Islam als positive Herausforderung

Gastbeitrag von: Tarik

JULIAN: „Say it then. Who shall conquer? The Emperor or the Galilean?

MAXIMUS: „Both Emperor and Galilean shall go down…If in our time of hundreds of years hence, I know not; but it shall happen when the right man comes…O thou fool, who hast drawn thy sword against the future – against that third empire – WHERE THE TWO-SIDED WILL REIGN.

JULIAN: „The third Empire? Messiah? Not the kingdom of the Jewish people but of the spirit, and the Messiah of the kingdom of the world.

MAXIMUS: „Logos in Pan – Pan in Logos.“

(Henrik Ibsen – Emperor and Galelean, 1873)

Tradition verpflichtet, so heißt es. Und die Isaak-Ismael Dichotomie ist solch eine Tradition, der man als traditionsbewusster Europhiler in der einen oder anderen Form offenbar Tribut zu zollen hat; egal wie lästig einem das Ismaelitische Andere, der Islam, auch sein mag. Nun muss man sich auch noch damit auseinandersetzen, denn dieses Andere ist sowohl präsent als auch herausfordernd, unabhängig davon wie vermeintlich primitiv und atavistisch es auch sein mag oder wie „schwach“ ausgeprägt dessen Theologie – eine ebenso traditionelle wie interessante These, wenn man bedenkt, bei wem u.a. sich die christliche Scholastik eigentlich schulte und dabei berücksichtigt, dass die allererste Universität südlich des Mittelmeers eröffnet wurde. Selbst Timbuktu, wie man nach dem Sturm durch radikale Eiferer vor einigen Jahren feststellen konnte, beherbergt mehr Manuskripte als Oxford und Cambridge zusammen. Dass die These des kargen, theologiearmen Islam, dieser extrovertierten Version des Judentums zumindest akademisch überwunden ist – sowohl in jüngsten Forschungen als auch in der schieren Menge entsprechende Manuskripte, von denen das meiste gar nicht übersetzt werden kann. Nicht mal Ibn Arabis Opus Magnum ist in seiner Gesamtlänge auf einer europäischen Sprache erhältlich – bleibt in den entsprechenden Kreisen folgenlos. Die Kargheit des Islam ist real, weil diese Kargheit vorausgesetzt wird).

Die moderne Erosion der Identität, der Verlust der christlichen Spiritualität, neue Gesellschafts- und Körpervorstellungen, der demografische Wandel und all das, was die Globalisierung so mit sich bringt… All das ist für viele Nachdenkliche und kluge Köpfe – die heutzutage in Europa eher auf der konservativen Seite zu finden sind – eine ziemlich harte und qualvolle Angelegenheit, wo einem trotz angelernter daoistischer Gelassenheit hier und da die Hutschnur platzt. Die historisch gesehen moderne Erscheinung der Salafi-Mentalität, eines exoterisch und spirituell entkernten Islam a la Pierre Vogel ist natürlich ein perfekter Meme, von dem allein das Internet einen nicht endenden Nachschub liefert. Da können die akademischen Wissenschaften orientalistische Narrative widerlegen, wie sie wollen. Der massive Zustrom von Menschen, die z.T. in dritter Generation in zerrütteten Gesellschaften und Failed States leben und was sie an Konflikten mitbringen, bestärkt den grüblerischen Durchschnitts-Konservativen in dessen Abneigung. Freilich gab und gibt es Ausnahmen. Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – als der gesamte Islam zumindest authentischer, traditioneller war – gab es genug Köpfe, die die Lösung im europäischen extremen Umschwenken von Geist hin zum Körper und somit zum Verlust von Identität und Spiritualität im Körper-Geist-Seele-Holismus des Islam sahen – der sich selbst auch als „Weg der Mitte“ begreift.

Mag z.B. Fillippo Marinettis Kunstrichtung des Futurismus (radikaler Darwinismus, Verbannung von Religion und allem was nach Tradition aussieht und Ersetzung durch Stahl und Maschinen) mag logischerweise dem Faschismus den Weg geebnet haben. Aber er „gebar“ auch Persönlichkeiten wie die Tänzerin Valentin de Saint-Simon oder die noch bekanntere Schriftstellerin Leda Rafanelli, die beide sich jeweils vom Futurismus (aufgrund der radikal darwinistischen Sicht in punkto Frauen) und jede für sich im Fitra-Way of Life wiederfanden.

Erst kürzlich wurde hier anhand des Beispiels Lichtmesz die Nostalgie um den Verlust des Christentums thematisiert. Abdal Hakim Murad greift dies in „Travelling Home – Essays on Islam in Europe“ auf und führt dies weiter aus:

„Niall Ferguson, nach eigenen Angaben ein „hartschaliger Materialist“, beklagt noch immer das „moralische Vakuum, das unsere Entchristlichung geschaffen hat“; ein Vakuum, das Raum schafft für die unliebsamen Werte und Überzeugungen neu ankommender Muslime. Auch Alain de Botton, der sich an das „gottförmige Loch“ in seinem europäischen Herzen klammert, rühmt den Ansatz von August Comte, eine Ersatzreligion zu schaffen, die atheistische Rituale und Gemeinschaftlichkeit beinhaltet. Ähnlich verhält es sich mit der spirituellen Nostalgie des „christlichen Atheisten“ Douglas Murray, der den Islam im Namen eines kulturellen Erbes verdammt, dessen religiöses Zentrum er selbst nicht mehr bewohnen kann. Und so treten auch westeuropäische Populisten für eine „jüdisch-christliche Kultur“ ein, ohne eine der beiden Religionen praktizieren zu wollen.“

Charles Taylor beschreibt in seinem „Ein Säkulares Zeitalter“ unsere Zeit als eine des expressiven Individualismus; eine Fortsetzung der im 18. Jahrhundert herrschenden Begeisterung, die eigenen Überzeugungen ungeachtet gesellschaftlicher Konventionen zu vertreten – auf der Suche nicht nur nach sich selbst, sondern auch nach Wahrheit, ja sogar (auch wenn dies aus der Mode gekommen ist) nach Transzendenz. Die anhaltende Religiosität der muslimischen Jugend[1] kann paradoxerweise durchaus die Folge einer Auflehnung des Ichs sein: gegen elterliche Traditionen, aber auch gegen die Homogenisierungsforderungen des zunehmend zwangsliberalen Staates und das, was Taylor die spürbare Flachheit der säkularen Moderne nennt.

Eine urbane muslimische Identität mit ihren Hoodies, ihrer Street Credibility und dem Ruf nach palästinensischer Freiheit hat etwas Ausgefallenes und Reizvolles an sich, das der spießigen Missbilligung mächtiger liberaler Eliten trotzt. Doch gibt es hier auch so etwas wie eine innere Komplementarität, da Religion als „Gottes Lazarett“ empfunden wird.

Taylor weist auf das Versagen der Kirchen hin, junge Menschen zu gewinnen, weil die Kirchen zwar sicherlich Ausdruck einer alternativen Gesellschaftsvorstellung darstellen, jedoch, wie er andeutet, das Dionysische ablehnen[2]. Und jenes Dionysische ist genau das, was für einen Nietzsche – auf seiner gefährlichen Suche nach dem Übermenschen – die „virile“ Überlegenheit des Islams gegenüber dem Christentum ausmacht. Hierzu hat Ian Almond Interessantes veröffentlicht.[3] Der Islam wird als ganzheitlicher, selbstbewusster, lebensbejahender Glaube wahrgenommen, der den Körper vollständig in den Glauben einbezieht. So spricht er diejenigen an, die auf der Suche nach einem alternativen Modell sind, einer Gegenkultur sowohl zur säkularen instrumentellen Moderne als auch zu dessen christlichem Gegenteil; vielleicht an Marcuses Aufstand gegen die Hemmnisse erinnernd, deren Grenzen jedoch als fiṭra-konform und somit als instinktiv zu verstehen sind. Schließlich ist Ismael der Erbe „gemäß dem Fleische“. (Paulus, Galater)“

Obwohl die vertikale Integration von muslimischem Diskurs und Moscheekultur (die zumeist, wie Murad anmerkt „monoethnischen Rassentempel“ gleichen) schwach entwickelt ist und die Verantwortlichen wenig tun, um die Jugend zu führen, inspirieren die zeitlosen islamischen Grundlebensformen und ihre ausgeprägte Einheit von Geist und Körper offenbar nicht wenige viele und vermag eine anziehende Wirkung in einem postreligiösen Umfeld zu entfalten.

