Was erlauben Kimmich?

OMG! Da hat sich der Joshua Kimmich was Schönes eingebrockt – es gibt sogar schon einen ausführlichen Wikipedia-Vermerk „Kontroversen„.

Nicht impfen lassen, Bedenken haben, auf Totimpfstoff warten – und all das auch noch öffentlich zugeben. Das Sportliche hat keine Bedeutung mehr, schon nach dem letzten Bayern-Spiel gab es das erste Grundsatz-Verhör und seither prasseln die Belehrungen auf ihn – und uns – nieder. In allen Hauptmedien das gleiche Bild.

Eine wahre Lawine, ein Standgericht – was muß der junge Mann denken, wenn er die Zeitung aufschlägt?

list

Ergebnis eines Tages in nur einer Zeitung, der Welt

Er ist „aus der Vorbildrolle gefallen“ und nun „macht auch die Regierung Druck auf ihn“. Man hat den Eindruck, als hinge das Wohl und Wehe der Nation, der Sieg über die Pandemie davon ab, ob auch das einstige Vorbild und der Traum aller Schwiegermütter sich impfen lasse.

FireShot Capture 684 - Ungeimpfter Bayern-Profi Joshua Kimmich_ Aus der Vorbildrolle gefalle_ - www.spiegel.de

Das erinnert in ganz erschreckendem Maße an die stalinistischen Schauprozesse, in denen die Beschuldigten nicht nur ihre Schuld eingestehen mußten, sondern sich auch selbst niedrigster Motive beschuldigten und schließlich mit der festen Überzeugung, von den Richtigen und zurecht vor den Henker geführt zu werden. Seine Renitenz helfe nur dem Klassenfeind. Kimmichs Verbrechen liegt nicht nur im Zögern, sondern auch im Zweifeln und damit Anzweifeln – er hat Bedenken! Ha, Bedenken! Die Partei hat doch immer recht!

FireShot Capture 683 - Keine Corona-Impfung – Die verheerende Botschaft des Joshua Kimmich -_ - www.fr.de

Die gutmütigeren unter seinen Kritikern aus der Welt des Sports, der Politik, der Medien, des Entertainments und der Medizin sehen die Lösung in der korrekten Aufklärung, als kenne diese stets nur ein von vornherein feststehendes Ergebnis. Man müsse Kimmich nur die Zusammenhänge richtig erklären, dann könne er sich doch der Einsicht nicht verschließen, daß es nur einen Weg gibt, sich und die Welt zu erlösen.

Das ist die Tyrannei der Vernunft, die sich selbst definiert und ununterbrochen mit Eigenvernunft impft und letztlich zur Religion wird, zum Glauben an sich selbst.

reg

Daß jemandes Bedenken berechtigt sein könnten oder auch nur nachvollziehbar, ist ihr nicht mehr zu vermitteln. Wer anders denkt, kann nur noch verstockt, verblödet oder bösartig sein, ein Feind der guten Sache. Das korrekt geführte inquisitorische Gespräch kann demnach nur zu einem Ergebnis  führen: der Sünder bekennt. Zuerst zeigt man die Instrumente – hier etwa der Ausschluß aus der Wohlstands- und Prominentenblase –, später wird man ihn ausspucken, denn so begabt kann kein Fußballer sein, als daß er gegen das System bestehen könnte. Vielleicht wäre Kimmich gut beraten, sich bis zum Ende der Pandemie aus Klub und Nationalmannschaft zurückzuziehen, in der Hoffnung, daß sein Verlust schwerer wiegen könnte als die Spritze. Es wäre nun eine unsägliche Demütigung, ließe er sie sich dennoch geben. Der arme Kerl.

Vorbild kann man also nur sein, wenn man der richtigen Sache dient, so wie man auch im Kommunismus nur „Held“ sein konnte, wenn man sich bekannte. So eine Diskussion hatte ich schon mal auf der Penne, als ich Bohdan Arcts „Kamikaze“-Flieger als Helden vorstellte, aber der altstalinistische Lehrer das vehement ablehnte, denn sie haben für die Reaktion gekämpft und all ihr Mut sei damit nullifiziert.

Rückgrat zeigen, „Aufstehen“, „Meinung sagen“, gilt zwar heute noch immer als Tugend, aber nur pro forma: Rückgrat zeigt, wer es krümmt. Daher verliert Kimmich auch seinen Vorbildstatus, in dieser Welt der verkehrten Begriffe.

Würden die eigentlichen Werte noch gelten, dann wäre er gerade jetzt Vorbild, im Widerstand gegen den allgemeinen Zwang. „Wir können irren, und du kannst recht haben…

Bezeichnend auch, daß sein doppelt geimpfter Trainer siech mit Corona im Bett liegt und dafür nicht den Bruchteil der Aufmerksamkeit erhält, während ein junger, gesunder Mann, dessen statistisch zu ermittelnde Gefahr, ernsthaft an Covid zu erkranken, außerordentlich gering ist, alle Schlagzeilen kapert. 

