Wahrheit oder Verleumdung?

Der ganze Hype um den Stand des „Jungeuropa“- und des „Oikos“-Verlages – letzterer veröffentlicht das Umweltmagazin „Die Kehre“ – ließe sich eigentlich in einem Satz entschärfen. Hat Jasmina Kuhnke – alias „Quattromilf“ – recht oder lügt sie? Ich selbst kann diese Frage nicht beantworten, wundere mich aber, daß es diejenigen, die sie beantworten könnten, es noch nicht getan haben.

Das geht schon bei ihrem offiziellen Statement los. Dort schreibt sie: „Ich rede nicht mit Nazis. Ich höre Nazis nicht zu. Ich lese keine Bücher von Nazis“. Aber dennoch weiß sie alles über „Nazis“. Woher aber, wenn sie diese in ihrer Eigenexistenz gar nicht wahrnimmt?

FB_IND7WUAULG_7

Ausschnitt aus Kuhnkes „Statement zur Frankfurter Buchmesse“

Sie fühle sich von diesen „Nazis“ bedroht und könne daher – „zum Nachteil für die Präsenz ihres Buches“ – „als schwarze Frau“ nicht an der Buchmesse teilnehmen. Lassen wir all die Hypokrisie beiseite, die Opferrolle, den genialen Werbecoup für ihr Buch, die Berechnung auf medialen Erfolg, die sich selbstimmunisierende und zirkuläre Argumentation, das vollkommen geschlossene Weltbild, die moralische Überhöhung, die logische Fehlerhaftigkeit und all das, sondern konzentrieren wir uns auf den Kern der Aussage.

Kuhnke wurde bedroht und zwar nicht von irgendwelchen Nazis, sondern – das insinuiert sie – von Vertretern der beiden Verlage, das heißt namentlich von Philip Stein, Jonas Schick, Volker Zierke und ein zwei anderen, die dort mit präsent sein mögen. Diese Aussage ist entweder falsch oder richtig.

Daß Kuhnke, die ihrerseits verbal mächtig zulangt,  bedroht wurde, steht außer Zweifel. Aber das liegt Monate zurück – auch wenn sie vermutlich jeden Tag unangenehme Mails in der Box hat – und hatte sie seinerzeit zum – ebenfalls medienwirksamen – Wohnungswechsel veranlaßt. Diese Bedrohungen sind mutmaßlich anonym eingegangen, wo nicht, hat sie die Möglichkeit, juristisch dagegen vorzugehen.

Ihr Argumentationstrick besteht nun darin, jene diffusen Droh- und Belästigungsschreiben, die ganz klar zu verurteilen sind, mit den obigen Protagonisten in Verbindung zu bringen, so als hätten diese sie konkret bedroht, als hätten diese die Bedrohungen verfaßt. Und just dieses Narrativ wurde bereitwillig und ungeprüft von der Presse übernommen.

Selbst eine Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wäre es nicht besser gewesen, wenn Jasmina Kuhnke, mit dem Rückhalt ihrer Unterstützer, stolz auf die Bühne geschritten wäre? So hätte sie den Rechten auf der Messe gezeigt: Seht her. Ihr wollt mich töten. Ich aber ergreife das Wort.“ – Hier steht sogar eine Tötungsabsicht im Raum und zwar keine abstrakte, sondern eine ganz konkrete: Ihr – also Stein, Schick, Zierke – wollt mich töten. Ich aber ergreife das Wort.

Und in der „Zeit“ schreibt Khuê Phạm in einem argumentationslogisch wirren Beitrag[1], verbunden mit der Forderung, Verlage, die dem Mainstream nicht in den Kram passen, doch einfach auszuladen: „Mal angenommen, die Buchmesse würde nächstes Jahr wieder erfahren, daß ein Autor Drohungen aus dem Umfeld eines ausstellenden Verlags bekommen hat …“ Auch sie unterstellt „Drohungen aus dem Umfeld“, stellt also eine direkte Verbindung jener Drohmails von „Neonazis“ mit den beiden Verlagen her.

Demnach müßten also – das ist die Prämisse an der alles hängt –  Stein, Schick und Zierke solche Mails verfaßt oder über dritte initiiert haben oder aber die von ihnen verlegten Bücher legen solche Handlungen unmittelbar und als konkrete Anweisung ans Herz. Sie könne sich daher „als Schwarze dort angesichts des vertretenen Verlags Jung­europa nicht sicher fühlen.“ Anders ergeben die inkriminierenden Sätze keinen Sinn.

