Faschismus-DNA – der Fall Bollnow

PDF: Faschismus DNA – Bollnow

Man kann nur spekulieren, was die Bollnow-Gesellschaft geritten hat, auf ihrer Jahrestagung Frau Dr. Bazinek zum Thema „Aufrechter Gang, aufrechte Haltung. Versuch einer Analyse von Bollnows Umgang mit Sprache“ referieren zu lassen. Der Vorfall scheint mir aber signifikant und lehrreich, da verallgemeinerbar – er ist ein gut verstecktes Beispiel für die allgemeine Vergiftung des geistigen und akademischen Gesprächs in unseren Zeiten.

Ein paar notwendige Zusammenhänge vorweg, private und allgemeine.

Bollnow begleitet mich seit mehr als 30 Jahren. Er gehört zu den bedeutenden Erweckungserlebnissen um die Wendezeit herum. Damals gab es einen Philosophieprofessor an unserer Hochschule, der sich der „bürgerlichen Philosophie“ widmete, und der machte mich auf Bollnow aufmerksam. Ich sollte ihn in einer größeren Arbeit natürlich widerlegen. Ein paar Monate später war das obsolet – nun konnte man Bollnow offen diskutieren. Sein „Das Wesen der Stimmungen“ war wohl der erste größere Leseeindruck. Zufälligerweise drückte mir eine Studentin der Innenarchitektur das grundlegende Werk „Mensch und Raum“ in die Hand. Auf Burg Giebichenstein galt das Buch als heimlicher Klassiker. Es folgten – über die Jahre verstreut – immer neue Vergewisserungen, daß ich in Bollnow einen habe, der mir Grund, Ruhe, Ernsthaftigkeit auch in aufgewühlten Zeiten – immerhin verschlang ich gerade alles, was französisch und postmodern war – schenkte. Seine Tugendlehre sprach – in all ihrer Behäbigkeit – in meiner Seele etwas sehr tief Ruhendes an.

Die Bollnow-Gesellschaft nun hat überaus verdienstvolle Arbeit geleistet. Auf einer schmucken und Bollnow ganz entsprechenden Webseite werden Leben und Werk vorgestellt, eine ganze Reihe von schwer zu findenden Texten und Artikeln Bollnows werden in einem PDF-Archiv der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt, man bestreitet alle paar Jahre Tagungen an historischen Stätten … aber das größte Schmuckstück ist die Studienausgabe der wesentlichsten Schriften des Philosophen und Pädagogen, zwölf schwere, schön anzusehende, gut gearbeitete und halbwegs bezahlbare Bände: Bollnows Erbe schien gesichert. Er würde nie ein Mainstream-Denker werden, aber sein Werk würde auf lange Zeit präsent sein.

Es gibt sogar eine kleine Bollnow-Schule, wenn man so sagen darf: ehemalige Schüler und ein paar Aficionados. Fast hat es etwas Religiöses, denn diese „Schule“ – dem Reiki vergleichbar – kennt eine klare Erbfolge. Sie geht über Bollnow auf Nohl und Misch zurück und diese wiederum waren Schüler Diltheys, des großen Dilthey und wenn man so will, dann kann man am Grunde Diltheys die Hermeneutik Schleiermachers noch ausmachen. Dilthey strahlt durch Bollnow hindurch und belebt noch immer Philosophie und Pädagogik, fast alle Bollnowianer sind auch Diltheyaner.   

Alles schien wunderbar geregelt – wenn da nicht der störende Fakt gewesen wäre, daß Bollnow das Pech hatte, Teile seines Lebens in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte verbracht zu haben. Mehr noch, Bollnow war nicht emigriert, hatte 1934 eine kompromittierende Schrift „Das neue Bild des Menschen und seine pädagogische Aufgabe“ abgefaßt, in der er – ganz ähnlich zu Heideggers „Rektoratsrede“, seinem anderen Lehrer – in die frühe nationalsozialistische Bewegung etwas hineinphantasierte, in ihr etwas erhoffte, was sich nie materialisieren, was sich vielmehr komplett pervertieren sollte. Außerdem hatte er „Zu Hitlers erstem Geburtstag als Reichskanzler am 20. April 1933 „eigenmächtig“ eine Reichsfahne (Schwarz-Weiß-Rot) und eine Hakenkreuz-Fahne besorgt und diese am Pädagogischen Seminar in Göttingen gehißt“, und natürlich wurde er NSDAP-Mitglied, auch wenn er es nicht zu den Mai-Mitgliedern schaffte. Pop-Philosoph Eilenberger – er hatte sich durch die Behauptung, die Handball-Nationalmannschaft sei zu weiß in die erste Reihe geschrieben – verstieg sich in seinem Bestseller „Zeit der Zauberer“ sogar zu der Aussage, Bollnow sei „in den Jahren nach 1933 zu einem der führenden Nazi-Philosophen“ aufgestiegen, eine ehrverletzende und rufschädigende Äußerung, die eigentlich den Juristen übereignet werden müßte.

