Virtueller 15. März

Zum zweiten Mal in Folge wird der wichtigste ungarische Nationalfeiertag – der 15. März –, der an die revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 erinnern soll, in unserem kleinen Städtchen digital gefeiert.

Vor zwei Jahren stand ich selbst noch vor dem Denkmal Petőfis und bestaunte die Inbrunst der Vorstellung. Man hatte damals sogar eine professionelle Schauspieler- und Reitergruppe engagiert, die mit voller Stimme, strammer Haltung und gewagten Reiterkaskaden mit sich aufbäumenden Pferden und wehenden Flaggen die historischen Ereignisse nachstellte und dabei auch Petőfis legendäre Worte ins Mikrophon schmetterte.

Die Zuschauer standen geputzt am Rand, jeder hatte seine Kokarde am Revers und fast alle sangen mit, wenn die alten Revolutionslieder vorgetragen wurden. Ich auch – und ein leichter Schauder lief mir den Rücken hinunter, teils aus Stolz, daß ich hier als Ausländer die unsterblichen Klassiker mitsingen konnte und durfte, teils, weil die feierliche Atmosphäre ergreifend schien und vielleicht auch, weil es ein kalter, windiger Tag war, der den schon austreibenden Bäumen und den grünen Weiden am Wegrand nicht gerecht wurde.

Eine Schülergruppe stand in weißen Hemden auf der Bühne und stellte die Szenen einer bekannten Rockoper nach, die sich um selbige Ereignisse dreht. Andere sangen sehnsuchtsvolle Heimatlieder. Hier kennt sie wohl fast jeder – die Oper und die Volkslieder – und auch ich habe sie mittlerweile so oft gehört, daß ich mitsummen konnte, auch wenn der Text oft noch rätselhaft war.

Dann hielt der Bürgermeister (Fidesz) eine längere patriotische Rede, die im typischen Fidesz-Sound gehalten war, ein Sound, der ein wenig an alte Parteitagsreden erinnert und den viele Ungarn über haben. Er nutzte die Gelegenheit, ein paar Agitprop-Parolen unter die Leute zu bringen. Die ließen es stoisch über sich ergehen, aber im nachbereitenden Gespräch unter der Hand hielt man seinen Unmut nicht zurück.

Es folgte schließlich die feierliche Kranzniederlegung an der Statue des Sängers der Nation. Diese war bereits im Vorfeld mit bunten Fahnen, Gestecken und Gezweig geschmückt worden und heute darf ich gestehen – die kleine Papierfahne, die an meinem Bücherregal zwischen der ungarischen Literatursektion hängt, stammt von dort: ich habe sie stibitzt, von heiliger Stätte, und halte sie in Ehren.

Zuerst durfte der Bürgermeister nebst seiner Stellvertreterin an die ehrwürdige Stätte. Sie trägt dabei einen an einen alten ungarischen Dolman erinnernden Zweiteiler. Hätte jemand den beiden zu diesem Zeitpunkt ins Ohr geflüstert, daß sie ein halbes Jahr später die Regionalwahl verlieren würden, sie hätten vermutlich mit Unglauben reagiert. 

Es ist wie überall – so war es auch schon zu unseren Zeiten am Grab der gefallenen Sowjetsoldaten: Der Schülerdelegation, die zuerst einen Kranz niederlegt, um den Kampf der Jugend zu symbolisieren, fällt es schwer, den Ernst des Momentes zu begreifen. Ich kenne die beiden Mädels – sie wurden wohl aufgrund ihrer Anständigkeit gewählt.

Später legte auch der örtliche Fidesz-Parlamentsabgeordnete nebst seiner Koalitionspartner (KDNP) einen Strauß in Nationalfarben nieder: auf grünem Gezweig prangen rote und weiße Blumen, an den Rändern baumeln lange Schleifen in piros-fehér-zöld.

Und dann traten drei Personen auf, die mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt waren, das waren die Vertreter des Bündnisses „Sikeres Bajáért Egyesület, das sich aus verschiedenen Parteien zusammensetzt. Die Frau in der Mitte wurde im Herbst des Jahres überraschend zur neuen Bürgermeisterin gewählt. Sie gehört – trotz ihrer Vorliebe für grüne Kleider – der violetten liberalen Momentum-Bewegung an, einer jungen Partei, die erst 2017 gegründet wurde, die pro-europäisch auftritt und vor allem Teile der Jugend anspricht. Ihr Aufstieg kann als rasant bezeichnet werden; er ist ein gutes Indiz für die Stimmung im Lande. Die Herren an ihrer Seite sind heute Alpolgármester, stellvertretende Bürgermeister, und bestimmen über die Zukunft der Stadt. Sie sind Sozialdemokraten, Mitglieder der MSZP, die vor Orbán an der Macht war und 2006 aufgrund bekannt gewordener Korruption und Lüge von den Massen in Budapest aus dem Amt gejagt wurde.

