Das Märchen von der Prinzessin und dem Edelstein

Es war einmal eine kleine Prinzessin, die fand auf einem Spaziergang durch den Wald einen großen glänzenden Stein.

Der Stein war so schwarz wie ihr Haar, so schwarz, wie sie nie zuvor einen gesehen hatte. Er glitzerte und glänzte an einigen Ecken, war rauh und spitz an anderen. Als sie ihn aufheben wollte, riß sie sich an ihm die Hand und leise begann sie zu schimpfen. Doch im gleichen Moment fiel ein Sonnenstrahl auf den Stein und ließ ihn wie einen Spiegel erglänzen, in dem das schöne Gesicht der kleinen Prinzessin widerstrahlte. So griff sie noch einmal danach, überwand allen Schmerz und alle Anstrengung und schleppte den großen Stein nach Hause.

Erschöpft und verschwitzt kam sie im Hofe des Schlosses an. Zuerst traf sie den Narr, einen kleinen buckligen Kobold, dessen beißenden Spott sie zu fürchten gelernt hatte. Er kam ihr gerade recht, denn mit ihrem stolzen Fund glaubte sie, ihn beeindrucken zu können. Als der Zwerg die kleine Prinzessin sah, fing er lauthals an zu lachen. „Ha ha ha“, gurgelte er und schlug sich auf den Bauch. „Huhuhhu“, ging es weiter, „hehehe“, endete schließlich die Tirade. „Du bist ja ganz schwarz“, brachte der Gnom endlich unter Prusten hervor. „Dein schönes weißes Kleid …“ Die kleine Prinzessin schaute an sich herunter und tatsächlich, ihr schönes weißes Kleid war schmuddelig und schmutzig. Der Stein, der dumme Stein, dachte die Prinzessin, hat mein schönstes Kleid verderbt. „Ein Stück Kohle hast du hergeschleppt, dumme Trine“, höhnte der Wicht weiter. „Ein einfaches Stück Kohle, hahaha, geh in den Keller damit und gesell dich zum Heizvolk, diesem Pack  …“ Ärgerlich stieß sie den Stein von sich, während der Narr sich mit seinem bösen Lachen trollte.

Etwas von diesem Lachen konnte die kleine Prinzessin nie wieder in ihrem Leben vergessen … Sie saß und schluchzte. Da kam die Kräuter-Marie über den Hof gegangen, eine alte Frau mit runzligem Gesicht und verblichenen, dicken Röcken, die mit Flicken übersät waren. Unterm Arm hielt sie einen löchrigen Weidenkorb, aus dem Pflanzenbüschel hervorschauten. Sie trat hin zur kleinen Prinzessin und sah sie lange an. Dann sprach sie mit ruhiger Stimme.

„Einen schönen Stein hast du da, einen wertvollen dazu.“ „Ach, es ist doch nur ein Stück gewöhnlicher Kohle“, schluchzte das Mädchen. „Gewöhnlich?“, fragte die Kräuter-Marie erstaunt. „So gewöhnlich wie meine Heilkräuter ist dieser Stein, so gemein wie die Freundschaft. Jeder kann sie finden, aber nur wenigen gelingt dies auch. Bewahre ihn gut, vor der Kälte wird er dich schützen.“ Die kleine Prinzessin wischte sich die Augen und wollte zur Kräuter-Marie aufschauen, aber die war bereits verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Die Jahre vergingen. Der große schwarze Stein lag seither im Raum der kleinen Prinzessin. Immer wenn sie Sorgen hatte, sich ängstigte oder wenn ihr fröstelte, ging sie zu dem Stein, erfreute sich an seinem matten Glanze und manchmal streichelte sie ihn auch zärtlich. Wie von Wunderhand erwärmte er ihr Herz, der bloße Gedanke an ihn schien alle Kümmernisse zu nehmen; allein die Vorstellung, daß er wärmen könnte, wärmte. Welche Macht mußte er erst haben, wenn man ihn entzündete, dachte die schon nicht mehr so kleine Prinzessin. In seiner Nähe, so spürte sie, konnte ihr auch die größte Herzenskälte nichts anhaben. Jeder konnte so einen haben, aber nur wenige wußten von seiner Macht. Seine sanfte Anziehung war unwiderstehlich und doch nicht gewaltsam. Konnte es etwas Besseres geben? …

Die kleine Prinzessin wuchs heran und wurde zur Frau, wie alle kleinen Prinzessinnen. Im Volke munkelte man schon, ob sie denn nie einen Gefährten finden würde? Wieder ging die Prinzessin im dichten Wald spazieren. Furcht kannte sie keine, denn allein schon der Gedanke an das wärmende Feuer des schwarzen Steines vertrieb ihr alles Bangen. Dann blieb sie stehen. Ein Glitzern im Unterholz hatte ihre Aufmerksamkeit erweckt. Vorsichtig schlug sie die Büsche auseinander und griff hinein. Was sie in der Hand hielt, war von unsäglicher Schönheit. Ein Edelstein, klein zwar, aber von unbeschreiblichem Glanz. In tausend Tönen schillerte, in immer neuen Farben funkelte er. Sie konnte sich nicht satt sehen an ihm. Das mußte die Antwort auf das lange stille Sehnen, das mußte die Liebe sein. Im Augenblick verliebte sich die Prinzessin in diese blendende Schönheit. Stolz trug sie den Stein nach Hause; der Narr verstummte und kein Lachen drang aus seiner bösen Kehle. Vom Glück überrauscht drehte sich die Prinzessin, liebkoste und streichelte den Diamant. Nur die alte Kräuter-Marie schüttelte traurig ihr runzliges Angesicht, auch wenn ein leises wehmütiges Lächeln darüber huschte.

Das war im Frühjahr. Es kam der Sommer, in dem die Kräuter-Marie verschwand. Die Fülle des Herbstes, mit seinen süßen üppigen Früchten, ging. Viele Monate hatte die Prinzessin ihres schwarzen Steines nicht mehr gedacht, sich desto wollüstiger im Schein des Juwels bespiegelt. Erst spät bemerkte sie den verblassenden Glanz. Kleine Kratzer hatte er in ihrem Auge bekommen, matte Stellen, das Aufregende war von ihm gewichen. Es war, das stellte sie nun mit Erschrecken fest, ein ganz gewöhnlicher Diamant. Man konnte sich daran satt sehen.

Dann streckte der Winter seine frostigen Finger aus. Die Prinzessin zog den Edelstein an ihr Herz, doch Wärme konnte der nicht spenden. Nur Glück, ein abgegriffenes Glück. Immer eisiger zog die Kälte in sie ein und in ihrer Not warf sie den glitzernden Stein in das verglimmende Feuer. Doch nichts geschah. Kalt und leblos lag er zwischen den glühenden Scheiten, zu hart war er, um von den Flammen ergriffen zu werden. Da plötzlich entsann sie sich des schwarzen Steins. Wehmütig mußte sie an die weisen Worte der alten Kräuter-Marie denken. Wo war er nur? Der bloße Gedanke an ihn durchrieselte ihren Körper warm, die Kälte jedoch war unerbittlich. Jetzt galt es, seine Brocken ins Feuer zu legen. Lange suchte die Prinzessin, im Trubel des Sommers war er verloren gegangen.

Sie hatte das einfache, aber lang Bewährte gegen ein schnelles, aber überwältigendes Glück getauscht. Sie hatte das Sowohl-als-Auch dem Entweder-Oder geopfert.

Gerade als sie am Erfrieren war, fiel es ihr ein.

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