Lichtmesz und der rettende Gott

Es scheint zusammenzupassen: Götter sterben, Völker sterben, Wälder sterben, Tiere sterben und es bleibt kein Trost, denn nirgendwo ist „ein Unsterbliches mehr zu sehn“. (Martin Lichtmesz)

Zum ersten Mal las ich Martin Lichtmesz‘ Buch „Kann nur ein Gott uns retten?“ im Frühjahr 2015. Da war es noch ganz frisch, gerade erst erschienen – es hatte großen Eindruck auf mich gemacht. Nun, sechs Jahre danach und in einer deutlich anderen historischen Situation, las ich es noch einmal, ganz klar unter der Vorgabe, zu erkunden, ob und wie es jetzt auf mich wirken würde.

Der Verlag hat es gerade in dritter Auflage, mit einem neuen Nachwort, wohl aufgrund einer gewissen dauerhaften Nachfrage, neu aufgelegt – ich las es in der ersten Auflage, hatte mich auch mit den eigenen Anstreichungen auseinanderzusetzen.

Daher will ich auch gar nicht viel über das Buch schreiben – das soll keine Rezension werden – sondern viel mehr über den Bedeutungswandel, den es für mich ganz individuell genommen hat.

Unter Lichtmesz‘ Büchern ragt dieses heraus: sind die anderen vernunftgetrieben, sehr rational, so gestattet der Autor hier einen Blick in sein Herz, in seine Seele. Lichtmesz ist durch seine scharfen Analysen – auch scharf im Ton, im Urteil – zum Vorzeigeautor der Neuen Rechten geworden. Dabei brilliert er immer wieder durch eine besondere logische Begabung; es gelingt ihm wie kaum einem anderen, die denkerischen Aporien des geistigen Gegners bloßzulegen, dessen Antriebsenergien aufzuzeigen, das, was dahinter steckt. Dort argumentiert Lichtmesz meist sehr stringent.

Hier aber läßt er seinen Gefühlen und Empfindungen viel mehr Raum und riskiert die Verletzung. Vielleicht sind Lichtmesz‘ sonstige Schriften auch ein Spiel mit Masken, dieses Buch jedoch halte ich für vollkommen authentisch, denn wenn man einmal auf der Position des Verfemten steht, dann scheint es kaum sinnvoll, sich verwundbar zu zeigen – es sei denn, man gestattet den Blick in die innere Verfassung mit einem Ziel.

Das zeigt sich auch in der Themenstellung. Die Heideggersche Frage, ob nur noch ein Gott uns retten könne und ob das wahrscheinlich sei – das gesteht Lichtmesz zu Beginn und Ende ein – ist nicht beantwortbar, nicht von ihm, sie ist insofern rhetorisch gestellt, sie dient vielmehr als Vehikel, um einen weit ausladenden Spaziergang durch große Teile europäischer Kultur- und Geistesgeschichte zu gehen, in dessen Verlauf sich Lichtmesz an zahlreichen Denkarten abarbeitet, von denen die meisten für ihn bedeutend waren. Aus dieser Perspektive ist das Buch schlicht und einfach unglaublich anregend – es ist ein Wissensfundus. Auch bei der zweiten Lektüre begeisterte mich nicht nur die Breite des Wissens, sondern vor allem auch die Beschäftigung mit oft längst schon vergessenem Denken. Es sind nicht nur die Klassiker der konservativen Reflexion, wir erfahren auch, daß Köpfe wie Ernest Becker oder Hans Blüher, die heute kaum noch jemand kennt, zu den wichtigsten Lese- und Denkerlebnissen von Lichtmesz gehören.

Aber wenn man die Reihe der wesentlich referierten Köpfe rekapituliert – Becker, Mosebach, Kierkegaard, Gehlen, Blüher, Heidegger, Cioran, Renaud Camus, Raspail, Jünger, Klages, George, Faye, Benoist, Venner, Spengler, Bernanos, Weil, Evola, Guénon, Belloc, Eliot, Péguy und natürlich Nietzsche – und sich fragt, was diese eint, so wird man wohl nur auf eine Summe kommen können: die Seelenschwere, die Melancholie. Oder das Bewußtsein des Untergangs. Sie alle sind tief in der europäischen und in der jeweils nationalen, in der westlichen und der christlich geprägten Kultur verwurzelt und sie alle hatten begriffen, daß es mit dieser Kultur bergab oder gar zu Ende geht und auch wenn jeder analytisch seinen eigenen Weg beschritten, wenn jeder eigene Konsequenzen gezogen hat, so waren es sämtlich Trauernde, Leidende.