Der Vorgang dürfte sich in Zukunft öfter wiederholen – und fand auch schon vielfältig statt[1] – , denn die Bekenntnisfragen nehmen zu: Klima, Rechts, Corona, Feminismus, Migration, Gendersprache etc. – überall lauert die Alternativlosigkeit und die Konformität. Das Kimmich-Massaker ist in dieser Folge nur ein weiterer Trainingstermin.   

[1] Fast jeden Tag wir irgendein lebender oder toter Prominenter öffentlich bei der falschen Meinung ertappt: Gottschalk, Liefers, Maron, Neuer, Nuhr, Naidoo, Hallervorden, Schweiger und und und

4 Gedanken zu “Was erlauben Kimmich?

  1. Eric A. Blair schreibt:

    I told you so:

    "Only the disciplined mind can see reality, Winston. You believe that reality is something objective, external, existing in its own right. You also believe that the nature of reality is self-evident. When you delude yourself into thinking that you see  something, you assume that everyone else sees the same thing as you. But I tell you, Winston, that reality is not external.  Reality exists in the human mind,  and nowhere else. Not in the individual mind, which can make mistakes, and in any case soon perishes; only in the mind of the Party, which is collective and immortal. Whatever the Party holds to be truth is truth. It is impossible to see reality except by looking through the eyes of the Party."  Ibid, at p. 249
    

    „We are not content with negative obedience, nor even with the most abject submission. When you finally surrender to us, it must be of your own free will. We do not destroy the heretic because he resists us; so long as he resists us we never destroy him. We convert him, we capture his inner mind, we reshape him. We burn all evil and all illusion out of him; we bring him over to our side, not in appearance, but genuinely, heart and soul. We make him one of ourselves before we kill him. It is intolerable to us that an erroneous thought should exist anywhere in the world, however secret and powerless it may be.“

    Gefällt mir

    • Leonore schreibt:

      @Eric A. Blair

      Oje, mußten Sie in diesen bedrückenden Zeiten ausgerechnet an den deprimierendsten Punkt in „1984“ erinnern?

      An den Schluß, wo Winston, der sich doch immer daran festgehalten hatte, daß er im allerletzten Moment die widerständige Tat eines kritischen Gedankens „begehen“ würde, weil man diesen eben nicht mehr würde aus ihm herausprügeln und ihn nicht mehr zum Widerrufen würde quälen können …, wo Winston dann aber in dem Moment, als er die Kugel fliegen und in seinen Kopf eindringen spürt, aufgrund der Gehirnwäsche/Folter eben nichts Widerständiges mehr denken kann, sondern nur noch einen Gedanken hat, der die totale Unterwerfung darstellt, die er in seinem Zustand der Selbstentfremdung auch noch nicht mal mehr als Unterwerfung erkennen kann:
      Daß nämlich die Antwort auf die Frage, die ihn vor Einkerkerung und Folter immer wieder mal umgetrieben hat, nämlich was sich wohl unter dem dicken Schnurrbart von Big Brother befindet, lautet: „Ein liebevolles Lächeln“.

      Schon gut – meine Eingangsfrage war natürlich rhetorisch gemeint. Man ist ja dankbar, mit seinen düsteren Gedanken nicht allein zu sein.

      Gefällt mir

      • Pérégrinateur schreibt:

        Sie haben keinen guten Grund, davon deprimiert zu sein.

        ――――――――

        In Diogenes Laertios‘ Leben und Meinungen berühmter Philosophen, leider für viele griechische Philosophen die Hauptquelle, liefert der Autor oft nur eine Anekdotensammlung und interpretiert die dargestellten Lehrmeinungen vom Lebensende der Vertreter her: Hat der Betreffende den Tod, den das Schicksal oder seine Feinde über ihn verhängt haben, tapfer und gemäß seiner Philosophie erlitten? Eine Manie, die oft geradezu lächerlich anmutet. Denn das Sterben und schon die sichere Aussicht darauf ist eine Grenzsituation, in der jeder Mensch Neigung hat, ins Kreatürliche und Reflexhafte zu verfallen.

