Die Delta-Variante

Am Wochenende fand in den Tiefen des Darknets ein Schachturnier statt, die meisten Teilnehmer waren Insulaner und – wie das bei Schachspielern die Regel ist – immer auf dem neuesten Stand und konform. Folgender kleiner Dialog entspann sich in der Analyse eines Spiels:

–        Sorry, ich war schlecht drauf, hatte Corona und fühle mich noch ein wenig schwach, die Eröffnung ging in die Hose.

–        Welche Variante denn?

–        Die Ind …

–        Oh, oh! Vorsichtig! Meine Vorfahren kommen von dort – willst du mich und uns alle etwa beleidigen und diskriminieren? Oder sogar Stigmatisieren? Schließlich kommt das Schach auch aus Indien! Aber da sagt niemand das Indische Spiel.

–        Also gut, die Delta-Variante.

–        Davon habe ich noch nie etwas gehalten.

–        Warum?

–        Zu passiv!

–        Wieso zu passiv? Sie gilt als die aggressivste Variante überhaupt!

–        Aber doch nicht Königs-Delta.

–        Das habe ich noch nie gehört.

–        Na mit Läuferfianchetto und d6.

–        Ach, da haben wir aneinander vorbei geredet.

–        Dann doch lieber Grünfeld-Delta-Variante.

–        Warum sagst du denn nicht Grünfeld-Indisch, wie es sich gehört?

–        Naja, ich will doch niemanden stigmatisieren. Schließlich spielen doch auch nicht alle Inder Grünfeld-Delta.

–        Da ist was dran … und überhaupt: Grünfeld – das klingt verdammt nach einem alten weißen Mann und sogar nach, nach … sagen wir sicherheitshalber mal Omega[1], du weißt ja, wer zuerst das J-Wort benutzt …  oder besser: Alpha-und-Omega. Wie kommt der denn dazu unsere schöne Delta-Variante zu okkupieren? Nennen wir sie also die „Alpha-und-Omega-Delta-Variante“.

–        Ich spiele ja bevorzugt die Alpha-Variante mit Weiß.

–        Was ist das denn? Ach so, du meinst die Engl…, engl…, die Alpha-Eröffnung.

–        Ja, die habe ich mal in Beta-Land gespielt gegen einen Gammaaner.

–        Einen Ghanaer?

–        Nee! Gammaaner. Spreche ich Chin …?, Mist, schon wieder! Ich meine, ehm, eigentlich müßte das ja Alpha sein, oder? Von dort kommt es doch. Trump sagte doch immer das, na, du weißt schon das C-Wort, „the hm, hm-nese Virus“. Müßte das dann nicht … es wird kompliziert! Sollte es dann nicht mindestens Alpha 1-Virus heißen? Oder was ist vor Alpha?  

–        Eigentlich kommt es ja aus Wuhan, du kannst ja nicht alle C-nesen über einen Kamm scheren. Ich spielte mal gegen einen Typ aus Wuhan, der spielte wirklich wie ein Deltaianer aus dem gammaischen Urwald, völlig verrückte Lambda-Variante.

–        Gegen einen Deltaner oder einen Deltaianer? Früher – als wir noch nicht aufgeklärt waren – haben wir als Kinder ja sogar noch Deltaianer-Häuptling gespielt. Igitt!

–        Wir haben sogar noch das N-Wort benutzt – mir graut!

–        Man kann ja heute noch immer Sauce bestellen, die das Z-Wort trägt, sogar beim Deltaner.

–        Ja, die Zeiten sind zum Glück bald vorbei, es ist doch alles besser geworden. Zum Beispiel gibt es ja auch niemand mehr, die man mit dem B-Wort bezeichnen kann. Die sind jetzt alle besonders begabt

–        So wie wir – das nennt man Fortschritt!

[1] Was die beiden nicht wußten: Ernst Grünfeld war römisch-katholischer Österreicher.
Übersetzung: Seidwalk

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