Wahre Inklusion

In der Zeitschrift „Die Erziehung. Monatsschrift für den Zusammenhang von Kultur und Erziehung in Wissenschaft und Leben“, sechster Jahrgang, aus dem Jahre 1931 las ich dieser Tage einen Artikel über „Die Widersprüche im Charakter und ihre pädagogische Bedeutung“.

Es war ein Glücksfang, sämtliche Jahrgänge dieses theoretischen Schatzes für einen kleinen Preis zu ergattern. In ihr vereinigten sich vor allem zwei pädagogische Traditionen, zum einen die Reformpädagogik und zum anderen die der Dilthey-Schule und ihre Säulen waren die Größen der Zeit: Eduard Spranger, Theodor Litt, Herman Nohl und dessen Schüler Wilhelm Flitner, sowie Aloys Fischer. Man braucht die dicken Bände nur durchblättern, um zu erahnen, daß dieses Organ – neben so vielen anderen der damaligen Zeit, wie: „Die Tat“, „Der Kreis“, „Die Kolonne“, „Die Weltbühne“. „Arminius“, „Der Sturm“, „Maß und Wert“, „Die Sammlung“, „Das Wort“[1] u.v.a. – das Gros heutiger zyklischer Papierprodukte weit übersteigt.

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Allerdings nahm das Niveau nach der Machtergreifung sichtbar ab, einerseits, weil man sich einen Maulkorb auferlegen mußte, andererseits weil viele der Zuträger emigrierten oder verstummten und gleichwertiger Ersatz nicht zu bekommen war. Spranger wollte lange nicht aufgeben und führte das Blatt dann im Alleingang weiter, schmiß 1943 dann dennoch das Handtuch.

Aber nur für eine kurze Zeit, denn nach 1945 stieg das Projekt wie Phönix aus der Asche, unter Herman Nohls Leitung wurden die alten Kräfte erneut unter der Flagge „Die Sammlung. Zeitschrift für Kultur und Erziehung“ zusammengeführt, wenn auch die Diltheyaner in einem an sich offenen Projekt nun den Grundton bestimmten. Erst Nohls Tod 1960 beendete dieses verlegerische Ereignis, Flitner gründete danach die „Neue Sammlung“, aber das ist eine andere Geschichte.

Besagter Artikel stammt nun von Herman Nohl persönlich. Die Tragik seines Lebens war es, die besten Schaffensjahre durch den NS ausgebremst zu sehen und zudem sich ständig in praktischen pädagogischen Fragen zu verzetteln, obwohl er doch ein eminenter Kopf war. So blieb sein Werk recht übersichtlich, vieles ist in Periodika versteckt – wenn mich jemand um einen ultimativen Lesetipp fragte, dann würde ich antworten: „Die deutsche Bewegung. Vorlesungen und Aufsätze zur Geistesgeschichte 1770-1830“ muß man gelesen haben! Dort zeigt sich Nohl als brillanter Literaturwissenschaftler und als Philosoph, dem es gelingt, das „Wesen“ der „Goethezeit“ – für Nohl ist das die „Deutsche Bewegung“ – in ihrer Neuheit und Originalität faßbar, verstehbar und nachempfindbar zu machen.

Hier nun freilich tritt der Pädagoge Nohl auf.

Er konstatiert die einfache Tatsache der Widersprüchlichkeit des Charakters eines jeden Menschen, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Wie aber ist diese „menschenkundliche Einsicht“ zu erklären und wie geht man damit um? 

Diese Widersprüchlichkeit sei vollkommen natürlich, es sei auch „leicht zu zeigen, daß der Mensch von Beginn an gewiß keine innere Einheit hat, sondern mit einer Mannigfaltigkeit von Triebrichtungen auf die Welt kommt …“ Es sei nun Lebensaufgabe, diese „ursprüngliche Mannigfaltigkeit“ im Laufe eines Lebens, sozusagen als Biographie, in „eine geistige Einheit und Ordnung“ zu bringen. Man dürfe – das sind jetzt meine Worte – sich in der Wahrnehmung des anderen auch nicht von Momentanzuständen beirren lassen, sondern müsse versuchen, das bisherige Leben als Einheit und Entwicklung zu sehen und das, was gerade jetzt hervorsticht, als Ergebnis dieser Entwicklung. Zwar sei es durch die Entwicklung zu verstehen, aber nicht notwendigerweise, d.h., die Entwicklung mußte nicht zwangsläufigerweise zu diesem Zustand führen, der Mensch war potentiell frei, anders zu werden und anders zu handeln, aber daß er ist, wie er ist, und tat, was er tat, läßt sich aus dem Herkommen begreifbar machen.

