Drei Zeitschriften – Hohe Luft

Die „Hohe Luft“ – ein vielversprechender Titel –, die als „Philosophie-Zeitschrift“ vertrieben wird, „für alle, die Lust am Denken haben“, kam ganz zufällig in meinen Blick. Daniel-Pascal Zorn hatte via Twitter auf einen seiner Artikel in diesem Blatt und damit auf ein überhohes Niveau verwiesen – Zorn sieht sich quasi als letzten streng denkenden Philosophen der Gegenwart, der gern fast allen anderen Zeitgenossen das Philosoph-Sein abspricht. Exakt, was meine dürstende Seele suchte.

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© Hohe Luft – Philosophische Zeitschrift

Die „Lust“ im Untertitel hätte mich schon stutzig machen sollen, aber das Thema des neuesten Heftes – „Medien und Demokratie“ – war dann doch zu heiß und verlockend. Dann hielt ich das schmucklose, knallgelbe, Heft in Plastikfolie verschweißt, ein paar Tage später in der Hand und war zuerst angetan: Spartanisches Äußeres, nicht schlecht; die Werbung für eine 3000-Euro-Uhr von der Firma „Sinn“ (sic!) auf dem Rückblatt übersah die Wissensgier.

Doch die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. Schon beim Durchblättern bereiteten die Gendersternchen meinen empfindsamen Augen physischen Schmerz, das Textdesign wirkte fürchterlich anästhetisch, die primitive Farbgestaltung führte beim Lesen zu Augenflackern wie bei einem Hypnoserad oder Kippbild, die Schriftgestaltung ist denkbar leserunfreundlich, viel grell und klares Bunt, „subversive“ Bilder deklinieren das Mainstream-Vokabular durch, das ganze Heft strahlte den Charme der 80er oder 90er Pop-Synthie-Kultur aus … ich kenne Ästheten, die hätten das wie eine Tarantel erschrocken in die Ecke gefeuert. Aber ich habe jede Zeile gelesen!

Nun, was soll ich sagen? Man greift gleich voll in die Tasten. Die ersten sechs Kurzbeiträge handeln von Identitätspolitik, Mode, beschreiben Anywhere-Probleme in der Pandemie („Hin-und Her-Jetten zwischen New York, Paris, Peking – passé“), den schrecklichen Event-Verzicht, Alltagsrassismus und die grausame Ungleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Eltern. Und da sind wir erst auf Seite 12 von 90. Der Leser weiß nun hoffentlich meinen Einsatz zu würdigen!

Danach greift der Chefredakteur Thomas Vašek selbst zur Feder und kommt zu der Erkenntnis, daß traditionelle Medien unseren Blick auf die Welt erweitern, soziale Medien hingegen unser Selbst, und diese aufgeblasenen Selbste sind demokratiegefährdend. Armin Thurnher, der Gründer des „Falter“ sieht einen „digitalen Faschismus das Haupt erheben“, der natürlich nur aus Rußland und von rechts kommt. Greta Lührs meint in einem dreiseitigen Artikel – an dem in meiner Handschrift jemand „typisches Bsp. von moralischer Dummheit“ geschrieben haben muß –: „Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen, LGBTBs, Menschen mit Behinderung, arme Menschen – viele Gruppen sind in der deutschen Medienlandschaft nicht in dem Maße vertreten, wie es sie in der Gesellschaft gibt“ usw. An anderer Stelle sinniert die gleiche Autorin über die Vorzüge der Diversity und bezieht Stellung gegen die „homogene Redaktion“ aus „weißen Männern“, und das in einem Blatt, für das nur Weiße schreiben und das vermutlich auch nur Weiße lesen. Und eine Paulina Albert äußert, daß „Journalist*innen mehr Ahnung von den Themen haben als die Öffentlichkeit“ und sieht ihre Aufgabe darin, ob ihrer „genug Ahnung“, das „Expert*innenwissen auf einem wissenschaftlichen Level zur Diskussion zu stellen.“ Hin und wieder gibt es „Lifehacks“, ganz klar, mit Anleitungen, wie man gewisse Schwierigkeiten des Lebens meistern kann, etwa sich gegen Online-Moralismus zu wappnen oder „Was tun, wenn mich die Langeweile überkommt?“