In diesem Sentiment trifft sich Lichtmesz mit ihnen und sein Buch ist vermutlich auch nur jenen zugänglich, die diese Trauer teilen, die sie selbst empfinden können.

Dabei ist nichts nicht-widersprüchlich. Denn neben dem Leid gibt es auch den Stolz, Teil und Kind dieser historisch einmaligen Tradition zu sein, die – neben ihrer exterminatorischen Kraft – eben auch den Gipfelpunkt der geistigen und künstlerischen Kulturleistung in der Geschichte der Menschheit darstellt. Sie hat nicht nur ihren eigenen bislang unüberstrahlten Glanz geschaffen, sondern damit auch die inneren Widersprüche, an denen sie zugrunde gehen muß. Das Christentum, um das sich Lichtmesz‘ Gedanken permanent drehen, ist sein Träger und Sinnbild zugleich.

Der Verlust oder der Tod Gottes ist die Urkatastrophe – so wie es der individuelle Tod lebensweltlich ist –, nach der alles in den Abgrund rauschen muß, aber dieser Tod war in der Verfassung des Christus und des Christentums bereits enthalten, aus ihm sind seine größten Feinde, als „materialistische Derivate“ – „der egalitäre Sozialismus und der kapitalistische Liberalismus“ – zwangsläufig entstanden. Wir leben in einer paradoxen Situation: „Die ,christlichen Werte‘ triumphieren erst in dem Moment, als der tatsächliche Glaube an das Christentum schwindet und es nur mehr in säkularen Formen vorzufinden ist.“

Lichtmesz windet sich wie ein Aal, er will mit aller Kraft die Notwendigkeit des Glaubens oder die Existenz Gottes nachweisen und kann es – ehrlich, wie er zu sich selbst ist –, kann es doch nicht. Er ringt selbst mit der Unmöglichkeit, genuin zu glauben, er will es, kann es aber nicht, denn schon der Wille und das Wissen um den Willen verhindern es. Er weiß zu viel, er weiß, daß er nicht können kann, meint aber auch zu wissen, daß er muß, daß wir müssen – sofern wir das Ruder noch herumreißen wollen. „Es ist nicht schwer, die niederschmetternde Sackgasse einer solchen Konzeption zu sehen. Eine Illusion kann nur solange stützen, solange sie nicht als solche erkannt wird.“

Es muß ihn bitterlich geschmerzt haben, aber es zeugt zugleich von seiner intellektuellen Redlichkeit, wenn er schließlich zu einem quasi postmodernen Schluß kommt: „Welche Rolle man dabei einnehmen will und kann, muß jeder Einzelne selbst entscheiden. Ab einem bestimmten Punkt, an den natürlich nur bestimmte Naturen gelangen, muß so etwas wie eine metaphysische Entscheidung getroffen werden.“

Anything goes – weil nichts anderes mehr geht.

Es hilft nichts mehr, weder wird es eine Elite geben, die uns mitreißen kann, noch wird ein Gott uns retten und auch wir selbst sind zu schwach, das Unabwendbare aufzuhalten. Das Christentum ist tot, sein spirituelles und kulturelles Erbe ist verscherbelt worden und dennoch müssen wir aus ihm schöpfen, bleibt nichts anderes, als dazu zu „ermutigen, das christliche Erbe nicht nur als Marschgepäck mitzuschleppen, sondern es sich anzueignen und mit neuem Leben erfüllen“.

Das ist so notwendig wie sinnlos – kein Mensch hat die Macht, Gott wiederzubeleben, auch Lichtmesz kann nicht mehr an das glauben, an das er glauben möchte, an das man glauben müßte. Das, was die christliche Kultur, die „europäische Seele“ über Jahrtausende auszeichnete, „dynamisch, expansiv, suchend und wißbegierig“ zu sein, hat sie selbst zermürbt. „Andere Kulturkreise leben in einer erhabenen Statik, in einem zyklischen Dasein, in dem sich alles nur deswegen verändert, damit alles gleich bleibt“ und überdauert.

Es ist also nicht nur Traurigkeit, es ist auch Ohnmacht, die dem abendländisch, europäisch und deutsch Reflektierenden bleibt. Selbstermahnungen, daß Bosch, Dürer, Haydn, Mozart, El Greco oder Arvo Pärt bewiesen, „daß die Bibel göttlich inspiriert sein muß, wenn sie imstande war, derart göttlich zu inspirieren“, offenbaren die Ratlosigkeit. Hinter der – in anderen Texten – typischen Aggressivität steckt Schwäche. Auch sein beißender Zynismus oder seine anherrschende Ungeduld werden wohl aus dieser Quelle gespeist.

