Warum Sachsen?

PDF gesamt: Warum der Osten? Warum Sachsen?
Fortsetzung von: Warum der Osten?

„Darüber hinaus ist – jedenfalls geht es mir so – auch jeder Sachse zunächst einmal Dresdener oder Leipziger oder Erzgebirger oder Lausitzer. Weltoffenheit auf der einen und Heimatverbundenheit auf der anderen Seite scheint mir aber ein besonders herausstechendes Merkmal für alle Sachsen zu sein. Weltoffenheit im allgemeinen und Gemütlichkeit sächsischer Art klingen wie ein Widerspruch – in der Praxis ist es jedoch nicht so. Die Bereitschaft, dem Neuen gegenüber aufgeschlossen zu sein, ohne das Altgewohnte völlig aufzugeben, ist meiner Meinung nach ein sympathisch typischer Zug der Sachsen.“ Wolfgang Mischnik

Unter den Ostdeutschen bilden die Sachsen eine besondere Kategorie.

Auf eine eigentliche Stammesgeschichte – wie die Baiern, Schwaben oder Friesen – können sie nicht verweisen; dennoch lassen sich verschiedene Besiedlungsspuren noch heute belegen. Während der südwestliche Teil ab dem 10. Jahrhundert von Franken besiedelt wurde, spielt im östlichen bis heute das wendische Element eine Rolle. Schon dort beginnt die Vielfalt. Die Sachsen sind bis heute durchaus kein homogenes Volk. Vogtländer und Erzgebirger sprechen einen ans Ostfränkische angelehnten Dialekt, während in Nord- und Westsachsen ostmitteldeutsche Zunge gesprochen wird. Viele im heutigen Sachsen Lebende definieren sich eher regional, und erst in zweiter Linie sächsisch. Die Regionen identifizieren sich historisch auch recht unterschiedlich: das Vogtland ist territorial-politisch definiert, das Erzgebirge geographisch-ökonomisch, die Lausitz ethnisch. Allen gemeinsam sind leidvolle Erfahrungen. Der Schmalkaldische, der 30-jährige, der Siebenjährige, die Napoleonischen Kriege haben Spuren in Legenden, Namensgebungen und im historischen Bewußtsein hinterlassen, das sächsische Königtum schuf hingegen schon in Zeiten hoffnungsloser Kleinstaaterei ein bemerkenswert stabiles und einendes Staatsgebilde.

„Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer ahh derbei, weil mer Arzgebirger sei.“ Anton Günther (deutscher Volksdichter, 1876-1937)

Mit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine starke Sozialdemokratie, die feste Strukturen aufbauen konnte. Weite Teile der Industrie waren jedoch nicht von urbanen Strukturen abhängig, sondern siedelten sich in kleinstädtischen und dörflichen Gegenden an. Ländliche Strukturen mit ihren partikularen Interessen gingen mit Industrie und einer zersplitterten Arbeiterklasse zusammen, konservative und progressive Elemente verschmolzen, das Proletariat war nicht per se links, es fand nicht zum Internationalismus, es blieb traditional und regional geprägt. Dieser Zug wurde für die kommenden 150 Jahre prägend.

Man kann das verallgemeinern: Es gibt in Sachsen ein deutliches konservatives Kontinuum. Weihnachten etwa wird hier tief empfunden, die Handarbeit – Klöppeln, Schnitzen – ebenso eifrig gepflegt wie die Küche oder die Lieder. Der Sachsen Religion ist die Region. Und die wird in ihrer Eigenart ebenso verteidigt, wie das Ideal des eigenen Landes.

Auch zur Zeit des Nationalsozialismus spielte Sachsen eine Sonderrolle. Schon Mitte der 20er Jahre konnte die NSDAP großen Zulauf verzeichnen. Vor allem Westsachsen wurde ihre Hochburg. In den Wahlen von 1932 bekam Hitler hier nahezu 60% der Stimmen. Man kann die Affinität der Sachsen, deren Fabriken stark vom Export abhingen, mit der Weltwirtschaftskrise erklären, aber auch mit ihrer „Aufmüpfigkeit“, ihrem Eifer, ihrem Temperament und man wird nicht umhin können, zu vermuten, daß sie an eine „innere Wahrheit und Größe der Bewegung“ – in der sie die Bewahrung ihrer Eigenheit suchten – glaubten.

