Kubitschek: Hin und zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

Hin und wieder zurück

© Antaios

Nun kannte ich die Mehrzahl der Texte bereits, aber die thematische und meist auch chronologische Neuordnung gibt ihnen eine ganz andere Dynamik, man sieht nun den roten Faden viel besser, man erkennt das Programmatische, Manifestöse seines Schreibens, das auf allen Schnörkel verzichtet. Kubitscheks Artikel – eine Auswahl an „Auslöser-Texten“, wie sie einem Autor nur selten gelingen –, sind fast immer wie das Einrammen von Grenzpfählen und in dieser Anordnung wird nun auch die Gestalt des Zauns sichtbar, den diese Pfähle bilden. Nichts an diesem Buch wirkt zufällig, alles ist wohl durchdacht, vom khakifarbenen Design, das sich perfekt an den Vorgänger[2] anschmiegt, bis zur Ordnung der Beiträge.

Sein Zugriff ist fast immer direkt, nur das treffende metaphorische Bild gönnt er sich gern; Begriffe wie „Verdichtung“, „Verzahnung“, „Brückenkopf“, „Dienstantritt“, „Werkbank des Lebens“ oder „Murgang der Geschichte“ etc. verweisen auf das militärische-, das Arbeitsmilieu, das Bodenständige, dort, wo man noch Hand anfassen kann, zugreift, schafft. Kubitschek ist seinem Wesen nach Militär und Offizier, jemand, der der richtigen, der seiner Sache dienen will und den man nicht dienen läßt oder dessen Sache man pervertiert hat.

Diese männliche Stimme wirkt in heutigen Zeiten für viele Ohren vermutlich antiquiert oder sogar beängstigend, aber sie schafft einen Ton, den man sonst nirgendwo mehr vernimmt. Schon daher reißt die Lektüre den interessierten Leser mit. Man muß Kubitschek lesen wie man ein Instrument hört, das ganz andere, kräftige Töne produziert. Es kennt freilich auch den ironischen, den nachdenklichen, den melancholischen und resignativen Klang, manchmal ist es ätzend, immer aber reflexiv und fragend, immer ist sein Denken entschieden und wie der mythische Riese Antaios mit zwei Beinen auf der Erde stehend, von dort seine Kraft saugend.

Dabei ist das Buch schonungslos gegen sich selbst: es zeichnet im Grunde ein Leben voller politischer Enttäuschungen auf und man fragt sich, wo nehmen die beiden – Kubitschek und Kositza – die Kraft her, stets von Neuem anzufangen? Auch ein Leben ständiger Selbstbefragung: Wer sind wir? Was macht uns aus? Was geschieht gerade mit uns? Wie soll es weitergehen? Selbsterkundungen. Aber ebenfalls: Wer sind wir nicht und mit wem wollen wir nicht verwechselt werden? Und dann die bittere Einsicht: „Wir sind der Popanz, den unsere Gegner brauchen, um ihr Dasein zu rechtfertigen.“

Es gibt aber kein Jammern – die Mär, der Trick der Neuen Rechten bestünde in der Übernahme einer permanenten Opferrolle, verdampft vor diesen Zeilen.

Dazu die Frage nach dem Verhältnis zum Staat in seiner jetzigen Form. Wie verhält man sich zu ihm, den man eigentlich – als Institution – affirmiert, dem man klare und basale Funktionen zuschreibt, der aber längst versagt, gegen seine eigentliche Intention arbeitet, zur Beute von Parteien und Eliten geworden ist, der seine eigenen Verteidiger bekämpft und an seiner Selbstabschaffung bzw. Aufhebung in einem Superstaat arbeitet? Und so auch die Frage des Verhältnisses zum eigenen Volk, „ob man ihm zugeneigt bleibt“ – obgleich es sich selbst verrät? Was Kubitschek will und fordert, ist dabei nur „die Wiederherstellung des Selbstverständlichen“, des Normalen, „die Rekonstruktion des Angemessenen und Zuträglichen“. Zuvörderst aber ist es ein fragendes Buch.

Kubitschek ist ein Meister der Evidenz, dem es unglaublich sicher gelingt, durch den Schleier der Wahrnehmung und der Täuschung die Konturen des Seienden nachzuzeichnen und dafür eine adäquate Sprache zu finden. Das allein ist schon Philosophie im höheren Sinne. Sein Blick hat aber auch etwas Leninsches, wenn man darunter die Fähigkeit versteht, komplexe politische Lagen in klare strategische Perspektiven umzumünzen und vielleicht spielt der Titel sogar ein wenig mit diesem „Vorbild“.

Wie sehr ihn die Philosophie tatsächlich beschäftigt, hat mir erst diese Kompilation begreiflich gemacht. Immer wieder reibt er sich etwa an Sloterdijk, aber auch Ernst Jünger tritt als Referenz häufig auf. Wie er etwa anhand Sloterdijks das Mysterium Heidegger aufdeckt, das zeugt von tiefem Verstehen und diese 12 Seiten wiegen Faye und Farías und Konsorten locker auf. Überhaupt sind im Abschnitt „Lesen und Leben“ wahre denkerische und stilistische Kleinode von bleibendem Wert versammelt.

Ganz persönliche Note: für mich zählt Kubitschek zu den wichtigen Stilbildnern, von denen man das „Wie“ des Schreibens lernen kann, bei denen man denkt: so möchte ich auch schreiben können – aber dazu müßte man wohl so sein, so direkt, so aufrichtig, so soldatisch, so habituell preußisch. Man spürt hier nie Verstellung: Kubitschek ist und lebt, was er schreibt. Wer wissen will, wer „der dunkle Ritter“ ist, der braucht ihn nur lesen – alles liegt offen vor uns.