Aber die Bollnow-Gesellschaft – bei der man natürlich weiß, daß Bollnow schon habituell ein stiller Gelehrter und kein Hetzer sein konnte – reagierte anders: Man ließ einen offiziellen Bericht, ein Gutachten anfertigen, ausgeführt von einem Dr. Kahl, das man hier seit Januar 2019 einsehen kann.

Kahls Erkenntnisse sind zwiespältig: eigentlich nicht so richtig, aber dann doch irgendwie … Er kam zu dem salomonischen Urteil, daß „eine philosophie- und ideologiegeschichtliche Untersuchung der Publikationen Bollnows in der NS-Zeit“ notwendig sei, „um eine mögliche Verwandtschaft zwischen Lebens- und Existenzphilosophie mit dem Nationalsozialismus eingehend zu untersuchen, sinnvollerweise im Rahmen akademischer Forschung und einer künftigen Dissertation oder einer Postdoc-Studie“.

All das – soweit darf man spekulieren – in einem Akt vorauseilenden Gehorsams, um in stark aufgeladener Zeit abzusehende Angriffe wenn schon nicht abwehren, sich so doch zumindest exkulpieren zu können: seht her, wir haben unsere Aufarbeitungspflicht getan.

Damit ließ man es nicht bewenden, man führte im März letzten Jahres auch eine Tagung „Otto Friedrich Bollnow und der Nationalsozialismus – Analyse und Kontext“ durch. Und hier kommt obige Frau Dr. Bazinek ins Spiel.

Nachdem man also das Gutachten verlesen und diskutiert hatte, sprach sie dort über „aufrechten Gang, aufrechte Haltung“, was fast einer Provokation gleichkommt, wenn man weiß, daß Bollnows Tugendlehre hochgradig aufrechte Haltung beinhaltet und voraussetzt.

Aber wer ist diese Frau? Viel ist der allwissenden Quelle nicht zu entnehmen, jedoch immerhin so viel, daß sie in Rouen lehrt, und zwar als Chercheur associé, ein Buch über Erziehungswissenschaften und Irrationalität steht auf ihrem Konto, wie fast alles – das sehr wenige – was sie geschrieben hat, auf Französisch. Und wer hat das Vorwort dazu geschrieben? Kein geringerer als Emmanuel Faye, und für alle, bei denen bei der Nennung dieses Namens nicht sofort die roten Lichter angehen, sei in Erinnerung gerufen, daß Faye der Verfasser des verheerenden Buches „Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ ist. Faye hatte sich damit an die Spitze der boomenden Heidegger-Industrie gesetzt, die von Victor Farias und Habermas 20 Jahre zuvor zum Laufen gebracht wurde. Seither wird Heidegger in der Öffentlichkeit kaum noch bedacht, sondern immer wieder nur neu denunziert[1].

Ansonsten erfahren wir über Dr. Bazinek, daß sie gerade über „Methodologische Zugänge zum Phänomen ,Nationalsozialismus‘“ forscht, als wissenschaftliche Hilfskraft gearbeitet hat, sich der Studentenarbeit widmet und sich als freiberufliche Forscherin versteht. Auf Youtube kann man sie einige Vorträge halten hören, mit starkem deutschem Akzent. Immerhin findet sich auch noch ein Gutachten der Uni Saarbrücken zu einem ihrer Texte, in dem die gutachtenden Herren Professoren der Dame respektive bescheinigen: „auch als eine bloße „Skizze“ einer Erkenntnistheorie ist das ziemlich dürftig“, bzw: „Dieses Programm beruht jedoch zu einem Teil auf einer Fehleinschätzung, zum anderen auf fehlender Berücksichtigung etablierter Ansichten und des Standes der kulturwissenschaftlichen Forschung zu den fraglichen Problemen. Konsequenz dieses Mangels ist, dass die kulturwissenschaftliche Praxis, die die Autorin zu überwinden vorschlägt, in dieser Form weder in der älteren noch in der jüngeren Vergangenheit existiert hat“. Und: es hätte einer „kritischeren Haltung“ bedurft, um Mißverständnisse „bei denen es sich um Mißverständnisse der Autorin, nicht der zitierten modernen Denker handelt zu vermeiden.“ Etc.

