Denken und Sagen

Das deutlichste Kennzeichen von Dekadenz ist immer die Ausbreitung der Auffassung vom Nur-Leben als höchstem Wert; die letzten Menschen blinzeln und sagen „wir sind doch gleich, wir sind doch glücklich“. Alles andere – die Hochschätzung von Schlauheit und Feigheit, die Urteilsschwäche, der Geburtenschwund, die Ausbreitung der Homosexualität, der Egalitarismus, der Aufstieg der Mediokren – das sind nur Folgen. Im Kern geht es um eine Lebensform, die nicht mehr an sich glaubt, und die deshalb ihren Untergang will. (Karlheinz Weißmann)

Czesław Miłosz, Literaturnobelpreisträger, hatte 1953 ein Buch unter dem Titel „Verführtes Denken“ veröffentlicht, aus dem offenbar jedermann herauslesen kann, was er gern möchte – vor allem in den modernen Medien. Die einen wollten darin eine „Abrechnung mit dem Kommunismus“ sehen, andere eine Warnung vor der Faszination am „starken Mann“, die sich servierfertig auf Trump oder Putin anwenden ließe. Auch wenn derartige Interpretationen Teilwahrheiten aussprechen, bleiben sie doch weit hinter Miłosz‘ Anspruch zurück, ja sind sogar Teil des Phänomens, das er beschrieben hatte: zum einen als „Dummheit des Westens“, zum anderen als propagandistische Entstellungen.

Karl Jaspers kam dem Wesen des Buches schon näher: „Was in Menschen vorgeht unter dem Druck ständiger Bedrohung mit Vernichtung und zugleich unter der Suggestion des Glaubens an die Notwendigkeit der Geschichte, die sich mit dem Erfolg einer anscheinend unwiderstehlichen Macht aufzwingt, das zeigt Miłosz in seiner erstaunlichen Mannigfaltigkeit.“

Und wenn man jetzt die Bedrohung durch Hitlerismus und Stalinismus etwas beiseite schiebt und stattdessen den sanften Totalitarismus der Politischen Korrektheit einsetzt, wenn man „Notwendigkeit der Geschichte“ mit „Alternativlosigkeit“ ersetzt, der apokalyptischen Rhetorik der Future-Generationen oder der exterminatorischen Kompromißlosigkeit des Kampfes gegen Rassismus oder Rechts etc., dann wird die wahre Tragweite, seine manchmal beklemmende Aktualität, deutlich. Denn tatsächlich decken Miłosz‘ Analysen der nahezu zwangsläufigen Verstrickungen von ursächlicher Intelligenz mit der Macht (auch des Bösen) ganz verschiedene Muster auf. Sie alle führen zur totalen Konformität und zur Aufgabe des Denkens und sie sind zeitübergreifend. Die Logik des Verfalls an die politische Propaganda und deren Wirkmechanismen im Allgemeinen, das sind die wahren Themen des Polen.

Die „Mannigfaltigkeit“, von der Jaspers sprach, zeigt sich an den vier ganz unterschiedlichen Exempeln. Es werden polnische Intellektuelle ganz diverser Art vorgestellt, die auf je eigenen Wegen sich kompromittierten, sich letztlich schuldig machten. Man kann aus diesem Buch sehr viel über die schleichende Uniformierung von Meinung und Wissen in unserer heutigen Zeit lernen!

Aber nicht deswegen erwähne ich es hier, sondern um noch einmal einen Faden aufzunehmen, der mir selbst wichtig ist. Im August hatte ich von einem Bruch berichtet, dessen Ursache in der Arbeit an diesem Blog liegt. Bekannte hatten sich von mir und von uns getrennt, weil sie sich in einer Beschreibung – die, zugegebenermaßen, wenig schmeichelhaft und in dieser Form ein Fehler von mir war – wiedererkannt und daraus die entsprechende Schlußfolgerung gezogen hatten.

Für mich ergab sich daraus die prinzipielle Frage, inwiefern man überhaupt das Verhalten anderer Menschen dann noch beschreiben könne? Die Person war natürlich anonymisiert und es hat eigentlich nur einen Menschen geben können, der den Namen dahinter erkennen hätte können: er selbst.

Miłosz analysiert im Mittelteil seines Buches die individuellen Wege vier seiner Bekannten oder gar Freunde in die Abhängigkeit vom politischen Totalitarismus. Sie kommen aus ganz verschiedenen Milieus, haben denkbar unterschiedliche Voraussetzungen, Charaktere, Wege und landen doch alle im totalitären System. Er nennt die vier Männer Alpha, Beta, Gamma, Delta, aber da es sich um öffentliche Personen handelte, bekannte Künstler oder später hochrangige Funktionäre, war die Identität nicht zu verheimlichen – heute kann man sie in jedem Einführungsartikel mit Klarnamen nachlesen. Und was Miłosz zu sagen hatte, war starker Tobak – aber wahr. Einige der Zuschreibungen überschreiten das, was ich meinem Bekannten anheftete, um ein Vielfaches.

Wie hätte es auch anders sein können? Miłosz wollte das Typische dieser verführten Lebenswege herausarbeiten, den Zustand exakt beschreiben, die Entwicklungen deutlich machen und mußte daher Urteile fällen, die den Betroffenen kaum gefallen haben dürften. Ja, er hat sie verletzt – aber hatte er eine andere Wahl, eine andere Möglichkeit? Nicht, wenn er die Logik der Degeneration aufzeigen wollte.

