Zeitschriften – anbruch

Bevor man „anbruch“ aufschlägt – so meine Empfehlung –, sollte man sich der kommenden Ruhe und Ungestörtheit gewiß sein, es empfiehlt sich ein gemütliches Plätzchen, vielleicht des Nachts unter dem Schein der Schirmlampe, und wer kultivierte Laster pflegt, dem sei geraten, die Cohiba oder den Glengoyne 21 oder den Sümegi Cabernet Sauvignon 2016 oder was auch immer die verfeinerten Sinne edel reizt, bereit zu stellen, denn im „Magazin für Kultur & Künftiges“ wird ästhetisiert und philosophiert – und zwar auf hohem Niveau.

Als Heft liegt gerade die dritte Ausgabe vor, sie überzeugt optisch und haptisch, entspricht voll und ganz den Zielvorgaben der vornehmlich jungen Autorengruppe um Tano Gerke.

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Aber was will das Blatt? Nun, das ist nicht einfach herauszufinden. Es will zuvörderst anders sein, anders als die anderen neurechten Publikationen, die sich vornehmlich um pragmatische oder Meta-Politik kümmern, um Parteien und Interessen, um Soziologie und Geschichte. Hier wird Meta-Ästhetik gemacht. Hier setzt man nicht auf Bewegungen, sondern auf das Individuelle und das Aparte.

Man will im melancholisch eingestandenen kulturellen Niedergang Europas Inseln und Freiräume schaffen, in denen weder archiviert und musealisert wird – auch wenn man sich auf die ganze historische Hochkultur von Homer bis Harald Schmidt, von der Antike bis zur Postmoderne, von der heiligen Initiation bis zur Popkultur beruft –, aber auch keine Parolen generiert werden, die konkrete politische Ziele beinhalten. Hier schauen sich Menschen ins Gesicht, und tauschen Gedanken und Ansichten, die das normale Leben nie zusammengebracht hätte. Man sitzt wie Ernst Jünger mit dem Champagnerglas auf dem Dach und schaut dem Inferno genüßlich und reflektierend zu. Man will wirken ohne einzuwirken.

Ohne eine gewisse angenehme Arroganz und Selbstbespiegelung ist das nicht denkbar – immer wieder findet man Absichtserklärungen, was man will – man ist sich offenbar selbst noch nicht ganz im Klaren darüber – und die werden in einem bedeutsamen Gestus vorgetragen, als läse die halbe Welt mit. Tatsächlich dürfte das Magazin einen sehr eingeschränkten Leserkreis haben.

Im permanenten Bewertungsmodus liegt auch etwas unangenehm Überhebliches, zumal einigen Autoren anzumerken ist, daß sie unter der lebensweltlichen und alltäglichen Unterbietung der eigenen Ansprüche leiden. Selbst außergewöhnliche und ganz individuelle, „inbildliche“ Lebensentwürfe gestandener Männer und Frauen werden mit Ironie und Zynismus überzogen. Das schafft umgekehrt auch einen gewissen herrschaftlichen Ton, wie man ihn vielleicht von George, Benn, Jünger oder Dávila kennt, zu dem man heutzutage aber schon wieder Mut haben muß.

Unübersehbar ist jedenfalls die geballte Intelligenz, Aufmerksamkeit und Empfindsamkeit, die diese jungen Männer auszeichnet. Die Lektüre meines ersten Heftes – Nummer 3, zum Thema „Refugium“ – nahm mich vollkommen gefangen. Man versucht alle Sinne zu spannen, um keinen einzigen Wink zu verpassen. So erkennt man auch, daß die Artikel untereinander teilweise abgestimmt sind oder doch so manipuliert wurden, daß konzeptuelle Verzahnungen entstehen und also der Eindruck eines Gesamterlebnisses aus vielen heterogenen und auch eigenen Artikeln.

Daniel Zöllners philosophische Überlegungen ragen heraus, zusammen mit Jonas Marons großartiger Phantasie eines Gespräches zwischen Ratzinger und Harald Schmidt im Vatikan. Tano Gerke, der Redakteur der Zeitschrift, stellt sich den Fragen einer Kritikerin und Andreas König führt ein „Sokratisches Gespräch über die Freiheit“. Aphorismen von Arne Kolb – darunter einige der ersten Güteklasse –, Gedichte von K.F. Meynhardt – im Heft Zwei lesen wir Verse des George-Biographen Jürgen Egyptien –, sowie Fragebögen (T.C. Boyle, David Engels – man hat offenbar Kontakte) oder Handschriften bekannter Autoren komplettieren die Hefte.

Und wenn ich mir diese Zeilen noch einmal durchlese, dann muß ich fürchten, den Geist des Unternehmens noch nicht gebannt zu haben. Es ist ein eigener Ton – vielleicht ein bißchen sinnlos, oder besser: Luxus … oder doch ein Luftschloß, wie es ein programmatischer Text auf der bereits umfänglichen Internetpräsenz behauptet.

Auf jeden Fall wert, verfolgt – sicher nicht von jedermann – und unterstützt zu werden.

6 Gedanken zu “Zeitschriften – anbruch

  1. Michael B. schreibt:

    Den Zusammenhang mit dem italienischen Faschismus dürfen Sie gerne noch mal darlegen.

