Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen! Sehr wohl aber den Leerstellen dieser euphemistischen Rezeption.

Mir persönlich stößt bereits der Titel unangenehm auf – er paßt auch nur schwer zu Scrutons Gesamtwerk und zu seiner gepflegten Attitüde. Wer so in die Debatte einsteigt, der muß sich seiner Sache sehr sicher sein, der will auch keine Vermittlung mehr.

Niemand wird Scrutons Kompetenz in Frage stellen, der Mann war ein polyglottes Multitalent, einer jener seltenen Menschen, die die Reinkarnationstheorie zu bestätigen scheinen, denn was er in diesem Leben geleistet hat, ist in einer Karussellrunde menschlich eigentlich nicht machbar.

Hier nun nimmt er es gleich mit einer ganzen Phalanx an namhaften mehr oder weniger  linken Denkern auf, namentlich: Hobsbawm, Thompson, Galbraith, Dworkin, Sartre, Foucault, Adorno, Horkheimer, Habermas, Lukács, Althusser, Lacan, Deleuze, Gramcsi, Said, Badiou und Zizek und natürlich auch mit Marx, Engels, Lenin und Mao.

Jeder Denker wird einzeln, zumeist am Leitfaden der Hauptwerke seziert und filetiert und am Ende verzehrbereit präsentiert – und zwar als im Wesentlichen ungenießbar. Was nach feinem Besteck aussieht und sogar poetische Momente enthält, entpuppt sich in Wahrheit, bei genauer Lektüre, als Rundumschlag, als Guillotine. Klar löst das Begeisterung bei denen aus, die sich die Arbeit der Auseinandersetzung ersparen wollen, zumal Scruton – daher kann man das Buch partiell auch als Einführung in das Denken der Füsilierten empfehlen – uns zu Beginn jeder Hinrichtung eine Zusammenfassung liefert.

Das große Verdienst dieses Buches liegt in der Weckung der Aufmerksamkeit gegenüber philosophischem Wortgeklingel. Dieses hat zweifellos dramatische Züge angenommen und beherrscht weite Teile der akademischen Welt, allerdings vornehmlich in den hinteren Reihen, im akademischen Unterbau. Wollte man auch die erste Reihe diesem Dauerverdacht a priori aussetzen – wie es Scruton hier vorexerziert –, dann wäre das philosophische Gespräch beendet, was nicht heißen soll, daß auch besagte Autoren unlautere Mittel nutzten. Sie unterscheiden sich damit kaum von den meisten anderen, Scruton inbegriffen.

Ein recht guter Indikator ist in der Regel das Gespräch unter Gleichwertigen – wenn diese aufeinander sinnvoll antworten können, dann hat man gute Chancen, einem sinnhaften Gespräch beizuwohnen, selbst wenn es die eigene Auffassungsgabe übersteigen sollte. Daher sei dieses Buch ganz besonders Studenten und Interessierten empfohlen, jenen also, die den Schritt zum eigenständigen originellen Denken nie schaffen werden, aber im Weinberg mitarbeiten wollen. Sie sind am ehesten gefährdet, Opfer von Veneration und ideologischer Selbsteinmauerung zu werden.

Und Scruton kennt keinen Respekt, auch nicht vor großen Namen, sogar Marx‘ Theorie des Warenfetischismus hält er für – nichtssagend …

Das alles heißt nun aber nicht, daß Nähe zu weltanschaulichen Überzeugungen die kritische Lektüre ersetzen kann. Nein, an diesem Buch gibt es sehr viel auszusetzen!