Von Plauen, der einstigen Nazi-Hochburg, sollte später die „friedliche Revolution“ ausgehen, in Leipzig wurde sie vollendet. In all diesen Ereignissen brach sich die sächsische Leidenschaft Bahn. Ihr sicherster Indikator ist die viel verlachte Sprache. Die Sachsen erfahren am häufigsten „rassistische“ Beleidigungen: kein Deutscher wird so oft nach seinem Herkommen gefragt. Der Dialekt – der einzige ostdeutsche, der keine Überlappung über die innerdeutsche Grenze kennt –, dessen Spuren nie ganz zu tilgen sind, der die Distanz zwischen Redendem und Redegegenstand aufhebt, gilt als dumm, man macht sich darüber lustig – das kränkt. Dabei zeigt sich gerade hier ein weiterer typischer Zug: der Witz, der oft mit dem jüdischen verglichen wird, weil er sich selbst und das Idiom zum Gegenstand nimmt.

„Es war Frühling, die Sonne blendete, die Menschen auf den Straßen lächelten einander zu, als hätten sie gerade gemeinsam etwas Unfaßbares und gleichermaßen sehr Nützliches zustande gebracht. Wir schauten uns mit Freude diese Gesichter an, hörten uns in ihre Sprache hinein – und verliebten uns. Beinah vom ersten Augenblick an. Wir verliebten uns in die Sachsen. Ihre gurgelnde, weiche Sprache, ihre Kommunikationsfreude und ihre Freundlichkeit, ihren unerschütterlichen, dem jüdischen so artverwandten Optimismus und Humor. Ein Humor voller Doppeldeutigkeit, Wärme, Herzlichkeit, Sarkasmus und – das Wichtigste von Allem – voller Ironie sich selbst gegenüber.“ Küf Kaufmann

Die Sprache ist derb und direkt. Man sagt, was man denkt, politische Propaganda und Korrektheit widersprechen dem Wesen der Sachsen, das sich in ihrer Sprache ausdrückt. Wer die Montagsdemonstration in Leipzig 89 bejaht kann die Dresdner Montagsspaziergänge nicht verteufeln, ohne das Ursächsische daran zu vergewaltigen. Zur sächsischen Geselligkeit gehört als Gegenstück das Verbiesterte, zur Offenheit das Wehrhafte, zur Eigenheit die Anpassungsverweigerung. Wer das eine bewundert, das andere nur verachtet, versteht das Komplexe nicht.

Sachsen hatte nach der Wende und seither tatsächlich ein Problem mit Rechtsradikalismus, vor allem dort, wo Wiedervereinigung und EU Problemfelder hinterlassen hatten. Das stark ausgeprägte Heimatgefühl, der alles bestimmende Regionalismus mußte sich vom Kosmopolitismus bedroht fühlen. Offenheit übersetzte sich in Abwanderung junger Menschen, in übermächtige Konkurrenz zu ortstypischer oft handwerklicher Produktion und Distribution, in Verlust des Sicherheitsgefühls vor allem an den Ostgrenzen, in Nivellierung des Spezifischen. Einheit bedeutete für fast alle Städte Einheitlichkeit, bald konnte man sie von westdeutschen Innenstädten kaum noch unterscheiden.

Das Land ist vom Protestantismus durchsäuert, bis heute, wo ihm nur noch 25% anhangen. Luthers Werkgerechtigkeit setzte sich durch, seine Bibelübersetzung schrieb er in Kanzleisächsisch. Lessing und Gottsched – der eine Geburts- der andere Wahlsachse – revolutionierten das Theater zum Ort der „sittlichen Läuterung“. Die protestantische Ethik entfaltete sich hier in beiderlei Gestalt. Sie führte zu einem gewissen frugalen Moralismus, der nicht davor zurückschreckt, in Selbstermächtigung anderen Vorschriften zu machen. Aber er schlägt sich auch im sprichwörtlichen sächsischen Fleiß nieder. Die Sachsen sind Macher, Anpacker, sie spucken in die Hände, sie warten nicht auf herrschaftliche Direktiven, wenn sie Mißstände ausmachen. Sie sind auch sparsam und machen Unterstützung von Vorleistungen abhängig. Im Grunde genommen verkörpern sie das Ideal der westlichen Demokratie: sie sind freie, mündige, selbständige und kritische Menschen, die teilnehmen wollen und diese Teilnahme auch erzwingen, wenn sie ihnen verweigert wird. Schon zu DDR-Zeiten galten die Bezirke Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt als renitent und als schweres Pflaster für Parteikader. Schon damals galt Berlin als fremde Welt. Sie waren und sind Seismographen politischer und sozialer Mißstände.