Und das ließe sich doch ganz einfach verifizieren oder falsifizieren. Sind die Anschuldigungen falsch, könnten sie justitiabel sein, denn es handelt sich um Rufmord oder Verleumdung. Sind sie korrekt, sind sie ebenfalls justitiabel und Kuhnke könnte und sollte dagegen juristisch vorgehen. Von Stein, Schick und Zierke sollte man eine klare Äußerung dazu erwarten – damit wäre das ganze Theater mit einem Schlag erledigt.

Es gibt freilich noch eine zweite Ebene und die führt etwa Natascha Strobl, bekannte „Expertin für Rechtsextremismus und die Neue Rechte“, mit einem längeren „Tweet“ ins Spiel, der ebenfalls sofort in die Massenmedien – ungeprüft – sickerte. Sie nimmt sich das Repertoire des Jungeuropa-Verlages vor und findet: „Franco-Verehrung“, „Mussolini-Verehrer“, „Faschisten und Nazi-Kollaborateure“ „schwitzige Burschenschafter-Romane“, „Übersetzungen des Faschisten Faye mit schwülstigen Selbstbeschreibungen und dem Traum eines „Archäeofuturismus“ und einer Anlehnung an den italienischen Faschismus“, „Venner, der sich aus Protest gegen die „westliche Dekadenz“, gleich selbst erschossen hat“, „aktuellere Werke, die sich an einer Verbindung von Nation und (völkischem) Sozialismus versuchen“ etc. kurz und gut: „das ist nicht einfach ein „rechter Verlag“ mit ein paar problematischen Teilen. Das ist ein Verlag von Faschisten für Faschisten. Das ist der ganze Daseinszweck des Verlags.“ Und das altbekannte Lied: „Mit solchen Leuten redet man nicht. Man gibt ihnen keine Plattform. Man lädt sie nicht ein. Man macht sie nicht salonfähig. Es gibt keine zwei Seiten, keine zwei Meinungen zu Faschismus.“ Ende Gelände.

Schaut man sich das Programm des Verlages an, findet man freilich doch etwas mehr Vielfalt: Da hat zum Beispiel Frankreichs aktuell wohl meistgelesener Philosoph sein Buch „Theorie der Diktatur“ veröffentlicht – wurde hier besprochen –, da findet man konservative Klassiker – für Strobl natürlich „Faschisten“ – wie Venner, Alain de Benoist, Guillaume Faye, Drieu la Rochelle, da findet sich eine Auseinandersetzung mit Marx, da schreibt der Historiker Eberhard Straub und der Politikwissenschaftler Lothar Fritze usw.

Sicher, viele der Autoren sind rechts und national gesinnt, einige standen seinerzeit dem Faschismus oder anderen nationalen Bewegungen nahe, einige sind längst Klassiker und beanspruchen historische Bedeutung, aber alle, durch die Bank, sind ernsthafte und ernstzunehmende Denker und daher voll und ganz veröffentlichungswürdig.

Gleiche Ansprüche gelten natürlich auch für linke und linksextreme Denker von Format – wir brauchen alle diese Stimmen und müssen alle Argumente kennen und diskutieren. Vermutlich hätte Strobl kaum Probleme mit anarchistischen, anarchosyndikalistischen, trotzkistischen, leninistischen, stalinistischen, maoistischen oder Antifa-Schriften.

Wenn man hier für Restriktionen argumentieren will, dann bedarf es mehr als Etikettenkleben, dann muß man eben das tun, was Kuhnke und ihre Blase kategorisch ablehnen: lesen, zuhören, sprechen – widerlegen. Entscheidendes Kriterium sollte Qualität und nicht die Übereinstimmung mit der eigenen Weltsicht sein.

Das Existenzrecht des Verlages ist in keiner Form anzuzweifeln, jedes einzelne Buch ist – das eine mehr, das andere weniger – notwendig und wichtig und jede Form von geistiger Vielfalt mit Niveau ist zu begrüßen, zu erhalten und zu mehren. Niemand muß es lesen, aber alle sollten es lesen können!

[1] Die Wahrheit – sie ist verallgemeinerbar – lautet nämlich so: „Anders als ich es befürchtet hatte, wurde ich damit weder in eine Schublade gesteckt noch an den Rand gedrängt, im Gegenteil: Ich wurde auf große Bühnen eingeladen und ernsthaft und voller Interesse befragt. Die Begegnungen und Gespräche auf der Buchmesse haben mir Kraft und Anerkennung geben. Sie haben mir gezeigt, wie offen und neugierig der Literaturbetrieb ist.“ Die Wahrnehmung dieser „Aktivisten“ ist freilich gegenteilig.

