Drei Zeitschriften – Tumult

2. Tumult

 Wie sagt der Engländer? It blew me away! „Tumult“ – gleich vorweg – ist ein Magazin allererster Güteklasse, ich kann nur schwärmen, habe es von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, viele Unterstreichungen gemacht, immer wieder Recherchen angestellt, Bücher bestellt oder begutachtet, mich immer wieder belehrt und angeregt gefühlt und auch das Gefühl gehabt, nicht dauernd das Gleiche und Altbekannte, sondern wirklich Originelles zu lesen. Geärgert habe ich mich nur darüber, daß ich die Zeitschrift nicht schon früher geordert habe.

Sie nennt sich „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“ – Konsensstörung! Schon dieses geniale Wort ist ein inneres Fest, Anspruch und Ironie zugleich; ich kann es nicht aussprechen ohne zu lächeln. Das ist der Ton, der uns fehlt.

Frühjahr 2021 (PDF)

Und Konsensstörung findet man überall im Heft, sei es Friedrich Pohlmanns Apologie des Hasses und sein kleines Glossarium „im Reich der großen Lüge“, Egon Flaigs Verteidigung der Zeitschrift und sein Artikel über „Rassismus ohne Rassen“, sei es der Versuch der klugen Leute von „Konflikt“, den neuen Wokismus und den „Great Reset“ aus den inneren Entwicklungsgesetzen – und also nicht mithilfe von „Verschwörungen“ – des Liberalismus und des modernen Kapitalismus zu erklären, oder Frank Lissons streitwürdige philosophische Überlegungen zum „Verlust der geschichtlichen Zeit“, sei es Jörg Gerkes wichtige Aufklärung über die starke Konzentration von Ackerland besonders im Osten Deutschlands oder Werner Sohns fast sarkastisches und ganz offensichtlich gegen den Zeitgeist gerichtetes „Plädoyer für das Gefängnis“ oder schließlich Marius Winters Beschreibung der chinesischen Zustände … das alles ist ganz prononcierte Konsensstörung, unglaublich wichtig und kaum noch woanders in dieser Vielfalt zu hören.

Wunderbar auch der Artikel über Hans Blumenbergs Schreibtisch, sein Zimmer, sein Wesen – Blumenberg war ein enigmatischer Denker, den ich wertschätze wie wenige andere, ein Gelehrter der alten Schule, ein fast letzter Vertreter einer aussterbenden Spezies – vielleicht kann man Flaig und Kurt Flasch noch dazu zählen –, deren Fehlen man später noch spüren wird. Uwe Wolff stand ihm offenbar persönlich nahe und bietet hier seltene Einblicke in die Klausur. Auch Ernst Jünger wird in zwei originellen Beiträgen gewürdigt … es gäbe noch viel zu erwähnen, beeindruckend, was auf 112 Seiten alles paßt.

Die Krone allerdings gehört einem noch recht neuen Denker, dessen Buch mich erst vor einigen Wochen gefesselt und erschüttert hat – und zwar so sehr, daß ich mich bisher noch nicht an eine Rezension gewagt habe –  und der hier auf vier augenöffnenden Seiten den Begriff des Konservatismus neu justiert und eine Welt prognostiziert, in der bald nicht mehr das Vertrauen in den anderen Menschen, sondern eine „digitale Sozialtechnologie“ das „Zusammen“-Leben regelt. Michael Esders ist für mich die Entdeckung der jüngeren Zeit und sein Beitrag „Auf dem Rückzug“ hat mir einiges erklärbar gemacht, was bisher im Nebel der Sprachlosigkeit verborgen war. Wo so ein Kopf seine Gedanken ablegt – sein sensationelles Buch „Sprachregime“ ist ebenfalls im Manuscriptum-Verlag erschienen –, dort muß man sein – diese vier Seiten rechtfertigen bereits die 10 Euro Investition; im Grunde ein Witz für den geballten Inhalt.

Auch wenn die Beiträge sehr unterschiedlich und individuell sind und es natürlich auch schwächere und stärkere gibt, so überzeugt in allen ein ruhiger, unaufgeregter Grundton. Mir ist kein anderes Blatt bekannt, das eine derartige Meinungsvielfalt innerhalb eines Spektrums bietet.

Zu allem Überfluß ist es auch optisch eine Augenweide, haptisch ein Genuß – mit einem Wort: Das nächste Heft kommt in einer Woche – Abo ist raus!

TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung

3 Gedanken zu “Drei Zeitschriften – Tumult

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