Über das Ziel dieses Buches

Sándor Márai: Das Kräuterbuch I

Vermutlich war es ein Fehler – wie die Diskussion zuletzt zeigte -, Teile des „Füves Könyv“ in loser Reihenfolge zu bringen. Daher der neue Entschluß: das Buch wird hier sukzessive Seite für Seite übersetzt werden, erstmals in die deutsche Sprache. Im ersten Teil gibt Márai das Ziel seines Buches bekannt, er folgt unmittelbar der „Zueignung“ und wird wiederum von „Über den Wert des Lebens“ fortgesetzt. Findet jemand übersetzerische oder andere Mängel, so bitte ich, dies mitzuteilen.

Über das Ziel dieses Buches

Leser, dieses Buch möchte ehrlich sein. Es wurde von einem Manne geschrieben, dessen Wissen bescheiden und endlich ist. Nichts anderes will dieses Buch, wie all die unzähligen Bücher, die in lang vergangener und noch halb vergangener Zeit über das Schicksal der Menschen in der Welt sprechen wollten.

Es möchte einem Menschen erzählen, wie man wohnen, essen, trinken, schlafen, krank sein und gesund bleiben, lieben und sich langweilen, sich auf den Tod vorbereiten und mit dem Leben aussöhnen soll. Das ist nicht viel, denn der Mensch im Allgemeinen und der Autor des Buches im Besonderen weiß nur wenig über sich und die Welt. Aber als menschliche Aufgabe ist das ausreichend. Mehr können wir uns im Leben ohnehin nicht vornehmen.

Dieses Buch wird also ehrlich sein, Leser, und es wird demnach nicht über Ideen und Helden sprechen, sondern nur darüber, was den Menschen unmittelbar angeht. Sein Verfasser möchte nicht belehren, wenn er dieses Buch schreibt, sondern lernen.

Er will aus den Büchern lernen, die die Weisen und Eingeweihten vor seiner Zeit geschrieben haben, er will aus dem Leben der Menschen lernen, soweit ihm zu beobachten und zu verstehen gelang, aus den Zeichen des Lebens will er lernen, mithin aus dem Buchstaben, dem menschlichen Herzen, aus den Kräutern und den himmlischen Zeichen zugleich. Denn all dies zusammen formt das Schicksal des Menschen. Es ist kein wissenschaftliches Buch, nur so eines, wie man es in der Grundschule unterrichtet.

Der es schrieb, kennt nicht die unbedingte Wahrheit und irrt sich oft in den Details. Denn er ist ein Mensch. Aber er strebt nach der unbedingten Wahrheit, und er schämt sich nicht, wenn er im Detail irrt. Denn er ist ein Mensch. Solcherart wird also dieses Buch sein, wie die alten Kräuterbücher, die mit einfachen Beispielen auf die Frage antworten wollen, was zu tun sei, wenn jemandem das Herz schmerzt oder wenn er von Gott verlassen wurde.

Wer es besser weiß, der soll es besser sagen.

3 Gedanken zu “Über das Ziel dieses Buches

  1. Michael B. schreibt:

    Mir persoenlich faellt ein gewisses Pathos auf (zweiter Satz z.B.: „Manne“ statt „Mann“). Vielleicht ist das auch nur ein allgemeinerer Duktus, vielleicht ist es im Original angelegt (dazu fehlt mir jede Kenntnis von Ungarisch). Vielleicht ist es einfach nur Stilelement der Zeit und des Autors. Wenn es Marai nicht wirklich selbst eintraegt, wuerde ich darauf verzichten.

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    • Das Mann-e ist tatsächlich von mir. Ein schönes Beispiel dafür, wie auch Übersetzer immer den Klang eines Textes beeinflussen und das oft ohne Alternative. „Egy ember írta“ heißt der Text. „Ember“ ist nun sowohl der „Mann“ als auch der „Mensch“, aber der Text – ich habe mich hier mit einer Muttersprachlerin ausgetauscht – evoziert eher den Mann. Weiter unten wird „ember“ dann allerdings als „Mensch“ übersetzt – diese Bedeutungsänderungen muß man im Ungarischen mitunter kontextuell erahnen. Oft fehlt z.B. das Subjekt, es ergibt sich aus dem Kontext.

      Der Begriff ist aber komplex – es kann auch noch „man“ bedeuten – , ihm wird im großen Wörterbuch fast eine ganze Seite gewidmet. Diese etwas antikisierende Variante ist inbegriffen. Ich hielt sie nun gerade passend für Márais Duktus, der, wie schon mal geschrieben, einen leicht arroganten, distinguierten Ton pflegt, wie für er für späte Kulturmenschen nicht untypisch ist. Man findet massenhaft Parallelen etwa in der englischen Literatur, Hochsprache, der aristokratischen Welt. Márai ist Kulturaristokrat. Daher fand ich es angemessen, gegen den jetztzeitigen Sprachduktus diese Apartheit deutlich zu machen. Das ist sicher diskutabel. Ansonsten ist der Grundton tatsächlich etwas pathetisch, feierlich, lebenssatt …

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  2. Nordlicht schreibt:

    Schön. Bin gespannt.

    Ich schreibe seit mehr als 10 Jahren etwas, dass irgendwann den Arbeitstitel „28 Versuche, (m)eine Autobiographie zu schreiben“ bekommen hat. Es sollte vor dem Tode nicht nur fertig sein, sondern auch den Nachkommen aufgedrängt worden sein.

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