Die Anziehungskraft der Sunna auf diejenigen, die eine integrierte und ganzheitliche Gegenkultur suchen, ist in einer Zeit von Angst, Atheismus und zerrissenen Innenleben offensichtlich. 2018 war das Jahr, in dem der Verkauf von Antidepressiva im säkularen Großbritannien Rekordwerte erreichte. Die Medien berichteten jedoch nur zögernd und widerwillig über eine Studie der Universität Mannheim, die die allseits bekannte Lebenszufriedenheitsskala auf Anhänger verschiedener Weltanschauungen angewandt hatte. Aus dieser Untersuchung mit fast siebzigtausend Befragten ging hervor, dass unter allen Gruppen die Muslime am zufriedensten sind mit ihrem Leben, das sie als umfassende Einheit, als zusammenhängendes Ganzes verstehen. Danach folgten jene Christen, die sich selbst weder als Katholiken noch als Protestanten identifizierten, während Buddhisten den dritten Platz belegten.[4] Die Ergebnisse, die im „Journal of the American Psychological Association“ veröffentlicht wurden, stehen im Widerspruch zum üblichen Medienbild des wütenden Ismaeliten und der verschleierten, unglücklichen Hagarenin; sie stützen jedoch unsere Hypothese, dass die Ganzheitlichkeit der Sunna – die Körper, Geist und Seele als Aspekte einer Einheit begreift, verkörpert im muslimischen Gebet – den Islam zu einer dauerhaft ernstzunehmenden Option für jüngere, unabhängig denkende Dissidenten in atomisierten Gegenwartskulturen macht. Ismaels Widerstandsfähigkeit ist daher real; sie ist ein hartnäckiges Ärgernis für ein ohnehin schon verunsichertes Europa und beschleunigt zudem den nationalpopulistischen Reflex.“[5]

Die Reduzierung des Islams auf Gesetze, Körper, Gebote; all das, was man früher dem anderen Semitentum vorwarf, dient letztlich der Stärkung der eigenen Tradition und Identität in atomisierten Zeiten und wird verstärkt mit der Begegnung mit dem ismaelitischen Anderen, der vermeintlich das eigene Gegenteil verkörpert. Kurz gesagt: Es ist absolut nachvollziehbar, es darf jedoch bezweifelt werden, dass dies der verletzten konservativen Seele helfen dürfte. Den Islam als way of life zu verstehen, der den Körper-Seele Dualismus überwindet…nun, zu dieser Auffassung kamen im 20. Jahrhundert einige europäische Denker und Individualisten. Wir müssen dabei nicht nur auf die altbekannten Beispiele a la Guenon zurückgreifen. Ein aktuelles Beispiel ist der ehemalige Geert Wilders-Gefährte Johan van Kleveren

https://www.youtube.com/watch?v=Hjz_YIvlCw8

P.S. (als Ergänzung zum Beitrag „Ramadan als Wehrübung“)

Dieser Way of life besteht aus unterschiedlichen Stufen. Islam stellt dabei die exoterische Seite, der Iman (die nächst höhere) die esoterische dar. Beides zusammen kombiniert, ergänzt um die wesentlichen Aktivitäten wie Selbstprüfung, Selbsthinterfragung, Hinterfragung der eigenen Absicht, Selbstbeherrschung sowie der „Achtsamkeit bei jedem Atemzug“ soll zum Ihsan führen – dies sind alles qur’anische Begriffe und zu jedem dieser Aspekte sind die Bibliotheken des Dar-al Islam reichlich gefüllt. Die entsprechenden Gebote, die alle auf unterschiedlichen Ebenen Symbolcharakter haben (der Hadsch ist eine Art Generalprobe für den Jüngsten Tag, das Gebet symbolisiert u.a. Adams Fall, Reue und Gottes Vergebung: Das Gebet in seiner Form stellt die arabischen Buchstaben von A (alif, (ﺍ) ,der senkrechte Strich), man steht aufrecht D (das geschwunge dal (ﺩ) entspricht der Position im Sitzen und das M (mim (ﻣ)) symbolisiert das Niederwerfen.), integrieren stets Körper, Seele und Geist. Daher kennt der Islam auch keinen Körper-Seele Dualismus und noch weniger kennt er eine Verteufelung des Fleisches genauso wenig wie die Ursünde.

Das Fasten dient u.a. darum, das was „Triebseele“ genannt wird, zu kontrollieren. All die Dinge, die uns von dem, was der Islam für Selbsterkenntnis hält, abhält. Die Pflege des „Dhikr“,, die erleichtert wird, wenn das Ego kontrolliert wird – der Erinnerung (dass man von Gott kommt und zu ihm zurückkehrt) ist hier das Ziel, ganz im Sinne Sokrates, der da lehrte, dass alles lernen im Leben ein Wiedererinnern ist. In diesem platonischen Sinne bezeichnet sich der Qur’an auch als „Erinnerung, und wer immer will, gedenkt seiner“ und Muhammad (a.S.) ist „el-Mudhekir“, derjenige, der in Erinnerung ruft.

[1]Eine Forschungsstudie der Universität Cardiff über religiöse Erziehung in muslimischen Familien zeigt, dass Muslime in der Regel recht erfolgreich darin sind, Ihren Glauben und Ihre Gebräuche an die neue Generation weiterzugeben. Die Untersuchung ergab, dass siebenundsiebzig Prozent der erwachsenen Muslime „den Glauben, mit dem sie aufgewachsen sind, aktiv ausüben, verglichen mit 29 Prozent der Christen und 65 Prozent der Anhänger anderer Religionen: vgl. Scourfield, C. Taylor, G. Moore und S. Gilliat-Ray, „The Intergenerational Transmission of Islam in England and Wales: Evidence from the Citizenship Survey“, Soziologie 46 (2012), S.91-108.
[2] Charles Taylor, „Ein säkulares Zeitalter“ (2007), S. 503.
[3] Almond zufolge zielt Nietzsches Kritik nicht auf die Nicht-Existenz Gottes als solche, sondern auf die Sinnlosigkeit einer bestimmten „lebensfeindlichen“, d.h. „christlichen“, Gottesvorstellung., vgl. Almond, Ian, „The New Orientalists: postmodern representations of Islam from Foucault to Baudrillard“ (London, 2007), S.7-21.
[4]  https://www.dailymail.co.uk/health/article-6908769/Muslims-highest-life-satisfaction-thanks-feeling-oneness.html
[5]  vgl. Abdal Hakim Murad, „Travelling Home – Essays on Islam in Europe“ (II, S. 23-26)

 

 

11 Gedanken zu “Islam als positive Herausforderung

  1. Tarik schreibt:

    „Im Grunde liegt von diesem Glauben doch etwas in uns allen […] Sodann ihren Unterricht in der Philosophie beginnen die Mohammedaner mit der Lehre, daß nichts existiere, wovon sich nicht das Gegenteil sagen lasse; und so üben sie den Geist der Jugend, indem sie ihre Aufgaben darin bestehen lassen, von jeder aufgestellten Behauptung die entgegengesetzte Meinung zu finden und auszusprechen, woraus eine großeGewandtheit im Denken und Reden hervorgehen muß.
    Nun aber, nachdem von jedem aufgestellten Satze das Gegenteil behauptet worden, entsteht der Zweifel, welches denn von beiden das eigentlich Wahre sei. Im Zweifel aber ist kein Verharren, sondern er treibt den Geist zu näherer Untersuchung und Prüfung, woraus denn, wenn diese auf eine vollkommene Weise geschieht, die Gewißheit hervorgeht, welches das Ziel ist, worin der Mensch seine völlige Beruhigung findet. Sie sehen, daß dieser Lehre nichts fehlt und daß wir mit allen unsern Systemen nicht weiter sind und daß überhaupt niemand weiter gelangen kann“

    (J.W. Goethe)

    Vorab: Ich hatte Ihre Artikel bereits früher gelesen – wennauch nicht alle -, in denen Sie den Islam aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und versuchen zu analysieren. Daher auch mein ursprünglich als Kommentar angedachter Gasteitrag – für dessen Veröffentlichung ich Ihnen an dieser Stelle nochmal herzlich danke -, der primär auf einen altehrwürdigen abendländischen Brauch und in den letzten Jahren wiederbelebten Trend abzielt: Den Islam als Bezugspunkt zu sehen, als das Andere, was die heute atomisierte Seele vereinen könnte. Es ist kein Zufall, dass der Begriff „Europäer“ zum ersten Mal im Jahr 754 auftaucht, in einer Chronik der Schlacht bei Tours und Poitiers (732).

    Die von mir angesprochene „Widerlegung orientalistischer Narrative“ hat u.a. den Niedergang der islamischen Welt in den letzten Jahrzehnten immer weiter in die Neuzeit verlegt. Nicht aus politischen Gründen oder einer linksgrünen Unterwanderung der Akademien, sondern schlicht durch Forschung. Der vor wenigen Jahren verstorbene große Fuat Sezgin bsp. trug auf zehntausenden Seiten über 50 Jahre lang auf 17 Bändern verteilt akribisch Beiträge zur Wissenschaft und Kultur aus der arabisch-islamischen Welt zusammen – eine Mammutaufgabe, die in einem Leben nicht beendet werden konnte: der Mann arbeitete bis zu seinem Tod im Alter von 92 Jahren, während er an seinem 18. Band arbeitete, das sich mit der Philosophie befasste).

    Aus demselben Grund (Forschungsergebnisse) ist heute die These, dass es sich bei dem Beitrag bzw. dem Einfluss aus der islamischen Welt auf Europa um einen riesigen geistigen und kulturellen Transfer handelte (vlt. dem größten von einer Kultur in eine andere) heute keine Minderheitemeinung mehr, sondern zunehmend Mainstream. Besagte Studien entspringen jahrelangen Arbeiten in entsprechenden Bereichen und keinem etwaigen Zugeständnis an muslimische Zuwanderer zwecks eines künstlichen „Wir-Gefühls“. Diese Bereiche, in denen die islamische Welt Europa inspirierte umfasst ja auch Kunst und Kultur, d.h. auch Literatur und Musik – oder eben die Scholastik. Es sollte nicht vergessen werden, dass gerade durch die Übersetzung arabischer Werke die bis dahin zu eng konstruierte Sprache – Latein – , die Sprache der Verwaltung und der Kirche, sich weiterentwickelte (Mittellatein). Sie war für Philosophie zunächst ungeeignet – im Gegensatz zum Arabischen, dass alleine durch die bloße Dualform, wo mit einem Wort ausgesagt werden kann, in welchem Verhältnis ein Dual oder ein Paar zueinander steht (antagonistisch, ergänzend, zusammengehörig). Mit der Folge, dass natürlich bei der Übersetzung vieles verloren ging, symptomatisch dafür bsp. die Übersetzung Ghazalis „Tahafut“ in „Destructio philosophis“ (!).

