Petőfis Fluch

PDF: Petőfis Fluch

Ganz anders als Sándor Petőfis Leben begann das von Mór Jókai und es endete auch vollkommen ungleich, obwohl beide in der entscheidenden Phase ihres Lebens Seit an Seit standen.

Jókai wurde 1825 in eine adlige Familie hineingeboren, die seiner Bildung große Aufmerksamkeit widmete. Er starb 1904 als einer der größten und mit Sicherheit produktivsten Schriftsteller Ungarns in einer vollkommen anderen Welt. Petőfi war im Zuge der ersten großen gesellschaftlichen Umwälzung gefallen, Jókai durchlebte mehrere dramatische historische Wechsel und den Einzug der Moderne im Ungarnlande.

Doch über allen lag der Fluch Petőfis, jenes „Átok réa!“ mit dem er den Dichter an sich, jeden Dichter an die politische Aufgabe knotete. Und dieser Fluch wirkte und Jókai ist das beste Beispiel dafür. Seine unfaßliche Produktivität, diese schreibende Besessenheit, ist am ehesten mit dem Schuldgefühl zu erklären, das Petőfi seinen Zeitgenossen eingepflanzt hatte – und zwar doppelt. Zum einen durch den ausgesprochenen Fluch, zum anderen durch seinen Heldentod.

Petőfi hatte sein Leben geopfert – radikal wie er war –, aber wie sollte Mór Jókai das seine rechtfertigen? Standen sie nicht im März 1848 zusammen und waren es nicht Jókais 12-Punkte-Programm und Petőfis „Talpra Magyar“, das die Massen enthusiasmiert und in die revolutionäre Stimmung versetzt hatte? Der Makel, sich nicht geopfert, nicht bis zum letzten gegangen zu sein, könnte Jókais Arbeitswut erklären. Die Freundschaft war an Jókais Unfähigkeit, Petőfis jakobinische Revolutionsideen mitzutragen gescheitert. 

Mit seinen über 300 Büchern, viele davon in andere Sprachen übersetzt, trug er eine vermeintliche Schuld ab. Als der starb, galt er international als der bedeutendste ungarische Autor. Viele seiner oft historischen und meist sehr ironischen Romane dienten der Aufgabe, das magyarische Selbstwertgefühl – das seit alters her unter Komplexen litt – aufzubessern.

Unter seinen Werken ragen einige just durch das Geständnis heraus. Bei keinem wohl so deutlich wie „A kőszívű ember fiai” (wörtlich: „Die Söhne des Mannes mit dem steinernen Herzen“, auf Deutsch unter „Die Baradlays“ erschienen). Zwei der Söhne nehmen am Befreiungskampf teil, nur der jüngste, Jenő bleibt zu Hause und kümmert sich um die Kinder seines Bruders Ödön. Dieser ist ein Held des Krieges.

Als es nach Ende des Krieges zu Gerichtverhandlungen kommt, empfängt Jenő das versehentlich bei ihm eingegangene Vorladungsschreiben, verheimlicht es und geht an Bruders statt vors Tribunal. Dort werden ihm alle „Kriegsverbrechen“ vorgehalten und er bekennt sich – unter falscher Identität – aufrichtig zu allem. Auch das Todesurteil nimmt er stolz und tapfer entgegen. Damit trägt er seine Schuld ab: Während die Brüder im Befreiungskampf ihr Leben riskierten, saß er im sicheren Heim, jetzt kann er durch sein Märtyrertum selbst zum verspäteten Helden werden.

Diese Option – die Petőfi-Option – stand Jókai nicht zur Verfügung, aber er konnte sein Talent in die Waagschale werfen und einen patriotischen Roman nach dem anderen schreiben – das war sein Märtyrertum.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele, die belegen, wie präsent dem Großschriftsteller die Ikone Petőfi, in der er vermutlich einen anklagenden Blick wahrnahm, war. Es genügt, zur Illustration die Ballade „Holt költő szerelme” („Des toten Dichters Liebe”) heranzuziehen, und die bietet sich zudem besonders an, denn wir haben sie als Melodram, vertont von Franz Liszt und in kongenialer Übersetzung von Adolf Dux vorliegen und Gert Westphal hat sie zudem auf herzerschütternde Weise eingesprochen.

