Über die Sinne

Sándor Márai: Das Kräuterbuch VII

So meine ich: wir müssen unsere Stellung[1] auch gegen unsere Sinne verteidigen. Nur mit großer Vorsicht, Billigkeit[2] und Erfahrung können wir Meister unserer Sinne bleiben. Wer gegen sich selbst gewalttätig wird, fällt.

Eine wilde Horde ist sie, die Armee der Sinne. Mit allen verfügbaren Waffen kämpfen sie gegen den Menschen, wie die Ringer beim Catchen[3], sie respektieren keine Spielregeln, sie treten, sie kneifen und sie beißen. In ihrer Rebellion liegt etwas Beängstigendes und zugleich Großartiges. Der Mensch lebt, solange er Leidenschaften hat. Aber die Leidenschaften können  diszipliniert[4] werden. Der Egoismus, die Lüsternheit, der leibliche Hunger und Durst läßt sich ins Menschliche verwandeln.

Die Gier kann in nützlichen menschlichen Willen umgewandelt werden. So wie aus dem Wind, dem Feuer, dem Licht nützliche, dem Menschen zum Dienste geeignete Kräfte gezähmt werden können – auch wenn sie noch so mächtig in der Welt sind, das Meer peitschen und Wälder und Städte in Brand setzen; der Mensch ist stärker! – so lassen sich die Kräfte und die Affekte[5] bremsen, die den menschlichen Leib durchdringen, unser Herz und unsere Nerven beherrschen. Diese wilden Kräfte können zu menschlichem Dienst erzogen[6] werden.

Dazu bedarf es vieler Erfahrung, vieler Betrübnis, viel Willens und übermenschlicher Kraft.

@ Übersetzung: Seidwalk

 

[1] rang
[2] méltányosság
[3] kecseszkecskenbirkózók
[4] nevel
[5] indulatok
[6] nevel

4 Gedanken zu “Über die Sinne

  1. Michael B. schreibt:

    Das ist die bittere Wahrheit!

    🙂
    Ich entsinne mich an eine meiner DDR-typischen Tramptouren in den Achtzigern nach Bulgarien mit einem Naturtalent. In Budapest brachten wir 10 Tage bei verschiedenen Leuten aus Kuenstlerkreisen zu. Ich musste ertragen, wie er die Sprache vor meinen Augen (oder Ohren) ganz leichtfuessig aufsammelte. Gleicher Input, ganz verschiedenes Ergebnis. Schon frustrierend!

    Gefällt mir

  2. Pérégrinateur schreibt:

    [Außerhalb des Themas]
    Wie wäre es, wenn sie Ihre Ungarisch-Kenntnisse anwendeten, um eine genauer wörtliche Übersetzung des Interviews von Orbán hier anzufertigen und hier zu publizieren?

    Gefällt mir

    • An sich keine schlechte Idee. Orbán gibt ein solches Interview jede Woche am Freitag, sozusagen als Wochenzusammenfassung. Damit wird natürlich eine ganz andere Öffentlichkeit hergestellt, als das in D der Fall ist. Eher vergleichbar mit den sehr offenen skandinavischen Gesellschaften. Nun kann man natürlich kritisieren, daß die Fragen auf Fidesz-nahem Sender gestellt werden und Orbán nur selten ernsthaft weh tun – diese Kritik ist berechtigt.

      Wollte ich das übersetzen, bräuchte ich das Transkript. Sie überschätzen meine bescheidenen Ungarisch-Kenntnisse. Vor komplexer mündlicher Rede stehe ich noch immer hilflos, wie im Übrigen alle Ungarisch-Lernenden, die ich kenne. Gerade sah ich ein Video auf YT – es gibt deren viele – in der ein Student des Ungarischen als „fluent“ vorgestellt wurde., tatsächlich aber bewegt sich das Gespräch auf ganz niedrigem Niveau, wenn auch „flüssig“ – sieht nach außen beeindruckend ist, ist aber relativ wertlos. So ist es mit allen „fortgeschrittenen“ Lernern: es geht irgendwann zügiger, aber komplexe Themen sind noch unendlich weit entfernt und sobald man die ausgetreten Pfade verläßt ist jeder Satz fehlerbehaftet:

      Man kann es mit diesem Gestammel sogar bis ins Fernsehen bringen und sich bestaunen lassen:

      https://lifetv.hu/teljes-adasok/2021/05/28/legszebb-nyelv-a-vilagon-elkepesztoen-beszel-magyarul-a-del-afrikai-lany/4007

      (Natürlich sind die beiden dennoch begabter als ich, das will ich nicht leugnen.)

      Wenn ich hier nach und nach die kurzen Stücke von Márai übersetze, dann heißt das: sich über den Text beugen, Hilfsmittel benutzen und schließlich die Muttersprachlerin kontrollierend zu kontaktieren. Das ist die bittere Wahrheit!

      PS: Zum Thema Wahl in Ungarn: https://www.zeit.de/2021/45/peter-marki-zay-ungarn-viktor-orban-wahl-opposition-gegenkandidat/komplettansicht

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.