Arme deutsche Sprache

Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für diese Verwüstung“, sagt Kanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch in der Katastrophenregion.

Wenn die deutsche Sprache dafür keine Worte hat, welche sonst?

Man tut, als habe man einen Krieg verloren, als lägen unsere Städte in Bombentrümmern, als ginge die Welt unter. So etwas habe es noch nie, noch nie gegeben? Unsinn, so etwas hat es schon unzählige Male gegeben, in geologischen Maßstäben, wir sind nur zu jung, um uns daran erinnern zu können. Man braucht nur die Auenlandschaft zu betrachten, die jetzt voller Trümmer liegt, um zu begreifen, daß die Flüsse sich diese selbst in immer wieder neuen Anläufen mit exakt solchen Ereignissen geschaffen haben – dort zu siedeln, ist ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten und Hoffnungen – das man verlieren kann. Nichts Außergewöhnliches ist passiert.

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© DW

Es genügte das einfache deutsche Wort „Überschwemmung“, um das Ereignis adäquat zu beschreiben. Nur weil die Kanzlerin ein beschränktes Vokabular hat, heißt das noch lange nicht, daß die deutsche Sprache keine Worte dafür bereit hält. Hier eine kleine Auswahl (mehr oder weniger) deutscher Begriffe:

Hochwasser, Überflutung, Flut, Hochflut, Woge, Sturzbach usw., aber daran dachte Merkel wohl nicht. Sie hätte Sintflut, Verheerung, Verwüstung, Zerstörung, Verderb, Verderbnis, Austilgung, Ausmerzung, Destruktion, Demolierung, dem Erdboden gleichmachen, in Trümmer legen, Ruinierung, Grauen, Greuel, Grausen, Untergang, Unglück, Katastrophe, Desaster, Schicksalsschlag, Heimsuchung, Verhängnis, Unheil, Not, Elend, Leid, Marter, Misere, Fiasko, Plage, Übel, Prüfung, Bürde  … sagen können, oder:

Vernichtung, Gau, Apokalypse, Holocaust – Halt! Stehenbleiben! Weiter geht es nicht.

Offensichtlich hat die Kanzlerin auch vergessen, daß es in der deutschen Geschichte nur ein Ereignis gibt, für das uns die Worte fehlen!

3 Gedanken zu “Arme deutsche Sprache

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    @ Pérégrinateur

    Zu Ihrem Schlußsatz fällt auch mir Karl Kraus ein: „Zu meinen Glossen ist ein Kommentar notwendig. Sonst sind sie zu zu leicht verständlich.“

    Gefällt mir

  2. Stefanie schreibt:

    Ich denke das Geschehen (Nicht das Hochwasser selber, sondern die Folgen) hat durchaus seinen Grund in einer reduzierten Kommunikationsfähigkeit. Rufen Sie an einem beliebigen Tag eine beliebigeWetter-Webseite auf und versuchen Sie sich aus den vielen bunten (Werbe-) Bildern heraus die gewünschten Informationen zu holen. -Was poppt meist ganz oben auf?

    Achtung Wetterwarnung: Amtliche Warnung vor Hitze
    Achtung Wetterwarnung: Warnung vor schweren Gewittern
    Achtung Wetterwarnung: Warnung vor Sturmböen
    Achtung Wetterwarnung: Warnung vor Glätte
    Achtung Wetterwarnung: Warnung vor Starkregen

    Es gab viel Kritik an den zuständigen Behörden und den Radio- und Fernsehsendern, daß sie die 2-3 Tage Vorwarnzeit der Wetterdienste nicht genutzt hätten. Doch selbst diese professonellen Akteure, waren wohl vom Daueralarmismus soweit abgestumpft, daß sie den Unterschied zwischen alltäglichen Risiken wie Glätte oder Gewittern und schweren Unwettern mit potentiell existentiellen Gefahren nicht wahrgenommen haben. Im Prinip das alte Lied vom Jungen der „Hilfe Wölfe“ ruft, um sich großzutun – wenn sie dann tatsächlich kommen, glaubt ihm keiner.
    In der Aufmerksamkeitsökonomie werden Klickzahlen über Superlative erzielt. Irgendwo auf der Welt ist immer gerade eine Katastrophe. Durch die Dauerberichterstattung stumpft das Empfinden für Schreckensmeldungen ab. Durch die mediale Vermittlung und weltweite Berichterstattung das Gefühl für physische Nähe und direkte Betroffenheit. Ein Treppenwitz bei dem Ganzen ist, daß das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in BadNeuenahr -Ahrweiler, nur ein paar Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt liegt – selbst direkt hätte betroffen sein können, aber genauso im Halbschlaf lag, wie alle anderen Institutionen.

