Homöopathie als Weisheitslehre

Gleich der erste Satz eine Wucht: „Dieses Buch ist keine Chronik einer Entwicklung. Alles, was vom Werden … Hahnemanns erzählt wird, wird mit Hinblick auf seine Vollendung erzählt.“ Tatsächlich wird das Buch in weiten Teilen nicht getrieben, sondern gezogen, nicht die Frage „warum“, sondern „wozu“ gestellt, und das eröffnet ganz andere Möglichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Zuvorderst entspricht diese Herangehensweise Hahnemanns Philosophie der reinen Phänomenalität, ist also genuine, komplementäre Aussage, und erlaubt ein intensives Sich-Einfühlen. Ja, Hahnemann wird nicht nur besprochen, er wird sogar direkt an-gesprochen, als wäre er noch immer präsent, immer schon und immer noch da. Und wirklich, die Homöopathie, die Fritsche uns vorstellt, ist plötzlich da und in gewisser Weise ewig und sie beginnt mit ihrem Höhepunkt, kennt also keine eigentliche Entwicklung, nur Varianten, meist Dekadenzen. Nur die tiefsten Weisheitslehren des Taoismus, des Buddhismus und des Kynismus können da mithalten, nur diese beginnen auch mit ihrem Höhepunkt (Laotse, Buddha, Diogenes). Damit, als letztes Ergebnis dieser Herangehensweise, wird der Homöopathie von vornherein ein transzendentaler Charakter zugesprochen.



Die Probleme der Zug-Methode sind formeller Art, denn Fritsche baut einen hermeneutischen Zirkel auf und der macht die Erstbegegnung mitunter schwierig, da Wissen vorausgesetzt wird, welches im Ablauf erst entwickelt wird. Mehrfachlektüre ist also systematisch eingeplant. Außerdem spart Fritsche nicht an Pathos und schwelgt mitunter in Metaphernwelten, was insbesondere moderne Leser abschrecken mag.

Wer diese drei Hürden nimmt (Teleologie, Zirkularität und Pathos), kann ein Meisterwerk an innerer Entfaltungskunst bewundern, denn es geht Fritsche gar nicht um die Biographie, es geht ihm darum, die innere und ganz andersgeartete nichtkausale Stringenz der homöopathischen Lehre in ihrer historischen, vor allem aber empirischen, logischen, metaphysischen und – ja – auch „theologischen“ Entfaltung darzulegen. Informativ und vergleichbar ist das Buch, wo es Geschichte repetiert – übrigens nie „objektiv“ –, aber bedeutsam wird es im ausgedehnten Mittelteil, wo es die höchsteigene Logik der Homöopathie akribisch entwickelt und den Leser von der Wirkmächtigkeit – nicht nur der „Medizin“, sondern auch der „Philosophie“ – überzeugt und das Warum des Wirkens erläutert. Das klassische chemo-physikalische Wissen muß dabei verabschiedet werden, ohne daß ein Glaube dafür einspringen müßte. Immer wieder begegnen dem Leser Hammersätze, die man leicht übersehen kann, die aber, wenn man ihre Tragweite begreift, schlichtweg umstürzend sind. Typus: „Die Homöopathie denkt nicht ursächlich, sondern anschaulich.“

Fritsche macht einsichtig, daß die Homöopathie durch die wissenschaftliche Kritik gar nicht tangiert werden kann, weil sie deren Wesen zum Sündenbock macht. So ist etwa die der Körperphysik verhaftetete Feststellung „da ist doch gar nichts mehr drin“, wie sie bis heute immer wieder vorgebracht wurde (zuletzt erst im Streit um die Kassentauglichkeit), schlichtweg sinnlos, weil gerade die Abwesenheit des Materiellen die Homöopathie ausmacht. Übrigens wird auch deutlich, wie weit der neuzeitliche Homöopathiebetrieb, mit industriell gefertigten Allerweltsmittel und angestrebten Breitenwirkungen, der Uridee widerspricht. Ein Arzt, der nach fünf Minuten ein paar Kügelchen verschreibt, weil jemand „Husten“ hat, geht am Reichtum der Lehre ignorant vorbei und betreibt zudem Heilungslotterie. Individualisierung ist das Zauberwort und das betrifft den Kranken, den Arzt und das Mittel.

Man kann es auch anders sagen: Wenn die Homöopathie wirkt, dann müßte der westliche Mensch (sofern Moral einen Wert hat, Moral also Einsicht, Folgen haben läßt) eigentlich sein Weltbild ändern … Daher ist es ein existentielles Buch und keine „Einführung“ o.ä., selbst wenn es mit den Grundeinsichten bekannt macht.

Fritsche ist auch kein akademischer Gelehrter. Er hält sich an Rousseaus Gedanke: Wenig lesen und viel darüber nachdenken. Den Wust der Sekundärliteratur ignoriert er nonchalant, aber durchdenkt, durchkaut förmlich stattdessen immer wieder die klassischen Vorgaben; er ist nicht gelehrt, er ist wissend und weise und das zeigt sich auch in seinem toleranten Umgang mit Gegnern und Abtrünnigen, ja sogar der Allopathie kann er vieles abgewinnen – eine sehr wohltuende Unverbissenheit … Manchmal stört dieser distanzlose Zugang auch, etwa wenn Fritsche fast gänzlich auf Quellenbelege verzichtet, die der beweissüchtige westliche Mensch dringend braucht, insbesondere, wenn er mit „Wundern“ konfrontiert wird.

Trotzdem, es bleibt, mit dem Hahnemann und seiner anthropologischen Grundlegung „Der Erstgeborene“ hat sich Fritsche in die erste Reihe der alternativen Autoren geschrieben – und macht Freude auf mehr! Eine Vorfreude, die durch die nun vollendete 17-bändige Werkausgabe endlich problemlos befriedigt werden kann.

Herbert Fritsche: Samuel Hahnemann. Idee und Wirklichkeit der Homöopathie. Verlag Winterwork. 2014. 374 Seiten

Siehe auch: Kennt noch jemand Herbert Fritsche?

Ein Gedanke zu “Homöopathie als Weisheitslehre

  1. gedankeneck schreibt:

    Das Buch steht ganz oben auf meiner Liste, ich bin echt gespannt!
    Ich finde, dass du einen tollen, wenngleich auch anspruchsvollen Beitrag geschrieben hast😊 interessant zu lesen und sehr stark im Ausdruck, hab ich mir noch einiges einzueignen😅
    LG Franzi

    Gefällt 1 Person

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