Guardiolas Titanic-Fahrt

Verlieren gehört dazu! Wer nicht verlieren kann, der sollte kein Fußball-Fan sein. Manche – wie z.B. Schalke oder HSV-Fans – kennen gar nichts anderes mehr. Auch bei Manchester City weiß man ein Lied davon zu singen. Jahrzehntelang war man eine unberechenbare Fahrstuhlmannschaft, deren offizieller Slogan zwar „Superbia in Proelia“ lautete, inoffiziell erkannte man den wahren Fan aber an seinem „typical City“, was so viel hieß wie: nie Vorfreude riskieren, sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf tragische Weise bitter bestraft werden.

Nun, seit der Scheich den Klub übernommen hatte, hörte man diesen Seufzer immer seltener und seit Pep Guardiola als Trainer übernommen hatte und sich eine Mannschaft nach seinem Bilde formen konnte, war man auf dem Wege, erwartbar und kontrolliert, vielleicht den besten Fußball aller Zeiten zu spielen. Messis Barcelona von einst mag die Ausnahme gewesen sein.

In deutschen Redaktions- und Wirtschaftsstuben wird das City-Projekt leider fast nur feindlich behandelt, aber den meisten fehlen die inneren Einsichten in die Struktur dieses Klubs. Natürlich floßen unerhörte Summen in den Verein, die Investitionen in Spieler haben jene Summe erreicht, die die deutsche Regierung nun an Namibia überweisen oder gegen „Rechtsextremismus und Rassimus“ ausgeben will. Man kann darüber streiten, welche Gelder besser verwendet wurden, Fakt ist aber, daß bei Manchester City ganze Arbeit geleistet wurde: aus einem anarchisch geführten Klub – was auch seinen Reiz hatte – wurde ein straff durchorganisiertes Wirtschaftsunternehmen, das bereits jetzt Rendite abwirft, das vielen Menschen in der Region Arbeit und Infrastruktur verschafft, das einen höheren Bildungsauftrag erfüllt, ja das sogar eine moralische Instanz wurde. Manchester City hat die Fußballwelt in vielerlei Hinsicht revolutioniert. Alles – vom Stadionempfangsraum über die weitläufige Akademie und die weltführenden Trainingseinrichtungen bis hin zum aktuell gespielten Fußball – strahlt dort Exzellenz aus. Für Freunde der Platzschlammschlachten mag das abstoßend wirken.

FireShot Capture 655 - Kommentar zum CL-Finale_ Thomas Tuchel vertraut sich, Pep Guardiola n_ - www.kicker.de

@ Kicker Bild: Getty Images

Nun wollte man sich also die höchste Krone aufsetzen, die Champions League gewinnen, nach einer denkwürdigen Saison. Die begann ganz katastrophal, man spielte zu Beginn vollkommen – typical City – unberechenbar, verlor gegen Leicester mit 5:2 und konnte nicht mal gegen die Schleudertruppe von West Bromwich Albion gewinnen. Am 13. Spieltag, kurz vor Weihnachten lag man auf Platz 9, Liverpool war bereits acht Punkte enteilt und mit der Erfahrung der Vorjahressaison schien die Meisterschaft schon verloren.

Aber dann stellte Pep die Mannschaft um, ließ ihr neue Freiheiten und fand ein vollkommen neues System. Dabei half ihm der Zufall. Denn mit Agüeros Ausfall stand City plötzlich ohne Stürmer da und Gabriel Jesus konnte die Erwartungen in ihn nie erfüllen. Und plötzlich blühten einige Spieler förmlich auf – es kam die große Stunde des İlkay Gündoğan, der nun freie Räume in der Spitze nutzen konnte und zum Toptorjäger avancierte. Auch João Cancelo bewies, daß er innerhalb eines Spiels immer wieder die Position wechseln kann, in der Verteidigung wurden Rúben Dias und John Stones fast ein unzertrennliches Liebespaar und das Genie Kevin de Bruyne konnte im Mittelfeld schalten und walten, während Rodri wie eine Wand stand und hinter ihm alles abräumte, was dennoch durchkam. Die Maschine rollte wieder. Man gewann wettbewerbsübergreifend 21 Spiele in Folge, darunter eine denkwürdige und wohltuende Demontage Liverpools (1:4) und erst die Niederlage gegen Stadtrivalen United Anfang März war eine Erinnerung daran, daß man doch nicht unbesiegbar sei, vor allem in großen Spielen.

