Sexualität und Wahrheit

Mal wieder der Zufall.

In einer Tageszeitung lese ich eine Hommage an Elfriede Jelinek – Nobelpreisträgerin! Sie ist klammheimlich 75 Jahre alt geworden.

Gleichentags die Nachricht, daß eine Antje Rávik Strubel – das „Rávik“ ist eine Art Blackfacing oder Migrationssimulation oder was weiß ich, jedenfalls ein Künstlername – den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und zwar mit einem Roman – laut Verlagstext –, der von einer jungen Tschechin handelt, die sich in die Ferne sehnt, nach Berlin geht, ein sexuelles Gewalterlebnis hat, sich in einen Plattenbau zurückzieht, dann nach Helsinki zieht, dort einen estnischen Professor kennenlernt, der Abgeordneter der EU ist, sich in sie verliebt und sich für Menschenrechte stark macht, während sie einen Ausweg aus ihrem inneren Exil sucht, verursacht durch die Vergewaltigung.

Auch in dem Artikel über die Jelinek wird ihre Position zur weiblichen Sexualität hervorgehoben und aus ihrem Werk zitiert: „So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann.“ Dieser Satz scheint die Quintessenz ihres Werkes auszumachen, er wurde jedenfalls auch schon zu ihrem 70. Geburtstag hervorgezogen und vorangestellt. Er wird wohl bleiben und auch ihren Nekrolog schmücken. Glückwunsch – wenigen gelingt es, etwas Bleibendes zu schaffen!

Dafür also bekommt man Preise – nicht irgendwelche, sondern den höchsten nationalen und den höchsten internationalen. A. Rávik S. hat in ihrem literarischen Werk sogar freiwillig gegendert, wenn man den Amazon-Besprechungen Glauben schenken kann.

Kurz und gut: das ist Mainstream durch und durch, Anbiederung an den Zeitgeist, und zwar nicht an den geheimen, gefährlichen, untergründigen, sondern an die allesbeherrschende Ideologie. Mag sein, daß Ráviks Roman ein grandioses Meisterwerk ist, wahrscheinlich ist es nicht.

Aber was ist los mit diesen Frauen? Warum haben sie ein derart gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper, zur Sexualität, zum Mann? Und damit meine ich den Typus.

Klar! Vergewaltigungen sind einschneidende Erlebnisse und offenbar müssen das viele Frauen erleiden. Wie viele, ist schwer zu ergründen, denn der Begriff ist äußerst vage und längst aufgeweicht und diese Aufweichung hat letztlich dazu geführt, daß mancherorts schon ein schriftlicher „consent“ gefordert wird, bevor man sich darauf einläßt. Umgekehrt nehmen die öffentlichen Vorwürfe, besonders bei Prominenten und Reichen, sichtbar zu und man ahnt, daß in dem einen oder anderen Fall die Dinge anders oder gar nicht gelaufen sein könnten, als dargestellt.

Das ist schwieriges Gelände, ich – als Mann noch dazu (aber als einer, der noch nie vergewaltigt hat oder wurde, zumindest nicht wissentlich) – will niemandem auf die Füße treten oder etwas unterstellen, man muß es ernst nehmen, aber es sollte auch nicht größer gemacht werden, als es ist, vor allem nicht in der Literatur, auch wenn es dort natürlich hingehört und seit eh und je präsent ist … in den letzten Jahrzehnten omnipräsent.

Hier kommt nochmal der Zufall ins Spiel, denn am gleichen Tag lese ich auch noch eine Passage in Albert Wass‘ großartigem Buch – das ist echte Literatur, Weltliteratur, auch wenn es fast niemand kennt und es keine Preise gab – „Adjátok vissza a hegyeimet“ („Gebt mir meine Berge wieder“) eine dritte Liebesszene. Und in diesem Zusammenhang kommt mir eine vierte in den Sinn, die wir schon einmal besprochen hatten.