Heute dienen die Sachsen immer öfter als Sündenbock, dabei sind oftmals nicht die Sachsen anderen gegenüber intolerant, sondern das andere der Sachsen führt zur Intoleranz ihnen gegenüber. Immer wieder hört man etwa Verwunderung, daß gerade dort, wo es kaum Ausländer gebe, die Ablehnung am größten sei. Man begreift das Paradox der kleinen Differenz nicht; diese ist dort groß, wo sie zum ersten Mal auftritt, wo sie noch klein ist, verschwindet jedoch dort, wo Differenzen sich auflösen.

„In kaum einem anderen Bundesland als Sachsen hat sich in der Zeit des Sozialismus eine so deutlich antisystemische (und prodemokratische) Bewegung herausgebildet. Nicht von ungefähr gilt Leipzig als ‚Stadt des friedlichen Umbruchs‘ und Sachsen als Zentrum der ‚Friedlichen Revolution‘. Daraus speisen sich zwei kulturelle Lagerungen mit möglicherweise politischer Wirkung: zum einen ein hohes Selbstbewußtsein auf der Ebene der politischen Gemeinschaft. Dies drückt sich im Slogan ‚Wir sind das Volk‘ aus, welcher bei aktuellen Demonstrationen nicht zufällig wiederbelebt wird. Zum anderen hat sich ein gewisses Mißtrauen gegenüber einer Zentralregierung verfestigt, welches mit den Vorstellungen verbunden wird, als Gemeinschaft etwas bewirken zu können. So ist der Blick nach Berlin bei vielen Bürgern Sachsens auch heute noch oft von einer gewissen Skepsis geprägt. … Hinzu kommt in Sachsen eine lange Periode einer konservativen Regierungsmehrheit, die auf eine in der Mehrheit auf Stabilität und nicht zu rasante Veränderung ausgerichtete Wählerschaft schließen läßt.“ Gert Pickel

Statt Ermutigung, Dank und Anerkennung ernten sie Befremdung und Abneigung, die zudem medial verstärkt wird. Wenn unliebe Sachsen „Pack“, „Mob“, „Nazis in Nadelstreifen“, als Menschen „mit Haß im Herzen“, wenn das Land „Dunkeldeutschland“ genannt wird, dann trifft das auch viele Sachsen, die andere politische Meinungen vertreten. Sie spüren eine vielfältige gesamtdeutsche Verachtung, im Kleinen wie im Großen, sie empfinden dies als eigene Apartheit. Viele derjenigen, die das Land auf Arbeitssuche verließen, mußten die Erfahrung machen, daß ihnen die Schlüssel fehlen, die Sprach- und Verhaltenscodes der Westdeutschen zu knacken und fast alle registrieren sensibel, wenn Sprache, Mentalität und Anliegen in Presse und Kunst ridikülisiert werden. Intern jedoch wärmt die Mundart und läßt die Sachsen zueinander finden.

Diese Abneigung wird umso schmerzhafter erspürt, da man eigentlich gastfreundlich und weltoffen ist. Selbst weniger attraktive Regionen haben den Tourismus zur Chefsache gemacht. Man will den Gast, will den Fremden, will ihn von der Schönheit der Gegend, den Vorzügen der Art, der Kultur, der Küche überzeugen, damit er – wieder zu Hause – vom schönen Sachsen schwärmen kann. Sie selber sind wohl eher bodenständig, zumindest die älteren Jahrgänge. Sie akzeptieren innere Evolutionen, die naturgemäß langsam und organisch verlaufen, aber sie reagieren sehr sensibel auf zu schnelle und von außen herangetragene Entwicklungen.

Die heute am meisten Widerständigen sind mutmaßlich jene DDR-Sozialisierten mit typisch sächsischem Wesenskern. Ob diese Eigenarten über die Generationen hinweg erhalten bleiben, wird man erst historisch erklären können.