Seine größte Gefahr – als Gegengewicht zur obigen Habenseite – besteht darin, daß es dazu verleitet, sich die theoretische Arbeit zu ersparen, denn es suggeriert, daß linkes Denken, zumindest dieser Autoren, fast immer und wesentlich „Neusprech“, „Nonsens“, „ritueller Nonsens“, „Nonseme“, „klebrige Prosa“, „Zaubergesänge“, „unentwirrbares Geschwafel“, „Betrug“ oder „Alchimie“ sei, um nur einige diskreditierende Zuschreibungen dieses darin übersatten Buches zu erwähnen. Demnach habe – nur drei Beispiele – Lukács der Haß angetrieben, sei Habermas nur ein Bürokrat und Adorno ein intellektueller Taschenspieler gewesen, das meiste sei der Lektüre nicht wert. Vor Sartre etwa bliebe nur „Die Wörter“.

Natürlich sind das nicht alles Unwahrheiten, aber es sind nur Aspekte, nicht das Wesentliche. Und überhaupt kann man Althusser[2] und Lacan[3] etwa – für die der Scharlatanerievorwurf eher zutrifft – nicht in eine Reihe mit Foucault, Deleuze oder Adorno stellen, die ganz ernsthafte Philosophen waren. Scruton nimmt es, der Pointe wegen, selbst nicht immer mit der Wahrheit sehr genau, oder hat schon mal jemand eine „Luxusedition“ der Schriften Habermas‘ gesehen, oder glaubt wirklich jemand, daß der Fidesz in Ungarn aus Lukács-Aversion immer wieder gewählt wird oder daß das „Rätsel des Eins-Seins der ultimativen Realität“ im europäischen Denken tatsächlich vom Islam und nicht von der Scholastik oder von Giordano Bruno übernommen wurde?

Bei aller Scharfsinnigkeit leistet sich Scruton doch auch eine Reihe denkerischer Tiefflüge, etwa wenn er den HIV-kranken Foucault genüßlich in der Salpêtrière enden läßt, also jener Klinik, die er in seiner bahnbrechenden Studie als Machtinstrument aufzeigte, wenn er die rhetorische Frage stellt, wo Marx, Engels, Lenin, die Theoretiker des Proletariats, der Arbeit, der Klasse jemals die Hände schmutzig gemacht hätten, oder wenn er Lukács‘ Literaturkritik per se als wertlos bezeichnet. Und wenn Lenin en passant als „zweitrangiger Denker“ bezeichnet wird, dann hätte man doch gern auch ein Argument dazu.

Fast alle kontinentalen Autoren empfindet Scruton als unverständlich und unklar in ihren Aussagen, aber das ist ein sehr schlüpfriges Argument, denn erstens sollten die Grenzen des eigenen Verständnisses nie – auch nicht für einen Scruton – zum Kriterium eines Urteil werden und zweitens ließen sich damit auch Kant, Hegel, Heidegger, Nietzsche etc. erledigen und tatsächlich gibt es bereits eine breite diffamatorische Literatur, die zumeist von sehr linken und oft sichtbar haßbesetzten Autoren stammt, eine Ahnenreihe, in die Scruton sicher nicht gestellt werden will. Aufschlußreich in diesem Kontext ist auch das Fehlen namhafter linker Denker: Walter Benjamin, Herbert Marcuse oder Ernst Bloch sind nicht mal namentlich erwähnt, Derrida, Lyotard, Baudrillard werden kaum bedacht und Judith Butler, Merleau-Ponty oder Henry Lefebvre wären doch gefundenes Fressen gewesen. Schon daher stehen die Verabsolutierungen auf schwachen Beinen.

Umgekehrt widmet sich Scruton im Falle Lukács recht ausführlich „Geschichte und Klassenbewußtsein“ – ein wahrlich epochemachendes Werk –, übersieht aber das für sein Vorhaben viel besser geeignete „Die Zerstörung der Vernunft“.

Es stellt sich schließlich der Verdacht ein, daß am Grunde seiner Arbeit eine tiefsitzende Aversion der kontinentalen Philosophie gegenüber liegt, das mangelnde Verständnis substantialistischer Philosophie, der Metaphysik, den Versuchen, Realität in ihrem An-Sich zu erfassen, den deutschen Ausflügen in die Tiefen und Höhen, der Sehnsucht nach dem Wesen der Dinge und der Bewegungsfragen, wie sie die Franzosen antreibt und das ist bei einem analytisch geschulten Kopf auch nicht verwunderlich. Unübersehbar bleibt, daß die englischen und amerikanischen Kritisierten weitaus besser wegkommen als die europäischen.