Es verknüpfen sich mehrere Motive in dieser gefühlssatten Ballade. Ihr historisches Vorbild – Gottfried August Bürgers stilbildende „Lenore“ – ist unschwer zu erkennen. Der tote Soldat ist kein anderer als Petőfi selbst und daß sein Leichnam unter vielen anderen – „unter Hunderten schläft er zu unterst gebettet“ – irgendwo in einem Massengrab verrottete, war seinerzeit Stand der Erkenntnis.

Neben Petőfis nationalem Eifer und Opfer gab es noch ein zweites Thema, das die ungarische Öffentlichkeit umtrieb: das war des Dichters Liebe zu Júlia Szendrey, seiner Frau, die ihm auch einen Sohn gebar. Dieser immensen und mitunter auch befremdlichen und komplizierten Liebe sind einige der schönsten Liebesgedichte der Literaturgeschichte zu verdanken.

Júlia weigerte sich lange, die Todesnachricht zu akzeptieren, ja sie ging sogar so weit – in Männerkleidern gehüllt – selbst auf dem Schlachtfeld zu suchen. Das glich einem Skandal. Der wurde um ein Vielfaches größer, als sie sich wenig später – nachdem sie die Hoffnung aufgegeben hatte – gleich wieder verehelichte. Die Gründe dafür wurden und werden noch immer diskutiert: war es Verzweiflung, war es die Suche nach Schutz oder war es doch Liebe, so kurz nach dem teuren, unersetzbaren Verlust? Posthum veröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen schienen immerhin die ewige Liebe zu Sándor zu bestätigen.

Zu Beginn fordert der scheidende Dichter in Jókais Poem, bevor er in den Kampf zieht, den Liebeseid seiner Frau und bekommt ihn auch – über den Tod hinaus:

Meine Witwe vielleicht, bis im Herbste das Laub fällt,
O sage mir, könntest du meiner vergessen?
Leicht kann man dort sterben, wohin man mich rufet,
Stirbt auch meine Liebe bei dir unterdessen? —
«Nie soll meine Liebe, Geliebter, erkalten!
Und enden dein Leben des Todes Gewalten,
Umschließe dein Grab auch uns beide!»

Das klingt wie ein Vorwurf an Júlia, die kurz vor Erscheinen des Werkes als fünfmalige Mutter und nach unglücklichen letzten Jahren gestorben war. Ihr erster Sohn, der Petőfis, bekam nie einen Fuß auf den Boden, hatte dessen Natur, aber nicht das Talent, geerbt, war immer ein Sorgenkind.

Aber auch gegen sich spricht Jókai Vorwürfe aus – wir können sie in Zeilen wie diesen erkennen:

Und in flüchtiger Stille der Leier Ertönen,
Das «Vorwärts!» wie Helden zu fallen.

Du Bote der Schlachten, das Schicksal des Helden,
Des Sängers, des tapfern, sollst du mir melden.

Noch kann er sie gegen Júlia wenden, die sich nun neu vermählt:


Bis zur neueren Brautnacht zerreißet ein Windhauch
Der Witwe so locker gewobenen Schleier;
Die Herzen der Frauen, sie sind nicht von Stahl,
Und zauberhaft tröstet ein artiger Freier: —
Laßt ruhen die Toten, sich freuen die Herzen!
Nicht eifert der Tote! Mit Kosen und Scherzen
Erfreue dich, Schöne, des Brautglücks.
Es tanzet bei fröhlichen Weisen das Brautpaar:
Am Arm ihres Zweiten das herrliche Weib;
Buntfarbige Kränze, der bräutliche Schmuck,
Umflattern ihr Haupt und den blühenden Leib. …

Doch das Glück ist kurz, es wird von der Vergangenheit eingeholt:
Zwei Herzen nur wachen und pochen. —
Da plötzlich erscheint ein Gespenst
Aus den Gräbern, den feuchten,
Auf grinsendem Schädel einen bekränzten Kalpag ..