Ich komme ins Schwärmen, das sollte nicht so sein in einer Kritik. Ich gebe also zu, daß die Artikel über die AfD in dieses Buch nicht recht passen wollen, denn sie stellen – trotz ihrer parteistrategischen Überlegungen – den großen Entwürfen das vergiftete Kleinklein der Parteischaraden zur Seite … ansonsten:

Maßgeblich!

Muß man haben, lesen, diskutieren, verschenken – solange es noch geht.

[1] Volker Weiß
[2] Die Spurbreite des schmalen Grats. Schnellroda 2016

Götz Kubitschek: Hin und wieder zurück. 2017-2021. Schnellroda 2021. 287 Seiten. 19 Euro

siehe auch: Reflexhandlung

Die Grenzen der Toleranz

Querfurt als Ausrede

und viele andere

3 Gedanken zu “Kubitschek: Hin und zurück

  1. Frdnkndr schreibt:

    Sie schreiben: ‚Muß man haben, lesen, diskutieren, verschenken – solange es noch geht.‘

    Dushan Wegner schrieb die Tage: ‚»Spare in der Zeit, dann hast du in der Not«, so sagt die alte Weisheit. »Sparen«, das heißt hier zuerst: Sammeln!‘

    https://www.dushanwegner.com/herbsttage/

    Es bleibt spannend.

    Vielen Dank für Ihre, in letzter Zeit glücklicherweise wieder häufiger zu lesenden, aktuellen Beiträge hier im Blog.

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  2. Nordlicht schreibt:

    Die Rechte hat keine Chance, das Wegrutschen der westlichen Demokratien zu einem aus Angsthysterie, Propaganda, Big-Money-Verknüpfung mit den Regierungen geformten USA/EU-Totalitarismus zu bremsen.

    Wir haben Bedingungen und Situationen wie beim Umkippen der Römischen Republik in die wilden Kaiser-Diktaturen. Die Verknüpfung der Platform-Märkte (Google, Facebook, Amazon etc) mit dem Kapitalmarkt hat den Herrschenden Steuerungs- und Überwachungsmöglichkeiten gegeben, von denen Mao und Stalin nur träumen konnten.

    Immer weniger Menschen glauben an die Demokratie; die Wahlbeteiligung sinkt, weil die Menschen merken, dass ihre Stimme nichts ändern. Die Medien sind gleichgeschaltet; wenn es – wie zB in Schweiz – Volksabstimmungen gegen den Mainstream-Reklame gewinnen, ignorieren die Regierungen einfach diese Ergebnisse.

    Die EU ist auf Volksbetrug aufgebaut; der Lissabon-Vertrag wurde nach gescheiterten Volksabstimmungen über eine EU-Verfassung einfach inhaltsgleich von den Regierungschefs unterschrieben. Die Völker der Staaten wurden und werden nicht gefragt.

    Ein weiterer Betrug: Der Bundestag stimmte der Regierungsvorlage zur Verlängerung von Grundrechtsbeschränkungen um 1 Jahr nach Beendigung des epidemischen Notfalls zu; die beiden Paragraphen wurden in einem unauffälligen Gesetz zur Änderung des Stiftungsrechts (!!!) versteckt und am Abend des Fußballspiels gegen Ungarn durchgewunken.

    Kurz: Wir sind kein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat mehr. Die Vorstellung, mit rechten Argumenten und einer rechten Partei liesse sich die politische Entwicklung beeinflussen, ist gescheitert.

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  3. Michael B. schreibt:

    Was Kubitschek will und fordert, ist dabei nur „die Wiederherstellung des Selbstverständlichen“, des Normalen, „die Rekonstruktion des Angemessenen und Zuträglichen“

    Ich denke er weiss, dass das jetzt nicht funktioniert. Hitler ist ein gutes Beispiel fuer eine Analogie: Eine Gesellschaft, die auf allen Ebenen umgegraben wird, die damals moderne, neue Form der Massenorganisationen, der Ideologie – besonders der Propaganda, der Kriegsfuehrung. Das Durchdringende auf Ebenen, deren Existenz den Leuten dieser Zeit vorher kaum bewusst war und auf denen sie ueberrumpelt wurden. Umgekehrt einer Intensitaet, die den Nachgeborenen nicht mehr zur Verfuegung stand, womit ihre Lernfaehigkeit von Beginn an limitiert war.

    Die Transformation ist angelaufen und wird ihre bemessene Wegstrecke ausschoepfen. Sicher nicht so wie geplant. Aber man hat keine andere Wahl, als sich ihren jetzt herrschenden modernen Formen zu stellen, um mit ihr fertig zu werden. Das Durchdringende hat ja genau diese das Wort selbst definierende Eigenschaft, es wird einen nirgendwo in Ruhe lassen. Natuerlich hat das Selbstverstaendliche, das Angemessene und Zutraegliche seine zeitlosen Attribute, die Schicht des normalen Menschen („das Salz der Erde“) gibt es auch heute wie es sie immer gegeben hat. Es hilft aber im Moment wenig, dies festzustellen. Jetzt ist die Zeit des Fiebers und der Irrationalitaet, dieser normale Mensch ist – trotz seiner Zahl – wieder einmal im Hintertreffen und wird bearbeitet wie selten je zuvor.

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