Bei ein oder zwei der Beschriebenen kann man eine gewisse affektive Nähe erahnen – es wird nicht sein Ziel gewesen sein, alle Brücken abzubrechen, aber er war wohl der Meinung, daß das Ziel die Mittel rechtfertigt, daß die persönliche Verletzung einer nahen Person weniger wichtig ist als die Beschreibung ihrer systemischen Verfehlungen und Mängel. Hätte er Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten genommen, das Buch wäre so nicht möglich gewesen und der Nobelpreis wäre vermutlich auch nicht an ihm hängen geblieben, auch wenn er sich selbst lieber als Poeten denn als Analytiker sehen wollte.

Selbstredend will ich mich nicht mit Miłosz vergleichen – allein das Dilemma gleicht sich doch. Man kann sich die Frage stellen, ob es sich lohnt, auf einem Mini-Blog, den ein paar hundert Leute lesen – vielleicht –, die Entfremdung zu nahen Menschen zu riskieren, aber das Argument ist nicht stimmig, denn auch der preisgekrönte Autor konnte seinerzeit nicht wissen, daß sein Buch einst ein Klassiker sein wird. Freilich, seine Analyse ist umfassend, seine Kritik aber auch vernichtend, er webt einen dichten Argumentationsteppich, meine Wertung war nur ein kleiner Lichtblick, ein Nadelstich ohne komplexe Ansprüche, die Sache vielleicht nicht wert.

Dennoch muß es möglich sein, das Verhalten von persönlich bekannten Menschen anzusprechen und zu kritisieren – ob die Kritik berechtigt ist oder nicht, spielt auf dieser Ebene keine Rolle –, ohne jedes Mal gleich den sozialen Abbruch zu riskieren, sofern das beschriebene Phänomen typisch, verallgemeinerbar, systemisch, strukturell ist. Von beschreibender Seite aus gilt es, die entsprechende Vorsicht walten zu lassen – meine Wortwahl war seinerzeit zu drastisch –, von beschriebener Seite aus, sollte man daran arbeiten, ein bißchen resistenter zu sein. Auch um nicht in die von „fauxelle“ scharfsinnig gesehene Falle zu tapsen, die unsere moderne Verfaßtheit gut beschreibt: „Die Kränkung der Gefühle ist eine soziale Münze, deren Wert steigt“. Sie ermöglicht die Bestrafung, ist damit ein Machtfaktor, erniedrigt den Gescholtenen, den Delinquenten meinethalben, in die moralische Verfehlung und versorgt das gekränkte Ego mit dem überlegenen Gefühl des Besserseins.

Czesław Miłosz: Verführtes Denken. Vorwort Karl Jaspers. Frankfurt 1974

Siehe auch: Analyse und Verletzung

 

3 Gedanken zu “Denken und Sagen

  1. Michael B. schreibt:

    es hat eigentlich nur einen Menschen geben können, der den Namen dahinter erkennen hätte können: er selbst.

    Damit ist m.E. alles in Ordnung. Sie haben die Person nicht vor Dritten blossgestellt, aber zwischen Ihnen die Fronten geklaert. Ob Sie das wollen, liegt ja ganz bei Ihnen und Ihrer Einschaetzung des Verhaeltnisses. Und wenn es hilft – Sie wissen das ja auch – solches passiert seit wenigstens fuenf Jahren hunderttausendfach allein in diesem Land. Ich persoenlich schaetze das, auch wenn es eben Konsequenzen hat. Teil und Beginn der Rueckbesinnung auf die essentiellen Dinge, v.a.D. deren Freilegung. Und wenn Sie weiter in den Spiegel sehen wollen, auch nicht zu vermeiden.

    Bei meinen ehemaligen Zeitgeistfreunden fing das mit dem Begriff „Gutmensch“ an, den ich immer mochte , der aber bei ihnen schon immer ein scheinbar nur leichtes, aber erkennbares kurz aufscheinendes Unbehagen hervorrief.
    Aber ueber Jahre musste das nicht hochgeholt werden. Dann schon, und die Begriffe der Pharisaeer, der Bigotten – alles alte, fast nicht mehr als real gesehene Bezeichnungen – bekamen wieder Fleisch im eigenen Leben. Das vertieft auch die Rueckbindungen zum bis dahin generell vielleicht eher unverbindlichen Literarischen, wie bei Ihrem Buch. Worte bekommen wieder Bedeutung, Haltungen und Charakter bekommen Bedeutung, weil dafuer Kosten entstehen. Wenn Sie sich als gelernter DDR-Buerger entsinnen, Worte waren mit das Erste, was im neuen Deutschland damals voellig irrelevant wurde. Mancher DDR-Schrifsteller haette lieber noch einmal mehr Gefaengnis bekommen als „einfach“ (denn eigentlich sehr komplexes Thema) in der Unwichtigkeit zu versinken.

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  2. Otto schreibt:

    Schwieriges Thema! Wahrheit verletzt, fast immer. Nicht jeder ist ein Goldmund. Aber um den Preis des Nicht-Sagens sich dem Tabu unterordnen, das ist es doch, was alle tun. Und eine Wahrheit, die nicht gesagt wird, wird nicht mehr gesehen. Und Verhältnisse, die nicht mehr gesehen werden, wirken im Verborgenen um so schrecklicher. Und schon steckt der Karren im Dreck!

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