Über den Wert des Lebens

Einen Wert kann dem Leben nur der Dienst verleihen, mit dem wir uns der Sache der Menschen zuwenden. Das klingt ein wenig streng und allgemein, aber dies ist die einzige Wahrheit, die ich mit allen ihren Konsequenzen kennengelernt habe. Niemand kann auf der Blumenwiese sitzen, wie Ferdinand der Stier[1], und ungestraft die schönen Blumen riechen.

Du bist ein Mensch, also mußt du menschlich und unter den Menschen leben. Menschlich lebst du, wenn du rechtschaffen lebst. Wenn am Grunde deiner Handlungen und Worte die Absicht steht: den Menschen nicht zu schaden. Wenn du versuchst – ohne Aufsehen und eitles Rollenspiel – den Menschen zu dienen.

Manchmal nur damit, daß du die einfache Wahrheit nicht verschweigst. Manchmal nur damit, daß du die Lügen der anderen nicht weitererzählst. Manchmal nur damit, daß du nicht „ja“ sagst, wenn alle anderen „Ja, ja!“ schreien. Ein Leben lang, konsequenterweise, nicht den Lügen der Menschen beipflichten, ist eine größere Heldentat, als gelegentlich laut und sich auf die Brust schlagend dagegen zu protestieren.

Auf dem Totenbett wirst du nur dann in Frieden ruhen, wenn du jeden Tag, mit allem Selbstbewußtsein, der Wahrheit gedient hast. Die Wahrheit ist manchmal sehr einfach und kleinlich. Aber du sollst nicht wählen. Das ist der Wert des Lebens.

Quelle: Márai Sándor: Füves Könyv (Übersetzung: Seidwalk)

siehe auch: Das Kräuterbuch

[1] Nach dem Kinderbuch „The story of Ferdinand“ (1936) des amerikanischen Schriftstellers Munro Leaf. Wikipedia: „Die Hauptfigur des Buches, Ferdinand, ist ein junger spanischer Stier, der lieber an den Blumen auf seiner Weide riecht, als in der Stierkampfarena gegen Toreros anzutreten. Eines Tages aber wird er von einer Hummel gestochen, und vor Schmerz gebärdet er sich wie wild. Als das die Manager der Stierkampfarena sehen, kaufen sie ihn sofort für den nächsten großen Stierkampf. In der Arena ist er jedoch friedfertig wie immer. Damit bringt er die Picadores und Toreros zur Verzweiflung, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Ferdinand wieder in seine Heimat zu schaffen.“

8 Gedanken zu “Über den Wert des Lebens

  1. Zorn Dieter schreibt:

    Komisch. Menschen, die der Wahrheit dienen werden von den anderen Menschen erkannt. Nicht von allen, aber von Vielen. Sie suchen deren Gesellschaft, weil sie sich da gut aufgehoben fühlen. Und die Bösen meiden sie, weil sie sie fürchten. Sie sehen, dass der Satz „Der Wahrheit dienen“ auf deren Stirn steht. So einfach ist das.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Der Text passt fürs Poesiealbum junger und naiver Mädchen.

    Was ist denn „die Sache der Menschen“? Menschen haben verschiedene Interessen, wie soll man da wählen? Späterhin geht’s dann ums Sagen der Wahrheit, was schon wieder etwas anderes ist. Wenn man Geheimnisträger ist, dann wird das Sagen der Wahrheit geradezu strafrechtlich geahndet.

    Mir kommt dazu ein Spruch von Mathias Claudius in den Sinn, ich zitiere aus dem Gedächtnis: „Wir sollen sagen, was wahr ist, was gut ist und was den Menschen nützt.“ Prinzipiell sind das drei verschiedene Dinge.

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    • Das ist nichts für Pérégrinateure, ganz klar. Und für Poesiealben wohl zu komplex.

      Sofern das richtig übersetzt wurde, ist es doch gehaltvoller, als Sie uns hier glauben machen wollen. Da ist zum einen die Idee des Dienens, da ist zum anderen das Selbstgeständnis, damit “ ein wenig streng und allgemein“ zu sein, also nicht weiter spezifizieren zu können – denn „die Sache der Menschen“ läßt sich nun mal nicht wiegen und messen. (Pilataus: Was ist Mensch?)

      Da ist zum dritten der sehr defensive Zugang zum Problem, der eben nicht vorschreibt, wie ein Mensch zu leben habe, sofern er nur „rechtschaffen“ ist (Pilatus: Was aber ist Rechtschaffenheit?) oder, wie Sie schreiben, die Wahrheit zu sagen. Tatsächlich schreibt Márai, daß es darum gehe, die einfache Wahrheit nicht zu verschweigen und die Lügen nicht weiterzuerzählen, ihnen nicht beizupflichten, was etwas ganz anderes ist. Statt Wahrheit sagen, geht es darum, der Wahrheit zu dienen – ein schöner Zirkel zum Eingangssatz. Dabei geht es ja nicht um die Wahrheit an sich, sondern ganz offensichtlich nur um die Wahrheit für sich und also um das subjektive Erleben der Übereinstimmung von eigenem Leben und darin erfahrener Wahrheit. (Pilatus: Was ist Wahrheit?)