    Aber dieses Thema ist komplex und verdient durchaus ein eigenes, längeres Essay. Ich will vielmehr auf einen anderen Punkt eingehen, den ich für weitaus interessanter halte: „Die Kargheit des Islams/Qur‘ans“ in Verbindung mit „Fortschritt trotz vs. wegen des Islams“

    Ihr stilistisch glänzender Artikel „Den Koran lesen“ ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Ausgehend vom Defoes Roman Robinson Crusoe, der Heilung nach Krankheit und inmitten von Depression Heilung in der Bibel findet (Anm.v.m.: um schließlich als vormals areligiöser Mensch einen Wilden bekehrt) stellen Sie die Frage, was wenn mal als schiffbrüchiger Inselbewohner den Qur‘an entdecken würde. Er müsste angewidert und überfordert zugleich sein (ich paraphrasiere).

    An dieser Stelle ist es hilfreich, die Urversion der Robinsonade sich anzusehen, „Hayy ibn Yaqhzan“ („Lebender, Sohn des Wachenden“, auch bekannt als Philosophus Autodidactus), das einzige erhaltene Werk des Philosphen und Richters Ibn Tufail (gest. 1185), der als Mentor von Ibn Ruschd gilt (mit Arzt meinten Sie sicher Ibn Sina, nicht ihn).

    Hayy, Titelfigur der Geschichte, wächst mutterseelenallein auf einer Insel auf. Salim Nasereddin hat dies in seinem Kurzessay “Hayy ibn Yaqdhan” – Ein erhellender Bildungsroman aus Andalusien“ sehr verständlich zusammengefasst, ich erlaube mir, ihn zu zitieren:

    „Im ersten Abschnitt wird der Säugling von einer Gazelle aufgezogen bis er sieben Jahre alt ist. Hayy wird sich seiner selbst bewusst, nimmt seine Umgebung bewusst wahr und realisiert auch seine Nacktheit (im Gegensatz zu den fell- oder federnbedeckten Tieren). Er trägt Kleidung aus Blättern und kann sich selbst am Leben erhalten.

    Der zweite Abschnitt erzählt von der Zeit bis zum 21. Lebensjahr. Die Gazelle, Hayys “Mutter”, stirbt. Er hat gelernt, Werkzeuge zu nutzen und will der Gazelle helfen. Er öffnet ihren Körper auf der Suche nach einem Schaden. Er ist nun auch in der Lage, rationale Schlüsse auf Grundlage seiner Beobachtung zu tätigen und macht so das Herz als Zentrum und Sitz der Seele, nicht nur der Gazelle, sondern von Lebewesen im Allgemeinen aus. Er erwirbt weitere Kenntnisse über die Welt durch Beobachtungen und Experimente, sowie handwerkliche Fähigkeiten.

    Der dritte Abschnitt reicht bis zu seinem 28. Lebensjahr. Hayy kategorisiert seine Umwelt weiter und entwickelt nun auch metaphysische Ansichten. Er unterscheidet zwischen der Form und der Materie der Dinge und bekommt über die Entdeckung der Kausalität eine erste vage Vorstellung von Gott.

    Der vierte Abschnitt erzählt von Hayys Leben bis zu seinem 35. Lebensjahr. Er macht sich Gedanken über das Universum als Ganzes und ob es wohl urewig oder endlich sei. In dieser Frage kommt Hayy zu keiner abschließenden Antwort. Er erkennt jedoch, dass in beiden Fällen ein Schöpfer notwendig wäre. Auf diesen Schöpfer und seine Eigenschaften konzentriert sich sein Denken von nun an und er wird somit zum Monotheisten.

    Im fünften Lebensabschnitt geht es um die Zeit bis zu Hayys 50. Lebensjahr. Nach der Erkenntnis Gottes reflektiert er über sein eigenes Wesen und gelangt zur systematischen Entwicklung einer eigenen asketisch-philosophischen Ethik. Er erlegt sich Speisegebote auf und praktiziert Rituale zur Gottesverehrung. Letztendlich begibt er sich in tiefe Meditation und erlangt eine Stufe, in der ihm ein mystisches Einswerden mit Gott zuteil wird.

    Es schließt sich noch ein weiteres Kapitel an die Schilderung von Hayys Leben an: In der Nähe von Hayys Insel befindet sich nämlich eine bewohnte Insel mit einer Gesellschaft, die einer überlieferten, wahren Offenbarungsreligion folgt. Zwei Männer von dieser Insel werden eingeführt, Salaman und Absal. Salaman folgt streng den äußerlichen Bestimmungen der Religion. Absal vertritt eine innere allegorische Auslegung und praktiziert meditative Zurückgezogenheit. Zu diesem Zwecke bricht dieser auf und verlässt die Insel, wobei er Hayys Insel und ihren einzigen Bewohner entdeckt. Von Absal lernt Hayy zu sprechen und im Austausch stellen die beiden fest, dass ihre Ansichten einander entsprechen. Die autodidaktisch erworbenen Erkenntnisse des Hayy ibn Yaqdhan sind gleichnishaft in der überlieferten Religion wiedergegeben. Die beiden beschließen, zur bewohnten Insel zurückzukehren um die unverhüllte Wahrheit unter den Menschen zu verbreiten. Hierbei stoßen sie jedoch auf Unverständnis und schließlich auf Ablehnung. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Allgemeinheit der Menschen nicht zugänglich ist für diese unmittelbare Art der Lehre. Sie widerrufen öffentlich ihre Aussagen und halten die Leute dazu an, weiterhin an der gleichnishaften, aber ebenso wahren Religion festzuhalten. Absal und Hayy kehren auf die einsame Insel zurück und widmen sich der Meditation und Versenkung in Gott, womit die Geschichte endet.“

    Zunächst ist es bemerkenswert, weil es sich hier um eines jener Einflüsse handelt, das in diesem Fall dem vielleicht ersten britischen Roman als Inspirationsquelle diente, wie das in historischen Arbeiten aufgezeigt wurde (zwecks Übersicht verzichte ich hier auf Fußnoten und Quellen) Ein anderes Beispiel, wenn es um Literatureinflüsse geht, wäre Dantes (Göttliche Komödie) detaillierte Anleihen bei Ibn Arabis dichterischem Meisterwerk, Muhammads Himmelfahrt.

    Zweitens sagt es etwas über Unterschiede in der „Philosophiementalität“ zwischen Abendland und Orient aus. Der Weiße, der den Wilden zum wahren Glauben bekehrt, oder im Falle Dantes – Muhammads Himmelfahrt: Dante platziert Muhammad in die tiefsten Niederungen der Hölle. Wo auf der einen Seite Wert auf Missionsdrang, Bekehrungseifer oder absolutem Wahrheitsanspruch gelegt wird – war auf der anderen Seite das Ziel der philosophische Ausgleich zwischen unterschiedlichen Denkarten (Theologie vs Philosophie vs Mystik).

    Konnte man auf der einen Seiten ernsthafte Scherereien bekommen, wenn man Dinge wie „doppelte Wahrheit“ vertrat wurde auf der anderen Seite die Fähigkeit unterschiedliche Wahrheiten (die gleichzeitig gültig sind) auf allen Ebenen kultiviert. Die Zahl der dazugehörigen Beispiele ist Legion. Die islamische Welt war mitnichten eine wissenschafts- oder gar philosophiefremde. Nur ging man mit Wissen anders um bzw. herrschte eine andere Philosophie. Während in Europa dank der averoistischen Revolution Aristoteles über Platon (und somit Athen über Jerusalem) siegte, herrschte im Orient über eine lange Zeit ein Gleichgewicht zwischen „offenbarter und rationaler Wahrheit“.

    Dispute konnten hart ausgefechtet werden: Ghazali führte in der Tat eine spitze Feder. Jedoch nicht gegen Ibn Sinas Naturwissenschaft, sondern gegen die Übernahme von – in diesem Falle philosophischen – Axiomen, die man selbst nicht beweisen kann. Der große Mathematiker und von Grund auf Empiriker al-Biruni kritisierte Ibn Sina in deren Briefwechsel aus ähnlichen Gründen, da er jenem vorwarf, Aristoteles Grundannahmen – hier Physik – als unerschütterlich zu sehen. Ghazali warf den Faylasuf vor, von Namen wie Platon oder Aristoteles geblendet werden. Dasselbe kritisierte an jedweden Denksystemen, die von Grundannahmen ausgingen, die sie nicht beweisen konnten – wie gelangt man zur Erkenntnis, wenn man das nachbetet, was man von den Eltern oder von seinem Lehrer indoktriniert bekommt. Daher kam Ghazali zum radikalst möglichen Zweifel. Nicht der Zweifel ist die Gefahr, sondern der Zweifel ist der Weg zur Wahrheit. Wie er in „Die Nische der Lichter“ schreibt

    „Das Wissen steht über dem Glauben, aber das Schmecken steht über dem Wissen. Denn das Schmecken ist ein intuitives Erleben, das Wissen hingegen erschöpft sich im Syllogismus, und der Glaube ist bloße Annahme der traditionellen Autorität.“

    Und dieses „Schmecken“ führt auch Hayy in Tufails Roman zur Selbsterkenntnis (und somit zu Gott).