        Brecht berichtet irgendwo von einem Bekannten, der zur Empörung seiner atheistischen Freudne auf dem Totenbett zum christlichen Glauben konvertiert ist und verteidigt ihn: „Wenn man über den Fluss geht, sucht man sich eine seichte Stelle.“

        Nicolas de Chamfort berichtet in seiner Anekdotensammlung aus dem Ancien Régime ebenfalls über einen sterbenden Atheisten, an dem sich ein erschienener Priester vergeblich abgemüht hat, ihn zum Glauben und zur Reue zu führen. Wie er aus dem Zimmer des Sterbenden heraustritt, trifft er einen Freund von diesem und klagt über sein Scheitern. Dieser antwortet dem Gottesmann „Lassen Sie mich das mal machen!“ und geht ins Zimmer. Nach einiger Zeit kommt er wieder heraus und sagt dem Priester: „Jetzt können Sie rein, er ist bereit.“ Nachdem der Priester seine Handlungen vollendet hat und vor dem Zimmer wieder auf den Freund des Sterbenden trifft, fragt er ihn, wie der denn dessen Umkehr bewirkt habe. „Ich war bei ihm, als er dem Tod schon näher war als bei Ihnen, und ich habe ihm gehörig Angst gemacht.“

        Wir Menschen sind viel erdenschwerer, determinierter, irrationaler, verrückter, kindischer und manipulierbarer, als wir es uns oft einzugestehen wagen. Wieso sollte man gerade von einem kraftlosen, machtlosen, aufs geistige Niveau eines leicht mit dem Stachel zu lenkenden Ochsen herabgesunkenen Menschen nun gerade besondere geistige Brillianz oder Heldenhaftigkeit erwarten? Schauen wir doch lieber, wie er sich zu seinen Glanzzeiten bewiesen hat!

        Dieses Deuten vom Ende her ist ein vermutlich anthropologisch verwurzelter kognitiver Fehler. Man will dann auch nicht wahrhaben, was Sartre (den ich sonst nicht gerne zitiere) zurecht so gesagt hat: „Am Ende ist das Leben immer ein Scheitern“. Stattdessen hofft man auf eine Fortsetzung des Lebens oder ein günstiges Fortwirken von Taten oder auf eine nützliche Lehre für die Hinterbliebenen, auf irgendeine erhebende Coda, „Liebe ist stärker als der Tod“ oder so, deren manifeste Verweigerung dann zu Unrecht erschüttert.

        ――――――――

        Betrachten wir nun die Orwellsche Situation oben im Zitat und ihre frappanten Unwahrscheinlichkeiten in der Gegenperspektive.

        Wieso sollte sich der Chefideologe gerade mit einem Propagandasoldaten niedrigsten Ranges abgeben? Großinstitutionen sind hierarchisch organisiert, wie dessen Schwiegervater dem Mose beibrachte: Der Herrscher muss Häuptlinge und Richter jeweils über zehn, über hundert und über tausend einsetzen, sonst verzettelt er sicr und kommt nicht zu Rande. Vielleicht „arbeitet“ sich ein Jeschow auch einmal persönlich an einem Bucharin ab, aber doch an keinem minderen Funktionär.

        Unterstellen wir einmal, dass man es dahin bringen kann, dass (fast) keiner mehr einen offenen Einwand gegen die herrschende Ideologie auch nur zu denken wagt. Die Menschen bleiben aber doch immer eigennützig. Der Grenzertrag, den „letzten Menschen“ auch noch unter die ideologische Kandarre zu bringen, wird also in einer rational operierenden Herrschaft immer auch dagegen abgewogen, den Unterschleif und die Korruption der Unterhäuptling in Schranken zu halten. Keine Ressource ist unendlich, auch nicht die der Verfolger.

        Eine noch so totalitäre Herrschaft kann schon allein wegen der machtpolitischen Konkurrenz der anderen Staaten keinen Bestand haben ohne einen gewissen Pragmatismus, der sich eben auch in der Maxime ausdrückt: „Sollen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten.“ Auch ein totalitärer Herrscher muss mit dem „Menschenmaterial“ auszukommen lernen, das ihm die menschliche Stammesgeschichte anliefert.

        Dieser Paroxysmus der Unterdrückung in der Gestalt der Zerstörung eines Liebespaares ist also völliger Unsinn, ein individualisierender und rührender symbolischer Überzeugungskniff. Weil diese Konstellation an Anthropologisches appelliert, beeindruckt sie, nur zu diesem Zweck hat Orwell sein Buch so ausgehen lassen.

        Die Monstrosität der stalinistischen Herrschaft ist aber nicht die völlige Zerstörung eines Individuum oder Paars, sondern der brutale Massenterror des auf seine Opferquote verpflichteten Unterlings, der sicher nicht auf solche – in diesem Maßstab gesehen – Kinkerlitzchen versessen war. (Eher schon darauf, en passant den Kerl fertigzumachen, dessetwegen das Mädchen ihn einst hat sitzenlassen.) Diese Henker waren nicht „feinfühlig“ am Zerstörungswerk, der Genickschuss genügte ihnen vollauf.

        Gefällt mir

  2. Otto schreibt:

    „denn die Bekenntnisfragen nehmen zu: Klima, Rechts, Corona, Feminismus, Migration, Gendersprache etc“…“ wir sind noch nicht am Ende. Und interessant zu wissen, dass von den Veranstaltern der kambodschanischen Steinzeit, niemand ernsthaft zur Rechenschaft gezogen wurde. Der Kolonialismus funktioniert.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.