Diese Perspektive ist es wohl, die ihn dazu verführt, die kontinentale Philosophie als eine präskriptive überzubewerten und den deskriptiven Urimpuls zu übersehen, zumindest bei den Linken. Philosophie aber bedenkt zuvörderst das, was ist, sie ist somit primär Symptom, „ihre Zeit in Gedanken gefaßt“ (Hegel), und erst dann Regel und wird letzteres sehr oft erst im Vollzug der Rezeption.

So ist etwa das Konzept des „Rhizoms“, an dem sich Scruton abarbeitet, Zustandsbeschreibung einer sich immer mehr rhizomatisch organisierenden Welt. Deleuze und Guattari konnten damit etwa das Internet antizipieren oder verschiedene Ausformungen des Globalismus, neuer liquider Lebensformen, und die damit verbundenen Probleme der Identitätsfindung – insofern kann man Foucaults These, daß das „Jahrhundert vielleicht ein deleuzianisches sein wird“ auch als bestätigt betrachten. Deleuze wollte der Verflüssigung der Welt, der Gesellschaft, der Sprache, der sozialen Verhältnisse, der Geschichte, der Moral, der Kunst, der Philosophie … habhaft werden – affirmativ, das ist richtig –; man kann diesen Versuch als gelungen oder gescheitert betrachten, aber man sollte wenigstens die Intention erkennen, wenn man bewerten will. Foucault konnte in der Sichtbarmachung der diskursiven Auflösung der Wahrheit einen objektiv ablaufenden Prozeß aufzeigen; Habermas‘ Beschreibungen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“, die Einsichten im „Positivismustreit“ („Erkenntnis und Interesse“) oder seine Reflexionen in „Faktizität und Geltung“ haben Wert, wohingegen sich das Ideal des kommunikativen Handelns auf der Basis des herrschaftsfreien Diskurses als Schimäre erwiesen hat usw. Scruton übersieht all dies, weil er auf Nonsenssuche geht. Die wahre Crux linken Denkens sind Prämisse und Synthese und nicht die Analyse, die mitunter genial sein kann.

So entgeht es Scruton in seinem Rundumschlag, daß der französische Postmodernismus gerade nicht in der Kontinuität zu Sartre steht, sondern eine Abwendung von ihm ist, als Reaktion, insbesondere auf den Begriff des „Absurden“, der bei Sartre und Camus zentral ist, in Scrutons Buch aber gar nicht auftaucht, oder aber er verkennt die produktive Potenz eines zentralen Werkes wie „Die Dialektik der Aufklärung“ auch für die Rechte.

Vielleicht ist all das auch nicht überraschend für einen Autor, der meint, „daß nämlich nicht die Macht, sondern die Liebe die Welt bewegt“ und der den „Kapitalismus“ für die ultimo ratio hält und offensichtlich kein Sensorium für die Beschreibung der kapitalistischen Epoche als „Anthropozän“, also als erdgeschichtlich bedeutsames Zeitalter im Hinblick auf die Natur, hat.

Bei aller Kritik gibt es natürlich auch einen positiven Ertrag und den wiederholt Scruton viele Male. Er findet ihn bei allen behandelten Vertretern – trotz ganz differenzierter Ansätze – kranken sie alle an den selben Symptomen: die Linke wolle den Kantischen Imperativ umkehren und eine „Welt der Zwecke“ errichten; es wird ihnen Absolution erteilt, wenn sie die Verbrechen des Kommunismus relativieren, womit kein Rechter rechnen darf; die Theoretiker setzten (marxistische) Begriffe, die oft leer seien (Kapitalismus, Bourgeois, Produktionsverhältnisse, Ideologie etc.); das erste Zielobjekt ihrer Vereinnahmung sei stets die Sprache; die materiellen Verhältnisse der Theoretiker widersprächen notorisch ihrem Gegenstand; ihre Anziehungskraft resultiere nicht aus dem Intellekt, sondern aus den Emotionen; das rationale Argument werde erst durch Verhandlung und dann durch Zwang ersetzt und dergleichen – das sind die Konklusionen Scrutons und sie stehen da meist zu recht.

