Das Problem mit der Briefwahl

Am Wochenende wird gewählt und dennoch ist die Wahl eigentlich schon fast entschieden, denn circa die Hälfte aller Stimmen sind bereits abgegeben – mittels Briefwahl.

Die massenhafte Briefwahl aber ist ein weiteres Symptom der schleichenden Erosion der Demokratie.

Sie ist selbstverständlich anfälliger für alle möglichen Formen der Manipulation und des Betruges.

Damit soll nicht gesagt sein, daß es das in bedeutendem Umfang in Deutschland gab oder gibt, aber es ist wahrscheinlicher als zuvor, allein schon deshalb, weil zwischen Stimmabgabe und Stimmzählung mehrere Schritte zwischengeschaltet sind und jeder einzelne ist betrugsanfällig. Das geht beim Kreuzchenmachen in der Wohnstube – also im unsichtbaren Privatbereich los –, etwa durch Druck oder Manipulation anderer Personen auf den Wähler, der vielleicht alt, unsicher, unwissend, der Sprache nicht mächtig, abhängig, devot[1], momentan unzurechnungsfähig usw. ist, nimmt die große Unsicherheit des Transportes durch dritte in Kauf und enthält auch in der längeren Aufbewahrung in irgendwelchen Behördenräumen ein Risiko, von der Auszählung ganz zu schweigen.

Darüber hinaus stellt die Briefwahl eine Entsakralisierung der Demokratie dar, deren heiligster und mystischster Moment die Parlamentswahl ist, denn dort wird unmittelbar über die nähere Zukunft entschieden, und zwar in einem Prozeß, der jedem – im Idealfall – seinen politischen Willen läßt, aber am Ende niemandes Willen realisiert.

Die Wahl sollte daher ein Feiertag sein, zumindest ein feierliches Element enthalten, sie sollte eine Weihe-Stimmung verbreiten, die den Wählern die Bedeutsamkeit des Aktes auch atmosphärisch vermittelt.

Es ist noch nicht lange her, da zog man sich den Sonntagsstaat an, Anzug, Schlips, Hut, hübsches Kleid, da ging man feierlich als Familie, aufrecht, stolz, den Stock oder Regenschirm schwingend zum Wahllokal, da wurde vielleicht irgendwo Blasmusik gespielt und nach dem Wahlakt aß man eine Roster, trank ein Bier am Stand oder ging in die Kneipe, um sich mit Andersdenkenden auszutauschen. Über dem ganzen Procedere lag eine Stimmung von Ehrfurcht, Hoffnung, Sorge, Erwartung. So etwas schafft Zusammenhalt auch bei gegenteiligen Vorstellungen, so etwas beseelt Demokratie!

Das Magicum der Direktwahl entspringt auch der feinen Dialektik von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Durch den Gang zum Wahllokal zeigt man sein politisches Interesse öffentlich an und signalisiert zugleich anderen, aber der Gang in die Kabine – der natürlich obligatorisch sein muß – macht uns im entscheidenden Moment unsichtbar und verleiht dem Wähler eine geheime Macht, die er unbedingt auskosten sollte. Hier steht er vollkommen allein, allein mit seiner Verantwortung, allein mit seinem Gewissen, allein mit seinem Gott.

Wie seelenlos hingegen ist die Briefwahl, die ganz sicher bald noch durch die Internetwahl – die noch anfälliger und noch seelenloser und arbiträrer ist – abgewechselt werden wird. Sie nimmt dem Akt der Wahl alles Würdevolle und Zeremonielle, sie macht die Wahl zu einer Nebensache, zu etwas noch-zu-Erledigendem, letztlich gar zu einer Bürde.

Sie sollte – im Sinne des vitalen demokratischen Lebens – nur jenen vorbehalten sein, die tatsächlich keine andere Möglichkeit haben. Das sind jene Deutschen, die im Ausland leben, das sind körperlich Verhinderte, also Kranke und Versehrte, und mehr fällt mir eigentlich nicht ein. Statt der 50% Briefwähler sollte diese Wahlform die 5%-Marke nicht übersteigen.

Also: Gehen Sie zur Wahl! Und gehen Sie standhaft, aufrecht, stolz – anständig!

[1] So gibt es z.B. Untersuchungen, daß Familienmitglieder in stark patriarchalisch geprägten Familien sich nicht der Entscheidung des Patriarchen widersetzen können. Eine Großfamilie mit potentieller Vielfalt stimmt dann unisono ab. Die individuelle Position ist nicht repräsentiert.

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