Am Grund der Widersprüchlichkeit bzw. der „Polarität“ vermutet Nohl die „Erbschaften“, zuallererst das Erbe von Mutter und Vater. Das macht sich nicht nur optisch-physisch geltend, sondern auch im Charakter, insbesondere dann, wenn die Eltern ganz unterschiedliche Typen repräsentieren. Das gilt freilich auch umgekehrt: die Kinder sind den Eltern oftmals nicht mehr als „die eigenen“ erkenntlich, ihr Wesen und Verhalten sind den Eltern fremd und nicht zu erklären, weil sie meinen, diese Züge nie bewußt gefördert zu haben. Nohl spricht hier tatsächlich schon – 1929, als er den Text als Vortrag entwarf – von „Bastardisierung“ und nutzt also exakt den gleichen Terminus wie Sloterdijk 2014 in „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Er hält diese ausgeprägte Polarität noch für eine wesentliche Bedingung des „genialen Menschen“ und folgt hier Ernst Kretschmers Konstitutionslehre, die heute keine Anhänger mehr hat. Dieser sprach von einer „Keimfeindschaft“, wodurch nach Nohl „ein komplizierter seelischer Aufbau erwächst, in dem die Anteile aus zwei sich schroff widerstreitenden Erbmassen zeitlebens in polarer Gegenspannung stehen, die dann die innere Dynamik des Genialen bestimmen …“. Und die können sich aus ganz verschiedenen Bereichen speisen: „Verschiedene Temperamente, wie bei Goethe, oder verschiedene Stände, wie bei Bismarck, verschiedene Volksstämme, wie bei Beethoven, um die Talentlage zur Genielage zu steigern.“

Ein Leben ist immer „als ein historisches Produkt die Einheit von Heterogenem, ,Er-Innerung‘ von weither“. Dieses „eigentümliche Gesetz von der wesensmäßigen Polarität“ ist heraklitisch zu fassen, die Existenz eines Poles setzt das Vorhandensein des gegenteiligen Poles voraus. Die Pädagogik dürfe also nicht an diesen Widersprüchen verzweifeln – im Pädagogen lauern sie ebenso –, sondern „der Widerspruch, der uns fast unbegreiflich erscheine, müsse hingenommen werden.“ Die „Einheit des gerichteten Lebens“ entwickelt sich aus der „gleichzeitigen Spannung dieser beiden Polaritäten“. Wenn wir von jemandem bewundernd sagen: Er hat Charakter, dann ist die „syntehtische Gestaltung dieser Gegensätze zu der gefestigten zielvollen Einheit der optimalen Proportion unserer Kräfte“ gelungen. Es bedarf dazu einer „Selbsterziehung“ – erneut hört man das ferne Echo Sloterdijk – „aber die Vorbedingung einer solchen Selbsterziehung ist natürlich, daß man durch das Bewußtsein, so Widersprechendes in sich zu tragen, wirklich beunruhigt wird.“

Spätestens hier sollte deutlich geworden sein, daß wir uns tief im konservativen Denkspektrum bewegen, denn Nohl will seinem Leser den Menschen so darstellen, wie er ist – eben ein Widersprüchliches – und nicht, wie er zu sein hat. Wohl aber, wie er sein sollte – das ist die entscheidende Differenz! Es kommt diesem Konservatismus immer auf den gesunden, natürlichen, vernünftigen Ausgleich an, auf das heraklitische Ringen eben jener Kräfte, die sich als Polaritäten tatsächlich genetisch, genuin, generisch gegenüberstehen. Der daraus gewonnene Fortschritt ist als echter, als naturwüchsiger bedingungslos zu bejahen. Das „in sich tragen“, das Bewußtsein davon und das „sich davon beunruhigen lassen“ sind zwei Schalen einer um permanenten Ausgleich ringenden Waage – wohingegen Progressismus die „Beunruhigung“ maßlos überhöht und das Tragende weitgehend negiert. „Unser höheres positives Leben ist weithin das Resultat von Synthesen solcher Gegensätze. Unsere Existenz steht überall in der Schwingungsebene entgegengesetzter Richtungen, von denen jede uns, einseitig ergriffen und beherrschend in uns ‚in ein Chaos oder in eine tote Daseinsform brächte‘ (Jaspers)“.