In Hamsuns Nobelpreis-Roman „Markens Grøde“ „Segen der Erde“ – hundert Jahre liegen zwischen diesen Preisen und nichts macht den mentalen Unterschied deutlicher – lesen wir auch von einer Art sexueller Gewalt[1]. Aber welch Unterschied in der Beschreibung und auch in der Wahrnehmung. Inger, die Frau mit der Hasenscharte, hatte den Einsiedler Isak immer wieder besucht und ihm geholfen. Sie brachte ihm zu Essen und dann lagen sie zusammen in der Hütte und: „Han lå og var grådig efter hende om natten og fik hende.” – Er war gierig nach ihr in der Nacht und bekam sie. Da ist mehr Nehmen als Geben und da ist vermutlich auch wenig Zärtlichkeit im Spiel, kein Vorspiel und kein consent und dennoch gelingt es dem wahren Meister in wenigen Worten das Sinnliche, das fast wie eine Not über ihn – und über sie auch? – kommt, einzufangen.

Ähnlich bei Wass. Dort hat der Erzähler – ein einfacher Waldhüterbursche in Siebenbürgen – nun endlich das Mädchen seines Herzens erobert, d.h. er hat die Zusage ihres Vaters bekommen. Er baut ein Haus aus Holz und zeigt es seiner Aniko halbfertig. Die frisch geschlagenen Bäume strömen einen betörenden Duft aus. Da steigt die Hitze in ihnen auf – noch sind sie nicht verheiratet:

„In einem Monat wird es fertig sein“, sagte ich  und merkte, wie sich in mir etwas erhitzte. – „So schnell?“ – „Vielleicht freust du dich nicht?“

Sie antwortete nichts, lachte nur auf. Gurrend war dieses Lachen, wie das der Ringeltaube, und heiß. Ich konnte nicht anders: ich umarmte sie und drückte sie an mich. Sie lachte noch immer. Ich küßte ihren Mund. Dann lagen wir plötzlich auf der Wiese unter den duftenden Wänden. Mächtige rote Feuer loderten in uns. „Komm“, sagte ich und erkannte meine eigene Stimme nicht mehr. Aniko stieß sich ab. Ich schnappte nach ihr. Sie stieß wieder. Gerade als ich sie hätte greifen können, sprang sie auf und ein seltsam wildes Lachen sprudelte aus ihr hervor. Dann rannte sie auf den Wald zu und ich rannte ihr hinterher. Es war eine verrückte, wilde Verfolgungsjagd. Die Zweige der Fichten klatschten hinter uns zusammen, und wir rannten den Wald hinunter. Aniko floh, als hätte sie den Verstand verloren, als müßte sie ihr Leben vor mir retten. Wir rannten durch dunkle Senken, große Farne, über morsche Baumstämme. Schimmel- und Pilzgeruch drang in unsere Nase. Die Bäume waren voller Äste und Flechten hingen an ihren Zweigen. Es waren dunkle, wilde Orte, die wir durchliefen. Dunkles, wildschwarzes Blut strömte in uns. Wir keuchten wie wilde Tiere. Äste schlugen uns ins Gesicht, Brombeerdornen kratzten uns blutig. Wir bemerkten es nicht. Wir rannten ohne Stimme, ohne Wort, ohne Schrei, nur unsere Füße stampften, der Atem keuchte, und die Büsche um uns herum krachten. Dann, als wäre sie über eine Wurzel gestolpert, fiel Aniko hin. Weich, fast ergeben, fiel sie auf das einsinkende grüne Moos, und ich stürzte mich auf sie. Wie der Wolf auf das Reh. Wie der Falke auf die Taube. Sie krallte sich in mein Gesicht. Ich biß ihr in den Nacken. Wir rissen uns wie die wilden Tiere. Wir konnten das Blut in unserem Mund schmecken, und keuchten nur wortlos. Es war furchtbar und wundersam. Als ob der ganze Wald, die Bäume, die Felsen, die Berge, alles auf uns gestürzt, als ob die ganze Welt ein einziger feuerglühender Kessel gewesen wäre und wir tief in diesem Feuer gebrannt hätten, knisternd und schrecklich schön, wie zwei glühende Blutstropfen in einem betörenden, roten Kelch der Feuerblume.“

Auch hier haben wir eine Form der Gewalt, aber was für eine wunderbare Gewalt! Und wie herrlich beschrieben! Und daß Wass Gewalt nicht romantisiert, dafür steht das ganze Buch, das eines der gewalttätigsten, düstersten, traurigsten und berührendsten ist, die ich je gelesen habe, eine Geschichte unendlichen Leids, aber auch menschlicher Größe – ein Buch, wie man es in alten Zeiten hin und wieder noch finden konnte, egal ob im hohen Norden oder in Rumänien.