    Nicht, dass er sich vielleicht die Faszien durchkneten laesst und folglich samt seiner Masseuse zu den Dalits gehoert…

    Gefällt 2 Personen

  2. Ein sehr angenehm zu lesender Text, wie ich finde. Er liefert trotz Distanz ein gutes Kurzporträt der Zeitschrift. Und die Liaison zwischen Homer und Harald Schmidt gibt’s ja nicht nur bei seidwalk, das wäre ja auch zu plump literarisch 😉

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  3. Wieder einmal fin de siècle also? Wie sich alles wiederholt. Müsste es dann nicht Auslauf heißen, wäre jedenfalls haraldschmidtmäßiger.

    Seidwalk: Wo ist Ihr Problem? Wünschen Sie gern Einheit im Blätterwald? Soll alles unter dem Fanal „Fortschritt“ oder „Vorwärts“ abgehandelt werden?
    Es gab seit jeher Menschen und wird es immer geben, die einen etwas schwereren, langsameren, sanfteren, verträumteren, individuelleren … Zugang zur Realität haben und das waren oft nicht die schlechtesten – zumindest haben sie den geringsten Schaden angerichtet. Also hat auch diese Zeitschrift ihr Existenzrecht und ihre innere Notwendigkeit. Niemand muß sie lesen und ohnehin wird sie sich nur einem gewissen Typus Leser erschließen … Leute wie Sie, Lynx, gehören nicht dazu und das ist schon ein starker Grund, sich dort zu versammeln: frei von Ihresgleichen sein!

    Lynx: Wieso Fortschritt und Vorwärts? Veränderung, frische Luft reichen doch schon. Ein Gang aufs Land, mit Hölderlin vielleicht, der kam auch aus Nürtingen, wie Harald Schmidt: ins Offene, nicht ins ewig Vermiezelte. Aber jeder wie er mag. Ich verstehe nur nicht ganz, wie sich sanft, verträumt, individuell (da wäre ich ja dabei) mit den aggressiven „metapolitischen“ Ambitionen à la Sellner vertragen sollen: die Sanftheit des Baseballschlägers sozusagen, mit dem Sie mich ja schon einmal beehren wollten. Anbruch bezieht sich ja vermutlich auf die Morgenröte der (italienischen) Faschisten und Akzelerationisten, also auch hier das Gegenteil von schwer, langsam, sanft usw. Es passt halt hinten und vorne nicht, dazu muss man nicht einmal ein Progressionist sein, um das zu erkennen. Einheit im Blätterwald ist keineswegs erstrebenswert, ich verstehe aber nicht, warum man deshalb nicht offensichtliche Schwächen benennen darf?

    Seidwalk: Ich wollte Sie mit dem Baseballschläger besuchen? Sellner hat schon mal mit den Baseballschläger argumentiert? Das sind die feuchten Träume der Erklärnazis.

    Warum sollten Sellner und „anbruch“ sich ausschließen. Sie werden es kaum glauben, aber Sellner ist ein äußerst sanfter Mensch, ganz habituell. Das Phänomen der inneren Vielfalt werden die Vielfaltsprediger wohl nie verstehen.

    Den Zusammenhang mit dem italienischen Faschismus dürfen Sie gerne noch mal darlegen.

    Lynx: Im zweiten Durchgang bin ich Ihnen fast schon dankbar für den Hinweis auf den „Anbruch“. Ich habe notiert, was passiert, wenn der Mainstream Menschen/Denker wie Julien Gracq oder von der Wense zurücklässt. Dann kommen Lumpensammler, suchen sich die passenden Fetzen ganz selektiv heraus und kleiden sich damit ein. Dank für diese Einblicke.

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    • „Da, seht auf der Erde, die erste aller Morgenröten! Nichts gleicht dem Glanz des roten Sonnenschwertes, das zum erstenmal in unsere tausendjährige Finsternis hineinsticht!…“, erstes Manifest des Futurismus von Marinetti von 1909.

      Seidwalk: Großer Schreck! Sie haben Recht! Wie ich das nur übersehen konnte! Das schlägt sogar noch die Faszien! …

      Ich hatte bisher ja Karl Marx unter Verdacht: „die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.“ (MEW 23, S. 779)

      oder Lenin, über den gab es in der DDR ein viel ausgelegtes Märchenbuch: „Am Steuer der Morgenröte“. …
      aber nichts ist so überzeugend wie Marinetti …

      Sie können sich von nun an wieder die Mühe sparen, hier mitdiskutieren zu wollen

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    • Pérégrinateur schreibt:

      @Lynx:

      Sie scheinen Heidegger mit Hölderlin zu verwechseln. Identifizieren sie vielleicht allzu schnell allzu viel?

      Übrigens ist vieles metapolitisch, zum Beispiel waren das auch die frühen Christen, das Mönchstum, die Rousseauanhänger und Romantiker, die Wandervögel und viele andere  – was immer man von denen jeweils halten mag. Wieso Sie nun ausgerechnet bei metapolitisch Agierenden eine besondere Gewaltneigung sehen wollen im Gegensatz zu explizit politisch Agierenden, ist mir ein Rätsel.

      Aber heutzutage bemerkt man ja bei vielen, dass von den Rechtmeinenden und anderen statutorischen Freibriefinhabern ausgeübte physische Gewalt sie bei weitem nicht so sehr stört, wie die rein verbale Ablehnung dieser Gewalt durch andere. Die Sünde wider ihren Heiligen Ungeist ist eben unverzeihlich.

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