Das Kräuterbuch – Zueignung

In der Márai-Welle, die vor 20 Jahren über das Land schwappte und besonders vom Piper-Verlag bewirtschaftet wurde, war fast alles des großen ungarischen Autoren übersetzt worden, auch durchaus Zweitrangiges. Erstaunlicherweise entging das „Füves Könyv“ dem Übersetzungseifer, und das ist umso merkwürdiger, als es ein Zentralwerk des Künstlers ist. In ihm finden wir nämlich auf einzigartige Weise seine Lebensphilosophie ausgedrückt, komprimiert in meist kurze aphorismenartige Sequenzen. Deutlicher wird Márais innere Befindlichkeit nirgendwo, selbst in den Tagebüchern nicht.

Der Titel – wohl mir „Grasbuch“ oder treffender „Kräuterbuch“ zu übersetzen – ist dabei Programm. Wie aus Schälchen, Döschen oder Phiolen werden sanfte Heilmittel verabreicht, die die alltäglichen Leiden des empfindsamen und denkerischen Lebens lindern sollen, meist in der stoischen Tradition.
Für mich das ideale Probierfeld, das aktive Übersetzen aus dem Ungarischen zu üben. Es wird also zukünftig in loser Reihenfolge hin und wieder eines dieser ausgewählten Gegengifte verabfolgt werden. Das ist keine leichte Aufgabe, denn es gilt einen einzigartigen für Márai ganz typischen Ton aus Gelassenheit, Süffisanz und Ironie, eine gewisse tiefsinnige Leichtigkeit zu treffen.
Schon die einleitende Zueignung zeigt den wahren Meister, denn was hier fast unschuldig daherkommt, ist ein perfekt gelungener Epilog – mit exakt den Referenzen, die auch meiner Seele entsprechen – an dem alles stimmt und um den man den Meister nur beneiden kann!

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Zueignung

Dieses Buch widme ich Seneca, denn er hatte gelehrt, daß es ohne Moral keinen Menschen gibt. Und Epiktetos, weil er lehrte, was in unserer Macht steht. Und Marcus Aurelius, der von Epiktetos gelernt hatte, was das sei, was in unserer Macht liegt – und weil er geduldig war.

Und Montaigne, weil er gutgelaunt war und sich nicht darum kümmerte, was nach seinem Tode aus seinem Werk werden würde. Und den Stoikern im Allgemeinen, die trösteten, als es keinen Trost mehr auf Erden gab, und die lehrten, daß ich mich weder vor dem Tod fürchten muß, noch vor der Sklaverei, nicht vor der Armut und auch nicht vor den Krankheiten.

Und ein zwei Männern, die meine Freunde waren und richtige Männer. Und ein, zwei Frauen.

Ein Gedanke zu “Das Kräuterbuch – Zueignung

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    Auf die Einsammlung der ausgewählten Gegengifte freue ich mich. Meine Sympathie gewann Sándor Márai mit seiner „Schule der Armen“, geschrieben für die „wenigen übriggebliebenen Privatpersonen“, der er ein Jean Paul-Zitat voranstellte:
    „Alles ist zu ertragen, was nur einen Augenblick dauert. Aber ist denn das Leben nicht bloß aus Augenblicken zusammengestellt?“

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