Und dann gibt es auch wahre Erhellungsmomente – bei mir zumindest, beim unbedarften Leser –, etwa wenn er verdeutlicht, daß die wahren Erben linken Denkens die sogenannten Verschwörungstheoretiker sind, die von „irgendeinem herrschenden Akteur“ ausgehen, oder wenn er erklärt, daß linkes Denken stets Zerstörungswerk sei. Fast alle Zentralbegriffe der linken Theorie sind Spaltbegriffe, von Bourgeoisie, Proletariat, Klasse, Entfremdung bis hin zum Anderen (Levinas) und zur Differenz. Hingegen: „Nation, Recht, Glaube, Tradition, Souveränität – all diese Begriffe bezeichnen etwas Verbindendes.“ Die Aufgabe der Rechten sei es, ein flexibles, bewahrendes konservatives Denken dem Mainstream entgegen zu setzen. Diesen Gedanken entwickelt er in seinem Schlußwort, dem stärksten Teil des Buches, dort also, wo die „Narren, Schwindler und Unruhestifter“ nicht mehr Thema sind, dort, wo er sein eigenes Zerstörungswerk beendet hat.

Das Schlußkapitel rechtfertigt den Kauf des Buches!

Quelle: Roger Scruton: Narren, Schwindler, Unruhestifter. Linke Denker des 20. Jahrhunderts. FinanzBuch Verlag 2021. 410 Seiten. 25 €. Lesezeit: ca. 20 Stunden

Narren, Schwindler, Unruhestifter

PS: Und noch etwas stimmt hier nicht. Immer wieder stieß ich auf neblige Stellen, die nicht recht klar werden wollten. Irgendwann – besonders beim poststrukturalistischen und etwas abstrakteren Mittelteil – kam mir der Verdacht, daß es an der Übersetzung[4] liegen könnte – siehe auch das Eingangszitat. Dabei meine ich nicht mal solche Fehler wie die falsche Übersetzung von „Différence et répétition“ mit „Unterschied und Wiederholung“.
Es sind Stellen wie diese: „Die linke Begeisterung, die in den 1960er Jahren durch die Bildungseinrichtungen fegte, war eine der wirkmächtigsten intellektuellen Revolutionen der jüngeren Geschichte und wurde von ihren Anhängern in einem Maße unterstützt, wie es selten zuvor während einer politischen Revolution der Fall war.“ (229)
Das Original lautet; „The left-wing enthusiasm that swept through institutions of learning in the 1960s was one of the most efficacious intellectual revolutions in recent history, and commanded a support among those affected by it that has seldom been matched by any revolution the world of politics” – es ist von “verlangen”, “fordern” die Rede und nicht von “unterstützen” und auch die “Anhänger” sind im Original eher “die Betroffenen“.
Oder: “Der jubelnde Ton, den man auch als ein Zeichen von Geisteskrankheit interpretieren könnte, zeugt von der totalen Zuversicht über die bevorstehende Offenbarung, und so erinnert das Ganze an entzückende Fesseln, die unter einer Burka hervorblitzen“. (265)
Das Original lautet: „The exultant tone, which one might read as a sign of mental disorder, shows total confidence in the revelation, displayed like a tantalizing ankle beneath a burqa.” – “ankle” wird hier mit “Fessel” übersetzt, poetisch zwar, aber irreführend; wohl ein typischer Nachschlaglapsus.
Oder: “Was ist die Alternative? Und wie kann eine Politik aussehen, die diese respektiert und unterstützt? Mir scheint, daß es drei Ideen gibt, die die Grundlage jeder substantiellen Antwort auf die Argumentation sein müssen, die ich in diesem Buch untersucht habe: die bürgerliche Gesellschaft, die Institutionen und die Persönlichkeit.“ (387)
Das Original lautet: „What is the alternative, and how do we frame a politics that respects and applies it? Three ideas, it seems to me, are fundamental to any substantial answer to the arguments I have examined in this book: civil society, institutions and personality.” – “civil society” wird mit “bürgerliche Gesellschaft” übersetzt; passender wäre wohl “Zivilgesellschaft” … und diese Übersetzung zieht sich durch das gesamte Buch.
 