Was also ist los mit diesen Frauen? Warum können sie das Faszinosum Liebe und „sich lieben” – wie man früher zu „Sex haben“ sagte –  nicht mehr empfinden oder beschreiben? Warum haben die alten Menschen, die wirkliches Leid zu Hauf am eigenen Leib erfahren haben, den Glauben an das Schöne nicht verloren, während jüngere Generationen, die in der leidlosesten Zeit der ganzen Menschheitsgeschichte leben[2], nur noch Ekel, Abscheu und Düsternis, Ungerechtigkeit, Ungleichbehandlung und Diskriminierung wahrnehmen?

Weil sie dafür belohnt und geehrt werden? Wass schrieb sein Buch in der Emigration in der Gewißheit, keinen entsprechenden Verlag zu finden: diese Autorinnen haben ihre Lofts und Appartements, sie sitzen mit Laptop am Strand und lassen sich beim Schreiben filmen. Und produzieren Literatur, wie es sie schon tausendfach gibt, ununterscheidbar und monoton.

FireShot Capture 677 - Roman _Blaue Frau__ Strubel gewinnt Deutschen Buchpreis - tagesschau._ - www.tagesschau.de

© Tagesschau 18.10.2021

Auf der anderen Seite gibt es einen anderen Zweig – ebenfalls prämiert – an weiblicher Literatur – Sibylle Berg ist auch so eine –, die ein „befreites” Leben beschreibt, wo sich emanzipierte Frauen in scheinbar endlosen Nächten förmlich durchs Leben ficken und alles mitnehmen, was sich ihnen bietet, immer etwas abfällig dem Partner gegenüber – sofern es ein Mann ist – und uns eine Welt suggerieren, in der sexuelle Befriedigung das Nonplusultra, der Orgasmus und die Jagd nach ihm der eigentliche Sinn des Lebens sei. Auch dieses Thema ist längst ausgelutscht und hat seine Extreme – etwa in den „Feuchtgebieten” – gefunden, wo es dann in Pornographie und Perversität umschlägt. Vom Feuilleton bejubelte „Befreiung“. Ich sage: Enthemmung.

Allen ist ein gestörtes Verhältnis zum anderen, zum eigenen Geschlecht und zur Sexualität gemeinsam – unabhängig von Gewalterfahrungen oder nicht. Am Grund dieser Art von Literatur liegt wohl der Wille – der auch unbewußt sein kein oder einfach nur unreflektiertes Mitläufertum und „Sensibilität“ für den „Ton der Zeit” –, die tragfähigen Säulen funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenlebens zu zerstören, allen voran: Heimat und Familie.  Stattdessen gibt es bedhopping (Anywheres) und alles mit allem.

Was die Autorinnen freilich selber nicht verschweigen können: sie sind damit todunglücklich. Ihre depressive Literatur[3] steht dafür als Beweis.

@ Übersetzungen: Seidwalk

Siehe auch: Über-Setzen nach Hamsun

Die alte Leidkultur

West-Östlicher Dschihad

[1] Womit die verschiedenen Erfahrungen natürlich nicht gleichgesetzt werden sollen – sie stehen hier nicht im Fokus, sondern ihre literarische Verarbeitung.
[2] Siehe dazu: über Steven Pinker
[3] … und bei vielen auch ihre Physiognomie, ihre Erscheinung

7 Gedanken zu “Sexualität und Wahrheit

  1. Petersen schreibt:

    Jellinek und Strobel, das ist nicht Mainstream. Das ist eine Schmock-Medien-Blase.

    Ob mehr als 10.000 Menschen das Buch gelesen haben werden, wenn die Buchpreis-Hype vergessen ist, bezweifle ich. Der Mainstream im wirklichen Sinne liest Massenprodukte wie die Thriller von Fitzek oder Ratgeber.