    Drittens: Hayys Erkenntnisweg gibt uns einen Hinweis auf das richtige Qur‘anverständnis. Es ist eben kein Buch, das von irgendwo angeschwemmt kommt und einen schlichtweg überfordert. Hayy tut in der Geschichte genau das, wozu der Qur‘an auffordert: die Schöpfung zu betrachten und die göttlichen Zeichen darin und in sich selbst zu erkennen. Hayys Selbsterkennungsweg dauert Jahrzehnte, genauso wie die Offenbarung: „Also, Schritt für Schritt erteilen Wir von droben durch diesen Qur‘an alles, was (dem Geiste) Gesundheit gibt…“(17:82).

    In seiner Studie “Structure and Qur’anic Interpretation: A Study of Symmetry and Coherence in Islam’s Holy Text” (2014) zeigt Raymond Ferren anhand zahlreicher Beispiele auf, dass das, was nach Zerstückelung von Suren aussieht, sehr wohl einem roten Faden folgt – allerdings nach einer Art Ring Komposition aufgebaut ist (Von Thema A zu B zu C und zurück zu B). Was den Inhalt und die traditionelle Handhabe angeht: Die unterschiedlichen Lesarten (14 an der Zahl) dieses „ambigen Textes schlechthin“ (Thomas Bauer) alleine beinhalten bereits unterschiedliche Auslegungen noch bevor man mit der Interpretation beginnt.

    Und diese Vielfalt, diese Mehrdeutigkeit, der Stil der einerseits minimalistisch ist (Idschaz genannt, mit möglichst wenig Mittel viel aussagen) und andererseits die Lesarten unterschiedliche Aspekte einer Wahrheit aussagen, war für Gelehrte wie Ibn Dschazari (der für über 20 Lesarten plädierte) der Beweis göttlicher Urheberschaft. Sprachliche Komplexität – ein wahres Netz aus Zeichen – bei gleichzeitigem Minimalismus.

    Die genuin in der Religion angelegte Mehrdeutigkeit ist – oder besser gesagt, war – charakteristisch für die islamischen Gesellschaften. Soll heißen: Die schiere Explosion in allen möglichen wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen fand wegen und nicht trotz des Islams statt. Gerade diesen Umstand hat Bauer in „Die Kultur der Ambiguität“ – wofür er mit dem höchsten deutschen Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde – durch Untersuchungen in den Bereichen Qur’an, Hadith, Politik, Literatur, Dichtung, Recht, Sprache etc. aufgezeigt.

    Natürlich waren diese Entwicklungen nicht direkt „islamisch“ bsp. im Sinne einer „islamischen Medizin“. Aber überall steckte, wenn Sie so wollen, Islam drin, es war inspiriert durch Verse und Hadithe, die die Kontemplation, das Streben nach Wissen, die Betrachtung der Schöpfung, „die voller Zeichen ist für jene die nachdenken“. Die Initialzündung waren Aussagen wie „Für jede Krankheit hat Gott ein Heilmittel geschaffen“ für Medizin oder „alles folgt seiner genauen Berechnung“ für Mathematik.

    Es ist bemerkenswert, dass der Mushaf (das ist der Qur’an in seiner gebundenen Form) das erste wirkliche Buch der Araber ist. Und u.a. finden sich dort Wörter und Bezeichnungen, die man vorher nicht kannte. Also befassten sich die Araber mit etwas, was sie vorher nicht hatten und kannten: Grammatik. Sie waren quasi dazu gezwungen, wollten sie ein dermaßen mehrdeutiges Werk mit neuen Wörtern und Begriffen verstehen, das auf unterschiedliche Art gelesen und gedeutet wurde. Bereits Muhammads (S.) Cousin Ibn Abbas gilt als der erste bekannte Koranexegeten. Ein Volk, das mit Schrifttum nichts am Hut hat, befasst sich auf einmal mit Grammatik und entwickelt dieses Disziplin auf einem schwindelerregend hohem Niveau und findet Begeisterung daran – ob Noam Chomsky vlt. damals dort gerne gelebt hätte? (und hätte er sich gegen abbasidische Despoten genauso empört wie gegen Washington? Man weiß es nicht).

    Natürlich gibt es auch einen ästhetischen Aspekt in Form der Rezitation selbst oder der kalligrafischen Form. Die ist für Muslime deshalb wichtig, weil der Qur‘an vor allem der Liturgie dient. Traditionell, und das geht auf die frühesten Anfänge zurück, werden bei Gebeten nicht Suren des Kampfes rezitiert, es gibt eine Art „Best Of“ wie der Lichtvers oder der Thronvers oder die Sure ar-Rahman. Der Trend, den Qur‘an quasi als konkreten Ratgeber für Situation x zu nehmen ohne dazugehöriges Verständnis von Sinn und Kontext ist das, was man als eine „Protestantisierung des Islam“ sehen kann. Darunter fällt auch der ebenso moderne Hang zur Vereindeutigung.

    Will heißen: Ja, ohne profunde Kenntnis des Arabischen, der Grammatik, ohne Verständnis dessen, wie Begriffe zum Offenbarungszeitraum verstanden wurden, ohne die Kenntnis der Lesarten kommt bei einer Übersetzung tatsächlich etwas völlig anderes heraus. Meistens jedenfalls. Für Ihren Inselbewohner wäre es daher wünschenswert, wenn ihm die inzwischen als maßgeblich angesehenen Qur‘anübersetzung von Muhammad Asad (Leopold Weiß) samt Kommentar ans Ufer gespült würde, bei der sich die von Ihnen festgestellte Schwarz-Weiß Einteilung von Leben und Menschen sehr schnell auflöst. Wünschenswert, weil der Übersetzer nicht nur sämtliche Beduinendialekte der Arabischen Halbinsel kannte, sondern auch – als Kind aus gutbürgerlichem jüdischen Hause hebräisch und altgriechisch kannte und sehr gut erkannte, dass es u.a. im Qur‘an darum geht, alte Geschichte neu zu erzählen. Die 2. Sure heißt übrigens deshalb die Kuh, weil dort gerade am Beispiel der Juden unter Moses kritisiert wird, dass man als Gläubiger eben nicht nach ständigen genauen Anleitungen fragen sollte und sich dadurch die Religion erschwerte. Insofern, wenn Sie einen Lesetipp bzgl. des Kurans haben wollen: Muhammad Asad – Die Botschaft des Korans.

    Es gibt übrigens einen weiteren interessanten Aspekt

    Die Araber kommen nirgendwo im Qur’an als Volk vor. Wo kein Volk auserwählt ist, wird auch keines verstoßen. Christus wurde nur „den verlorenen Schafen der Kinder Israels entsandt“, auch wenn Paulus ihn als einen universellen Gott pries. Buddha regelte indische Werte. Aber die „Barmherzigkeit für die Welten“, so die Bezeichnung Muhammads, verwarf die Sitten und Vorstellungen seiner eigenen Leute komplett und radikal, so dass diesbezüglich „Muhammad die Diskonuität in Person ist“ (Hans Küng). Insofern kann man sagen, dass das „Projekt Islam“ als Ablehnung des Selbst zugunsten des Anderen begann. Die persische Literatur war trockener monarchischer Ritualismus vor dem Islam und brachte Blüten wie Rumi, Nizami, Attar oder Sa’di hervor. Dasselbe sehen wir bei Türken, Malayen, Hausa, Wolof und zahlreiche andere. Wenn das Abendland der Höhepunkt des Säkularen darstellt, so war die islamische Welt der Vormoderne wohl der Höhepunkt des Geistigen, schon allein durch seine bloße Vielfalt her. Wo immer europäische Monokultur, ob in christlicher oder säkularer Form – bei all ihren Verdiensten – Unterschiede beseitigt(e), hauchte die un-arabische Religion neues Leben hinein. Nicht trotz des Islams, sondern weil offenbar etwas die Leute inspirierte. Dasselbe etwas, das ein unzivilisiertes und ungebildetes Volk dazu brachte, sich mit Grammatik zu befassen. Und mit so „manch“ anderen Dingen.

    Vieles ist, unserem kurzem Leben sei Dank, eine Momentaufnahme – die umso bestimmender, prägender wird angesichts moderner Bedingungen wie dem von George Orwell herbeibefürchteten Schnappschussdenken und Amnesie. Zu anderen Zeiten und über eine sehr lange Zeit war bsp. die von Michael B. erwähnte Bewässerungstechnik etwas, worin Araber wegweisend und prägend gewesen sind

    Der Punkt ist doch folgender – Wäre der Islam das, als das ihn die klassische Orientalistik (geschaffen im Geiste eines neuen imperialen Selbstbewusstseins) sah, wäre diese vermeintlich karge Wüstensekte eine kurzlebige, lokale geblieben, an Größe und Dauer mit Calvins Kirchenstaat in Genf durchaus vergleichbar. Es ist doch wohl so, dass im christlichen Mittelalter sowie in der Kunst die Hölle omnipräsent war – in der islamischen Kunst hingegen wurde stets das Paradiesische betont und versucht, darzustellen. Will heißen: Der Eindruck einer lebensfeindlichen, Strenge predigenden Religion deckt sich nicht wirklich mit der Art und Weise, wie sich diese Religion manifestierte und darstellte, egal von welchem Volk sie angenommen wurde. Tatsächlich ist dieses exoterische, defensive und unglückliche, radikale Erscheinungsform ein Ergebnis der Moderne (dies bewusst grob und kurz formuliert, weil auch dies ein Thema für sich ist).