Doch damit nicht genug. Man kann annehmen, daß Bazineks Rede auf der Bollnow-Konferenz ein Surrogat ihres dreiteiligen Artikels gleichen Titels ist, den sie in den letzten Monaten im Internet abgelegt hat. Dort entblödet sie sich nicht, einzugestehen, daß sie Bollnow bis vor Kurzem nur dem Hörensagen nach kannte, man sie aber drei Monate vor Beginn der Konferenz um einen Beitrag bat[2] und sie sich nun mit Feuereifer in die Materie gestürzt habe. Immer wieder muß sie jedoch ihre mangelnde Kenntnis der Schriften Bollnows eingestehen – Sätze wie: „Innerhalb meiner bisher begrenzten Lektüren“ oder „mein Sensorium für die nationalsozialistische Methode der Textproduktion“ geben Zeugnis einer gewissen Inkompetenz.

Hätte man diese Zusammenhänge vor der Lektüre des Stückes gelesen, so hätte man sich diese auch sparen können, denn was Dr. Bazinek erforscht haben würde, war nun vorauszusehen. Und so kam es denn auch. Es geht schon damit los, daß sie Bollnow als „eine jener umstrittenen Figuren“ einführt, um dann in einem Wortschwall und mit „ziemlich dürftigen“ Argumentationen Bollnow an den Pranger zu stellen und zwar mit Moralwerkzeugen, die einer hypermodernen und überhitzten Denunziationspolitik, wie sie seit Jahren die Universitäten, Verlage, Medien und Individuen überschwemmt.

Wer das lesen will, kann das tun, ich greife nur ein paar Beispiele heraus. Nicht nur habe Bollnow sich – Heidegger vergleichbar – nicht entschuldigt, sondern er hatte auch weiterhin kontaminierte Autoren zitiert – wie Heidegger etwa –, und damit die NS-Lehre aktiv transportiert[3]. Mit allerlei linguistischem Hokuspokus[4] sollen „Strategien“ und „Konstrukte“ nachgewiesen werden, mit denen „diese Autoren“ vom Leser unbemerkt „die NS-Lehre verbreiten“, denn es gehe Bollnow „nicht um intellektuelle Auseinandersetzung, sondern darum, eine Lehre durch Sprachgestaltung einzuflößen“. Nebenbei wird im Vorbeigang und im typisch raunenden Ton auch Bollnows Lehrer Nohl erledigt: „Es ist bezeichnend (Komma fehlt) daß Nohl seinen Vornamen Hermann Julius zugunsten der Form ,Herman‘ ablegte“.

Dann macht sich Bazinek ans Herzstück, an Bollnows zentrale Arbeiten „Das Wesen der Stimmungen“ (1941)  und „Mensch und Raum“ (von 1963!). In letzterem gibt es ein wunderschönes Kapitel über die Straße, den Weg und das Wandern. Bazinek kommt die rhetorische Frage in den Sinn: „Der dynamisierende Effekt dieses Textes kommt von der Bindung der Kraft an die Freiheit. Kann man dies für eine verblümte, fabelhafte Weise halten, eine militärische Invasion darzustellen?“ Auch die komplexen Überlegungen zum Haus und zum Heim kann die Autorin nur eindimensional lesen: „Dieses ,traute Heim‘ ist, obwohl es nicht im Raum sein soll, dennoch allem Anschein nach nichts anderes als die Landschaft. Wir stoßen hier auf den Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung.“, durch „geschickt konstruierte Aussagen“ wird „erzeugt und genährt“. Selbst „das Bett als Ort der Geborgenheit“ – alles im höheren Sinne Nazi! Und wenn man bei Bollnow nicht das Gewünschte findet, dann sucht man bei anderen solchen „Figuren“, bei Moeller van den Bruck oder bei Graf von Yorck etwa und stempelt mit deren – selbstverständlich großzügig „interpretierten“ Aussagen – dennoch Bollnow ab.