    Seidwalk: gemeint ist hier medialer Mainstream, ist die ideologische Agenda, ist der Einfluß dieser Leute auf die Öffentlichkeit. Kuhnke etwa konnte durch den Coup auf Amazon etwa ganz deutlich die Verkaufszahl erhöhen, vermutlich deutlich mehr als auf dem „Blauen Sofa“.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Vor inzwischen langer Zeit kam ich einmal in den Genuss eines Interviews mit Frau Jelinek mit folgender Perle:

    Jelinek trägt länger vor, dass die Frauen von den Männern für ihre Zwecke abgerichtet würden. Zum Beispiel würden sie sich nur schminken, weil die Männer das wollten.
    ― „Sie sind aber jetzt auch geschminkt. Warum tun sie das?“
    ― „Wenn ich nicht geschminkt bin, fühle ich mich nackt.“

    ――――――――

    Es ist ja schon länger üblich, alles Leid und alle Probleme der Welt anonymen Instanzen zuzuschreiben. Die Gesellschaft / die Männer / die Wirtschaft / das System / der Neoliberalismus ist schuld daran, dass … Ich wage die Behauptung, dass solchen Aussagen selten eine wirkliche Analyse vorangegangen ist. Es geht vielmehr darum, coûte que coûte einen Schuldigen auszuweisen. Es könnte doch alles so schön sein auf der Welt, wenn es nur den bösen Teufel nicht gäbe. Inzwischen wird der Schuldkreis oft noch viel enger gezogen, bis manchmal nur noch ein Individuum drin sitzt, mit welchem (obwohl es kaum je ein weibliches Wesen ist) man dann gerne Sacre du printemps spielen würde.

    In obigem Dialog ist alles drin: Die beschriebene Schuldzuweisung, die Selbstverständlichkeit, dass man nicht gegen seine Gefühle handeln will oder kann, auch nicht aus besserer rationaler Einsicht, und natürlich das ewig-weibliche Herumgejammere. Alle, die diese Haltung einnehmen, wollen immer nur passive Opfer sein, obwohl doch jeder in gleicher Weise die böse Gesellschaft bezichtigen könnte, und wer bliebe dann noch übrig als Sündenbock? Dieser logischen Konsequenz kann man natürlich entgehen, indem man auf Logik völlig verzichtet, sondern nur immer das Gefühl sprechen lässt, das sich bekanntlich um Widersprüche nicht schert.

    ――――――――

    Szene aus einem Film von Alexander Kluge. Eine ich meine von Angelika Winkler gespielte Geschichtslehrerin trägt vor: „Ich kann mit meinem Freund nicht mehr leben. Aber ich kann auch nicht ohne ihn leben. Am wichtigsten ist mir aber, dass ich jetzt eine klare Entscheidung treffe.“

    ――――――――

    Man sollte auch als Jammerläppin soviel Verstand haben, um nicht noch jeden möglichen persönlichen Sündenbock und willigen Zuhörer der eigenen Kummerrede zu vertreiben, sonst muss man mit ihr in die Öffentlichkeit, und deren Aufmerksamkeit reicht nur für wenige Gestörte; dieser letzte Rekurs ist also ein Wagnis, das die meisten verlieren werden, die es versuchen.

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    „Mächtige rote Feuer loderten in uns.“ – Dieses lesend, bin ich sogleich geneigt, die Lektüre zu beenden.

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    • „Mächtige rote Feuer loderten in uns.“ – Dieses lesend, bin ich sogleich geneigt, die Lektüre zu beenden.

      „Nagy vörös tüzek lobogtak bennünk“

      Wo ist das Problem? Ist es Ihnen zu schwulstig? Stimmt das Bild nicht? Hier kann der Übersetzer nur bei einem Wort überhaupt eingreifen, bei „lobogni“ : https://dictzone.com/magyar-nemet-szotar/lobog
      Eventuell könnte man „tüzek“ auch mit „Gluten“, „Bränden“, „Lohen“ etc. ersetzen – würde an Ihrem Urteil vermutlich wenig ändern.

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        • Michael B. schreibt:

          Das ist Gefühlskitsch.

          Das koennte ich ohne viel weitergehende Kenntnis des Schriftstellers aus dem kurzen Stueck nicht beurteilen. Kann banal sein, muss aber nicht. Pre-Urteil: Scheint mir erst einmal nicht so zu sein.

          Was waere in dieser Art Dinge eigentlich Nichtkitsch? Dafuer wuerde ich gern ein Beispiel sehen. Vielleicht veredelt durch den Verstand? Ich kann aus persoenlicher Erfahrung sagen, der spielt dann erst einmal keine Rolle, nicht als Ratio. Auch nicht als Gegensatz, fuer solche zivilisatorisch auferlegten Dualitaeten haben die Beteiligten ueberhaupt kein Beduerfnis.