    Dieses Prinzip finden wir in praktisch jeder klassischen islamischen Disziplin. In Handhabe von Hadithen, in den gleichzeitig gültigen Rechtsschulen (die je verschiedene Ansätze haben), in der Koranexegese ohnehin. Fundamentalismus war somit kaum möglich bzw. nur vergleichbar kurzzeitig – zumindest solange sie nicht politisch gefördert wurde in der Neuzeit. Einzelne radikale Meinungen blieben die Ausnahmen: die Gelehrten stimmten letztlich mit den Füßen ab.

    Zu Ibn Sina fällt mir im Nachhinein noch ein: Dass er heute primär als herausragender Mediziner in Erinnerung geblieben ist, stimmt teilweise. Der Durchschnittssterbliche interessiert sich für Medizin weitaus mehr als für Philosophie. Jeder Mensch wird krank und muss sterben, und konkrete Fortschritte in diesem Bereich entfalten ganz andere Wirkungen als Überlegungen, ob die Welt seit Ewigkeiten existiert oder geschaffen wurde. Für Muslime jedoch, die sich mit Philosophie beschäftigt haben und beschäftigen, führt kein Weg an Ibn Sina vorbei, er hat hier denselben Stellenwert wie im Westen jene heidnischen Patriarchen Platon und Aristoteles. Dimitri Gutas hat, als einer von vielen in jüngerer Zeit, Ibn Sinas bedeutenden Einfluss auf die nachklassische islamische Zeit detailliert in „The Golden Age of Avicenism“ festgehalten.

    Das, was die islamische Theologie zu sagen hat, wie Sie schreiben, wird in jüngerer Zeit gerade wiederentdeckt und kultiviert Der Philosophiehistoriker Peter Adamson bsp. befasst sich bsp. aktuell in einem EU-Forschungsstipendium mit der Tierethik im islamischen traditionellen Denken (ob Philosophie oder Theologie). Studiengänge im Cambridge Muslim College befassen sich mit Erkenntnissen aus dem Tasawwuf und welchen Nutzen dies für die menschliche Psychologie hat, neben vielen weiteren Themen. Auch zur Ökologie, zur Ethik ohnehin wurde und wird viel geschrieben: Vielleicht hat man sogar als Monotheist, egal welchen Glaubens, der Gottes Symphonie, die Schöpfung dadurch ehrt, dass er sie bewahrt – einen zusätzlichen Antrieb, der über den utilitaristischen „Wir müssen die Welt erhalten, weil wir sie brauchen“ hinausgeht.
    Was aber hat man davon? Ich glaube, dass der Punkt der Ambiguität bsp. – darum ist nachklassische Zeit des Islams dermaßen im Fokus aktuell – gerade heutzutage in Zeiten von Monokultur, Intoleranz von Meinungen etc. nützlich sein kann; der wie ich finde spannenden und aktuellen Frage, ob man aus einer Kultur, die einst Ambiguität kannte, trainierte und kultivierte über lange Zeit etwas für heute mitnehmen kann, gerade weil uns diese Vereindeutigung der Welt vor nie dagewesenen Herausforderungen stellt.

    Werter Seidwalk, ich bitte an dieser Stelle um Verzeihung für diesen überlangen Kommentar, der ja im Grunde auf einer Nebenbemerkung über Theologie (die mir als angedachte Fußnote zu lange erschien) aufbaute und nun länger als der Beitrag an sich ist. Da ich an Essays schreibe, die sich thematisch auch mit dem decken, was Sie schreiben, überlege ich gerade, ob ich diese auf einem extra dafür eingerichteten Blog (ich hatte einen rein säkular-literaratischen vor über einem Jahrzehnt) veröffentliche. Ich glaube, diese Form des Dialogs wäre übersichtlicher, als in Kommentaren über die Themen zu schweifen.

    P.S.

    Da im Qur’an tatsächlich vieles mehrdeutig ist, entstand Theologie und Meinungsverschiedenheit sehr früh. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: War Muhammads Himmelfahrt körperlich? Eine traumgleiche spirituelle Seelenreise. Schon die Prophetengefährten vertraten hierzu verschiedene Meinungen. Auch hier wieder übersteigen die Beispiele die Möglichkeiten eines Blogkommentars. Da ich aktuell auch an einem längerem Essay über die Rolle der Vernunft und der Theologie im Islam schreibe, belasse ich es bei diesem Beispiel.

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    • Tarik schreibt:

      „Hayys Erkenntnisweg gibt uns einen Hinweis auf das richtige Qur‘anverständnis. Es ist eben kein Buch, das von irgendwo angeschwemmt kommt und einen schlichtweg überfordert. Hayy tut in der Geschichte genau das, wozu der Qur‘an auffordert: die Schöpfung zu betrachten und die göttlichen Zeichen darin und in sich selbst zu erkennen.“

      So verstanden ist die Schöpfung an sich der Qur’an (und die Sufis sehen das so, eine Seite des Qur’ans herauszureißen tut man in diesem Verständnis dadurch, dass man der Natur/der Schöpfung schadet) , während das, was wir als Qur’an kennen, lediglich ein göttliches Projekt darstellt, wenn Sie so wollen ist, das Unfassbare und außerhalb von Raum und Zeit stehende menschlich zugänglich komprimiert zu gestalten und zu vermitteln – angesichts dieses von uns aus gesehen gewaltigen Problems würde ich, sofern ich einen nicht vorhandenen Posten von Gottes Consieglere inne hätte, sicherlich raten, dafür eine Sprache als Medium vorzuziehen, die eine größtliche Flexibilität und Vielfalt in sich bringt.

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      • Sehr geehrter Tarik,
        lassen Sie uns wissen, wenn Sie mit Ihren Arbeiten fertig sind – vielleicht lassen Sie uns hier daran teilhaben?

        Ich hätte Ihnen gern noch zu zwei Themen Ihres Beitrages geantwortet – vor allem zur Frage der Akzeptanzerwartung unter den Deutschen/Europäern dem Islam gegenüber (Nun sind sie halt da.) – aber mir fehlt im Moment die Zeit (es wären längere Abwägungen nötig) und die Karawane zieht auch weiter. Ich hoffe, später noch einmal die Zeit dafür zu finden.

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  2. Michael B. schreibt:

    Die potentielle ökologische Entlastung wäre für mich das stärkste Argument für den Islam und seinen globalen Sieg.

    Wenn nicht der Gewinn durch Wirtschaftsferne, zinslose Geldsysteme etc. nicht allein locker durch das Bevoelkerungswachstum unter dieser Religion wieder aufgefressen wird. Von oekologischen Optimierungen, die nur mittels einer entwickelten Wirtschaft, Technologie und ganz grundsaetzlich natuerlich einer damit zusammenhaengenden diese positiv bewertende Geisteshaltung moeglich sind noch nicht zu reden. Haben Sie schon einmal israelische Bewaesserungsprojekte (Tropfbewaesserung etc.) gesehen? Und sich gefragt, warum das die Araber im haargenau selben Gebiet nicht hinbekommen?

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  3. Vielen Dank für diesen sehr kundigen Beitrag. Er spricht eine ganze Menge verschiedener Probleme an. Wenn es die Zeit erlaubt, dann werde ich in den nächsten Tagen den einen oder anderen aufgreifen. Das werden alles nur Hüftschüsse sein können, „gegen“ einen Experten, der – vermutlich von innen (die verschiedenen Perspektiven müssen beachtet werden) – weit tiefer in der Materie steht; diesen Vorbehalt auch bitte mitdenken.

    “Die Kargheit des Islam ist real, weil diese Kargheit vorausgesetzt wird“

    Wir sind hier also bei der Konstrukt-These. Die theologische Armut des Islam – im Vergleich zum Christentum – läßt sich aber an den Fakten und an den historischen Bedingungen erklären. Sie beruht auf mindestens zwei Ursachen.

    Zum einen ist sein Ursprungstext von überwältigender Schlichtheit, zumindest wenn man westliche, also rationale, also logische Kriterien ansetzt – Muslime argumentieren sehr oft ästhetisch, wenn sie die Divinität des Textes aufweisen wollen. Schon seine Strukturierung nach Suren-Länge und seine Zusammenstückelung verweist auf den menschlichen Eingriff. So besteht die „Theologie“ zu großen Teilen aus Versuchen, den kanonischen Text mit der sich entwickelten Realität abzugleichen (Scharia) oder Wunder und Biographie zu verteidigen (Hadithe(siehe: Die Fliege im Glas, Embryologie im Islam)) und das wird in der Moderne zu einer schier unlösbaren Aufgabe. Vielleicht ist der häufige Rekurs auf fundamentalistische Wahrheiten gerade dieser Aussichtslosigkeit geschuldet, die in ihrer Verzweiflung – Gläubige sind immer verzweifelt, wenn es um die Rettung des Geglaubten geht – auf die erlösende Simplifizierung setzen. Das ist freilich ein Phänomen, das man aus allen „Religionen“ kennt, inklusive dem Kommunismus. Die Differenz zwischen Islam und Christentum liegt in der inneren Konsequenz dieses Prozesses, der vom Heiligen Buch im ersten Falle inhärent vorgeschrieben wird (Mainstream) im zweiten Falle nur eine Möglichkeit ist (Randphänomen).