Fortsetzung: Herman Nohl - PDF Free Download

Auch wenn Nohl in seiner Herleitung auf manche Theorie zurückgreift, die heute als Irrtum zu gelten hat, führt ihn sein an der „Deutschen Bewegung“ – das ist das gesamte nachkantische klassische Denken bis hin zu Heidegger und Dilthey – geschulter common sense zu nachvollziehbaren Ergebnissen. Nun muß er nur noch die pädagogischen Konsequenzen ziehen und hier wird die Differenz zum heutigen Zeitgeist erschreckend deutlich.

Zuerst ergibt sich aus der Selbsterziehung und der Selbsterkenntnis, aus „dem Selbsterleben des Konträren“ (Unamuno), die Fähigkeit und damit auch die Pflicht, das andere Individuum aus seinem Werden heraus zu verstehen und zu erkennen. So kann die Frau den Mann verstehen – und umgekehrt – weil sie „eben auch etwas vom Gegenpol ihrer Weiblichkeit in sich hat“. So hat der Pädagoge sich in einem langen selbstkritischen Üben dazu befähigt, den anderen nacherlebend zu verstehen. „Die Grundlage alles Verstehens ist das Erlebnis von den Abgründen des eigenen Daseins, dieses konträren Gegenspiels aller unserer Tugenden.“

Was Nohl hier anspricht, wird heutzutage unter den Begriffen „Inklusion“ und „Identitätspolitik“ verhandelt, aber auf einer – das wird hier wunderbar sichtbar – vollkommen pervertierten Basis, die schon den Sinn der Begriffe verdrehen läßt. Das Andere im anderen ist anzunehmen und eben nicht zu beseitigen. Inklusion, im eigentlichen Wortsinne, heißt nicht, den anderen in eine gekünstelte Gemeinschaft zu zwingen, in der Hoffnung, sein Anderssein dadurch verschwinden zu lassen – tatsächlich wird es noch betont –, sondern dieses Anderssein als reale Vielfalt anzunehmen und zu verstehen lernen. Mit diesem erweiterten Blick sieht man auch die intrinsische und überwältigende Vielfalt des natürlich gewachsenen und wer sich dieser, seiner eignen, Vielfalt erfreuen kann und ihr produktiv begegnen mag, der benötigt auch keine künstliche, gesuchte, gewaltsame äußere Bereicherung durch komplett Fremdes, durch Wesensfremdes, durch nicht genuin aus der eigenen Entwicklung Erwachsenes.

So auch die Identität. Während man heute immer stärker darauf orientiert, daß nur das Gleiche sich verstehen könne, daß etwa nur Schwarze über schwarze[2], Migranten über migrantische, Diverse über diverse etc. Probleme reden könnten, war Nohl noch der Auffassung, daß dem gesunden und gebildeten Menschen nichts Menschliches fremd sein kann, denn er ist in der Lage, sich genuin in den anderen einzufühlen und zwar, indem er einerseits den anderen zu verstehen lernt, aber andererseits auch sich selbst und damit das andere an seinem eigenen Wesensgrunde. Gleichheit stellt sich zuvörderst an diesem Grunde dar und kann nicht administrativ verordnet oder propagandistisch herbeigeredet werden.

Zweitens besitze „die Erziehung in dieser Polarität unserer Anlagen die Möglichkeit, in der Entwicklung des Individuums das Normale und das Konträre die Rollen tauschen zu lassen.“ Aus der Annahme der Polarität des Charakters ergibt sich die Bedeutung der Umwelt. Ein entartetes Kind ist in der Regel das Ergebnis des Zusammenspiels aus der charakterlichen Polarität mit der Umwelt und demzufolge kann eine positive Umwelt die positiven Charakterpole stärken, eine negative die negativen. Daher ist „die Grundlage der Arbeit das tapfere und geduldige Bejahen jedes Menschen“, das bewußte Unterstützen – durch Lob, Anerkennung, Ermutigung, Beistand – der positiven charakterlichen Eigenschaften. Der Mensch sei eben nicht – wie Rousseau unterstellte – von Natur aus gut (und auch nicht böse), sondern es gibt eine „ursprüngliche Totalität jedes Menschen, in dem zu jedem Laster auch sein contrarium schlummert.“[3] Zwang ist in der Regel kontraproduktiv, weil er nur den negativen Pol anspricht. Den Widerstand gegen den Zwang bezeichnet Nohl erhellend als „Ausweg der Freiheit des Kindes“ – „Es flüchtet in die Negation und ist mit Wonne schlecht, eben wie es in diesem Schlechtsein seine Freiheit genießt und es aus ihr rechtfertigt.“

