Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

Letzteren lese ich schon seit 30 Jahren, das heißt, damals las ich ihn, und nun, nach dieser langen Zeit und 40 Bücher später, wieder und das nur aus einem Grund: er steht auf unserer Seite. Nie las ich ihn mit wirklicher Freude. Sein Denken war mir immer zu schnell und zu schrill und zu deklamatorisch … es schmeckte nie nach Husserl, Dilthey, Heidegger, er hatte sich nie diesen Denkanstrengungen unterzogen.

Zuletzt hatte er mit seinem Wälzer „Untergang“ die Gemüter erhitzt und viele Freunde gefunden – bei mir bestätigten sich nur die frühen Eindrücke.

Dennoch gilt er heute als einer der bedeutendsten oder wenigstens produktivsten Philosophen Frankreichs – wo vor hundert Jahren noch Bergson oder Sorel als Philosophen galten.

Daher ist es ganz sicher als großer Coup und vermutlich auch als Statement zu werten, wenn sein neuestes Werk – „Theorie der Diktatur“ – nun ausgerechnet und schön gestaltet beim „Jungeuropa Verlag“ erschien. Der gilt gewissen interessierten Kreisen als „neurechts“ und also „rechtsextrem“.

© Jungeuropa Verlag

Aber nicht deswegen las ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Onfray mit Freude und Genuß. Der Grund dafür liegt woanders: denn indem Onfray seine überschießende Energie und Urteilsfreude durch das Gerüst einer minutiösen Analyse der beiden Orwellschen dystopischen Klassiker „1984“ und „Animal Farm“ einhegt, kann er seine habituellen Fehler weitgehend vermeiden. Was er an Land zieht, ist wirklich beeindruckend, nämlich zum einen eine Komplettanalyse der Werke, die vor allem Lehrern und Schülern ans Herz gelegt werden sollte, zum anderen aber die erschreckende und durchaus überzeugende Darstellung der Parallelität der beschriebenen Zustände nicht nur zum Stalinismus oder zum Nationalsozialismus, wie es Orwells Ansinnen war, auch nicht zu Nordkorea und anderen aktuellen Diktaturen, was evident ist, sondern zu unserer sogenannten freiheitlichen westlichen Welt.

Onfrays Schrift ist eine Warnschrift! Er sieht die westlichen Demokratien im Orwellschen Spiegel schon deutlich von diktatorischen Strukturen durchzogen und das Gesamtgebilde, etwa in Form des „Maastrichter Molochs“ auf dem direkten Weg in die Tyrannei. Da gibt es immer wieder erstaunliche Erkennungseffekte.    

Freilich, man darf nie vergessen, daß die Realität nicht an einem literarischen Werk gemessen werden sollte, sondern nur umgekehrt etwas Sinnvolles entstehen kann. Richtig brisant wird Onfrays Schrift daher erst auf den letzten 40 Seiten, auf denen er die Schlußfolgerungen zieht. Leider verfällt er hier zugleich in seinen alten Fehler der Kurzschließerei. Aber wie er noch einmal die Strategien der sanften Tyrannisierung – Freiheitsbeschränkung, Angriff auf die Sprache, Abschaffung der Wahrheit, Instrumentalisierung der Geschichte, Auslöschung der Natur, Schüren des Hasses, Imperialisierung – schlaglichtartig zusammenfaßt, da kann einem schon das Grausen kommen, das klingt überzeugend und ist auch originell.

Etwa wenn er Nietzsches Perspektivismus an den Beginn dieser geistesgeschichtlichen Entwicklung stellt und zeigt, wie sich daraus die dekonstruktivistische Wende ergeben hat und wie die wiederum die heutigen sogenannten „Verschwörungstheorien“ ganz konsequent hervorbringt: diese sind demnach nicht nur Produkt, sondern auch Agens der Dekonstruktion alles Gewissen und Evidenten – die Aufdecker der konzertierten „Dekonstruktion“ sind die legitimen Kinder derselben. (Anders gesagt: Wahrheit gibt es nur auf dem Weg Husserl, Dilthey, Heidegger.)  

Man muß aber, wenn man das affirmativ lesen will, sich mit Onfrays geistiger Charakterschwäche, seiner Hellsichtigkeit bei gleichzeitiger Primitivisierung, die das mühsam Aufgebaute oft mit dem Hintern wieder einreißt, abfinden – in einem beispielhaften Satz: „Wenn der Tod der Wahrheit verkündet wird, bekommt die Lüge eine Bühne. Danke Monsieur Foucault, und danke, Monsieur Deleuze!“

Onfray ist selbst ein typischer Vertreter jener Kaste, deren Entstehen er so vehement kritisiert und die die alte Riege jener, die vor hundert Jahren noch als Philosophen galten, unsichtbar gemacht haben. Das ändert aber nichts an der Frage nach der Wahrheit seiner Sätze. Die „Theorie der Diktatur“ ist auch eine Weckschrift!

Siehe: „Michel Onfray: „Untergang“

Michel Onfray: Theorie der Diktatur. Jungeuropaverlag. Mit einem Vorwort von Mária Schmidt. Dresden 2012. 221 Seiten. 22 Euro

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