Schließlich die vernichtende Zusammenfassung: „Wir haben gesehen, daß Bollnow seinen Ansatz, den er programmatisch in Das neue Bild des Menschen 1934 vorgestellt hat, durchhält und mit Mensch und Raum eine spiritualistisch verbrämte Fassung des völkischen Lebensraumprojektes vorlegt.“ Oder: „So gelang es uns festzustellen, daß Bollnow sein theoretisches Projekt ungebrochen auch nach der Hitlerzeit fortgesetzt hat. Auch weiterhin vertrat er eine radikale Abkehr von Individuum, persönlicher Freiheit und Privatleben und eine Hinwendung der vollkommenen Einbindung des Einzelnen in eine Gemeinschaft, deren Aufgabe darin besteht, den ihr wesensmäßig zugehörigen Lebensraum zu finden, wenn nötig zu erobern und rein zu halten. Damit trifft er sich mit Heidegger, der genau diese Aufgabe in einer Übung des Wintersemesters 1933/34 lehrte.“

Der Text ist – zusammenfassend – ein hanebüchenes Machwerk einer Autorin mit offensichtlich sehr übersichtlichen Kenntnissen der Materie und denkerischen Fähigkeiten – die Saarbrückener Herren Professoren haben das vollkommen richtig erkannt.

Warum und wozu aber – noch einmal zurück zur Ausgangsfrage – hat sich die Bollnow-Gesellschaft just diese „Expertin“ geladen? Wenn man davon ausgeht, daß sich dort Schüler, Freunde und begeisterte Leser Bollnows in kleinem Kreis treffen, mit der Vorgabe, sein Werk und Wirken am Leben zu erhalten, warum holt man sich die Schlange ins Haus? Denn machen wir uns nichts vor: „Der Text ist ein Paradebeispiel jenes vernutzenden und suchenden Lesens, das die geistige Diskussion der letzten Jahre so bedauerlicherweise vergiftete … Frau Bazineks scheinbare Dekonstruktion zentraler philosophischer Texte ist nichts anderes, als den alles zerstörenden Faschismus-Code in die DNA des Lebenswerkes Bollnows einzuschleusen, um das Werk von innen heraus sich selbst zerstören zu lassen. Das kann schwerlich im Interesse einer Bollnow-Gesellschaft sein.“

Diese Zeilen schrieb ich einem leitenden Mitglied der Bollnow-Gesellschaft.

Man kann nur spekulieren. Ich vermute, der Vorgang lief wie folgt ab: Kurz nachdem man den zwölften Band der verdienstvollen Werkausgabe zustande gebracht hatte – ein wahrer Höhepunkt –, schwante es dem einen oder anderen, daß dieser Erfolg bald durch „Enthüllungen“ eifriger Studenten oder Hilfslehrkräfte gefährdet sein könnte. Die Presse würde schnell reagieren, der Ruf – und damit das Lebenswerk auch der Gesellschaft – wäre gefährdet. Tatsächlich hatte es 2010 nach der Veröffentlichung des vierten Bandes bereits einen Warnschuß gegeben – vielleicht war das der Auslöser? In einer kurzen Besprechung des Bandes in der FAZ, an sich sogar einer positiven Rezension durch Christian Geyer, wurde das Nazi-As schon mal gezeigt. Möglicherweise war auch Eilenbergers absolutes Diktum 2018 der Auslöser. 

Vielleicht hat man sich in der Gesellschaft selbst davon überzeugt, daß ein vorauseilend eingeholtes „unabhängiges Gutachten“ die kommenden Wellen glätten würde? Nur endete dieses Gutachten mit dem Fazit, daß „eine philosophie- und ideologiegeschichtliche Untersuchung der Publikationen Bollnows in der NS-Zeit … angebracht sei.“ Man war also in Zugzwang. Der Gutachter erwähnt selbst einen nicht genannten Doktoranden, der Bollnow kurz vor dessen Tode hart auf die Pelle rückte und im – wie ich finde – unverschämten Ton der durch historische Geworfenheit bislang Unschuldigen, aber immer Besserwissenden, impertinente „Stellungnahmen“ einforderte.