„Wir erleben gerade, daß vor allem junge Menschen in Ostdeutschland ihre ostdeutsche Identität entdecken und hochhalten. Sie sind im wiedervereinten Deutschland geboren und haben die DDR gar nicht mehr erlebt. Dennoch fühlen sie sich als Ostdeutsche. Es gibt viele Beispiele für diese Entwicklung: Hip-Hop-Gruppen wie Ossi Ostler haben schon vor zehn Jahren mit ostdeutschen Identitätsthemen Platten verkauft. Die ostdeutsche Identität ist nicht verschwunden. Sie wurde über Generationen vererbt und ist oft noch stärker geworden. Für die westdeutschen Eliten in Stuttgart, Hannover oder Hamburg, die immer gehofft haben, Ostdeutschland werde sich schon anpassen, ist das ein Schock. Diese Leute müssen jetzt lernen, damit umzugehen.“ Alexander Clarkson: Das Problem der Ostdeutschen waren ihre Illusionen. In: Zeit Online 2.5. 2019

zuerst erschienen in Sezession Heft 90

Von Kubitschek und Kaiser auf „Kanal Schnellroda“ besprochen
Von Miriam Lau auf „Zeit Online“ besprochen
Literatur:
Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Berlin 1999
Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde. Berlin 2002
Erhardt Heinold (Hg.): Sachsen unter sich über sich. Frankfurt/M. 1978
Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.): Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen. Bonn 2017
Hermann Lübbe: Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie. Basel/Stuttgart 1977
Gert Pickel, Oliver Decker (Hg.): Extremismus in Sachsen. Eine kritische Bestandsaufnahme. Leipzig 2016
Wagner, Andreas: Machtergreifung in Sachsen. NSDAP und staatliche Verwaltung 1930-1935. Köln 2004
Barbara Junge/Winfried Junge: Die Kinder von Golzow 1961-2007. Langzeitfilmdokumentation

4 Gedanken zu “Warum Sachsen?

  1. JJA schreibt:

    Ich habe damals wegen des Themas und sicher auch wegen Ihres Textes die Ausgabe gekauft. Hab’s aber gern noch einmal gelesen, mein Gedächtnis ist schlecht. Wenn jetzt noch jemand einen solchen Text zu Thüringen versuchen könnte… Mich hat nämlich die Binnendifferenzierung Sachsens eher überrascht. Sachsen kam mir immer ungleich geschlossener vor, die Identität als Bundesland (Freistaat, entschuldigung) dort vielleicht so stark wie sonst nur in Bayern. Und das sicher deshalb (man korrigiere mich, wenn ich hier falsch liege), weil nur diese beiden Bundesländer schon länger politisch geeint sind. Um auf Thüringen zurückzukommen: Christopher Clark sagte, meine ich, einmal irgendwo Thüringen sei wie Deutschland ‚en miniature‘. Tatsächlich gibt es hier ja eine politische Einheit erst seit knapp 100 Jahren, sie war geprägt von extremer Kleinstaaterei, entsprechend konnte sich kein absolut dominantes Machtzentrum herausbilden (die größte Stadt und heutige Landeshauptstadt war vorher nie Regierungssitz). Dazu die zentrale Lage und deutliches Auslaufen an den Rändern: Thüringisches Franken, Vogtland, das Eichsfeld, das sich über die Landesgrenze erstreckt, die Rhön.

    Es fällt mir daher auch weitaus schwerer, eine „thüringische Mentalität“ zu skizzieren. Die Unterschiede sind enorm und die lokalen Identitäten (z.B. Eichsfeld oder Schmalkalden) überlagern oft alles andere. Wenn hier jemand mit schärferen Beobachtungen Ordnung in diese (immer gegebene) Mannigfaltigkeit bringen kann, würde ich mich sehr freuen.

    Aber zur „friedlichen Revolution“ möchte ich doch bemerken, dass die ersten ökumenischen Friedensgebete, die man mit Leipzig assoziiert, in der Erfurter Lorenzkirche stattfanden…