7 Gedanken zu “Wahrheit oder Verleumdung?

  1. Michael B. schreibt:

    er- oder gefunden sind

    Die sind nicht neu. Nur die Konditionierung haelt noch zu gut.

    nagt zwar langsam

    Ja. Und das Zeitproblem ist eines der Vordringlichsten.

    Gefällt mir

  2. Michael B. schreibt:

    Sie werden sicher den heutigen Artikel von dem Sellner auf Sezession bemerkt haben, der sich derselben Sache – diese etwas umfassender eingebettet – recht intelligent, praktisch und mit Zuversicht naehert. Habe ich mit Interesse und gern gelesen, sehe aber dort dasselbe Problem in anderer Form:

    Den Theorien und Ueberlegungen der Rechten als Ganzem fehlt inhaltlich etwas, nicht nur in Art und Weise. Und zwar das, was ihrer landlaeufigen Definition ebenso wie ihrer eigenen breiten Selbstauffassung als konservative Spielart, tief widerspricht. Das laehmt sie.
    Ein Griff nach vorn mit bestimmten Themen der Gegenwart bzgl. Umgang mit Information, Technologie, Kraefteverschiebungen der Welt weg vom Westen u.a. Dingen mehr (ad-hoc, ueberhaupt nicht ausbalancierte und vollstaendige Themennennung meinerseits) wird zwar von einigen Leuten erkannt, bleibt aber den allermeisten Konservativen wesensfremd.

    Der Einzelfall des Preises mangelnder eigener Medienpraesenz der AfD ist da ein kleines aber typisches Schlaglicht (Trump lernt wenigstens gegenwaertig daraus), die von Sellner angesprochenen Berufsbilder (Jurist!) ein anderes. Wo sind die Biochemiker, die Groessen der KI, die Mediziner, die Musiker – ueberhaupt die Kunst? Wo ist das alles im Vergleich zu links, wo ist die thematische Bearbeitung dieser Themen rechts? Das ist nicht nur Repression, das ist auch Unwille, dort taetig zu sein. Diese in Menge eigentlich unvergleichbaren Gebiete sind in ziemlicher Gaenze geflutet von linker und verwandter Ideologie.

    Haeretisch gesagt – wo ist die Zukunft ausser in der i.W. komplett rueckwaertsbezogenen Abwehr gegenwaertiger Fehlentwicklungen? Ja, das ist die Forderung. Das Kratzen an der als gegeben angesehenen Grundunterscheidung zwischen konservativ und progressiv, gerade in der Form rechts vs links. Das Verharren hierin ist falsch.

    Zu Geisteswissenschaften moechte ich mich nicht weiter auslassen. Nach Buchstaben gehoere ich zwar selbst einer an, erdulde aber die historische Teilung i.W. auf Seiten der Naturwissenschaften. Ich bin mittlerweile zwar alt genug, jene grundsaetzlich als notwendig zu akzeptieren. Bis zu Sellners Beschwoerung der Wichtigkeit der ‚Laberei‘ reicht es aber persoenlich doch nicht.
    Ich nehme sie in gegenwaertiger Entwicklung aber als verzerrte Form einer Vorstufe und eines Einpeitschers einer neuen Religiositaet wahr und halte sie deswegen allein fuer extrem gefaehrlich.

    Gefällt mir

    • Pérégrinateur schreibt:

      Auch nach meiner Meinung handelt es sich zumindest bei den Aktivisten und dem ersten Kreis der Nachplapperer unter ihnen um ein religiöses Phänomen. Man sucht Erlösung, man sucht Sinn. Irgendwo im Hintergrund stehen sicher auch etliche Zyniker, die diesen Wahn aus Eigennutz befördern, etwa weil sie auf dank seiner an sie ausgereichte Subventionen hoffen. Besonders anfällig sind wieder mal die Frauen, dank ihrer ausgeprägten emotionalen Ansprechbarkeit.

      Ich hatte zum Klimawandelthema eine ausgedehnte Diskussion mit einem mir gegenüber immer recht offenen Großmütterchen. Wie ich ihr gegenüber ausführte, dass die Heilige Greta nach Lage der Dinge (Alter, Ausbildung) keinerlei fachliche Kenntnisse zum Thema haben könne noch aufgrund ihrer seelischen Verfasstheit (Monomanie, Gestörtheit nicht nur beim Essen) zur Abwägung mit anderen Dingen befähigt sei, dass diese andere Menschen also nur allein durch ihr eigenes Überzeugtsein überzeuge, zeigte sich, dass dieser banale kritische Gedanke meiner Gesprächspartnerin noch nie gekommen war.

