Das ist nicht meine Mannschaft!

Gegen 19.30 Uhr hallte gestern ein lauter Schrei durch unser Viertel. Gerade hatte Raheem Sterling England gegen die Deutschen in Führung geschossen. Zu meiner Verblüffung mußte ich feststellen, daß der Jubel aus meiner Kehle kam.

Heute lief ich sogar mit einem England-Shirt durch die Straßen, vorne stolz die „three lions“, hinten groß die Aufschrift „England“, und ich spüre einen gewissen Drang, das Trikot auch morgen beim Altherrenfußball zu tragen. In der dortigen Kicker-Tippgruppe war ich übrigens der einzige, der auf einen Sieg der Briten gesetzt hatte.

kick

Wie konnte es so weit kommen?

Gut, die langen Jahre in Oxford mögen eine Rolle gespielt haben – wir haben die Engländer, vor allem ihre Kultur in jeder Hinsicht schätzen und lieben und verstehen gelernt, seither gibt es eine gewisse Sympathie. Schon im Spiel gegen Ungarn unterstützte ich selbstredend den Underdog, die tapferen Magyaren – da hatte die deutsche Mannschaft den Kopf gerade noch mal aus der Schlinge ziehen können.

Die Vorstellung, daß durch einen Sieg im Achtelfinale diese Truppe mit hoher Wahrscheinlichkeit dann im Finale stehen würde – die kommenden Gegner sollten für keine große Mannschaft ein Stolperstein sein, sofern man nicht arrogant wird –, war mir unangenehm. Sie ist mir seit Jahren „irgendwie“ (Löw) zuwider.

Die Entfremdung von der Mannschaft, die ja mein Land vertritt, ist erschreckend, aber tief. Sie hängt auch mit diesem Trainer zusammen, der vor drei Jahren – spätestens – schon hätte gehen müssen und sollen.

Siehe: Ohne Schneid (2018)

Die gestrige Quittung war nur der gerechte Lohn. Ich weine ihm keine Träne nach, auch wenn er jetzt „emotional wird“.

Aber vor allem war es der moralistische Sumpf, in den man sich begeben hat, der mir stank. Man versagte gegen Ungarn, weil der Kopf ganz woanders war. Neuer dachte darüber nach, wie er seine Regenbogenbinde am besten plazieren, Goretzka wie er mutig sein Herzchen den echten ungarischen Männern hinter Zaun und Polizeiabsperrung zeigen könne.

EURO-2020 - Németország-Magyarország

ungarische Fans singen nach der Niederlage gemeinsam mit der Mannschaft die Nationalhymne © Vasárnap

Wichtig war ihnen, zu knien und anderen, die das nicht taten, moralisches Versagen vorzuwerfen. Ihr Kerngeschäft – das Spiel – wurde zweitrangig. Sie wollte nur noch im Moralwettbewerb gewinnen, und tat dies auch. Glückwunsch! Alles Deutsche – wofür man uns im Ausland noch immer und irrtümlicherweise achtet –, ist dieser Mannschaft fremd: Kampf, Zusammenhalt, Ehre, Fleiß, Zuverlässigkeit, Unbestechlichkeit, Redlichkeit, Vertrauen, Funktionieren, Zielstrebigkeit … Es wäre nur konsequent, auch noch das „Mann“ aus dem einstigen, nun politisch korrekt verkrüppelten Restwort „Deutsche Nationalmannschaft“ zu entfernen. Diese Truppe, dieser Verband, große Teile der Liga und die sie tragenden Medien (mit ihren Berichterstatterinnen) sind vollkommen entkernt und entmannt. Kaum zu glauben, daß wir 2014 noch mit 500 anderen Fans frenetisch den Götze-Moment bejubelten.neuergor

© Spiegel © Magenta Sport YT

Das Verrückte daran – im Wortsinne: diejenigen, die ihr Land lieben und es verteidigen wollen, hatten es gestern schwer, die sie repräsentierende Mannschaft zu unterstützen, und viele von denen, die Deutschland besser abschaffen möchten, die litten gestern. Ein weiteres Beispiel dafür, wie verdreht alle unsere Begriffe und Kategorien sind. Nichts stimmt mehr – und ich fürchte schon, daß dies bald nicht nur nicht mehr meine Mannschaft sein könnte, sondern auch nicht mehr mein Land. 

