Wie man leben und schreiben soll

Sándor Márai: Das Kräuterbuch III

Wie man leben und schreiben soll

Jeder Weise, dessen Gedanken mir kennenzulernen glückte, hatte gelehrt, daß man so leben und schreiben solle, als wäre jede unserer Taten die letzte im Leben, als ob nach jedem geschriebenen Satz der Tod einen Punkt machte. Nur das Bewußtsein des Todes, ohne Furcht und grundlose Feigheit, könne unserem Leben und Schreiben eine wahre Haltung verleihen.

Fatalistisch muß man leben und schreiben, also ruhig, sehr aufmerksam, mit gleicher Intensität auf die Welt und auf uns selbst achtend, auf unsere Sinne und auf unsere Leidenschaften, auf der Menschen Absichten und auf unsere wahren Beziehungen zum Universum. Das ist hinsichtlich des Menschen die einzig würdige Haltung: mehr verlangt Gott nicht von uns. Und es gibt keine größere Sünde und keinen eitleren Versuch, als mehr oder anderes zu wollen, als Gott von uns will.

© Übersetzung: Seidwalk

3 Gedanken zu “Wie man leben und schreiben soll

    • Ja, faszinierende Geschichte, Irgendwo hatte ich ja schon mal darüber geschrieben, daß die Ungarn durch eine überragende technisch-mathematische Intelligenz glänzen und die Ursachen sind sicher vielfältig. Selber vertrat ich die These, daß es mit der Sprache zusammenhängen müsse. Nun also das hier: „They speak an exceptionally simple and logical language which has not the slightest connection with the language of their neighbour.“

      Das mit dem „simple“ ist sicher erklärungsbedürftig, „logical“ ja. Möglicherweise kann man das Baukastensystem als „simple“ – der Sache nach, dem Wirkprinzip nach – bezeichnen, aber da es gigantisch ist und europäischer Logik widerspricht, ist es eben doch schwer zu lernen, jedenfalls kaum bis zur Perfektion. Jedenfalls ist die Sprache sehr technisch, wenn man so will.

      As Marx explains, “an obvious explanation of the myth of the Martians may be their strange language: its grammar and vocabulary are quite distinct from those of the Indo-European languages”.

      Márai als Kulturmensch – das dürfte allerdings eher der Budapester Atmosphäre, der Hochkultur des ehemaligen Vielvölkerstaates und seinem deutschsprachigen Umfeld zuzuschreiben sein.

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      • Michael B. schreibt:

        Márai als Kulturmensch – das dürfte allerdings eher der Budapester Atmosphäre, […]

        Kein Unterschied zu diesen Leuten („von Kármán, Kemeny, von Neumann, Szilard, Teller, and Wigner were born in the same quarter of Budapest“)! Gab es uebrigens auch in Polen, auf einem der Bilder unter dem Link ist Ulam zu sehen, ein Mathematiker aus einer ganzen Gruppe erstklassiger Leute und ebenfalls Jude.

        Alles verschiedene Teile eines Ganzen einer extrem foerderlichen Umgebung fuer Intellekt verschiedener Art. Seien es die extrem bildungsaffine buergerlich-juedische Herkunft dieser Wissenschaftler, sei es die Abendsonne des versunkenen Grossreichs fuer den Schriftsteller. Oder im Ende eher einem unentwirrbaren Knaeuel an Einfluss dieser und vieler anderer Dinge auf alle zusammen. Das Gesamtniveau ist der Punkt und damit wieder der jaemmerliche Zustand heute…

        Zur ungarischen Sprache: Ich beherrsche ja nichts davon, die Ironie dieser Leute ist mir dafuer ziemlich gelaeufig. Insofern sind ihre eigenen Erklaerungen dazu m.E. sicher nicht ganz buchstaeblich zu lesen.

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