Die Deutungshoheit über das Lachen

Viele dürfte die unglaubliche Vehemenz überrascht haben, mit der die eine Meinungsseite auf die gut 50 Corona-Clips reagiert hat, während die andere sogleich in Begeisterung fiel. Die Filmchen wirkten wie Marmite – You either love it or hate it. Man kann an der Reaktion grob die Linie zwischen rechts und links ziehen.

Die Empörung hat Geschichte – wir sprechen über die zweite subtextuelle, meta-mediale Frage des Medienereignisses. Denn es ist bei weitem nicht der erste Fall medial generierter Entrüstung über den Humor, es ist der bisherige Höhepunkt einer längeren Reihe an „Skandalen“: Uwe Steimle oder Kay Ray wurden entlassen, Andreas Thiel gilt ob seiner Islamwitze als fragwürdig, Dieter Nuhr oder Lisa Eckhart sind rote Tücher für das linke Feuilleton …, um nur einige Namen zu nennen.

Die Heftigkeit der jetzigen Affäre mag mehrere Gründe haben, vielleicht, weil es gleich so viele waren, vielleicht auch, weil man aus dieser Ecke keinen Angriff erwartete, ganz sicher aber, weil es sich um Ironie oder Satire handelt.

Will man nach einem historischen Vergleich zur heutigen Lage suchen, so bietet sich weniger Camus‘ „Pest“ an, sondern, wie Sloterdijk meint – der den Text seit 30 Jahren empfiehlt –, Boccaccios „Dekamerone“. In der Öffentlichkeit wird diese Novellensammlung aus dem Jahre 1349/52 meist unter die Erotika gezählt, doch wird man dem Werk damit nicht gerecht. Die zehn mal zehn Geschichten – viele davon tatsächlich lustvoll – sind eine Reaktion auf eine Epidemie, eine wahre Epidemie, auf die sogenannte „schwarze Pest“. Auch in Florenz hatte sie 1348 Einzug gehalten und schwer gewütet. Sieben junge Frauen vereinbaren, die Stadt zu verlassen und  „da ohne männlichen Rat nun einmal nicht auszukommen sei“, mehr noch „die Männer geradezu der Kopf der Frauen seien, ohne die kein Frauenwerk rühmlich zu Ende gebracht werde“[1], lädt man sich noch drei gut im Saft stehende Jünglinge hinzu, flieht in die Berge, wo man sich verlustiert und jeden Abend Geschichten erzählt – lustige, sensuelle, vor allem aber lebensfrohe und humorvolle Geschichten. Das frohe Erzählen ist die Waffe gegen den allgegenwärtigen Tod – schon Scheherazade war auf diese geniale Idee gekommen – , um die Frage zu beantworten, „wie sie aus dem allgemeinen Sterben ringsum ihr Leben retten könnten.“ Boccaccio hatte damit das Vademekum gegen gesellschaftliche Erstarrung im Angesicht eines Elends verfaßt.

Man sollte den Versuch der 53 in dieser Tradition sehen. Dann begreift man auch die Wucht der Wut, die ihnen entgegenschlug. Denn das Lachen ist ein sehr scharfes und zweischneidiges Schwert. Es gibt Leute, die können Ironie gar nicht verstehen, so wie andere rot und grün nicht unterscheiden können – Ironie, Witz, Humor sind einerseits Kulturleistungen, andererseits aber anthropologische Größen, die freilich individuell sehr unterschiedlich verteilt sind. Auf ironieferne Menschen wirkt die spöttische Spitzfindigkeit zumeist verunsichernd und nicht selten wird der Spott als Angriff gegen sich selbst erlebt. Es wäre eine Untersuchung wert – Jonathan Haid hatte in  „The Righteous Mind: Why Good People are Divided by Politics and Religion“ in diese Richtung vorgearbeitet -, nachzuforschen, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Ironiebegabung und politischer Affiliation gibt.

Freilich: Humor verändert sich. Wir sind alle viel viel weicher geworden – ein Aretino, Till Eulenspiegel, ein Rabelais oder ein Fischart bekämen kaum noch eine gute Presse und müßten wohl im Selbstverlag, on demand, veröffentlicht werden.

Das Thema ist äußerst komplex und hat die Philosophie immer wieder beschäftigt, von Aristoteles und Lukian über Wieland und Carl Julius Weber bis in die Neuzeit; dort haben sich u.a. Freud, Höffding, Lhotzky, Plessner, Bergson, Lipps, Ritter, Sloterdijk, Kamper, Seidel, Lisson und viele andere damit auseinandergesetzt, Mitte der 70er Jahre gab es ausgiebige Konferenzen über „Das Komische“, an denen das Who is Who der deutschen Philosophie teilgenommen hatte – die Frankfurter Schüler glänzten freilich durch Abwesenheit.