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subversive Kunst – © Hohe Luft

Es gibt auch ein paar brauchbare Beiträge, zumindest unterstelle ich das, denn ich habe sie kaum verstanden. Sie sind in Sprachen anderer Generationen verfaßt, es kommen darin Vokabeln vor wie „Mover und Shaker“, „SpeakerInnen“, „dark posts“, „gewählte*r Abgeordnete*r“ oder Sätze wie: „Wir sind schließlich nicht bei Tinder und müssen entscheiden, ob wir für einen Chat mit identity politics nach rechts swipen“ und solche Sachen.

Kritik an den Zuständen – wo sie denn vorkommt – ist banal, manches ist recht nett und amüsant, aber das ist das Maximum, originell ist man nirgends, provozierend schon gar nicht. Eigentlich wäre die Zeitschrift eine ideale Spielwiese für Echtphilosophen Daniel-Pascal Zorn, aber der muß derweil rechte Logik widerlegen.

Wo aber ist überhaupt die Philosophie? – fragt man sich nach einer Weile. Nun, sie kommt dreierlei ins Spiel. Zum einen findet man ein paar Zitate von Marshall McLuhan, Kant, Luhmann und sogar mal Hermann Lübbe, zum anderen fallen philosophische Sätze wie „Repräsentation bedeutet in der Erkenntnistheorie so viel wie Abbild“ oder : „Huch, jetzt bin ich aber ganz schön theoretisch geworden“, und drittens läßt man Professoren der Philosophie zu Wort kommen. Das Niveau der Beiträge letzterer unterscheidet sich kaum von dem der Journalist*innen, was auf den bedauerlichen Zustand des Faches an unseren Universitäten verweist.

Erhard Schüttpelz rettet sich immerhin ins Enigmatische, da fällt das Urteil schwer, Ute Frevert fällt in ihrem Beitrag über die Geschichte der Gefühle natürlich zuerst „der Haß“ und „die Angst vorm schwarzen Mann“ ein, Florian Arnold – Philosophieprofessor – findet immerhin „Virtue Signaling“ nicht gut, und Berward Gesang – noch ein Philosophieprofessor – will die Welt ökologisch und sozial durch eine Art Zakat oder Ablaß retten, hält „kompensieren“ für vielfach effektiver als „weniger zu emittieren“, also als weniger zu verbrauchen.

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Ästhetik des Häßlichen © Hohe Luft

Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Wer liest den das Zeug überhaupt? Wer braucht eine Zeitschrift, die das tägliche Summen nur wiederholt, vielleicht bissel aufgepeppter? Gesang spricht es ungewollt aus: die Lyfestile-Linken, das gutsituierte grüne Milieu, die „Gutmenschen“, die Baumarktrebellen und Selfie-vor-Bücherwand-Künstler, die Globetrotter, die heute in Hongkong und morgen in Frankfurt eine „Beziehung“ pflegen … das ist die Klientel dieser Zeitschrift, Leute, die gern anders, individuell, gerecht, ökologisch, natürlich antirassistisch usw. sein wollen, aber auf nichts verzichten möchten, Menschen in Berlin Prenzlauer Berg, München Schwabing und Hamburg Hohe Luft, überall dort, wo man überwältigend grün und rot wählt.

Eine aktuelle Auflagenhöhe der „Hohen Luft“ konnte ich nicht ermitteln, vor ein paar Jahren hatte man noch 25000 Abonnenten – im Vergleich: „Tumult“ und „Sezession“ – zwischen diesen und der Hohen Luft liegen geistig-qualitative abyssale Schluchten – kommen auf etwa 4000.

Fazit: ein paar gute Ideen findet man immer, vor allem wenn man referenziell liest. Insgesamt ist das Blatt komplett entbehrlich und wird bei mir stracks in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt.

PS: Gern wiederhole ich das Experiment mit anderen Erzeugnissen – wer einen Tipp hat, in affirmierender oder negierender Gestalt, kann ihn hier gerne kundtun: was muß man kennen, was sollte man meiden?

Hohe Luft – Philosophie-Zeitschrift. Hamburg. Heft 9.90 Euro

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