[1] Deutsche Übersetzung: „Unser Anliegen als politische Wesen sollte sein, die Mächte, die die Gesellschaft zusammenhalten, nicht zu zerstören, sondern ihre Wirkung zu mäßigen. Wir sollten keine Welt ohne Macht anstreben, sondern eine, in der die Macht auf Konsens beruht und in der Konflikte aufgrund einer gemeinschaftlichen Vorstellung von Gerechtigkeit gelöst werden.“
[2] Althusser – Autor „bahnbrechender“ Marx-Studien, bekannte in seinen autobiographischen Schriften posthum, daß er selbst Marx nur sehr kursorisch kannte, von der Geschichte der Philosophie ganz zu schweigen.
[3] Das Lacan-Kapitel stimmt im Wesentlichen mit meinen Lektüreerfahrungen überein.
[4] Übersetzt hat das Werk Krisztina Koenen. Sie ist gebürtige Ungarin und auch wenn ihr Deutsch hervorragend ist, so ist sie wohl doch keine Muttersprachlerin. Englisch aber – das glauben viele Menschen nicht – ist eine der am schwersten zu übersetzenden Sprachen. Der enorme Reichtum an Vokabular und idiomatischen Wendungen ist nur eine Ursache. Vieles, was man als Fremdsprachler intuitiv sehr wohl verstehen kann, ist enorm schwer adäquat ins Deutsche zu übersetzen. Koenen hatte etwa auch Ryszard Legutkos „Der Dämon der Demokratie“ übersetzt und dieses Buch wird hier wegen seiner klaren Sprache hervorgehoben – allerdings übersetzte sie wohl aus dem Polnischen!

3 Gedanken zu “Alles Narren und Schwindler?

  1. JJA schreibt:

    Habe heute zufällig eine Besprechung des Buches in der Tagespost gelesen und musste sofort an Sie denken: Eine solche Generalabrechnung, das kann ihm nicht gefallen. Ein Nachsatz zu Foucault: Ich kenne ihn nicht, und ja, das ist allein schon wegen seiner enormen Rezeption eine Bildungslücke. Seine Analyse der Verwicklung von Macht und Sexualität wird auch von Leuten gepriesen, die die Institution der Ehe nicht zerstören wollen. Aber ist nicht sein Sterben tatsächlich eine Art performative Widerlegung zumindest von „Wahnsinn und Gesellschaft“, eine Art negatives Martyrium? Mich erinnern die Fetzen, die ich von ihm vorgelegt bekam – das Gesundheitssystem als Instrument von Unterdrückung etc – immer an den harten Kern der Querdenker. Natürlich: Wie es zynisch ist, dem ITS-Patienten die Schuld an seiner Misere zu geben („selbst schuld – bist ja ungeimpft“), so verbieten sich solche Kommentare in Bezug auf Foucault. Und dennoch: Sein Sterben zeigt, dass er „an der Sache vorbei“ redet, das Kennzeichen von Ideologie. Oder?

    Also: Wie von Foucaults Tod reden? Und was von ihm lesen, was lohnt?

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Wie sollte man denn « Différence et répétition » richtig übersetzen?