Also suchte man – das ist meine positive Spekulation – eine drittrangige Kraft, von der man in Alibifunktion die hard-core-Variante erwarten durfte und die dann auch entsprechend lieferte. Man hörte sie sich an, diskutierte brav und hoffte heimlich, daß damit der Kelch an Bollnow und der Gesellschaft vorübergehen solle, und selbst wenn nicht, dann könne man noch immer auf die ganz freiwillige und radikale „Aufarbeitung“ verweisen und sich selbst exkulpieren.

Die negative Spekulation hält es für möglich, daß man selbst in der Bollnow-Gesellschaft nicht mehr sicher ist, daß alles so gemeint war, wie es dort nun steht. Dies eingedenk, daß Bollnow ein konservativer Denker war und passionierte Bollnow-Leser mutmaßlich ebenfalls eher zu konservativen Positionen tendieren dürften.

In beiden Fällen hat man sich an Bollnow versündigt! Daß er Fehler begangen hat – geschenkt: aus „dürftiger Zeit“[5] geht niemand fehlerfrei hervor. Man darf und muß diese Fehler im Denken und in der Entscheidung aufzeigen und analysieren, aber man sollte dabei keinen apriorischen Vernichtungswillen aufbringen und man sollte historisch kontextualisieren. Historische Urteile sind nur aus den Zusammenhängen der Zeit heraus versteh- und bewertbar, nie aus den Normen anderer Zeiten!

Bollnow hatte in seinen Büchern sehr viel über Haltung in ihrer Vielfalt nachgedacht, ja, diese Überlegungen machen einen Großteil seines großartigen Werkes aus – just in dieser Frage eingeknickt zu sein, ist ein Armutszeugnis seiner Schüler. Mehr noch, die heutigen Geisterjäger scheinen nicht zu bemerken daß sie exakt das sind, was sie ihren historischen Opfern vorwerfen: willenlose oder vielleicht auch willige Protagonisten eines flüchtigen Zeitgeistes.

Man kann es auch mit Bollnow sagen, man kann „die Situation nicht rückwärts von dem her interpretieren, als was sich der Nationalsozialismus hinterher enthüllt hat. Man muß von dem ausgehen, als was er sich im Jahre 1933 zeigte. Und man muß verstehen, daß damals viele in gutem Glauben in ihm eine sittliche Erneuerung erhofften.“ Es gilt, „die an Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit der heutigen Generation, die Verhältnisse zu verstehen, die sie nicht erlitten hat“ zu begreifen.

[1] Siehe dazu: So geht Heidegger sowie: Hans Hauge: „Løgstrup, Heidegger og Nazismen“
[2] Konkret schreibt sie in einer Fußnote: „Dieser Text ist eine stark überarbeitete Fassung meines Beitrags zur Tagung der Otto Friedrich Bollnow-Gesellschaft „Otto Friedrich Bollnow und der Nationalsozialismus. Analyse und Kontext,“ die am 6. und 7. März 2020 in Tübingen stattgefunden hatte. Zur Vorgeschichte: Ich wurde im November 2019 durch Vermittlung von Sidonie Kellerer von Folker Metzger angefragt, ob ich an dieser Tagung teilnehmen könnte. Der Name Bollnows war mir seit dem Pädagogikstudium bekannt; seine problematische Beziehung zum Nationalsozialismus seit einer Tagung, die Werner Konitzer 2015 im Rahmen der Ausgabe der „NS-Ethiken“ organisiert hatte. Ein Abschlagen kam also trotz der relativ kurzen Vorbereitungszeit nicht in Frage. Das von Herrn Metzger übersandte Gutachten von Paul Kahl (vgl. Paul Kahl, Otto Friedrich Bollnow in der NS-Zeit, unveröffentlichtes Typoscript, Januar 2019), welches Bollnows persönliche Entwicklung relativ gut abdeckt, bestärkte diesen Entschluß, denn hier fand ich die nötigen Anknüpfungspunkte zu meiner seit 2009 schwerpunktmäßig verfolgten Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Weltanschauung.“
[3] „Nun zu meinem letzten Kriterium, der Stellungnahme zur Vernichtungslehre.[19] Diese Frage entscheidet letztlich über die philosophische Verantwortbarkeit von Bollnows Werk; über eine eventuelle Möglichkeit, ob man sein Werk, wenn auch kritisch, fruchtbar machen kann. Bollnow hat sich nach 1945 nicht von seinen hauptsächlichen Ideen und Einstellungen getrennt. Doch inwiefern hat er bewußt den Nationalsozialismus vertreten und nicht, wie er glauben machen wollte, lediglich in seiner Zeit gelebt? Innerhalb meiner bisher sehr begrenzten Lektüren fand ich keine ausdrücklichen Stellungnahmen, aber da Bollnow Autoren zitiert, die aktiv an dem Vernichtungsunternehmen des Nationalsozialismus teilnahmen, transportieren seine Schriften indirekt diese Lehre.“
[4] „Beispiel „Gegen(stan)d“: es geht darum, zwei Worte miteinander zu verschränken.
In einem Wort sind dann zwei wirklich verschiedene Worte zum Ausdruck gebracht, die sich im Gedächtnis des Lesers untrennbar verweben werden. Beispiel „Geschichte“: es geht darum, ein Stichwort – in diesem Falle das semantische Feld des „Ich“ – in andere Worte einzubauen, um entweder sein Vorkommen einfach zu erhöhen oder gar eine bestimmte Frequenz seines Vorkommens zu ermöglichen.
Bollnow verwendet in diesem Zusammenhang auch zur Verstärkung verschiedene Weisen der Alliteration, insbesondere bei den seltenen, aber bedeutungsstarken Erwähnungen des „Reichs“ (oft eingebaut in „Bereich“).
[5] Karl Löwith: Heidegger in dürftiger Zeit. Frankfurt 1953