8 Gedanken zu “Das ist nicht meine Mannschaft!

  1. wikilurkep schreibt:

    Hauptsache kein „Sommermärchen“! Aber es gab noch traurigere Menschen als „Jogi“ und seine Komödiantentruppe. Frau Kasner, Jens Georg und Klabauterkarle waren sicher sehr traurig, enttäuscht sogar zornig, es könnte ja nach dem Ausscheiden der „Mob“ auf die fiese Idee kommen irgend etwas kritisch zu hinterfragen……..

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  2. Robert X. Stadler schreibt:

    Right or wrong, my country.

    Auch wenn die Institutionen und Symbole des Eigenen sich zum Falschen und Schlechten wandeln, oder dazu missbraucht werden, bleibt doch das Eigene selbst. Volk und Vaterland werden das immer bleiben, solange sie eben bestehen, solange sie nicht zerstört sind.

    Ich glaube, wir müssen sogar froh sein, dass nunmehr die Zeichen derart offensichtlich sich wandeln und ersetzt werden. Es gibt in unseren Städten kaum ein öffentliches oder halböffentliches Gebäude, an dem die Fahne der Homintern nicht angebracht ist, anstelle der alten Landesfarben. Umso mehr müssen die Leute tatsächlich Farbe bekennen, und umso weniger können sie nachher behaupten, sie hätten es nicht bemerkt oder wenigstens nicht mitgemacht.

    Seidwalk: Homintern – der ist gut!

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    • In diesem Sinne schrieb ich gestern einen kleinen Kommentar auf einer ungarischen Plattform zum Thema Löw: daß man sich schämen müsse und daß das nicht die Mannschaft der Herzen vieler Deutscher sei – aber typisch. Die erste Reaktion darauf: „Rohadt nacik!“ (rohadt = verfault, stinkend etc.). Wen das meinte, ob die Mannschaft, die Deutschen im Allgemeinen, die heutigen Deutschen im Besonderen, oder meinen Kommentar, ist nicht klar ersichtlich. Aber die Reflexe sind noch da.

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      • JJA schreibt:

        Was zudem noch in die Analyse Löw/Deutschland heute einfließen müsste, ist der Kitsch, mit dem das ganze noch übergossen wird. Das war mir bisher nicht aufgefallen. Da ist in den Rückblicken von den Freundschaften die Rede, „die bleiben“, Löw sei in erster Linie immer Mensch gewesen, er selbst spricht von dem „Weg, den er mit den Menschen gegangen ist“… Himmel! Ist das ein Fall von ziviler Ersatzreligion? Sowas ist doch in der Kirche schon schwer erträglich.

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  3. Gurrigu schreibt:

    „Wenn das der Kaiser wüßte!“ oder: „Wenn das mal nicht Vaterlandsverrat ist“, möchte man/frau da sofort rufen…aber wo ist es, dieses Vaterland? Ich habe es dieser „-Schaft“ (analog zu Klonovskys „Schland“) auch nicht nur gegönnt, sondern sogar gewünscht, aus eben den gleichen Gründen wie Sie.

    Aus sicherer Quelle weiß ich übrigens, daß„früher“, als diese Tipp-Gruppen der Altherrenmannschaft (und anderer „Gruppen“) noch selbstorganisiert abliefen (d.h. ohne Internet), es im Falle des „Vaterlandsverrats“(gegen die deutsche Nationalmannschaft getippt und mglw. auch noch richtig) Strafpunkte setzte. Aber heute? Keine Strafpunkte mehr…
    Tja, das wird wohl morgen höchstens den ein oder anderen Spruch setzen oder eine zusätzliche Rempelei beim Altherrenfußball…ob mit oder ohne England-Trikot.
    Wie lange darf es eigentlich noch die Deutsche Nationalbibliothek geben (müsste dann nur noch „Die Bibliothek“ heißen , oder „-Thek“?)?

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  4. Michael B. schreibt:

    Zu meiner Verblüffung mußte ich feststellen, daß der Jubel aus meiner Kehle kam.

    … jetzt habe ich wieder aufgewischt. Sehr schoen.

    p.s. Das Braun ist gewolltes Resultat Ihres juengsten Kommentars? Ich dachte, die Seite waere gehackt worden.

    Seidwalk: Nun ja, solche Dinge darf man nicht erläutern.

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