Der tote Dichter erscheint als Wiedergänger und fordert das gegebene Versprechen ein – Braut und Kind haben ihm ins Grab zu folgen. Diese Idee wurde nicht nur von Bürger entlehnt, sie befriedigte auch ein zeittypisches Gruselbedürfnis. Wissenschaftsfortschritt, kritische Theologie, Säkularisierung und Technik hatten dem Kinderglauben schwere Wunden geschlagen und auch die Rolle der Toten mußte neu ausgehandelt und verstanden werden. Daraus resultierte eine weitumfassende Gruselliteratur, die sich immer wieder um den nun rätselhaften Zustand des Danach drehten. Wo sind die Toten, wenn sie nicht im Himmel sind? Eine allgemeine Furcht, lebendig begraben zu werden setzte ein[1], entsprechende Fälle gingen in den nun verbreiteten Zeitungen um die Welt, ja selbst Begräbnisstätten wurden mit Beatmungssystemen versehen, um diesem Grauen zu entgehen[2] – das Reich der Toten geriet ins Zwielicht.

Jókais Toter erscheint nun Nacht für Nacht, aber jedesmal mit einem anderen Schädel auf den Schultern und nie mit dem richtigen, nie mit Petőfis Haupt[3]. Zwanzig Jahre geht das so und Frau und Kind ergrauen darüber. Schließlich sehnen auch sie sich – zermürbt – nach dem Ende:

Die Frau ergraut, und der Sohn wird als Jüngling
Ein Greis mit lebenssatter Gebärde,
Zur Qual für die Mutter, — sein Herz ist krank,
Sein Herz ist schwer, es zieht ihn zur Erde.
«O finde doch endlich dein eigen Gesicht,
Schon fürchten dein nächtliches Kommen wir nicht,
Wir erwarten, erwarten’s mit Seufzen!»

Und es weckt ihn der Ruf der Liebe vom Schlaf;
Er erscheint noch vor der Mitternachtsstunde,
Mit dem leuchtenden Antlitz, dem kühnen Blick,
Und wie vor dem lächelnden Munde;
Und von sich schleudert er Leier und Schwert,
Denn jetzund soll er, was längst er begehrt,
Sein Kind und die Mutter umarmen.

Und fernhin führt er sie mit sich fort,
Wo das Grün seines Grabes sich jährlich erneut,
Darüber ein Strauch voller Rosen glüht,
Und duftige Blätter auf’s Grab ihm streut; —
So nahm er denn alles, was sein war, hinab,
Und jetzt erst ward Ruhe den Toten im Grab,
Und es leuchtet der Stern seines Ruhmes.

Tatsächlich war auch Zoltán, Petőfis einziger Sohn, von jeher schwächlich, kurz nach der Mutter Tod an Tuberkulose gestorben. Trotz des vermeintlichen Frevels der Wiederverheiratung, wird Júlia in Jókais Poem exkulpiert, ja quasi exhumiert und an die Seite des Nationalhelden gelegt. Man konnte nun auch sie wieder verehren, sie galt seither als Frau Petőfis, auch wenn die beiden nur kurze Zeit zusammen waren und sie den Großteil ihres Lebens an der Seite des Historikers Horváth verbracht hatte.

Daß aber Petőfi hier als Zombie erscheint, weist auf noch ganz andere Dinge hin. Die Vorwürfe gegen Júlia, den Dichter verraten zu haben – wie kann man nach einem Unantastbaren noch einmal mit einem anderen Mann das Bett teilen? –, sind nur eine Ablenkung vor dem eigenen Versagen, nicht gekämpft zu haben, nicht gefallen zu sein. Der Stern des Ruhmes leuchtet nicht dem Überlebenden, mag er auch noch so viele Meisterwerke schöpfen, er leuchtet dem Toten im Grab, dessen literarisches Lebenswerk in vier Buchdeckel paßt.

Ihm, Jókai, erschien der Dichter Nacht für Nacht mit glühenden Augen im Schädel und klagte an und Jókai kannte nur ein Mittel, mit dem Mahr und dessen Fluch fertig zu werden: Schreiben.

siehe auch: Petőfi und die permanente Revolution


[1] Literarisch bearbeitet bei: Edgar Alan Poe: The Premature Burial
[2] Siehe: Tankred Koch: Lebendig begraben. Augsburg 1996
[3] Ein vergleichbares Motiv – gepaart mit dem typischen Kolonialzeit-Bedürfnis nach Exotischem findet sich in: Arthur Conan Doyle: The Brown Hand.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.