    Im Vergleich mit dem NT – das sich ja bereits auf einen enormen Absurditätsvorlauf des AT berufen kann – stellt der Koran nur wenige Dilemmata zur Disposition, wohingegen das NT jede Menge unlösbare Rätsel zu bieten hat: Trinität, unbefleckte Empfängnis, Auferstehung von den Toten, Himmelfahrt, die zahlreichen Wunder und dergleichen. Es ist kein Zufall, daß Mohammed – als antitrinitarischer Plagiator christlicher Quellen (Ohlig, Luxenberg) – diese dubiosen Stellen ablehnte.

    Um eine Religion mittels eines Heiligen Buches erfolgreich zu machen, gibt es zwei Wege: das Buch bleibt verrätselt und entzündet somit die Phantasie (Theologie) vieler Generationen – das war auch Nietzsches Zarathustra-Projekt – oder aber es wird versimpelt und gibt klare Anweisungen (Lebenserleichterung durch apodiktische Beantwortung existenzerschwerender Fragen).

    Zum anderen ist Jesus als Frager in die Welt getreten, Mohammed aber als Antworter, der eine als weicher, der andere als harte Lehrer. Wer Fragen stellt, läßt verschiedene Antworten zu. Wer beantwortet, beansprucht die Wahrheit. Jesu Leben und Tod sind selbst schon große Fragen voller Rätsel – erst Paulus hat sich dann als Antworter versucht und das experimentelle, das ätherische Element zu beschneiden versucht. Aber die Symbolik war zu stark: Was soll etwa (als Bsp.) das eli eli lama sabachthani bedeuten?

    Es ist doch kein Zufall, daß die gesamte islamische Welt – von der Medizin abgesehen – wissenschaftsfern ist. Selbst die großen Alten, wie Ibn Ruschd, werden fast nur noch als Arzt gekannt. Platonische und aristotelische Infiltrationen wurden schnell zurückgepfiffen und unter das monotheistische Kuratel gestellt, so wie etwa Ibn Sina von Al Ghazali „kritisiert“ wurde, weil er sich zu tief in das naturwissenschaftliche Denken des Stagiriten vertieft hatte – dieses sei per se von Allah abgewandt und führe letztlich zur Beobachtung und damit zur Forschung und damit zum Zweifel …

    Der Einfluß auf die Scholastik dürfte nur gering gewesen sein und wenn, dann eher als Transmissionsriemen zur griechischen Antike. Das ist eine Erzählung, die man sich gern auf links-grüner Seite weiterreicht; der politische Zweck – Einwanderung – scheint allzu deutlich durch.

    Natürlich hat es auch eine ausgefächerte islamische Philosophie und Theologie gegeben, aber nicht wegen, sondern trotz des Islam – dies ist ein anthropologisches Zeugnis menschlicher Ingenuität und Forscherdrangs – und verglichen mit der europäischen Kultur ist sie gering. (Ich gebe freilich zu, daß mir nur die europäischen Quellen zur Verfügung stehen, insofern Verzerrung möglich – ein Beispiel der intellektuellen Simplizität wurde hier besprochen: Die Philosophie der Lehren des Islam). Wenn es sie aber gab und gibt, wo ist sie heute? Wo wird sie offen diskutiert? Wen hat sie maßgeblich geprägt? … Geerntet wurden die Früchte des islamischen Denkens von den Europäern; was der innerislamische Diskurs daraus machte, blieb hermetisch und hat die Diskurswände kaum durchdrungen. Tatsache ist doch, daß sie in der wissenschaftlichen community nur ein paar Spezialisten beschäftigt , im Wissenschaftdiskurs, auch dem theologischen-philosophischen ist sie zu vernachlässigen. Was hat sie geleistet?

    Tatsache ist auch, daß wir heute hinter unseren Computern sitzen und friedlich und seriös über diese Fragen diskutieren können, ein Verdienst – fast ausschließlich – des europäischen Denkens, des westlichen Denkens, des christlichen (auch in der säkularisierten Form), zum Großteil ein Erfolg des „weißen Mannes“ ist. (Das vergißt nicht, daß diese Kultur schwer auf der Erde und auf den Menschen lastet, daß sie auch Unheil zu verantworten hat … aber das versteht sich von selbst. Die potentielle ökologische Entlastung wäre für mich das stärkste Argument für den Islam und seinen globalen Sieg.)

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    • Gerade bei Sloterdijk gefunden:

      „Ich bekenne mich zum Heucheln als zivilisatorischer Tugend. Ich würde beispielsweise in Gegenwart von Muslimen nie die These äußern, der Islam sei eine primitive Variante des spätantiken Christentums, die am Verständnis der Trinität gescheitert war. Schlimm genug, daß ich so etwas denke und daß es cum grano salis der Wahrheit nahekommt.

      Überhaupt: Wäre es nach mir gegangen, wäre der Welt die Trinitätstheologie erspart geblieben. Sie stellt eine unüberbietbare spekulative Medientheorie dar. Wer sich auf sie einläßt, entdeckt die christlich eingekleidete Algebra eines Seins, das sich mitteilt. An ihr müßte sich messen, wer über ein Erstes, ein Zweites und ein Mittleres reden möchte.

      Und der Islam versteht da keinen Spaß?

      Bei den Muslimen diente eine Spaßfigur wie der Mullah Nasreddin als Brückenkopf für Humorentwicklung.

      Ansonsten muß man wohl zugeben, daß bei den meisten, die sich mit dem Koran beschäftigen, seit langem ein Abstoßungseffekt einsetzt, über den so gut wie nirgendwo offen gesprochen wird. Goethes erstes Epitheton zum Koran – man findet es in seinen Noten zum West-Östlichen Diwan – sagt noch immer genug: Er sei ihm bei jeder erneuten Begegnung »widerwärtig«, wenn er auch durch seine Strenge Respekt abnötige. Goethes »widerwärtig« kann als quasi universal gültige Botschaft bestätigt werden. Eine heilige Schrift, die ständig Drohungen gegen alle ausstößt, die ihr nicht zustimmen, ist auf die Erzeugung von Aversionen angelegt. Es gibt keinen anderen religiösen Grundtext, der so viel Aufmerksamkeit für die Nicht-Zustimmenden verwendet.“

      https://www.21zeitgeister.eu/?name=PeterSloterdijk&par=36

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    • „Der Islam wird als ganzheitlicher, selbstbewusster, lebensbejahender Glaube wahrgenommen, der den Körper vollständig in den Glauben einbezieht. So spricht er diejenigen an, die auf der Suche nach einem alternativen Modell sind, einer Gegenkultur sowohl zur säkularen instrumentellen Moderne als auch zu dessen christlichem Gegenteil“
      „… inspirieren die zeitlosen islamischen Grundlebensformen und ihre ausgeprägte Einheit von Geist und Körper …“
      „Die Anziehungskraft der Sunna auf diejenigen, die eine integrierte und ganzheitliche Gegenkultur suchen, ist in einer Zeit von Angst, Atheismus und zerrissenen Innenleben offensichtlich.“ Usw.

      Zur Frage der Konversion.

      Hierbei nur von der inneren Attraktivität des Islam auszugehen, greift zu kurz. Man muß sich auch fragen, wer diese Menschen sind, woher sie kommen. Pull and push. Berühmte Beispiele gibt es en masse. Sie reichen von Ludwig Ferdinand Clauß bis zu Roger Garaudy – vom Nationalsozialisten bis zum Kommunisten. Dieser Typus des Konvertiten repräsentiert den Ismus-Flüchter, Menschen mit habituell veranlagter Autoritätssehnsucht, die von einem Ismus in den anderen hasten, wohl aus Angst vor der Freiheit. Dazu dürfte auch Johan van Kleveren zählen.

      Seine Geschichte gleicht der jenes Gelehrten, den Heine irgendwo erwähnt (kann jemand auf die Sprünge helfen, wo das stand?) – der war ein fanatischer Katholik und wollte den Protestantismus ein für alle Mal in einem Grundlagenwerk erledigen; bei seinen extensiven Studien ging ihm die innere Wahrheit des Protestantismus auf und er konvertierte. Nun wollte er den Katholizismus widerlegen und bei dessen Studium …

      Johan van Kleverens Geschichte klingt auch deswegen unglaubwürdig, weil sie ohne jegliche Kritik vorgetragen wird. Daran erkennt man die Ismus-Flüchter recht gut, wenn auch nicht hinreichend. Sie führen die Komplettadaption durch und werden sofort fanatisch – im Sinne der Unfähigkeit, kritische Maßstäbe anzusetzen: Plötzlich wird alles, was zuvor verachtenswert war bewundernswert, ohne Nuancen. Das ist weit von Wahrhaftigkeit entfernt und deutet auf Gehirnwäsche hin – ob das selbst auferlegte Unmündigkeit ist oder eingeimpfte, ist nicht zu erschließen. Einen ähnlichen Fall gab es vor ein paar Jahren in der AfD, als ein ehemaliges Vorstandsmitglied Brandenburg der AfD konvertierte. Er berief sich auf konservative Werte des Islam, die just jene Ideale repräsentieren, die er politisch verwirklicht sehen wollte: AfD, Islam und Konvertiten.