2 Gedanken zu “Faschismus-DNA – der Fall Bollnow

  1. Zweifler schreibt:

    Dem Zeitgeist entsprechender Verrat am Eigenen, Verleugnung sogar Leugnung seiner selbst. Beauftragte Meuchelung des Vaters. Beauftragter Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Nun ist er da, der Tod. Er wird sein Tuch über die Gesellschaft und alle ihre sich verleugnenden Mitglieder legen. Er lacht, er hat´s leicht heutzutage.

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  2. Grand Nix schreibt:

    Der Autor schreibt über Otto F. Bollnow. Aber so recht schlau wird man als nicht linker, aber aufmerksamer Leser nicht.

    Was dieser deutsche Philosoph während der NS-Zeit so trieb, schrieb und bekennend zum Besten gab? Wer weiß das schon so genau? Man muss, wie jeder von uns, auf dürftige Quellen zurückgreifen und interpretieren.

    Hier folgender (nicht vollständige) Nachtrag zur Person, zum Wirken von Otto Friedrich Bollnow, während der NS-Zeit.

    Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten bekannte Otto Friedrich Bollnow sich zum neuen Regime.

    Am 11. November 1933 unterzeichnete Otto Friedrich Bollnow das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler.

    In einem Artikel Politische Wissenschaft und politische Universität plädierte Otto Friedrich Bollnow für eine „totale Universität“ im nationalsozialistischen Sinne.

    1934 veröffentlichte er Otto Friedrich Bollnow die Broschüre `Das neue Bild des Menschen und die pädagogische Aufgabe´, in der er sich zur „nationalsozialistischen Revolution“ bekannte.

    Ab 1933 gehörte Otto Friedrich Bollnow dem Kampfbund für deutsche Kultur und ab 1934 dem Nationalsozialistischen Lehrerbund an.

    Zum 1. Juni 1940 (nachdem Hitler einen Weltkrieg vom Zaun brach) wurde Bollnow Mitglied der NSDAP.

    Außerdem war Otto Friedrich Bollnow Mitglied der SA (Sturmabteilung). [Quelle: Wikipedia]

    Sollten diese Angaben nicht stimmen oder unvollständig sein, würde ich mich über eine ausführliche Antwort freuen.

    Dr. Paul Kahl (Erfurt):

    Otto Friedrich Bollnow in der NS-Zeit

    Erstellt im Auftrag der Otto Friedrich Bollnow-Gesellschaft im Januar 2019, leicht bearbeitet im April 2020

    Thesen zum Einstieg

     Die öffentliche Wahrnehmung des Wirkens von Otto Friedrich Bollnow in der NS-Zeit ist ambivalent; sie reicht von Wolfgang Eilenbergers jüngst erhobener und offensichtlich abwegiger Behauptung, Bollnow sei „ein führender Philosoph des Nationalsozialismus“ gewesen, bis zu der zuerst von Bollnow selbst lancierten Annahme, in Bollnow vielmehr einen Gegner und sogar ein Opfer des Nationalsozialismus zu sehen.