Und nun ist es wieder passiert – aber verlieren gehört dazu.

Doch ist diese Niederlage gegen Chelsea keine „normale“ – sie schmerzt über alle Maßen. Und nicht etwa, weil es das Finale war – auch das kann man verlieren – sondern weil diese Niederlage so voraussehbar wie vermeidbar war. Und die Ursache dieses Mißerfolges ist der Erfolg der letzten Jahre selbst, nämlich der Trainer.

Aber daß er hier versagte – das ist die These, versuchsweise, dieses Artikels – ist ideologisch bedingt. Es besteht mehr als ein Anfangsverdacht, daß Guardiolas Versagen in der Tiefe ein weltanschauliches ist. Schmerzlich ist dies besonders, weil seine politische Gesinnung ihm nicht zum ersten Mal im Wege steht, aber er kann sie offensichtlich nicht ablegen.

Guardiola ist ein politischer Mensch – daraus macht er keinen Hehl und das ehrt ihn auch, denn wo andere, fast alle, durch die meist stille, manchmal auch laute Zensur der Politischen Korrektheit ins Schweigen, Phrasendreschen oder Mitmachen verfallen, da spricht er seine Meinung. Ich möchte nicht wissen, wie viele Spieler und Fans vom „taking the knee“ – als metapoltitischer hegemonialer Erfolg der BLM-Bewegung –  angewidert sind, aber sagen darf man das nicht, da wäre selbst die größte Karriere riskiert. Bernardo Silva etwa wurde für drei Spiele gesperrt, weil er seinen guten Freund Benjamin Mendy mit einer Schokoladenfigur verglich – worüber Mendy freundlich lachte, aber der Fußballverband sah darin „Rassimus“ und einen „schweren Verstoß“. Edinson Cavani, Starstürmer bei United mußte ebenfalls drei Spiele auf die Bank und 100000 Pfund Strafe zahlen, weil er „das Spiel in Verruf gebracht hat“ mit einem amikablen Tweet, in dem der Begriff „negrito“ vorkam, der in Südamerika, wo Cavani herkommt, ein „liebevolles Dankeschön“ sei. Die Liste ließe sich fortführen. Es bedurfte eines ebenfalls sehr schwarzen Spielers, nämlich Wilfried Zaha, um diese Farce endlich zu konterkarieren – der lehnte „das Knie“ ab, weil er darin nur eine leere Geste sehen konnte, was es im Übrigen auch ist.

The story behind Pep Guardiola's 'Open Arms' hoodie

© Shaun Botterill/Getty Images

Guardiola hat solche Bedenken vermutlich nicht, denn er ist – und er kann es sich auch leisten – ein erzlinker Mensch. Auch er mußte schon Strafe zahlen, etwa durch seine offen sichtbare Unterstützung der linken katalanischen politischen Gefangenen …, denn eigentlich gibt sich der englische Fußballverband als unpolitisch. Nur gilt das nicht, wenn es um „Rassismus“ geht oder um organisierte Flüchtlingsrettung auf dem Mittelmeer. Zuletzt trug der Trainer ostentativ – wenn das Wetter es erlaubte – einen Pullover mit der Aufschrift „Open Arms“ – die Reaktion des Verbandes blieb aus. So nennt sich ein Rettungsschiff der spanischen NGO „Proactiva Open Arms“, das seit mehreren Jahren zu jener Armada gehört, die nordafrikanische Küsten systematisch abfährt, um gezielt Flüchtlinge zu „retten“. Und während Björn Höcke in einem Tweet Carola Rackete sagen läßt „Ich habe Folter, sexuelle Gewalt, Menschenhandel und Mord importiert“ – was sich im konkreten Zusammenhang ebenfalls als Tatsache erwies (den Mord wohl ausgenommen) – und dafür nun private Bekanntschaft mit dem LKA machen durfte, verehrte Guardiola die „Kapitänin“ und hielt bei ihrer Ehrung in Katalonien die Laudatio.