Ich halte es für das allergrößte Verdienst dieses Buches, den Leser mit der wahren seelischen Verfaßtheit bekannt zu machen. Wer „Kann nur ein Gott uns retten?“ liest, wirklich liest, der muß die Sanftheit und Verletzlichkeit des Menschen Martin Lichtmesz bemerken, wer ihn dann noch als „Haßredner“, „Rassisten“ und ähnlichem tituliert, der weiß nicht, wovon er spricht.       

Aber wer das einmal begriffen hat, der hat überhaupt den inneren Antrieb der sogenannten „Neuen Rechten“ verstanden. Das Nazi-Bild, das man immer wieder von ihnen zeichnet, kann irriger und irrer nicht sein.

Es sind Kulturmenschen, die wissen, den größten Schatz aller Zeiten zu besitzen und dennoch zusehen müssen, wie er ihnen immer weiter durch die Finger rinnt und wie Menschen und System um sie herum systematisch daran arbeiten, diesen Schatz abzutragen und zu verschleudern, während sie sich die Finger wundspinnen, um neue Schätze zu schaffen und zu bewahren.

„Ich hatte einmal eine Vorstellung von einem Europa, in dem Kunst, Kultur, Geschichte, Herkunft, Philosophie, Sprachen und Landschaften ausreichen, um eine geistige Behausung auf der Erde zu schaffen, in der man leben und atmen, wirken und hoffen kann. … Auf diese Weise träumte ich von Europa. Frankreich, England, Italien, Skandinavien und Deutschland begegneten mir zuerst in Romanen, Erzählungen, Gedichten, Geschichtsbüchern, Filmen, Gemälden, in Musik und Sprache, dann in den Städten und Landschaften und Speisen und Jahreszeiten und in den Gesichtern, Stimmen, Freundschaften von Menschen. Mein Europa war eine ebenso geistige wie fleischliche Sache. Heute habe ich diese Zuversicht und diesen Trost beinah völlig verloren; an ihre Stelle sind ein beißender Phantomschmerz und das Gefühl einer lähmenden Ohnmacht getreten. Irgendwann bin ich erwacht, mit dem Gefühl, belogen und verraten worden zu sein. Gesellschaft, Politik und Kulturbetrieb hatten eine Kulisse errichtet, hinter der sich die Bestände ungestörter abräumen und verkaufen ließen. Heute wird sie bereits offen mit Triumph- und Hohngelächter beiseitegeschoben: Game over, nun ist alles zu spät, there is no alternative, nichts hält den Lauf der Geschichte oder zumindest dieser Geschichte mehr auf.“

Dieses Leid, das Lichtmesz hier beschreibt – das schon viele viele Jahre auch in mir schwelte –, kam mir im Jahre 2015 mit aller Macht zu Bewußtsein und es waren nicht nur die Bilder des Herbstes, sondern es waren auch Lektüren wie diese: alles lief auf diesen Scheidepunkt hinaus und – ja – es mußte eine metaphysische Entscheidung gefällt werden. Daher hatte mich das Buch seinerzeit so erschüttert.

Heute wirkt das nicht mehr. Es ist wie mit Schocktherapien. Dort behandelt man Phobien durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Angstobjekt, wer etwa Angst vor Spinnen hat, der setzt sich hautnah mit den Tieren auseinander und wird nach einer gewissen Zeit feststellen, daß die Angst schwindet. Denn der Körper ist nur eine gewisse Zeit lang in der Lage, die entsprechenden Hormone bereitzustellen, die Angstmaschine am Laufen zu halten. Und so ist es mit jedem Gefühl. Niemand kann ewig lieben, hassen, verachten, fürchten, glauben und vor allem trauern – sofern er kein Ritual dafür entwickelt, sofern er nicht religiös wird.

