Aus der Zeit gefallen – Nadolny

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Nadolny, der Erzähler, fällt gleich mit der Tür ins Haus. Schon der Titel seines Romans – „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – ist programmatisch und sein erster Satz ringt alle Ambiguität nieder: „John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte.“ Stattdessen hielt er stundenlang das Seil und blickte durch die Aktivitäten der anderen Kinder hindurch in eine andere Zeitdimension.

Franklin ist eine historische Gestalt: Seemann, Soldat, Polarforscher, Entdecker, Gouverneur, Globetrotter … ein unglaublich volles Leben, Teilnehmer der Schlachten von Kopenhagen, Trafalgar und New Orleans, eine Biographie, wie es sie seinerzeit gar nicht so selten gab, wie es sie heute fast nicht mehr geben kann.

Die Entdeckung der Langsamkeit: Roman : Nadolny, Sten: Amazon.de: Bücher

© Piper

Nadolny hält sich an den verbürgten Lebenslauf, aber daß John Franklin langsam war, ein anderes Zeitempfinden besaß, ist ein fiktiver Eingriff, ein genialer Trick, wie sich herausstellen sollte, der dem Buch den Welterfolg bescherte. Es wurden bis heute zwei Millionen Exemplare verkauft, unvorstellbare Zahlen, sein Titel wurde zur festen Redewendung.

Die Idee, einen Freak, einen Sonderbegabten ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen, lag in der Luft. Nadolny sprang früh auf eine Zeitgeistwelle auf, die eine ganze Reihe von Weltbestsellern dieser Art hervorgebracht hatte – Patrick Süskinds „Parfüm“, Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ oder Peter Høegs „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ sind vielleicht die bekanntesten –, bevor das Sujet dann vom Trash und Laufbandroman geschluckt wurde. Allen diesen Autoren ist gemeinsam, daß sie unter dem Gewicht des Einmalerfolges zusammenbrachen und nie wieder etwas ähnlich Dauerhaftes schaffen konnten.

Franklins Sonderbegabung ist es nun, langsamer zu sein als seine Umwelt. Das gestattet ihm eine Art Radarblick. Zwar passieren die aktuellen Geschehnisse zumeist seine Wahrnehmung kaum, aber dahinter kann er Strukturen und Muster erkennen, die ihm – gibt man ihm einmal die Zeit – originelle Lösungen ermöglichen. So halten ihn seine Mitmenschen meist für einen Idioten, müssen seine Überlegenheit in bestimmten Situationen aber anerkennen. Während sich die Gruppe etwa im Wald verläuft und impulsiv immer wieder neue Fehlentscheidungen trifft, folgt sein Geist dem trägen Lauf der Gestirne und findet mit deren Hilfe den Ausweg. Seine Augen „halten jeden Eindruck eigentümlich lang fest. Seine scheinbare Begriffsstutzigkeit und Trägheit ist nichts anderes als eine übergroße Sorgfalt des Gehirns gegenüber Einzelheiten aller Art.“

Um sich den Schnellen anzupassen, entwickelt er ein eigenes Memoriersystem, das ihm immer mehr gestattet, formal korrekt zu reagieren. Diese seine Eigenheit wird zum entscheidenden Vorteil etwa im Kontakt mit Ureinwohnern Australiens oder Kanadas, die jene innere Ruhe noch besäßen.

Darin steckt natürlich eine mehr oder weniger subtile Kritik der Moderne und ihrer inneren Eile, der „fatalen Beschleunigung des Zeitalters“. Dort „versuchen die Tüchtigen ständig, das wenige von der Welt zu verändern, was sie kennen“, aber sie kennen eben wenig, weil sie zu schnell und zu tüchtig sind. Folgerichtig erlebt John Franklin auch die Stadt als beängstigend schnell und nun sind auch noch die Sekundenzeiger aufgekommen. Der Exaktheit hätte er sogar zugestimmt, wenn sie „mehr Ruhe und Gemessenheit“ hervorgebracht hätte, aber stattdessen „beobachtete er nur überall Zeitknappheit und Eile“.

„London dampfte. Der Zuwachs an Apparaten, Maschinen und Eisenkonstruktionen wurde täglich größer, man nannte es den Fortschritt. Viele wirkten an ihm mit, wenige hatten an ihm teil. Die meisten starrten ihn mit glänzenden Augen an und sagten bewundernd: Wahnsinn!“

Das Problem dieses Romans ist, daß diese Zeilen, nur zehn Jahre nach Jüngers „Zwille“, von einem seinerzeit 40-jährigen geschrieben, nun schon wohlfeil klingen. Zwar verbirgt sich hinter dem Gedanken, daß Konflikte stets auf zu großer Schnelligkeit basieren – „Er nahm als Beweis dafür, daß Frieden überall dort entstand, wo man nicht schnell, sondern langsam aufeinander zuging.“ – eine tiefgreifende Idee, aber sie wirkt hier schon abgestanden und etwas anbiederisch, hat einen Klang von New Age und Pop-Buddhismus: „Die Utopien seines Lebens waren wieder gegenwärtig: Kampf gegen unnötige Beschleunigung, sanfte, allmähliche Entdeckung der Welt und der Menschen.“

Der Eindruck wird vermutlich auch durch die inneren Widersprüche des Buches verstärkt. Viele Szenen und Details sind arbiträr, überflüssig und haben keine innere Notwendigkeit, sind mit dem Handlungsstrang nicht verbunden, auch wenn sie oft gewichtig und hintersinnig daherkommen.

Literatur, die sich nur an einer Handlung entlang hangelt, kann nie groß sein, auch wenn uns Verkaufszahlen und Feuilleton etwas anderes weismachen wollen.

Nadolnys Sprache spricht zwar viel von der Langsamkeit, enthält sie selbst aber nicht, bevorzugt das kurze, schnelle Statement und die kühle Information, und das liegt vermutlich am allgemeinen Niedergang der Kultur und Kunst. Das Buch ist zu schnell, aus Szenenfetzen zusammengesetzt, es will den Atem nehmen, Pageturner sein. Auch arbeitet Nadolnys  Franklin in Wahrheit ja – gegen alle Bekenntnisse – an der Beschleunigung der Welt. Sein wiederholter Versuch, gegen alle Widrigkeiten die Nordwestpassage zu finden, ist ein Dienst an der Globalisierung.

Der „subtilen Zivilisationskritik“, die die Kritiker ausmachten, fehlt der Charme der „subtilen Jagden“.

Ein Gedanke zu “Aus der Zeit gefallen – Nadolny

  1. Gute Zusammenfassung. Ich stimme zu. Noch etwas: die beschworene Langsamkeit hat letztlich zu dem Scheitern der Expedition (als Dienst an der Globalisierung) geführt. Als Begleitmusik sollte man sich ‚Lord Franklin‘ von Pentangle anhören.

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