    Lynx: Vielen Dank für diesen schönen, wirklich erhellenden Kommentar. Dazu fallen mir zwei Dinge ein, die der fürsorgliche Hausherr natürlich wegsperren wird:
    1. hat Christopher Clark natürlich recht, wenn auch nur bedingt. Thüringen ist Deutschland en miniature und sogar Europa en miniature. Denn Gleiches gilt für Schwaben/Württemberg, Bayern, die Schweiz, Frankreich, Italien, Spanien, Albanien usw. Viele kleine Regionen, die sich ihrer Identität (hoffentlich) bewusst sind und doch an etwas Größerem weben, im übrigen seit dem Mittelalter, spätestens seit den Staufern. (Mister Clark weiß das vermutlich)
    2. der Freistaat: als Begriff eine Erfindung der linken bayerischen Revolutionäre von 1919 und einfach nur der Versuch einer Eindeutschung von „Republik“. Die CSU hat mehr oder weniger erfolgreich versucht, das umzuinterpretieren, der historische Gehalt bleibt aber, wenigstens für diejenigen, die um die Quellen wissen. Und die Quellen, die Ursprünge sind doch das, worauf es ankommt?

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  2. Robert X. Stadler schreibt:

    Zum Beispiel die Metapher von der Durchsäuerung durch den Protestantismus: überaus treffend und eingängig, fast schon ein Gemeinplatz. Dass die Autorin das entweder nicht versteht oder, wahrscheinlicher, nicht zu verstehen vorgibt, ist beides bezeichnend. Und dass sie von der „Erfindung“ des Protestantismus schreibt …

    PS: Diesen Satz verstehe wiederum ich nicht: „Luthers Werkgerechtigkeit setzte sich durch, seine Bibelübersetzung schrieb er in Kanzleisächsisch.“ – Luther war doch gegen die Werkgerechtigkeit; und in den protestantischen Ländern, vor allem westlich der Elbe, setzte sich – nicht nur, aber auch wegen der Reformation – eine Ethik der Evangelischen Freiheit durch.

    Seidwalk:
    Luther schrieb in „Von der Freiheit eines Christenmenschen“:

    „Darum sind die zwei Spreche wahr: Gute fromme Werke machen nimmermehr einen guten frommen Mann, sondern ein guter frommer Mann macht gute fromme Werke. Bose Werke machen nimmermehr einen bosen Mann, sondern ein boser Mann macht bose Werke. So das allewege die Person mus zuvor gut und fromm sein vor allen guten Werken, und gute Werke folgen und ausgehen von der frommen guten Person. Gleichwie Christus sagt: „Ein boser Baum tragt keine gute Frucht. Ein guter Baum tragt keine bose Frucht.“

    Der Glaube zuerst, das gute Werk ist die konsequente Folge. Die Basis der protestantischen Ethik, wie sie Max Weber herausgearbeitet hatte.

    Robert X. Stadler:

    Ja, das ist die Schlüsselstelle – das Gegenteil von Werkgerechtigkeit, wo der Mensch durch seine guten Werke, oder die Werke des Gesetzes, vor Gott (oder vor der Gemeinschaft) gerechtfertigt wird. Ich stehe also nicht in einem äußerlichen do-ut-des-Verhältnis zu Gott und zur Gemeinschaft, wobei meine eigentliche Gesinnung irrelevant ist, sondern widme mich aus innerster Überzeugung dem Besten der Gemeinschaft.

    Die Frage der Kausalitäten zwischen Protestantismus und Geist des Protestantismus ist eine andere – ich sehe Wirkungen in beide Richtungen, wobei der protestantische Geist wohl vorher und stärker ist, eher geistig-leibliche Basis als geistlich-dogmatischer Überbau (insofern bin ich mit Weber nicht einverstanden; und er ist, so weit ich sehe, durch den Vergleich westdeutscher Städte auch empirisch widerlegbar).

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  3. Zweifler schreibt:

    Danke zur Verlinkung zu ZO. Das, was Frau Lau da macht, ist gelinde gesagt unterste (intellektuelle) Schublade. Deren Kommentatoren bestätigen das Elend, es ist gruselig. So wird ein nachdenklicher, einfühlsam, ja schon liebevoll geschriebener Artikel in sein Gegenteil verkehrt, geschreddert. Hinter den Zeilen des Autors wird die lauernde (Nazi-) Gefahr ausgemacht. Tja, eine Gefahr ist auch da, allerdings anders, als es Frau Lau ihren Lesern weis machen will. Es ist die Gefahr der Einsicht, des Verständnisses, der Verständigung. Solcher Ansatz scheint Frau Lau vollkommen fremd, ist gemäß ihren Äußerungen ersichtlich nicht gewollt. Auf den Inhalt wird nicht eingegangen, auf die Gedanken wird sich nicht eingelassen. So wird eben geschreddert. Geschreddert von einer seelenlosen Maschine, einem ständig sorgsam gefütterten, immer größer werdenden blechernen Ungetüm, welches durch die Gegend zieht, sein Maul aufreißt und alles, was ihm nicht paßt, einsaugt, um es zu zermalmen. Dies ist das Bild, welches ich beim Lesen des Artikels von Frau Lau hatte. Vor diesem Hintergrund kann ich es auch verstehen, daß der Autor sich erstmal zurückzieht. Allerdings gehe ich nicht mit in der Vermutung, er habe alles gesagt. Allein der vorgestellte Artikel beweist das Gegenteil. Es sind die Herangehensweisen, die maßgeblich sind. Nicht das bloße Wiedergeben von vermeintlichem (bei dem Autor überragend vorhandenem) Wissen. So geht Frau Lau auf ihre Weise heran und der Autor des Bloggs auf seine. Glaubt da jemand, Frau Lau würde jemals davon ausgehen, sie habe alles gesagt?

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    • Ironischerweise gehört Miriam Lau noch zu den offeneren Typen im Geschäft – ich halte sie für noch argumentationsempfänglich. Sie hat selbst einmal die Erfahrung eines Shitstorms gemacht, nachdem sie ein paar Millimeter aus der Reihe getanzt war und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß ihr diese Erfahrung ernsthaft zu denken gegeben hatte. Die Texte wurden spürbar unsicherer.

      Das ändert natürlich nichts daran, daß sie das Sachsen-Heft nicht verstehen wollte und vielleicht auch nicht konnte. Wie schnell das geht, unter welchen Spannungen und Ängsten diese Menschen agieren, zeigt ja gerade brühwarm der Fall Patrick Bahner. Der hatte es gewagt, eine Rezension des neuen Mosebach durch Ellen Kositza anregend zu finden, was zur sofortigen Steinigung führte. Daraufhin sah er sich gezwungen, einen kilometerlangen Twitter-Thread zur Erklärung abzulassen.

      Es ist alles nur noch Wahnsinn, oder sagen wir besser – always look on the bright side – Farce.

      Lau hatte übrigens auch den Weg nach Schnellroda gefunden und auch daraus was Paßgenaues gezimmert. siehe: Die Grenzen der Toleranz Auch dieses Erlebnis hat sie sensibilisiert, auch wenn ihr damaliger Text das noch kaum verrät.

      Zweifler:

      Danke auch für diese Einsichten. Mir stellt sich nur die Frage, wie es sein kann, daß Menschen, etwas anderes schreiben, als sie eigentlich wollen. Ich weigere mich anzuerkennen, daß sie das nur tun, weil…(sie Geld brauchen oder sie dazugehören wollen oder …) Das wäre eine Art Masochismus, ja schon Selbstvergewaltigung für einen tatsächlich denkenden, von geistigen Ketten eigentlich befreiten Menschen. So einem müßte doch die Hand beim Schreiben abfallen. Deshalb gehe ich davon aus, daß sich diese Menschen der realen Verrücktheit gar nicht bewußt sind, ihren eigenen Vorstellungen und Verlautbarungen (u.a. von der angeblich bestehenden Meinungsfreiheit) glauben und tatsächlich (insofern selbstkritisch) den Fehler bei sich selbst suchen, ihre Gedankenketten mal wieder ölen. Sie werden in der Mehrzahl diesen „Fehler“ also nicht mehr machen. Insofern hat dann wieder der Teufel resp. das Ungetier gewonnen (ich will den Teufel nicht beleidigen) und ist noch ein Stück gewachsen. Ihr „Freund“ Posener ist doch so ein Beispiel. Ellen Kositza beschreibt sein gedankliches Herangehen in ihrem wunderbaren Büchlein „Die Einzelfalle“ (Verlag Antaios) einmal mehr en passant aber eindrucksvoll am Beispiel der Ereignisse in der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte. Diese Leute biegen alles, bis es paßt und sie glauben daran. Das Gedankengebäude hat zwar real keine Fundamente, aber der Kaiser war ja auch nackt und so reicht die Einbildung von einer Realität. So kann der gute Mann seine Denkwürdigkeiten ungeniert auf WO präsentieren ohne daß es dort jemanden genieren würde.

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