Und sollten einmal alle Mittel versagen, dann empfiehlt Nohl abschließend den Humor, das Lachen, denn: „Das saubere Lachen ist eine Funktion des Thymos und geht immer mit dem Höheren im Menschen.“

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Wahre Schätze – „Die Erziehung“ und „Die Sammlung“
[1] Die letzten drei sind Exilzeitschriften.
[2] Bisheriger Tiefpunkt des identitätspolitischen und gemeinschaftszerstörerischen Wahnsinns war vielleicht die Weigerung der farbigen Bürgermeisterin von Chicago, „weißen“ Journalisten keine Interviews mehr zu geben. Es wird freilich auf dieser absteigenden Straße bald zu ganz anderen Konflikten kommen müssen.
[3] Diese Überzeugung – nebenbei bemerkt – machte Nohl – an anderer Stelle – auch zum Bewunderer Makarenkos, den man heutzutage leider fast nur noch als stalinistische Emanation interpretiert. Ob Nazismus- oder Stalinismus- oder sonstiger –Ismusvorwurf – dieses Schubladendenken ist immer geisttötend und eine Ressourcenverschwendung von biblischem Ausmaß. Die Politische Korrektheit ist vielleicht das größte Hemmnis für die globalen Konflikt- und Problemlösungen.

Ein Gedanke zu “Wahre Inklusion

  1. Michael B. schreibt:

    Das liest sich mir entschieden zu dualistisch. Zu verabsolutierend und einschraenkend in der Art der betrachteten Gegensaetze und im Umfang der Anwendung des Konzepts selbst. Zum Letzten, dem Umfang: Schon die Anzahl des Wortes „Pol“im Text unterstreicht das. Dazu kommen dann Kombinationen der widerstreitenden vaeterlichen/muetterlichen Dinge zu einer neuen Entitaet, die wiederum mit der Umwelt ein neues duales Paar abgibt, an dem man sich neu abarbeitet. Kann man machen, aber wozu?

    Zum Ersten: Konservativ vs. Progressiv (*) sind meines Erachtens nur ein Gegensatz unter Vielen. Zeitgebunden, die Polaritaet [sic] kann komplett wechseln. Hunderte oder Tausende von Jahren war Glauben konservativ. In meiner Gegenwart reibt sich Rationales am Irrationalen. Am neuen untheologischen Glauben. Kants aus Mutlosigkeit nicht benutzter Verstand (esoterische Glaubensformen mit voellig laecherlichen Klima- und Gesundheitsinhalten – progressiv!) an solchem in Anwendung. Letzterer existiert uebrigens auf der dunklen wie der hellen Seite, um einmal im Dualismus zu bleiben. Wobei die dunkle Variante das Irrationale bewusst erbruetet und in dieser Hinsicht nicht im Gegensatz zu ihm steht.

    So wechseln konservativ und progressiv komplett die Rollen, ohne dass es dem Widerspruch Abbruch tut. Deswegen sind sie m.E. nicht der Kern. Das ist der zwischen eigenstaendigem Denken und Glauben und dessen gefaehrlicheren Auswuechsen, speziell und ganz weit vorn dem Willen zur Unterwerfung.

    (*) Sie benutzen hier ja „Progressismus“, wollen also schon einen Unterschied zu einer unbekannt bleibenden Definition von wahrem „progressiv“ ziehen. Die muessten Sie dann aber auch bringen inklusive ihrer Abgrenzung zur verwendeten bedeutungsaendernden abwertenden Variante. Der Unterschied waere erhellend. Mindestens wuerde er die beiden Grundkonzepte in den Startloechern gleichwertig stellen.

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