Man kann sich aber auch gut auf Umberto Ecos „Der Name der Rose“ verlassen, will man die Wirkmechanismen begreifen. Darin finden sich mehrere gelehrte Gespräche des verkappten Postmodernisten und Detektiv-Mönchs William von Baskerville mit dem greisen, blinden, aber sehr hellsichtigen Orthodoxen Jorge von Burgos. Das Leitthema ist das Lachen.

Jorge lehnt es speziell für die Kleriker ab, denn „Christus hat nie gelacht!“ Und fast im gleichen Atemzug wird das Lachen an den Tod geknüpft. Lachen kann töten, denn es sprengt alle Rahmen. „Wer lacht, glaubt nicht an das, worüber er lacht. Wer also über das Böse lacht, zeigt damit, daß er nicht bereit ist, das Böse zu bekämpfen, und wer über das Gute lacht, zeigt damit, daß er die Kraft verkennt, dank welcher das Gute sich wie von selbst verbreitet.“ William widerspricht und führt die „Heiterkeit der Seele“ ins Spiel. Doch Jorge beharrt: heiter könne die Seele nur sein, wenn sie die Wahrheit schaue. Lachen hingegen schüre nur den Zweifel. Den wiederum schätzt William als hohes Gut, aber Jorge statuiert: „Wer zweifelt, wende sich an eine Autorität.“

Mit diesen Sätzen sind wir mitten im jetzigen Zeitgeschehen, nur sind die Autoritäten keine verblichenen Evangelisten, Kirchenväter und Scholastiker, sondern die Männer in Weiß. Auch unter diesen werden einige zur Autorität ernannt, andere hingegen als quasi-Häretiker behandelt, die einen werden fleißig in den modernen Folianten (Feuilletanten) rezipiert und auf und ab rezitiert, die anderen verschwinden im Labyrinth der ungehörten Meinungen. Die deklarierte und politisch legitimierte „Wahrheit“ wird wie ein klerikaler Schatz gehütet, ihre Anbetung hat sakrale Züge, es bildete sich so etwas wie eine Corona-Kirche und Drosten scheint ihr Fels zu sein.

William, der Mann des Fortschritts, beharrt auf der Vernunft: „Gott will, daß wir unsere Vernunft gebrauchen, um viele dunkle Fragen zu lösen“ und dieser stehen die alten Autoritäten oft im Weg. Es gebe aber eine Methode, das Verknöcherte und Homogene aufzuweichen: „Und seht nun, um die falsche Autorität einer absurden, also unserer Vernunft widerstrebenden Meinung zu untergraben, kann manchmal das Lachen ein gutes Mittel sein, das die Übeltäter verwirrt und ihre Dummheit ans Licht bringt.“

Das Geheimnis der Abtei ist – wie man sicher erinnert – das letzte Exemplar des zweiten Buches der „Poetik“ des Aristoteles, in der er die Komödie behandelt und das befreiende Lachen adelt, indem er ihm eine kathartische Wirkung zuschreibt. Das ist es, was der alte Jorge zurückhalten will. Entscheidend ist dabei die Autorität selbst, denn diese Apologie ist vom PHILOSOPHEN schlechthin. „Aus diesem Buch“, so gesteht Jorge zum Schluß beim grandiosen Finale, „könnte das neue und destruktive Trachten nach Überwindung des Todes durch Befreiung von Angst entstehen. Und was wären wir sündigen Kreaturen ohne die Angst, diese vielleicht wohltätigste und gnädigste aller Gaben Gottes?“

Hier sind wir am Glutkern unseres Skandals. Denn nur die Angst kann die wirren Fäden der Maßnahmen wie in einem virtuellen Schrein zusammenhalten, wiche sie oder würde sie in der Weise des Boccaccio neu kanalisiert werden, dann verschwände der Schein des Konsens. Wer jetzt lacht oder zum Lachen anregt, wirkt höchst subversiv, mithin gefährlich, da gefährdend. Das macht die Faszination der 53 kleinen Clips aus und das erklärt die allergischen Reaktionen. Jorge: „Wenn das Lachen die Kurzweil des niederen Volkes ist, so muß die Freiheit des niederen Volkes in engen Grenzen gehalten, muß erniedrigt und eingeschüchtert werden durch Ernst.“

Die Dinge sind übrigens nicht so eindeutig in Ecos Jahrhundertbuch, wie es jetzt den Anschein erweckt. Es wäre falsch, sich auf Williams Seite zu schlagen und Jorge zu verdammen. Tatsächlich ist es nämlich Williams Neugier, sein Erfindergeist, sein alles-Wissen-Wollen, das zum katastrophalen Ende der Abtei führt, in der das Wissen vieler hunderter Jahre lagerte. William hat die Quelle, aus der er sein Leben lang als Gelehrter trank, durch diese Gelehrtheit und den Drang nach noch mehr selbst verschüttet und verwüstet – heute würde man euphemistisch von disruption sprechen und auch das noch bejubeln.

