Die großen Deutschen

Ach, wir leben doch in dürftigen Zeiten.

Gerade kam die DHL-Frau und legte stöhnend ein schweres Paket vor der Haustür ab. Darin alle fünf Bände der Reihe „Deutsche Biographie“ – man beachte die Einzahl! –, ursächlich von 1966, hier in der um einen Band erweiterten Ausgabe von 1977. Fünf stattliche Bände, noch immer schmuck im Schutzumschlag, ein ganz einzigartiges Kompendium, u.a. herausgegeben von Ex-Bundespräsident Theodor Heuss. Für zwanzig Euro kann man diese prächtige Ausgabe heutzutage bekommen – geschenkt, für mich ein Geschenk an mich selbst, eine Art Lexikon deutscher Geistes- und Schaffensgröße, in der jedem herausragenden Vorfahren zehn bis 30 Seiten gewidmet sind, also nichts husch-husch, aber eben auch kein Wochenlesewerk.  

Sie stehen jetzt ganz auffällig im Eingangsbereich, damit gleicher jeder Neuankömmling sieht, wie hier die Fahnen hängen.

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Dabei ging es mir eigentlich nur um drei Artikel, jene, die Herman Nohl verfaßt hatte – Pestalozzi, Schleiermacher, Dilthey – denn sie sind andernorts nicht aufzufinden. Und dann blättere ich verzückt die Bände durch und lese Namen wie Dolf Sternberger, Hans Sedlmayer, Ernst Benz, Emil Staiger, Wolfgang Schadewaldt, Golo Mann, Theodor Heuss, Werner Bergengruen, Alois Dempf, Gertrud von le Fort, Max Rychner, Hans Lilje, Karl Löwith, Marget Boveri, Eugen Diesel, Richard Alewyn, Friedrich Sieburg, Ina Seidel, Hans Freyer, Theodor Adorno … und ich breche hier die Liste nur ab.

Aber aufgepaßt: das waren nicht „Die großen Deutschen“, sondern bloß die jeweiligen Autoren! Man könnte die Serie also auch „Große Deutsche über große Deutsche“ nennen.

Sieht man schon, worauf ich hinaus will? Waren das nicht noch selige Zeiten? Als ein Adorno oder Sternberger, als ein Löwith oder Heuss – alles linke oder liberale Köpfe, einige jüdische Koryphäen darunter – sich noch keine Gedanken darüber machten, ob sie mit „Rechten“, „Nazis“ oder „Demokratiefeinden“ auf einem Blatt Papier stehen. Und aus heutiger Sicht sind Sedlmayer – dessen „Verlust der Mitte“ ein konservativer Klassiker ist – oder Hans Freyer – Wiki gleich ganz oben: „galt als überzeugter Nationalsozialist“ – oder Sieburg (über Stefan George!) oder Bergengruen etc. alles fast Unberührbare geworden. Würde man sie heute zu einer Talkrunde laden, dann … würden sie aus Anstand und ästhetischem Gespür vermutlich absagen; aber sagten sie zu, dann gäbe es garantiert die eine oder andere Tussi, den einen oder anderen Haltungszeigenden, der sich distanzieren würde, vielleicht auch ablehnen.

Die Großen Deutschen. Neue Deutsche Biographie. Vier Bände von Andreas,  Willy; Scholz, Wilhelm von: Sehr gut OLeinen mit SU (1935) | vanThule books

Der Vorläufer von 1935 – das Titelbild erklärt die Einzahl

Selbst zu Herman Nohl wird heute fast nur noch unter dem Vorzeichen der „historischen Schuld“geforscht“ – was im Übrigen ein vollkommen absurder Vorgang ist; selbst zu seinesgleichen gibt es akademisch fast nur noch Absatzbewegungen, kaum noch verständiges, lernendes, affirmatives, stattdessen vernutzendes Lesen – die Zeiten sind zum Verzweifeln.

Wäre der große grüne Philosoph Robert Habeck bereit, in einem Sammelband über bedeutende grüne Denker, sagen wir über Greta Thunberg zu veröffentlichen, wenn Erik Lehnert darin über seinen Stiefvater Rudolf Bahro oder der junge Jonas Schick über Ludwig Klages vertreten wäre? Nur mal als Gedankenexperiment, um die Dürftigkeit unserer Zeit nachzuweisen.

Es ist übrigens auch in den fünf Bänden nicht alles perfekt. Heidegger etwa hat es nicht in die Hitparade, noch nicht mal ins Namensregister gebracht, Jünger mit seinem Jahrhundertleben fehlt auch … Aber dennoch waren das noch Zeiten – nicht nur in Deutschland – in denen sich geistige Kontrahenten gesittet gegenübersaßen, zuhörten, argumentierten, dabei vermieden, von ihren „Gefühlen“ zu sprechen oder dem anderen Untaten aus der Vergangenheit vorzuwerfen. Erinnert sich noch jemand an die Gespräche mit Günter Gaus? Dort saßen Dutschke, Bahro, Schily, aber auch Strauß, Adenauer, Golo Mann oder Ludwig Erhard. Sogar Ulrike Meinhoff durfte einst frei im TV – die Szenerie erinnert ein wenig an „Basic Instincts“ – ihre nachdenkenswerte Meinung kundtun.

Wer nachempfinden möchte, was ich meine und wessen ich nachtrauere und weshalb ich unsere Welt nicht für einen Fortschrit halte, der sehe sich dieses Gespräch zwischen zwei Extremen, zwischen Enoch Powell und Jonathan Miller an.

3 Gedanken zu “Die großen Deutschen

  1. Michael B. schreibt:

    Ich habe die Talkshow sehr genossen. Schon der Humor (selbst der Talkmaster „… what is left of my part of the program“), aber auch das Zugewandtsein – in der Koerpersprache speziell bei Powell – die Intelligenz und Artikulationsfaehigkeit aller Beteiligten. Man kann heute schon einmal vergessen, dass es das einmal gab. Uebrigens auch in meinen Interessengebieten an Mathematik und Naturwissenschaften, in denen die Guten i.a.R. auch Kapazitaet in diesen allgemeineren menschlichen Zuegen besassen. Die Meinhoff erfuellte ebenfalls aehnliche Kriterien.

    Was sich mir trotz Gegenwehr dabei aber auch immer aufdraengt ist, wie schwer das einer aktuellen Generation ueberhaupt mittlerweile noch moeglich ist, nahezubringen. Die verstehen das buchstaeblich nicht.

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