So ist auch bei mir die akute Trauer, der dringliche Schmerz verschwunden und einer ruhigen, sanft tragenden Melancholie gewichen, die man fast ein wenig genießen kann – denn sie unterscheidet uns von den längst verlorenen Seelen, sie adelt. Manchmal kann man aus diesem trägen überkrusteten Lavastrom – wenn man es denn will – eine kleine Eruption hervorrufen, meist bewußt und gesteuert, auf Effekt aus, aber im Großen und Ganzen fließt das Leben seinen sanften Abhang hinab. Und weil man das weiß, weil man sich selbst durchschaut, kann man sogar eine gewisse Vorfreude auf das Ende, die Apokalypse entwickeln, vielleicht nicht ganz frei von Häme den Blinden gegenüber oder einer Restregung von Rechtgehabthaben. Man tut sich mit jenen zusammen, die das ebenfalls empfinden können und meidet die Leugner und Macher:

„Ich verstehe nicht, wie man nicht darunter leiden kann, Bürger eines Landes zu sein, das stirbt, das noch dazu so schmutzig, so dumm, so niederträchtig stirbt.“

Wir sind uns einig. Vermutlich hätte ich den Satz ein klein wenig anders formuliert, denn im Grunde verstehe ich sehr wohl, was die Masse treibt oder was sie treiben läßt, aber ich akzeptiere es nicht, ich wertschätze es nicht, ich möchte es nicht akzeptieren – ich verachte es!

Und deswegen bleibt nur der Weg, den Martin Lichtmesz vorangeht: Es ist sinnlos, hat keine Aussicht auf Erfolg – aber man muß es trotzdem tun!

5 Gedanken zu “Lichtmesz und der rettende Gott

  1. Nikodemus schreibt:

    Auf Ihre Anregung hin habe ich mir zwei Bücher von Herbert Fritsche zugelegt, namentlich Der Erstgeborene und die Lilien-Gedichte – was insoweit zum Thema passt, als Fritsche ein spirituelles Weltbild vertritt, wie es mir mitgegeben zu sein scheint. Ein materialistisches Weltbild hingegen stellt sich mir als Denkunmöglichkeit dar, weil der Geist in mir, der darüber nachsinnt, sich nicht als Epiphänomen oder evolutionäres Zufallsprodukt begreifen kann. Aus einer solchen Grundprämisse folgt nicht zwangsläufig der Glaube an den christlichen Gott. Wenn der christliche Glaube aber auf der freien Gnade Gottes und der freien Annahme des Menschen beruht, gibt es da keinen Zwang.

    Die Melancholie – Ihre und die von Lichtmesz – kann ich gut nachvollziehen. Ich kenne ähnliche Anwandlungen. Wenn ich Ihre Schilderungen dazu lese, bleibt mir unklar, woher das rührt. Was hat sich Lichtmesz als Illusion entpuppt? Das Gott nicht die Erwartungen erfüllt, die Lichtmesz an ihn richtet. Wieso meint Lichtmesz, Gott wiederbeleben zu müssen? Ein paar Zeilen weiter wird die christliche Seele Europas beschworen, die einst expansive, wissbegierig etc. gewesen war.

    Mir scheint die Unterscheidung zwischen christlichen Glauben und der christlich-kulturellen Ausprägung sinnvoll; ersteres ist ewig, letzteres kontingent. Mir scheint, Lichtmesz trauert um letzteres. Der Glaube bleibt dadurch aber unberührt. Jesus ist trotzdem auferstanden. Natürlich fehlt ihm, dem Glauben, die sozio-kulturelle Einbettung. Aus christlicher Sicht kann es aber so sein, dass Gott den Einzelnen absichtlich in eine solche Situation hineinstellt, damit der Einzelne sich aus freien Stücken entscheidet, nicht aus sozialem Anpassungsdruck oder kultureller Gewohnheit.

    Seidwalk (29.3.): Keine Ahnung, warum Ihre Wortmeldung – Nikodemus – einen Tag brauchte, bis sie hier erscheint. Wie gesagt, es gibt ein neues Design im Hintergrund, eine Verschlimmbesserung, wie gewöhnlich, und seither arbeitet der Kommentarbereich unstet. Bitte das bei kommenden Kommentaren zu bedenken. Eine Zensur findet nicht statt!

    RMPetersen: Teil-Widerspruch: „Ethnopluralismus“ finde ich klar und klug strukturiert.

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  2. JJA schreibt:

    Zunächst, da ich es an passender Stelle verpasst habe, ganz herzlichen Dank für Ihre Texte. Die Themenzusammenstellung dieses Blogs war und ist einfach großartig – Philosophie, Sprachen, Schach, Fußball, Literatur, Alltagsbeobachtungen… Und herzlichen Dank auch dafür, dass Sie Ihren Vorsatz, nicht mehr zu schreiben, nicht ganz so konsequent umsetzen.