FireShot Capture 652 - Sea-Watch-Kapitänin_ Pep Guardiola ehrt Carola Rackete - WELT - www.welt.de

Wir sehen, die Verflechtungen sind komplex. Vielleicht ist Guardiolas Wesen Teil seines unglaublichen Erfolgs. Seine Innovationsfreude und Akribie garantierten ihm die größten Erfolge. Aber manchmal wirkt das auch destruktiv.

Gestern, beim verlorenen Champions League-Finale war nun wieder so ein Moment. Guardiolas Progressismus und sein mangelndes Vertrauen in Gewachsenes – das Signum des Konservativen – haben ein und sein Lebenswerk zerstört. Aber Vertrauen ist der Grundbaustein in einem Projekt wie dem einer Fußballmeisterschaft: der Trainer stellt nur die Spieler auf, denen er bestimmte Aufgaben zu- und vertraut, die Spieler opfern sich nur für eine Trainerstrategie auf, der sie vertrauen können und die bestmöglichen Erfolge verspricht, und so in allen Schichten eines Klubs dieser Größenordnung. Vertrauen ist aber ein Grundwert des Konservatismus, denn es kann nur durch häufiges Wiederholen, durch Beständigkeit und durch Einüben des Richtigen erworben werden – Moderne ist per definitionem aufgrund der permanenten Neuerungen auf Vertrauensverlust angelegt.

Ursache für Guardiolas Versagen könnte seine linkstheoretische Ausbildung sein, die längst Habitus geworden ist.

Die gestrige Mannschaft hatte sich eigentlich von selbst aufgestellt: Rodri und/oder Fernandinho in der zentralen Verteidigung, de Bruyne und Gündoğan dominieren das kreative Mittelfeld, Silva, Mahrez, Foden und Cancelo wirbeln davor alles auf, Sterling, der seit Monaten schlecht spielt, sitzt auf der Bank und wenn alle Stränge reißen und man dennoch hinten liegt – verlieren gehört dazu! – dann hätte man die letzten Minuten noch mal Agüero ins Feuer schicken können. Damit hatte die Mannschaft die Meisterschaft überzeugend gewonnen, damit hatte sie die Champions League dominiert …, aber nein, der Trainer muß just im wichtigsten Spiel der neueren Klubgeschichte „was Neues“ probieren, etwas, das die Mannschaft noch nie gespielt hatte.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, wiederholt Guardiola damit strukturell einen Fehler, den er in allen vorherigen Saisons in der Champions League bereits gemacht hat. So kam es, daß man 2017 gegen Monaco, 2018 gegen Liverpool, 2019 gegen Tottenham, 2020 gar gegen Lyon – sämtlich Mannschaften, die zum Zeitpunkt nominell deutlich unterlegen waren! – verlor und eliminiert wurde. Kevin de Bruyne kritisierte letztes Jahr zurecht: „different year, same stuff“.

Nur diesmal hatte Guardiola alles richtig gemacht, vermied das „overthinking“, verzichtete auf Experimente – hatte man gedacht. Bis die gestrige, die letzte Aufstellung der Saison auf dem Tisch lag – da war allen Experten sofort klar, was drohen konnte, nur dem Trainer anscheinend nicht. Der war in seine Denkblase versunken, in seine linken Denkschienen und die gaukelten ihm ein Utopia vor, ein „wenn wir alles neu machen, dann wird die Welt besser“, ließen ihn alles über Bord werfen, was sich bisher bewährt hatte, was die Spieler kannten und konnten, in einem mühsamen Vertrauensprozeß eingeübt hatten.

Wäre Guardiola nicht so verbohrt links und progressistisch, dann wäre Manchester City heute vielleicht König Europas, und falls nicht: die Fans hätten es hinnehmen können – denn verlieren gehört dazu. So aber schlug der Trainer dem Klub, den Spielern, den Anhängern eine weitere schwere Wunde, die man ihm vielleicht nicht mehr verzeihen sollte. Nach fünf Jahren akribischer Arbeit verliert er das entscheidende Spiel gegen einen Trainer, der gerade mal vier Monate Zeit hatte, ein bißchen Struktur in seinen Hühnerhaufen zu bekommen.

Immerhin waren wir Zeugen eines Lehrstückes: das Linke und das Rechte, das Progressive und das Konservative, das Verändern- und das Halten-Wollen brauchen einander und müssen sich ausgleichen, eine feine Balance finden. Wer sie nicht findet, den bestraft das Leben.

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