „Handicaps“ zu akzeptieren und um sie herum ein je individuelles geglücktes Leben zu formen. Aus einem Trotzdem machen sie ein Deswegen. Sie können auch nicht akzeptieren, daß es einige wenige Menschen gibt, deren Körper nahezu perfekt, makellos, einfach schön ist und sie begreifen auch nicht, daß die ästhetische Kategorie des Schönen inhaltlich vollkommen entleert wird, wenn plötzlich alles und jeder im absoluten Sinne schön sein soll.

Für sie muß Michelangelos David oder die Venus von Milo ein Insult sein und es könnte die Zeit kommen, wo nicht nur radikale Taliban „Götzenbilder“ oder radikale Black-Lifes-Matters-„Aktivisten“ historische Statuen von Rassisten wie Kolumbus zu Fall bringen, sondern auch die klassisch und ewig vollkommenen Werke der Kunstgeschichte – weil sie ein falsches Frauenbild oder eine nicht-intersektionale Welt abbilden.

Die Jury hat sich mit diesem Wettbewerb selbst in eine Falle begeben. Letztlich wird die Frage nach dem Gewinn an moralischen und nicht mehr ästhetischen Kategorien entschieden werden können. Die multipel Benachteiligten können fast alle ein unausgesprochenes Recht auf Sieg beanspruchen, denn ihre Eliminierung käme einem Akt des Rassismus oder der Diskriminierung gleich. Wer etwa eine intersektionale Welt einfordert, wird schwerlich die Interessen einer Friseuse – und sei sie noch so tolerant – als relevant anerkennen können, umso mehr, wenn diese attraktiver sein sollte. 

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