Die Maske der Politiker

Wir sind bei jemandem zu Besuch, der Fernseher läuft, Wahlfieber. Da ruft meine Frau: „Komm mal schnell rein! Ist das nicht…?“

In der Tat, das muß sie sein. Die Physiognomie läßt keinen Zweifel und auch der Vorname stimmt, die Stimme, alles. Sie ist es – und sie ist es doch wieder nicht!

Wir kennen sie aus Studienzeiten, das war in den Jahren der Wende und seither habe ich sie nicht wieder gesehen. Daß ausgerechnet sie eine politische Karriere machen würde, das hätte wohl niemand ahnen können.

Jetzt aber steht sie als Politikerin vor der Kamera, ein großes Tier in ihrer Partei. Kein ganz großes, vermutlich nur den Menschen in ihrem Bundesland bekannt, aber dort immerhin Vorsitzende und eine der stellvertretenden Vorsitzenden der Gesamtpartei.

Sie hat einen Wikipedia-Eintrag und wenn man ihren Namen in Google eintippt, dann wird einem gleich „Ehemann“ und „Dienstwagen“ angeboten – das Interesse der Leser erzwingt dies wohl.

Sie ist es also, aber sie wirkt seltsam fremd. Das machen nicht nur die dreißig Jahre, das macht vor allem die Art und Weise, wie sie spricht. Sie antwortet auf vorhersehbare Fragen wie ein Automat. Ihre Antworten sind nichtssagend, ausweichend, aus abgegriffenen Kommunikationsbausteinen zusammengesetzt. Was sie sagt, ist Gerede, politischer Talkton und kaum von Beiträgen anderer Politiker aus allen anderen Parteien – nicht inhaltlich, aber linguistisch, habituell – zu unterscheiden. Sie trägt jetzt auch eine Art Sakko, das die Frauen so männlich macht, breitere Schultern verleiht, die Brust verdeckt – und uniformiert. Das trägt sie nicht immer, wie das Internet beweist, aber wohl immer öfter.

Das lebhafte junge Mädchen, das ich damals kannte, das den Mund aufriß, auch mal derb sein konnte, Emotionen zeigte, trotz eines nordischen Wesens … das ist weg. Klar, das Leben! Das zieht Spuren und es lehrt auch Demut.

Aber das hier, das ist Maske. Das ist Rolle. Das ist nicht echt.

Und so geht es einem doch bei vielen, bei fast allen Politikern dieses Landes. Man spürt, daß man es nicht mit dem Mensch zu tun hat, mit dem Charakter. Die Wörter werden künstlich betont, die Sätze folgen einer einstudierten Choreographie, das Lächeln ist eingefroren … sie haben sich ihre Erscheinung von anderen Politikern abgeschaut und imitieren es – bewußt oder unbewußt. Selten, daß man noch einen „Typ“ sieht, jemanden, von dem man annehmen kann, daß er das ist, was hier zu sein vorgibt, einer oder eine, die aus ihrem innersten Wesen heraus spricht und auch mal Erwartungen und Konventionen bricht.

In diesem Fall weiß ich es eben aus Erfahrung: Das ist nicht der Mensch, der da steht, sondern das ist eine Puppe.

Wer fällt einem überhaupt ein, wenn man nach wirklich authentischen Politikern sucht? Ganz gleich, welcher Partei.

Ein Gedanke zu “Die Maske der Politiker

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Das liegt auch an den Wählern. Politiker sind Spezialisten zur Machterringung und sie scheitern, wenn sie einem Teil der potentiellen Wählerschaft zu sehr auf die Zehen treten, denn die Wähler sind so geil auf den Skandal wie die Presse und verzeihen nicht. Deshalb der öffentliche Auftritt auf der mittleren Spur des Nichtssagens.

    Als Kurt Beck diesem sich beklagenden Arbeitslosen sagte, er solle sich die Haare schneiden lassen, dann würde er schon eingestellt werden, hat er wohl faktisch recht gehabt, trotzdem wurde es zum Skandal, denn „so etwas kann man doch einem Arbeitslosen nicht sagen!“

    Im Freundeskreis habe ich bemerkt, mit welch unbändigem Hass von Roland Koch noch Jahre später gesprochen wurde, nachdem er nach dem Spendenskandal den Schnitzer begangen hatte, von „brutalstmöglicher Aufklärung“ zu reden. Sicher, er hat damit seine reine Marketing-Haltung in Bezug auf die Aufklärung allzu deutlich erkennen lassen, aber welcher einigermaßen aufmerksame Beobachter würde von einem Politiker denn eine andere erwarten? Operieren in parlamentarischen Untersuchungen die Beteiligten denn nicht immer partei- und koalitionstreu und alles andere als aufklärungsbemüht? War Koch nicht im Grunde zumindest dieses eine Mal wirklich ehrlich? Mein Einwand wurde empört abgewiesen, man war fest im Hass etabliert.

    Wer hat geglaubt, dass Jenninger mit seiner rhetorisch etwas verunglückten Gedenkrede wirklich den Nationalsozialismus hätte rechtfertigen wollen? Trotzdem musste er auf der Stelle zurücktreten, weil er das tabubewehrte und nicht mehr rational zu behandelnde Thema unziemlich berührt hatte.

    Das Ergebnis auch solcher öffentlicher Reaktionen sind dann Sprechblasen-Politiker.

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