Daß der Fidesz 2019 eine ganze Reihe an wichtigen Städten – vor allem Budapest – an die Koalition verlor, war ein großer Schock, ein Menetekel für die kommende Parlamentswahl. Es war der praktische Beweis, daß die gemeinsame Wahlliste aus sechs höchst heterogenen Parteien[1] – von links bis ultrarechts –, das Potential hat, Orbán per Wahl zu stürzen, wenn es gelingt, akzeptable Kandidaten aufzustellen.

Auch in unserem Städtchen rieben sich viele verwundert die Augen, selbst die Wähler des Bündnisses erschraken und sogar den Gewählten stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben: Damit hatten sie nicht gerechnet, es sollte doch alles nur ein Protest sein, man wollte dem Fidesz einen auswischen und was sollte denn nun werden?

Die Sorgen waren begründet, denn es drohte nun ein finanzieller Einschnitt. Korruption hin oder her, aber in der Stadt ging es sichtbar bergauf. Aus Brüssel und Budapest floß das Geld und innerhalb weniger Jahre hatte der Ort sein Gesicht sichtbar aufgefrischt. Man wußte: der Draht zwischen Bürgermeister und Fidesz-Abgeordnetem war intakt – zum Wohle der Stadt, zum Wohl der Menschen, zuletzt war ein neues Hallenbad verkündet worden und ein neuer moderner Marktplatz. Nun drohte der Draht abzureißen und tatsächlich ließ auch Orbán gleich vernehmen, daß die Quellen versiegen könnten, wenn man nicht nach seiner Pfeife tanze. Auch wenn man bisher kaum etwas merkt, aber die Reden der neuen Bürgermeisterin drehen sich auffällig oft ums Geld und um Parolen wie Gerechtigkeit und Freiheit. Das Motto der gemeinsamen Liste lautete: Tiszta Kézzel … – mit sauberen Händen …

Dabei ist das Thema Korruption komplex – auch einflußreiche Leute in der Stadt wählten das „demokratische Bündnis“, um der Korruption zu begegnen, riefen zuvor aber noch beim Fidesz-Vertreter an, um die Renovierung der Straße vor dem eigenen Haus sicherzustellen – vermutlich von EU-Geldern bezahlt. So läuft das in Ungarn.

Aber bei allem Zwist und bei allem schlechten Blut: wenn es um die Nation geht, dann steht man beisammen. Und am 15. März läßt sich das besonders gut beobachten.

Nun wird er also zum zweiten Male virtuell gefeiert, d.h. das Regionalfernsehen nimmt verschiedene Programme auf und sendet diese auf dem eignen Kanal und im Internet. So funktioniert es schon seit einiger Zeit auch zu anderen Anlässen – zuletzt sah man die Verabschiedung der Abiturienten. Und ob man es glaubt oder nicht: obgleich diese Zeremonien zum Großteil aus überlangen Reden bestehen, erreichen sie überdurchschnittlich hohe Klickraten.

Schon ein paar Tage vor den Feierlichkeiten gab das örtliche TV einen Einblick ins neue Programm. Es sieht aus wie das alte – Tradition ist Wiederholung. Die Schüler des Gymnasiums, das nach dem König Béla III. (1148 – 1196) benannt wurde, singen – Petőfi: Das Nationallied. Was sonst!

Es lohnt sich ein Blick auf diese Jugendlichen (ab: 1:28 min). Man vergleiche sie mit unserem deutschen Nachwuchs! Mehr muß man eigentlich nicht wissen, um sich die Zukunft beider Länder vorzustellen, ganz gleich, wer in Ungarn an der Macht ist.

siehe auch: 15. März in Ungarn

Petőfi und die permanente Revolution


[1] MSZP – Sozialdemokraten
DK – sozialliberal
LMP – grün
Párbeszéd – grün
Momentum – liberal
Jobbik – rechts (in schneller Wandlung begriffen)

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