      Dieses „Du sollst nicht wählen“ – dem ich anfangs auch nicht vertraute, aber man kann es wohl nicht anders übersetzen (ich hätte anfangs lieber „kannst“ oder „darfst“ geschrieben – „De te ne válogass“ – die imperativische Lösung liegt im „ss“), meint wohl jenen Anspruch, den man andernorts als „Normalisierungspatriotismus“ konkretisiert hat: „Die Normalisierung der Verhältnisse, die Herstellung von Normalität in allen Lebensbereichen, Verfahrensfragen und Politikbereichen ist zugleich eine politische Minimalforderung und beinahe schon eine Überspannung der Kraft, und dies, obwohl in dem Aufruf zur Normalisierung das Defensive, das In-ein-Gleichgewicht-Bringen steckt – und keinesfalls eine Überdehnung in die andere, die nicht-linke Richtung.Die Wiederherstellung des Selbstverständlichen und Tragfähigen, die Rekonstruktion des Angemessenen und Zuträglichen, und bereits das ist, so bescheiden es klingt, eine Herkulesaufgabe.“

      Ich lese Márai ganz auf „unserer“ Seite (Pilatus: Wer sind wir?)

      Aber wer bin ich eigentlich, um Márai zu verteidigen? Bin hier nur Vehikel.

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      • Michael B. schreibt:

        Ich kann den Punkt der das Poesiealbum triggert nachvollziehen. Fuer mich sind das Saetze wie dieser:

        „Auf dem Totenbett wirst du nur dann in Frieden ruhen, wenn du jeden Tag, mit allem Selbstbewußtsein, der Wahrheit gedient hast.“

        Hervorhebung von mir. Ueberhaupt keine Kleinigkeit, ob hier absolut oder relativ beschrieben wuerde. Ich bin in meinem Leben schon umgefallen, und das ist der Punkt.

        Ich weiss nicht, ob ich es hier schon einmal gebracht habe: Es gab einmal in den Neunzigern oder Nullerjahren einen Gouverneur von New York, Spitzer war sein Name, der ueber die Affaire mit einer Edelprostituierten fiel. Er aeusserte dazu den sinngemaessen Satz: Held ist einfach. Aber wenn du umgefallen bist und das weisst, wenn du mit diesem Wissen (inklusive seiner Bewertung) wieder aufstehst, dann ist das die schwere Leistung.
        Speziell unter dem Blick der Leute die man schaetzt und dem des eigenen inneren Richters, moechte ich ergaenzen. Dauert viel laenger, bringt viel mehr Gewinn, der wiederum weniger sicher ist. Und ist nebenbei naeher am Menschen. Zumindest an dem, der real existiert.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Mit Worten allein Abbitte leisten ist billig, sich zu ändern und dann vielleicht auch nur konkludent, also ohne Ostentation und öffentliches Reueschauspiel, taugt da schon eher, nur eben nicht für die öffentliche Geltung in einer sich immer mehr zu einer religiösen Bekenntnisgemeinschaft entwickelnden Öffentlichkeit. Die Bonusware, den diese dabei gewöhnlich miterhält, ist Heuchelei. Wo es organisierte Religion gibt, bleibt diese nie aus.

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          • Michael B. schreibt:

            also ohne Ostentation und öffentliches Reueschauspiel

            Darum ging es nicht, den konkreten Fall kann ich auch gar nicht einschaetzen. Der Satz wird aber dadurch ja nicht falsch.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        „Dabei geht es ja nicht um die Wahrheit an sich, sondern ganz offensichtlich nur um die Wahrheit für sich und also um das subjektive Erleben der Übereinstimmung von eigenem Leben und darin erfahrener Wahrheit.“

        Die heute so gerne im Munde geführte „subjektive Wahrheit“ ist eine falsche Münze. Sie bezieht Geltung und Wert nur von der objektiven Wahrheit und bringt diese schmarotzend in Misskredit. Man kann gerne darüber diskutieren, ob es objektive Wahrheit überhaupt geben kann, ob man sich plausiblerweise ihr annähern kann usw. usf. Doch für eine davon verschiedene Sache sollte man auch ein verschiedenes Wort benutzen, um keine Unordnung in Wortfeldern und Hirnen anzurichten. (Einigen kommt es natürlich gerade darauf an, zum Beispiel den francophoneys.) Also bitte lieber die Ausdrücke Persönlicher Wert, Lebensziel, Orientierung, Handlungsprinzip und anderer ehrlicherer statt dieses Wieselwortes zu benutzen. Mit dem Ersatzort Sinn wären wir übrigens schon beim nächsten Wieselwort.

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