      Da wirkt ein Charisma, von dem sich viele gerne überwältigen lassen, und mit Charisma macht man Revolutionen.

      Kann man gegen diese religionsfreundliche Gestimmtheit überhaupt etwas tun, ist das nicht etwas anthropologisch Angelegtes? Sarrazin meinte einmal, 25 % aller Menschen seien immer Utopisten. Muss man abwarten, bis die Schmerzen kommen – wobei dann vielleicht gerade die Skeptiker die Sündenböcke auf dem ersten Wegstück zur rabiaten Metanoia werden?

      „Es hätte ja funktioniert – wenn nur alle daran geglaubt hätten. Wegen diesen Quertreibern aber …“
      „Eigentlich habe ich nie so recht daran geglaubt.“
      „Ich war immer schon dagegen.“

      Gefällt mir

  3. Petersen schreibt:

    Diese Aktion der ziemlich unbekannten Frau verhilft nicht nur ihr selbst zum verkaufsfördernden Medienecho, sondern auch den angegriffenen Verlagen. Insofern wäre ja alles ok.
    Wenn eine Buchmesse beginnt, auf den Druck linker Interessengruppen Verlage mit sie störenden Inhalten auszuladen, setzt dies einen nicht zu stoppenden Prozess in Gang. Am Ende darf zB nur noch trotzkistische Literatur gezeigt werden. Der „Die Revolution frisst ihre Kinder“-Effekt ist ja bekannt von der Französischen Revolution und vom Stalinismus. Auch das Maas-Gesetz mit seinen Aufforderung zu voreilender Zensur hat schon etliche Linke erwischt.
    Wir geben nicht auf. 2. Korinther 4:16

    Gefällt mir

  4. Michael B. schreibt:

    Ich verstehe diese verschiedenen Anlaeufe zur Logik nicht. Das ist uninteressant und mittlerweile sogar kontraproduktiv in Bezug auf das Ergebnis.
    Das ist ueberhaupt nicht fatalistisch gemeint. Im Gegenteil muss man die Kraft dieser irrationalen Formen an Auseinandersetzung endlich einmal ernst nehmen und Mittel ihrer Bekaempfung finden, die wirksam sind. Dsa ist die Schwierigkeit und Aufgabe!
    Denn wen erreichen oder auch ueberzeugen Artikel dieser Art? Genau, die die eh schon dort stehen. Insofern nicht einmal die, weil sie diese Art Schlussfolgerungsketten so oder aehnlich selbst schon lange ziehen.

    Gefällt mir

    • Mag sein, daß ich da zu altbacken bin, aber ich komme nicht über den Gedanken hinweg, daß Irrationalität mit Rationalität bekämpft werden sollte. Insofern sehe ich keinen anderen Weg, zumindest nicht für mich – es ist das einzige Mittel im voraktiven Bereich. Indem ich versuche, zu analysieren und die intrinsischen Fehler aufzuweisen, nehme ich die Formen der Auseinandersetzung auch ernst – was im Übrigen zu den von Ihnen genannten Schlußfolgerungsketten gehört.

      Mehr steht nicht in meiner Macht, nicht auf diesem Medium – die Alternative dazu wäre Schweigen … worüber ich fast jeden Tag nachdenke.

      Gänzlich erfolglos ist das aber scheinbar nicht. Nicht alle Leser dieser Seite haben Zeit, Kraft und Muse sich wie Sie umfassend zu informieren udn alles zu durchdenken. Sie sind dem Mainstream ausgesetzt und leisten sich vielleicht noch ein, zwei alternative Meinungen – und für die mag das hier Aufgezeigte durchaus Aufklärungswert haben.

      Gefällt mir

      • Pérégrinateur schreibt:

        Zudem kann die Minorität und besonders die medial nicht repräsentierte Minorität die andere Seite nicht einfach niederschreien, wie es diese kann und tut, und auf so etwas laufen die irrationalen Mittel der Auseinandersetzung ja letztlich hinaus. Bis die von M.B. anempfohlenen „Mittel ihrer Bekaempfung […], die wirksam sind“ er- oder gefunden sind, wird es vielleicht noch etwas dauern. Da könnte man sich doch einstweilen mit den zur Verfügung stehenden intellektuell redlicheren behelfen?

        Der Zahn der Logik nagt zwar langsam, aber wenn man keinen Presslufthammer hat …

        Es taugt ohnehin nicht jeder zum Politiker im Sinne Paretos, der unter Benutzung der falschen Vorurteile Wirksamkeit anstrebt.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.