    Meine Lektüre dieses Buches liegt auch schon einige Jahre zurück, nicht 2015, aber vielleicht 2017. Es war auch eher noch eine verdächtigende Lektüre: Die Verdikte zur Neuen Rechten saßen noch recht fest im Kopf und daher wollte ich gerade dieses Buch lesen, um zu sehen, was „die Rechte“ aus der Religion macht. Identitäre Vereinnahmung des Christentums? Fantasien von einer Rückkehr zu heidnischen Kulten? Alles weit gefehlt.

    Ich finde Lichtmesz‘ Bücher mitunter nicht besonders klar strukturiert, das wollen sie vermutlich auch nicht sein. Auch bei „Ethnopluralismus“ erschloss sich mir der Aufbau nicht direkt. Es sind keine Abhandlungen, eher Streifzüge. Ich erinnere mich nur noch an wenige Einzelheiten, und habe nicht jetzt auch nicht nachgeschlagen, aber ich weiß noch, dass das Gottes-Buch mich insgesamt schwer beeindruckt hat. Es zeugt wirklich von großer Belesenheit und Kenntnis und, wie sie schreiben, ganz ehrlicher und authentischer Suche. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass einiges, obwohl ich im thematischen Umfeld studiert habe, komplett neu für mich war. (Nun ja, Carl Schmitts politische Theologie steht selten auf Lehrplänen.)

    Ich habe Lichtmesz auch schwankend in Erinnerung, aber ich hatte das Gefühl, er stünde am Ende doch affirmativer zur (katholischen) Religion als Sie es darstellen. Nun, da zeigt sich vielleicht die jeweils subjektive Hermeneutik. Aber man nehme bspw. das Benoit-Kapitel. Er kritisiert ihn ja, wenn ich mich recht erinnere, v.a. deshalb, weil sämtliche Wiederbelebungen heidnischer Religion niemals existentiell überzeugen könnten. Darin zeigt er sich die Ernsthaftigkeit seines Suchens. Aber es findet sich auch eine Spannung zur Einleitung: Dort schreibt er, er sei nicht besonders interessiert an Philosophen oder gar Theologen, ihn interessieren die echten Gott-Sucher. Er möchte also keine Gottesbeweis-Prämissen abwägen, sondern lieber mit Kierkegaard oder Tolstoi im existentiellen Pathos schwelgen. (Ich fand gerade das Kierkegaard-Kapitel wirklich sehr überzeugend darin!) Am Ende wendet er sich gegen Benoit, weil er (darin ganz in der monotheistischen Tradition) die Wahrheit hochhält. Ob sie wahr sei, das sei doch das Entscheidende an der Religion. Es motiviert ihn aber dann doch nicht zu einer Beschäftigung mit Apologetik.

    Ich verstehe also, warum er das nicht möchte. Ein Gros dieser Literatur ist sicher auch alles andere als geeignet für ein Buch, das wirklich gekauft werden möchte. Dennoch schien mir das eine Lücke im Buch zu sein. Wenn die Wahrheit entscheidet, dann sollte er dieser Frage nachgehen. Es gibt da ja auch durchaus anregendere Literatur als Verteidigungen der Gottesbeweise (Edward Feser, Wolfgang Cramer), z.B. Spaemann oder Réné Girard.

    Das wäre auch meine Frage an Sie: Warum ist es so klar, was die Masse treibt? Worin besteht dieser Antrieb? Warum geben Sie das Christentum so (wie mir scheint) selbstverständlich als tot aus? Ich verstehe durchaus einige Mechanismen, die zu seiner Abschwächung in der Breite geführt haben. Die stärkste Komponente sind mMn die Einnebelung durch den Materialismus/Konsumismus (ein viel stärkeres Opium als die Religion es jemals sein konnte) und das Abdrängen der Religion in einen rein spirituellen Bereich (sicher durch naturw. Fortschritt, aber dadurch verliert sie wesentlich ihre Zugänglichkeit für breite Schichten). Aber beides sind intellektuelle oder habituelle Hürden, keine Gründe.

    Ich bin nicht so sicher, ob es so aussichtslos ist, den Gottesglauben wiederzugewinnen. Ich rechne nicht damit, das zu erleben. Aber ich weiß, dass er auf einer guten Basis steht. Ich glaube, dass dieser Glaube dem Menschen entspricht. Ich kenne seine bewegte Geschichte (Nordafrika!). Und wirklich ausgerottet werden konnte das „Gottesgerücht“ bisher selbst durch Genies wie Nietzsche nicht.