      Natürlich muß jedes Schicksal auch individuell betrachtet werden. Oft meint man aber eine Entwurzelung feststellen zu können, Menschen also, die vom jeweiligen Sinngebungsangebot nicht überzeugt werden. Wir hatten hier den Fall von Marmaduke Pickthall behandelt, einem jungen Engländer, den das Fernweh umtrieb und der in der muslimischen Welt sein Bedürfnis nach Wildheit, Aufregung und Überraschung befriedigen will und den Islam annimmt, um im Land leben zu können. Ursächlich war aber das Verlangen nach Ausbruch aus dem Korsett der englischen Gesellschaft.

      Auch heute zieht es viele junge Männer – selbstverständlich auch Frauen – zum Islam. Warum, das wurde hier versuchsweise dargelegt: Die Faszination des Islam

      Daraus, mit Verlaub:

      „Einerseits müssen wir akzeptieren, daß die moderne Gesellschaft oft nicht mehr in der Lage ist, eine Sinngebung hervorzubringen, andererseits scheint gerade der Islam auf bestimmte Charaktere eine starke Magnetwirkung auszuüben. Um diesen ziehenden Anteil geht es hier.
      1. Der Islam in seinen wesentlichen Schriften bietet ein vergleichsweise einfaches Regelwerk und damit eine klare Strukturierung des Lebens.
      2. Theologisch wird die Lehre des Islam weder durch Komplikationen und Paradoxien (z.B. die Dreieinigkeit) beschwert, noch kennt er eine dem Christentum vergleichbare theologische Vielfalt und Differenzierung. Sein Lehrgebäude ist wesenhaft scholastisch und weitgehend abgeschlossen.
      3. Anhänger des Islam leben in der Überzeugung, Recht zu haben, auf der richtigen Seite zu stehen, sowohl historisch als auch theologisch. Der Islam wird siegen und er basiert auf der letztgültigen Offenbarung. Zweifel wird systemimmanent durch vielerlei Übungs-, Straf- und Drohpraktiken minimiert.
      4. Er befriedigt den agonalen maskulinen und adoleszenten Geist mit der Gewißheit, Sieger zu sein.
      5. Er beruhigt damit ein gewisses Protestbedürfnis junger Männer, gerade in einer „weichen“ Zeit, in der es scheinbar nichts mehr gibt, wogegen man sich auflehnen könnte.
      6. Muslime sind Internationalisten. Die Umma ermöglicht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, die Welt wird aufgeteilt in Gläubige und Ungläubige. Der Muslim trägt in erster Linie Verantwortung für sich selbst und für seine Glaubensgenossen.
      7. Viele Lehren des Islam enthalten einen inhärenten Männlichkeitskult. Der Koran spricht vornehmlich Männer an; er regelt zudem das Geschlechterverhältnis und bewahrt vor den Irrungen Wirrungen der Sexualität.
      8. Der männliche Konvertit bekommt das Versprechen, eine Frau zu finden, ohne daß er den komplizierten und verunsichernden Weg der Brautwerbung gehen muß. Diese Frau ist ihm zudem qua Scharia hörig.
      9. Es gibt eine strenge quantitative Begrenzung des Wissens. Wissenschaft im Islam heißt in erster Linie Konzentration auf Koran, Sunna, Hadithe und Rechtsschulen – es entfällt das Unendlichkeitskriterium des offenen Wissens.
      10. Der Islam bietet starke Vaterfiguren, was ihn in einer „vaterlosen Gesellschaft“ umso attraktiver macht. Statt schleichenden
      Autoritätsverlustes findet der junge suchende Mann in seinem Gott, dem Propheten und den Vaterfiguren in der Umma schützende Autorität.

      Die moderne Gesellschaft mit ihren dekadenten Erscheinungen des Überflusses, der Materialität, der Entzauberung, des Sinn- und Gottesverlustes, der Offenheit …, vertreibt einen Teil ihrer Nachkommen, ekelt diese an. Auf der anderen Seite bietet der Islam als Sinnstiftung und bieten die muslimischen Gemeinschaften Heimat, Familie und Geborgenheit. Psychisch dürften diese jungen Männer durchschnittlich ihren Altersgenossen überlegen sein. Die Flucht vor der Freiheit in die Eindimensionalität setzt ungeahnte Kräfte frei.“

      Peregrinateur hatte dem seinerseits widersprochen – überlegenswert.

      Schließlich gibt es noch jenen Typus, den Houellebecq in „Unterwerfung“ beschrieben hat und der in Zukunft wohl öfter vertreten sein wird, vor allem, wenn grüne Politik sich durchsetzt: den Opportunisten, der konvertiert, um in muslimischem Umgebungsmilieu seine Ruhe haben oder mithilfe der Konversion Karriere machen will. Bald werden wir die ersten Quotenmuslime haben – Muslim sein könnte dann ein Wettbewerbsvorteil sein.

      Kurz: am Anfang der Konversion steht oft ein Scheitern in der Ursprungsgesellschaft – Islam (Religion) wird zum Rettungsanker, zur Verankerung und letztens als Psychotherapie gelebt.

      Zur Erheiterung: https://www.youtube.com/watch?v=mjCTggH9PXk

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      • Tarik schreibt:

        Mit Ihrer Zusammenfassung haben Sie durchaus Recht. In dem Essay an dem ich arbeite, beschreibe ich, wie – traditionell und über 90 Prozent seiner Zeit – es ein gegenseitig belebendes Spannungsverhältnis und somit unterschiedliche Ausprägungen im islamischen Prisma gab. Bedingt durch das Verhältnis der beiden wesentlichen Einflüsse der Theologie, die für das Lehrgebäude zuständig ist, und dem Tasawwuf („Sufismus“), der den spirituellen Kern ausmacht und der weitaus einflussreichen im gelebten Volksislam gewesen ist und z.T. in einigen Regionen noch ist. Ich habe vielleicht das Glück zu einer Zeit geboren worden zu sein und aus einer Region zu kommen (Nordosten Bosniens, traditionell sufisch geprägt), so dass ich nicht aus einer akademischen Forschungsecke eines herbeifantasierten Elfenbeinturm-Islams heraus schreibe.
        Ich erinnere mich noch bsp., dass es mich nervte, wenn über die Bedeutung eines Verses oder Hadith gesagt wurde, welcher Gelehrte was dazu sagte, aber offengelassen wurde, was das denn genau hieße. Der Mensch ist neugierig und will Eindeutigkeit. Ich erinnerte mich erst Jahre später an daran, denn zwischendurch beschäftigte ich mich mit anderen Dingen als Religion, welche ich Erst das wachsende Interesse für Philosophiegeschichte brachte mich dazu, mich eingehender mit dem Islam zu beschäftigen.

        Dieser spirituelle Kern ist keine „islamische Richtung“, sondern eine Disziplin, eine islamische Wissenschaft für sich wie der Kalam oder der Fiqh. Und dieser Tasawwauf stand nach dem Untergang der vormodernen islamischen Welt von zwei Seiten unter Beschuss: Von den Modernisten einerseits sowie von den Fundamentalisten. Mit den entsprechenden Folgen. Solch ein sufisch geprägter Islam produzierte nach entsprechenden Konversionen ganz andere Leute, was verständlich ist. John Gilbert George (gest. 1978) bsp., späterer Scheich des Chistchi-Ordens (Indien) widmete sein Leben fast ausschließlich der Speisung von Armen in Delhi.
        Die Tradition des Tasawwuf, der Askese, der Selbstdisziplin,geht zurück bis in prophetische Zeiten. Der Islam war ja mit dem Tode Muhammads kein „fertiges System“, sondern – und so wurde/wird das auch im traditionellen Denken verstanden – setzte einen Prozess in Gang. Die „Wissenschaften“ entwickelten sich erst später.

        Und die Sufis teilen die Welt auch anders ein, sie sprechen von einer einzigen Umma, die sich jedoch nur dadurch unterscheidet, dass ein Tal davon auf den göttlichen Ruf (Gott, so die Vorstellung, der einen jeden Menschen Zeichen/Prüfungen gibt, auf das er die Zeichen erkennt und sein Ego, das ihn von der Realität ablenkt, überwindet) geantwortet hat. Im kollektiven muslimischen Gedächtnis wird Muhammad – auf ihn und auf Ali beziehen sich die Sufis ja letztlich – ja nicht als der strenge Lehrer präsentiert, sondern als jemand, der mit Sanftmut und Großherzigkeit die hochmütigen, tribalistischen und hartherzigen Beduinen erweichte – dieses Bild wird von den Sufis noch weitaus mehr kultiviert. Hier betrachtet man die Konversion eines Menschen zum Islam nicht als Sieg über eine andere Kultur, welche man dann medial überpräsentiert um zwecks Rekuritierung die Werbetrommel zu rühren. Sondern man betrachtet das ganze als spirituellen Weg der Selbsterkenntnis, der Reife erfordert.