Lachen – die Reaktion auf Ironie, auf Satire, auf den Witz ist auch Erlösung, ein Abfuhrmittel, das Spannungen lockert, Konflikte entschärft, Existenzlast nimmt und man geht vermutlich nicht fehl, den 53 Akteuren diese Motive zu unterstellen. Es ist auch deswegen von den Mächtigen gefürchtet und muß eingehegt werden, weil es oft einen irrationalen Grund hat, nicht zu erklären, weil es ausbrechen kann wie ein Vulkan, unaufhaltsam, auch weil es individuell ist wie ein Fingerabdruck oder die Handschrift und nie über längere Zeit im Gleichschritt gehalten werden kann. Lachen ist oft stärker als der Mensch, es entzieht sich der Kontrolle, daher muß es eingehegt werden – der „Affekt des Komischen“ resultiert „aus der Reaktion auf das Erkennen von Inkompatibilität“ (Lisson).

Was sie nicht bedacht haben, die 53, ist die Tatsache, daß das Lachen eine Grenze der Kommunikation darstellt. Damit wird es strategisch hochbrisant: Wer das Lachen kontrolliert, kontrolliert die Grenzen des Sagbaren. Es ist ein „symbolisches Immunsystem“ (Sloterdijk). Darauf haben aber in den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Systemclowns mit ihren eingespielten synchronisierten Lachsalven, ein Abo angemeldet, die Böhmermann, Welke, van der Horst, Köster, Ehring, und wie sie alle heißen. Darunter gibt es große Begabungen, allein die eklige Systemkonformität, die Sprechblasen, die mangelnde Authentizität macht dem Connaisseur diese Art Komik ungenießbar. Aber auch hier kann man wohl die Linie zwischen Links und Rechts ziehen.

Die Gesellschaft legt Lachtabus fest – so schützt sie ihre Bundeslade. In Jorges Welt führte das profane Lachen letztlich zur Entgrenzung und zum Lachen über das Heilige. In Italien lacht man nicht über Dante, in Ungarn nicht über Trianon, in Arabien nicht über die eigene Mutter und in Deutschland nicht über Auschwitz, Klimaerwärmung, Schwächere, Fremde, Andere, Farbige, Schwule, Minderheiten, Frauen, Blondinen, Blondinen mit großen Brüsten, Blondinen mit kleinen Brüsten … und seit einigen Tagen offenbar auch nicht mehr über ein Virus und „die Maßnahmen“.

Die Deutungshoheit über das Lachen werden sie – die Mächtigen nebst ihren Kaspern –  jedenfalls nicht einfach abgeben. Aber es gibt ein großartiges Mittel dagegen: das Lachen.

[1] Das muß natürlich bei einer Neuausgabe verschwinden. Wir sehen: Boccaccio war frauenfeindlich.

Ein Gedanke zu “Die Deutungshoheit über das Lachen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    „Wer jetzt lacht oder zum Lachen anregt, wirkt höchst subversiv, mithin gefährlich, da gefährdend. Das […] erklärt die allergischen Reaktionen.“

    Dieses Motiv für die empörte Reaktion setzt ein Wägen von Wirkungen voraus, das bei vielen gar nicht stattfinden dürfte. Meist wendet man wohl nur recht mechanisch das Gelernte an, nämlich dass das Beleidigte-Leberwurst-Spielen sich für den ach so Sensiblen, der stets seine beledigten Gefühle vorschützt, heutzutage in aller Regel auszahlt. Man schlägt den Gegner nicht mehr mit Knüppeln, sondern mit dem triefenden eigenen Herzen.

    „die Systemclowns mit ihren eingespielten synchronisierten Lachsalven“

    Aufs Konservenlachen greifen leider fast alle Fernseh- und Film-Humoristen zurück, auch die Monty-Python-Gebrüder. Die große und sehr lobenswerte Ausnahme war meiner Erinnerung nach Loriot.

    Klaus D: „Aufs Konservenlachen greifen leider fast alle Fernseh- und Film-Humoristen zurück, auch die Monty-Python-Gebrüder.“
    Das war – vor einem halben Jahrhunderrt – wohl eher die BBC (und seine Tradition).

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