    Bei Lichtmesz persönlich würde ich darauf tippen, dass er sich ähnlich beschreiben würde wie Jean Raspail: Man vollzieht das Ritual, man lebt in der Religion, man geht vielleicht sogar in den Tod für sie, aber man weiß nicht immer genau, warum.

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    • Sorry, hatte gerade Antwort eingetippt. WordPress neues Backend – leider alles verschluckt. Keine Kraft/Zeit, das noch mal aufzusetzen. Die gute Nachricht: Hätte die Welt auch nicht gerettet.

      https://sezession.de/57158/sind-religionen-machbarij

      Seidwalk: Noch mal in Kurzfassung …

      Sie haben Ungarn vergessen …

      Was Lichtmesz‘ Glaubenszuversicht betrifft, da haben Sie recht, er ist affirmativer als ich ihn gelesen habe – aus erster Hand.

      Die Frage, was die Masse treibt, bezog sich auf die Aussage: „„Ich verstehe nicht, wie man nicht darunter leiden kann, Bürger eines Landes zu sein, das stirbt, das noch dazu so schmutzig, so dumm, so niederträchtig stirbt.“ Und das kann ich und das läßt sich auch sehr gut verstehen – „Materialismus/Konsumismus “ trifft es neben vielen ähnlich gelagerten Phänomenen. Die Menschen können und wollen nicht mehr reflektieren, es fehlen ihnen die geistigen und oftmals auch zeitlichen Voraussetzungen. L meint hier vermutlich sowieso „akzeptieren“.

      Zusatz 27.3.: Dazu passend die ersten fünf Minuten des neuen Gesprächs in Schnellroda „Am Rande der Gesellschaft“

      Wenn Glauben Gnade ist, dann ist er nicht machbar. Ist er „metaphysische Entscheidung“, dann muß er mit dem Zweifel, der ihn in Frage stellt, leben und kommt aus dieser Schleife nicht raus. Gott ist tot, gestorben, sterbend, weil er nicht mehr gebraucht wird in der Moderne. „Bei Gott ist nichts unmöglich“ – er braucht die Unwägbarkeiten, aber Fortschritt und Technik haben diese beseitigt. Er könnte auferstehen, gebraucht werden, wenn die Sicherheiten in einem großen Fall verschwänden.

      Religiosität ist davon zu unterscheiden, sie ist permanent und wohl anthropologisch. Findet immer ihre Substitute. In Zeiten der Wohlfahrt und der Sicherheit glaubt man eben an „Demokratie“, „Humanismus“ und dergleichen. Hinzu kommen nun technische Hybride.

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  3. Schaumamoi schreibt:

    “Das Christentum ist tot…“. Nein! Ich lebe und Christus lebt in mir!
    “… kein Mensch hat die Macht, Gott wiederzubeleben…“ Ist auch nicht nötig, denn wir Menschen sind es, die nach dem Tod wiederbelebt werden.
    Lk 10:18-19:
    Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. 
    Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können.

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  4. Michael B. schreibt:

    der Weg, den Martin Lichtmesz vorangeht

    Wie die ganze ‚rechte Szene‘ geht er – nach dieser Schilderung – eher hinterher. Andere, wie ihre gelegentliche Besucherin schreiben sich auf Sezession die Gesslermasken schoen, generell suhlt man sich dort mittlerweile gern in Selbstmitleid. Zumindest ein paar wertfreie Analysen (Kaiser) sind noch lesenswert. Aber das haut in Masse niemand vom Hocker.
    Zu der – der Masse – uebrigens. Da sind doch Teile schon um Einiges weiter als ihre Veraechter. Die fahren auch mal nach Kassel. Da gibt es also schon einmal Aengstliche und nicht Aengstliche, Ideologisierte und Nichtideologisierte, Nutznieser und Andere, Hoffnungslose und..und…. Jede Gruppe muss man anders bewerten. Auch politisch sind ein paar dieser genaueren Unterschiede zu sehen, z.B. im extremen Wachstum der Nichtwaehler .Was bleibt da schon von diesem stumpfen Block „die Masse“ – nichts!

    Es ist sicher richtig, dass ein paar Dinge i.M. eher duerftig aussehen. Aber was soll es. Der Herr Zhu der leider zu selten schreibt, stellt einmal die zeitlichen Justierschrauben etwas weiter und beurteilt daraus in einer Art, die mir gut gefaellt. Obwohl bei dieser Betrachtungsweise natuerlich auch Jahrhunderte Durststrecken drin sind.

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