     Die historisch-biografischen Dokumente, die überliefert sind, sind in der Tat problematisch und lassen unterschiedliche Deutungen zu. Sie umfassen frühe Bekenntnisse Bollnows zu Hitler und zum Nationalsozialismus als Bewegung (1933/34), die echter Zustimmung entspringen (Briefe an Nohl). Die späteren Zugehörigkeiten zu SA (seit 1938/39) und NSDAP (seit 1940) könnten demgegenüber eher als Versuche einer taktischen Anpassung gewertet werden. Allerdings lässt sich ein möglicher Wandel der Auffassungen Bollnows während der NS-Zeit aufgrund der Quellenlage bislang nicht belegen.

     Zeitgenössische und nachträgliche Äußerungen – und zwar ebenso die von Bollnow selbst wie die von Dritten – müssen kontextualisiert werden. Beide Gruppen von Äußerungen weichen voneinander ab. Spätere Äußerungen, darunter vor allem die Bollnows selbst, sind nicht glaubwürdig. Sie haben den Charakter von Entlastungsversuchen, denen die Dokumente aus der Zeit vor 1945, besonders der Jahre 1933/34, entgegenstehen.

     Otto Friedrich Bollnow hat 1938/39 einen Lehrstuhl bekommen und während der gesamten NS Zeit publizieren können, und zwar ebenso Monografien wie Aufsätze in prominenten Publikationsorganen wie auch in Tageszeitungen. Dieser Befund muss, obgleich nicht neu, hervorgehoben werden. Bollnow hat sich immer wieder öffentlich zum Nationalsozialismus bekannt. Gleichwohl sind Bollnows Publikationen dieser Jahre zumeist ‚politikfern‘; aktiv ist er offenbar kaum hervorgetreten.

     In Schriften und sonstigen Äußerungen der Jahre vor 1945, besonders 1933/34, hat Bollnow – dies ist eine Arbeitshypothese – eine Verwandtschaft von Lebens- und Existenzphilosophie mit dem Nationalsozialismus angenommen. Die weitere Begründung oder ggf. Widerlegung dieser Arbeitshypothese erfordert eine Analyse der Schriften Bollnows dieser Jahre, sinnvollerweise im Rahmen einer künftigen Dissertation.

     Welche Äußerungen Bollnows demgegenüber Ausdruck von Kompromissen waren, und der Druck, dem er ausgesetzt war, lässt sich – dies ist ein typischer Umstand – nur ungenau rekonstruieren. Eine Rolle spielt dabei auch Bollnows signifikantes und konsequentes Beschweigen der NS-Zeit in den späteren Jahren („Lücke“ in den Erinnerungen).

     Es sind auch weiterhin unterschiedliche Akzentuierungen möglich. Ebendies – d.h. einen bruchstückhaften und ambivalenten Befund – offenzulegen, empfiehlt sich daher auch für die Gestaltung der Internetseite der Bollnow-Gesellschaft.

     Weitere umfassende Forschung ist nötig, und zwar ebenso biografische – darunter die Edition der Briefe Bollnows an Nohl (SUB Göttingen) – wie vor allem eine kritische Untersuchung der Publikationen Bollnows vor 1945.

    Seidwalk:
    Nee, ausführliche Antwort gibt es darauf nicht – Sie haben nicht aufmerksam genug gelesen und auch auch nicht schlau genug reagiert; immerhin haben sie fleißig „recherchiert“ mit dem Ziel der flotten Belehrung (nicht zum ersten Mal). Was Sie bringen, sind Äußerlichkeiten udn bekannte Tatsachen, eben das, was man kontextualisieren muß. Die Aussage des Textes geht in eine ganz andere Richtung. Lesen Sie die Schriften Bollnows n a c h 1945 und zeigen Sie uns dann, wo der Text falsch liegt und wo Frau Bazinek richtig.

    Grand Nix:
    Danke für die kenntnisreiche und ausgewogene Antwort.
    Grand Nix

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