        Marmaduke Pickthall wollte einst in Damaskus in jungen Jahren sofort den Islam in seiner allerersten Begeisterung ob der Befreiung aus dem britischen Korsett annehmen. Der Scheich fragte ihn, ob denn seine Mutter (sein Vater starb ja während seiner Kindheit) damit einverstanden sei, was er verneinte. Und so riet im der Scheich davon ab und Pickthall konvertierte öffentlich erst sehr viel später. Denn der Sufi glaubt (und dazu gibt es ebenfalls Verse und Hadithe), dass derjenige, der nach ehrlich Wahrheit strebt bereits gerettet ist und es daher unnötig ist, der eigenen Mutter seelisches Leid zuzufügen. Daher ist auch der rechtschaffene Nichtmuslim, dem bsp. der Islam in verfälschender Form wie heute, erlöst – dies ist übrigens auch eine Sicht Ghazalis, der dies ausführte und lamentierte, dass Religionsgelehrte größtenteils dafür verantwortlich sind, durch ihre abweisende und hochmütige Art und Weise Leute dazu zu bringen, sich angewidert abzuwenden. Der vom Kur’an kritisierte Kafir beschreibt ja tatsächlich jene Mekkaner, welche die Wahrheit als solche zwar erkannt, sie jedoch aus Hochmut (Stammesherkunft) oder Profitstreben (Furcht vor dem Verlust Mekkas als finanziell lukrativer Wallfahrtsort) abgelehnt haben und Muhammad der Lüge oder der Zauberei bezichtigt haben (obwohl sie, wie die Sira darlegt, wussten, dass Muhammad für seinen ehrlichen und makellosen Ruf bekannt war) und somit die „Wahrheit überdeckt haben“. Kafir kommt von kafara, „er überdeckt“. Im vorislamischen Arabien wurde der Ackerbauer als Kafir bezeichnet, wörtlich, „einer, der bedeckt“, in diesem Sinne wird auch in 57:20 ein Ackerbauer dermaßen bezeichnet.

        P.S.
        Das Beispiel Kleveren führte ich auf, da eraus der „Neuen Rechten“ kommt, so wie bsp. auch Arthur Wagner. Ich denke, sein Video ist auch als Art Teaser für sein Buch (das ich jedoch nicht gelesen habe, dazu fehlt mir die Zeit udn der Wille) verstanden. Um was es sich bei ihm also genau handelt, nun…wer vonuns kann in das menschliche Herz schauen? Vor einer Generation davor mag es so gewesen sein, dass aufgrund anderer politisch-gesellschaftlciher Konstellationen Konversionen eher aus dem linken Milieu kamen, egal in Form des radikalen Garaudy oder in Form des Mitgebründers der schwedischen Sozialdemokratie Tage Lindblom.

        P.P.S.

        Das Video ist in der Tat lustig 🙂

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        • Tarik schreibt:

          Mit Ihrer Zusammenfassung haben Sie durchaus Recht. In dem Essay an dem ich arbeite, beschreibe ich, wie – traditionell und über 90 Prozent seiner Zeit – es ein gegenseitig belebendes Spannungsverhältnis und somit unterschiedliche Ausprägungen im islamischen Prisma gab. Bedingt durch das Verhältnis der beiden wesentlichen Einflüsse der Theologie, die für das Lehrgebäude zuständig ist, und dem Tasawwuf („Sufismus“), der den spirituellen Kern ausmacht und der weitaus einflussreichen im gelebten Volksislam gewesen ist und z.T. in einigen Regionen noch ist. Ich habe vielleicht das Glück zu einer Zeit geboren worden zu sein und aus einer Region zu kommen (Nordosten Bosniens, traditionell sufisch geprägt), so dass ich nicht aus einer akademischen Forschungsecke eines herbeifantasierten Elfenbeinturm-Islams heraus schreibe.
          Ich erinnere mich noch bsp., dass es mich nervte, wenn über die Bedeutung eines Verses oder Hadith gesagt wurde, welcher Gelehrte was dazu sagte, aber offengelassen wurde, was das denn genau hieße. Der Mensch ist neugierig und will Eindeutigkeit. Ich erinnerte mich erst Jahre später an daran, denn zwischendurch beschäftigte ich mich mit anderen Dingen als Religion, welche ich eher als historisch einst nützliche Illusion betrachtete. Erst das wachsende Interesse für Philosophiegeschichte brachte mich dazu, mich eingehender mit dem Islam zu beschäftigen.

          Dieser spirituelle Kern ist keine „islamische Richtung“, sondern eine Disziplin, eine islamische Wissenschaft für sich wie der Kalam oder der Fiqh. Und dieser Tasawwauf stand nach dem Untergang der vormodernen islamischen Welt von zwei Seiten unter Beschuss: Von den Modernisten einerseits sowie von den Fundamentalisten. Mit den entsprechenden Folgen. Solch ein sufisch geprägter Islam produzierte nach entsprechenden Konversionen ganz andere Leute, was verständlich ist. John Gilbert George (gest. 1978) bsp., späterer Scheich des Chistchi-Ordens (Indien) widmete sein Leben fast ausschließlich der Speisung von Armen in Delhi.
          Die Tradition des Tasawwuf, der Askese, der Selbstdisziplin,geht zurück bis in prophetische Zeiten. Der Islam war ja mit dem Tode Muhammads kein „fertiges System“, sondern – und so wurde/wird das auch im traditionellen Denken verstanden – setzte einen Prozess in Gang. Die „Wissenschaften“ entwickelten sich erst später.

          Und die Sufis teilen die Welt auch anders ein, sie sprechen von einer einzigen Umma, die sich jedoch nur dadurch unterscheidet, dass ein Tal davon auf den göttlichen Ruf (Gott, so die Vorstellung, der einen jeden Menschen Zeichen/Prüfungen gibt, auf das er die Zeichen erkennt und sein Ego, das ihn von der Realität ablenkt, überwindet) geantwortet hat. Im kollektiven muslimischen Gedächtnis wird Muhammad – auf ihn und auf Ali beziehen sich die Sufis ja letztlich – ja nicht als der strenge Lehrer präsentiert, sondern als jemand, der mit Sanftmut und Großherzigkeit die hochmütigen, tribalistischen und hartherzigen Beduinen erweichte – dieses Bild wird von den Sufis noch weitaus mehr kultiviert. Hier betrachtet man die Konversion eines Menschen zum Islam nicht als Sieg über eine andere Kultur, welche man dann medial überpräsentiert um zwecks Rekuritierung die Werbetrommel zu rühren. Sondern man betrachtet das ganze als spirituellen Weg der Selbsterkenntnis, der Reife erfordert.

          Marmaduke Pickthall wollte einst in Damaskus in jungen Jahren sofort den Islam in seiner allerersten Begeisterung ob der Befreiung aus dem britischen Korsett annehmen. Der Scheich fragte ihn, ob denn seine Mutter (sein Vater starb ja während seiner Kindheit) damit einverstanden sei, was er verneinte. Und so riet im der Scheich davon ab und Pickthall konvertierte öffentlich erst sehr viel später. Denn der Sufi glaubt (und dazu gibt es ebenfalls Verse und Hadithe), dass derjenige, der nach ehrlich Wahrheit strebt bereits gerettet ist und es daher unnötig ist, der eigenen Mutter seelisches Leid zuzufügen. Daher ist auch der rechtschaffene Nichtmuslim, dem bsp. der Islam in verfälschender Form wie heute, erlöst – dies ist übrigens auch eine Sicht Ghazalis, der dies ausführte und lamentierte, dass Religionsgelehrte größtenteils dafür verantwortlich sind, durch ihre abweisende und hochmütige Art und Weise Leute dazu zu bringen, sich angewidert abzuwenden. Der vom Kur’an kritisierte Kafir beschreibt ja tatsächlich jene Mekkaner, welche die Wahrheit als solche zwar erkannt, sie jedoch aus Hochmut (Stammesherkunft) oder Profitstreben (Furcht vor dem Verlust Mekkas als finanziell lukrativer Wallfahrtsort) abgelehnt haben und Muhammad der Lüge oder der Zauberei bezichtigt haben (obwohl sie, wie die Sira darlegt, wussten, dass Muhammad für seinen ehrlichen und makellosen Ruf bekannt war) und somit die „Wahrheit überdeckt haben“. Kafir kommt von kafara, „er überdeckt“. Im vorislamischen Arabien wurde der Ackerbauer als Kafir bezeichnet, wörtlich, „einer, der bedeckt“, in diesem Sinne wird auch in 57:20 ein Ackerbauer dermaßen bezeichnet.

          P.S.
          Das Beispiel Kleveren führte ich auf, da eraus der „Neuen Rechten“ kommt, so wie bsp. auch Arthur Wagner. Ich denke, sein Video ist auch als Art Teaser für sein Buch (das ich jedoch nicht gelesen habe, dazu fehlt mir die Zeit udn der Wille) verstanden. Um was es sich bei ihm also genau handelt, nun…wer vonuns kann in das menschliche Herz schauen? Vor einer Generation davor mag es so gewesen sein, dass aufgrund anderer politisch-gesellschaftlciher Konstellationen Konversionen eher aus dem linken Milieu kamen, egal in Form des radikalen Garaudy oder in Form des Mitgebründers der schwedischen Sozialdemokratie Tage Lindblom.

          P.P.S.

          Das Video ist in der Tat lustig 🙂

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