          Allerdings, der wird in den Verzweigungen der Folgen in seinen Grundlagen modifiziert. Von lebenslanger Schaedigung bis zur Erweiterung der Person (weit ueber den Verstand bis in den ganzen Charakter hinein) ist bei entsprechender Staerke alles drin. Aber voellig uninteressant in diesem Moment.

          Das gilt allerdings nur fuer das Original und nicht fuer die laecherlichen consent-Geschichten von oben. Den kann und will man eben gerade nicht derart billig haben. Solche Situationen oszillieren zwischen allen Faerbungen von grundlegendsten Dingen. Und gerade die, die mit Begriffen versehen wurden welche mit staerksten Tabus belegt sind. Gewalt z.B. hat – wie alle grundlegenden Dinge – eine starke positive Seite. In dem Fall an Kraft, gerade dort. Wie uebrigens auch manche Worte, die Zivilisation sonst fest in der Klammer haelt und die dann gesagt und ersehnt sind.

          Sehe gerade die Verfilmung von Asimov’s „Foundation“. Der Imperator erwacht nach dem Warpsprung und fragt den Roboter/die AI Demerzel „What is it like to be awake for it?“, „When the space folds, the human mind can’t tolerate the discontinuity“. Folglich erklaert sie es nicht.

          „…the space folds“ soll hier die genannten Oszillationen verdeutlichen, welche aktuelle westliche ideologische mindsets ebenfall nicht ertragen. So wie jede Tiefe und Realitaet.

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          • Pérégrinateur schreibt:

            Was man auch tut, der eigene Verstand sollte einem dabei immer über den Rücken schauen. Bei Doderer gibt es eine Frauengestalt, von der der Autor schreibt, sie sei wie ein schwimmendes Badethermometer, sie behalte nämlich den Kopf immer oben. Meiner Ansicht nach ist das ein Lob.

            Man stellt aber fest, dass viele Menschen vor allem die Ergriffenheit, den Rausch, das Nichtreflektierte suchen. Das kann man haben, indem man wie ein Wildtier empfindet und lebt: Der Blutrausch des Fuchses im Hühnerstall, die panische Flucht der Weidetiere, das Hassen der Vögel usw. Geselligkeit und die gewöhnlich damit einhergehende Gefühls-Osmose helfen dabei sehr.

            In ihre Partnerschaften geraten viele Menschen hinein durch ihren Wunsch, eine Überwältigung zu erfahren. Die Trommel schlägt, der Rhythmus pocht, die Extremitäten zucken im Tanz – und so geht es dann nichtöffentlich auch weiter, oft mit bösem Erwachen danach. Daraufhin lässt man sich scheiden und geht sogleich wieder auf die Suche nach neuen solchen Abenteuern.

            Sie kennen vermutlich das folgende Zitat von Einstein: „Wenn jemand Freude daran hat, bei Musik in Reih‘ und Glied zu marschieren, dann verachte ich ihn schon deswegen, weil er sein Gehirn nur wegen eines Irrtums bekommen hat; ein Rückenmark hätte gereicht.“ Es ist wohl vor allem durch seinen Pazifismus motiviert, lässt sich aber verallgemeinern, und das sollte man auch tun.

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            • Michael B. schreibt:

              Der Grundansatz funktioniert einfach nicht. Es ist keine Frage des „Suchens“ und „sollte“ und irgendwelcher anderer Befindlichkeiten spezieller Menschen und Gesellschaften in einem ebensolchen Zeitfenster der Geschichte.
              Denn Sexualitaet ist ein objektiv wilder Bereich. Es ist weder moeglich, sich diesen Teilen zu entziehen, noch auch nur sinnvoll (im Einzelfall schon, aber das fest an die spezielle Konstellation gebunden). Auch biologisch hat die dadurch moegliche Disruptivitaet eine Funktion.
              Keine Diskussion ueber deren Auspraegung als Vergewaltigung durch Goldstuecke. Obwohl das ein Aspekt ist, speziell in der Beurteilung derer, die mit diesen Folgen nun schon geraume Zeit bewusst herumzuendeln. Das gehoert ja zu dem, was die Leute am Ende einer Epoche im unbewussten Teil ihres Bestrebens nach Erneuerung nie realisieren und wofuer sie keine Verantwortung uebernehmen. Aber das wuerde jetzt wegfuehren.

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