    „was nicht heißen soll, daß auch besagte Autoren unlautere Mittel nutzten. Sie unterscheiden sich damit kaum von den meisten anderen, Scruton inbegriffen.“ – Sie meinten wohl „was nicht heißen soll, daß nicht auch besagte Autoren unlautere Mittel nutzten. […]“, oder?

    Scrutons Aversion gegenüber kontinentalen Denkern kann ich gut verstehen. Vergleichen Sie nur als Beispiel einmal Hume mit Kant, welch letzter nun sicher nicht der schlimmste der Gilde ist. Manche wollen verstanden werden, andere wollen durch den Anschein von Tiefsinn beeindrucken, der mittels Schwerverständlichkeit, ja sogar Absurdität leider bei vielen so leicht zu schaffen ist.

    ――――――――

    Das Schlimmste am utopischem Denken ist wohl es antreibende Wunsch nach Erlösung von allen Übeln aus einem Punkt, sozusagen an die säkulare ἀποκατάστασις πάντων , dessetwegen alle Kröten der Unlogik und des Irrealismus gerne geschluckt werde. Schauen Sie sich dazu etwa heute den tiefen Hass der Genderverrückten gegen die Biologie an, dahinter steckt offenbar die Furcht vor der Falsifikation und dadurch böswilligen Verhinderung der eigenen Wunschträume, etwa so wie den Zeugen Jehovas, mit denen man diskutiert, oft am Gesichtsausdruck abzulesen ist, dass sie den Untergang der Welt schon allein durch den ausgesprochenen Unglauben befürchten. (Bei den bestallten Gender-„Wissenschaftlern“ kommt darüber hinaus die korporatistische Verteidigung des eigenen Reviers gegen die immer weitere Kreise ziehenden exakten Wissenschaften hinzu.)

    Unsere Gegenwart ist wohl allein durch einen religionswissenschaftlich geschulten Blick auf gewisse Massenideologien der „hoffnungsvollen Toren“ – oder umgekehrt der panischen – recht zu verstehen.

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    • Das Buch ist unter dem Titel „Differenz und Wiederholung“ zu einem Klassiker geworden und hat auch mich seinerzeit sehr beeindruckt, Übersetzt wurde es von Joseph Vogl, der mittlerweile ein Star ist, auch in konservativen Kreisen, der aber von Deleuze herkommt. Die „Differenz“ ist wichtig als Epochen- und Programmbegriff – deshalb ist „Unterscheidung“ ein Fehler. Neben „Logik des Sinns“ und Deleuze Nietzsche-Buch war es das bedeutendste dieses Denkers. Hingegen konnte ich den Anti-Ödipus in mehrfachen Anläufen nicht durchdringen.
      https://ibb.co/71CPrrf

      Die analytische Philosophie kennt freilich ebenfalls eine Reihe an Autoren, die zu lesen an die Bemühungen des jungen Törleß erinnern.

      @ JJA

      Sicher kann man Foucaults Ende sinnbildlich lesen und auch einen joke daraus machen, aber es hat mit seinem Denken oder dessen Widerlegung wenig zu tun. Vor allem aber ist es bei Scruton eine Selbstunterbietung, die er sich hätte sparen können ohne einen Verlust.

      Rezension bei Tagespost habe ich nicht gefunden. Stattdessen heute in der „Sezession“ die schriftliche Besprechung Kositzas gelesen, die dann doch differenzierter ist.

      Ob man die Wissenslücke Foucault heute noch schließen muß, weiß ich nicht. Um ihn kennenzulernen kann jede der großen Schriften dienen. Stilistisch und in der Denkart hat man ihn dann zumindest, auch wenn es natürlich Denkphasen gibt. Für mich war eher eine kleine Schrift wichtig: „Raymond Roussel“ und auch „Mikrophysik der Macht“. Aufschlußreich auch: Paul Veyne: Foucault. Revolutionierung der Geschichte.

      Heute würde ich freilich lieber Hans Blumenberg lesen.

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