    Zur Einzigartigkeit des Ereignisses (auf Wetterphänomäne bezogen): Im Mai 2019 hing im oberen Vogtland um Unterhermsgrün/ Unterwürschnitz/ Adorf herum ein Gewitter fest und führte an einem Nachmittag zu über 100mm Niederschlag – auch das hat keiner kommen sehen, denn daß so ein Niederschlagsgebiet sich nicht vom Fleck bewegt (wie es wohl auch jetzt im größeren Maßstab geschah) ist sehr ungewöhnlich und wird wohl auch in den Wettermodellen (die ja über statistische Häufigkeiten gebildet werden) daher nicht abgebildet. Dort riß es ein paar Brücken mit, spülte eine Straße fort und in Adorf stieg die Elster über die Ufer und richtete u.a. im Lagerhaus der Gewa einigen Schaden an. Da die Gegend aber verhälinismäßig dünn besiedelt ist und die Häuser in der Regel am Hang gebaut sind, war der Schaden begrenzt. – Aber wenn selbst mir ein ähnliches Ereignis (in anderem Maßstab natürlich) sofort in den Sinn kommt, ist so ein Phänomen eben nicht einzigartig, wenn nicht in der Statistik, so schlägt es sich doch „im Menschengedenken“ nieder. Vielleicht ein Zeichen, das der menschliche Geist eben eigene Mechanismen kennt Relevantes zu registrieren, in einer Form die Modelle oder die KI eben nicht parat haben.

    Gefällt 1 Person

  3. Pérégrinateur schreibt:

    Danisch hat einen Artikel bei der Sunday Times aufgegriffen:

    Germany knew the floods were coming, but the warnings didn’t work

    Leider ist dort nur der Anfang des Artikels vor der Paywall.

    Auszugsweise Übersetzung anscheinend hier:

    Monumentales Staatsversagen: Die Flutkatastrophe hätte verhindert werden können

    ――――――――

    Als Wähler haben wir nun selbstverständlich Anrecht auf ein Betroffenheitsspektakel der politischen Klasse. Dass ein Politiker seine Obliegenheiten vernachlässigt – na gut, das kann schon mal passieren. Aber wehe, wenn einer nicht öffentlich Rotz und Wasser heult! Mich würde interessieren, wie anno 1962 Helmut Schmidt sich öffentlich geäußert hat. Ich sollte man recherchieren, ob man aus der Zeit irgendwo Aufzeichnungen von Sendungen finden kann.

    Dieses gefühlsbetonte öffentliche Auftreten ist ein Symptom der Massenverwaschlappung und – offen gesagt – des Aufkommens der „weiblichen Werte“. Frauen schätzen oft nützliche und tätige Hilfe weniger als gefühlvolle Bekundungen von Mitleid.

    ――――――――

    Hier eine recht arrogante, aber sehr bedenkenswerte Äußerung von La Rochefoucauld zum Thema Mitleid:

    Je suis peu sensible à la pitié, et je voudrais ne l’y être point du tout. Cependant il n’est rien que je ne fisse pour le soulagement d’une personne affligée, et je crois effectivement que l’on doit tout faire, jusques à lui témoigner même beaucoup de compassion de son mal, car les misérables sont si sots que cela leur fait le plus grand bien du monde; mais je tiens aussi qu’il faut se contenter d’en témoigner, et se garder soigneusement d’en avoir. C’est une passion qui n’est bonne à rien au-dedans d’une âme bien faite, qui ne sert qu’à affaiblir le coeur et qu’on doit laisser au peuple qui, n’exécutant jamais rien par raison, a besoin de passions pour le porter à faire les choses.

    (Ich empfinde wenig Mitleid und möchte am liebsten gar keines empfinden. Doch gibt es nichts, was ich nicht täte zur Linderung des Leides einer Person, und ich glaube in der Tat, dass man da alles tun muss, bis dahin gehend, ihr großes Mitgefühl für ihr Leid zu bekunden, denn die Elenden sind so töricht, dass ihnen das wohltut wie nichts anderes auf der Welt; aber ich denke zugleich, dass man es bei der Bekundung belassen sollte und sich sorgsam hüten soll, welches zu empfinden. Das ist eine Leidenschaft, die in einer wohlverfassten Seele zu nichts taugt, die nur weniger beherzt macht und die man dem Volk überlassen soll, welches, weil es niemals etwas aus Vernunftgründen tut, der Leidenschaften bedarf, die es erst zum Tätigwerden treiben.)

    ――――――――

    Mitleid von Politikern ist noch einmal etwas anderes. Es treibt sie nicht zum Handeln, sondern es ersetzt das Handeln. Ich kenne das aus Frankreich: Nach jedem islamistischen Anschlag organisieren die Spitzen des Staates, unterstützt von den Medien, den kollektiven Tränenfluss, während sie die ihnen obliegenden, von Hobbes beschriebenen essentiellen Aufgaben des Staates hintanstellen.

    ――――――――

    Zu Frau Merkel fällt mir nichts ein.

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