Die Ratten

Ein Märchen

Das Haus des Mannes stand auf dem Berg und herrschte. Es herrschte über den Garten, die Bäume,  Büsche und über die Saat. Es herrschte über die Felder, Wiesen und Weiden, und herrschte auch über den Wald, der gleich hinter dem Hügel begann und bis in die Berge hineinragte. Die Bäume trugen Früchte, und der Mann, der in dem Haus lebte, pflückte die Früchte und lagerte sie für den Winter. Er sammelte die Saat zusammen und lagerte sie im Keller, daß sie nicht vom Frost vernichtet werde. Vom Feld holte er das Getreide, von den Wiesen das Heu und aus dem Wald das Feuerholz. Und alles lagerte er im Haus oder um das Haus herum, wie es am zweckmäßigsten war. Als der Winter kam, trieb er seine Tiere von der Weide, gab ihnen Unterschlupf in den warmen Ställen und sorgte sich um sie. So lebte der Mann.

Und das sollte man noch wissen, daß auf dem Schornstein des Hauses bis zum Herbst die Störche herumstanden, und sich unter der Traufe ein Schwalbenpaar eingenistet hatte. Und weiter sollte man wissen, daß im Frühjahr der Duft knospender Birken das Haus umwehte und im Sommer der Klang von Vogelsang und der Duft der Blumen.

Das Haus hatte große, stämmige Wände, und jährlich kalkte der Mann die Wände weiß, nur dort nicht, wo die wilden Rosen sich emporrankten. Diese wilde Rose blühte zur Mitte des Juni und zu jener Zeit strömte ihr Duft durch die weit offenen Fenster in die Räume.

So lebte das Haus und in ihm der Mann für eine lange Zeit. Eines bewölkten herbstlichen Tages, als Regenfäden aus dem Himmel hingen, kamen von irgendwoher zwei durchnässte graue Ratten an. Sie kamen von weit her, froren und hatten Hunger. Sie erspähten das Haus, huschten durch die offen stehende Tür und versteckten sich im Keller. Eßbares fanden sie hier zur Genüge, gut lebten sie und begannen bald zuzunehmen. Im Winter hatten sie bereits Söhne und im Frühjahr erneut. Die jungen Ratten, die dort aufgewachsen waren, fühlten sich in dem Haus bereits wie Zuhause, und sie bewegten sich im Keller so, als wäre es der ihre.

Zuerst hatte sie der Mann gar nicht gesehen. Später bemerkte er, daß jemand von der Ernte fraß, aber er kümmerte sich nicht darum. Er hatte genug. Wer Hunger hatte, dem fiel etwas zu. Einmal jedoch sah er eine Ratte an der Wand entlang rennen. Wie winzig und wie schüchtern – dachte er. Soll sie also auch leben, wenn sie will.  

Und so verging die Zeit und die Ratten vermehrten sich. Zuerst durchwühlten sie den Keller. Dann begannen sie an den Wänden zu nagen. Sie bohrten gewundene, tiefe Löcher hinein, kreuz und quer, und hier und da erreichten sie schon die Räume. Der Mann schüttelte mit dem Kopf, als er in seinem Zimmer das erste Rattenloch erblickte. Und weil er die Unordnung nicht mochte, stopfte er die Öffnung zu und übertünchte sie weiß. Am nächsten Morgen war sie wieder da. Drei Mal nacheinander stopfte er das Loch zu, aber die Ratten bohrten es drei Mal wieder auf. Dann winkte der Mann ab und dachte bei sich: Sie müssen auch leben. Und wenn es so gut für sie ist, so sei es. Und von da an schloß er die Löcher nicht mehr. Die Ratten jedoch vermehrten sich weiterhin schnell und so auch die Löcher in den Wänden des Hauses. Schon waren sie nicht mehr nur im Keller, sondern auch in der Kammer, auf dem Dachboden, und des nachts huschten sie sogar in die Räume und benagten alles, was sich benagen ließ. Einmal jedoch, als sie begannen, seine Paradestiefel zu benagen, erzürnte der Mann und schlug mit seiner Axt. Die eine Ratte traf er gerade am Kopf und sie verendete. Vom Blut beleidigt, grunzten die Ratten gemeinsam auf. Und sofort wurde verkündet, daß der Mensch ein Feind sei, der sie nicht leben lasse, der ihre Freiheit einschränke, ihre Rechte mißachte, der ein Mörder sei, böse und eigensüchtig.

– Wir werden nicht weiter seine Sklaven sein! – schrie die oberste Ratte vom Deckel eines Schmalztopfes herunter. – Wir fordern unsere Freiheit und unsere Rechte. – Und die Ratten beschlossen, den Kampf gegen den Mann aufzunehmen. Von alldem wußte der Mann nichts. Seinen Zorn vergaß er bald, er kaufte sich neue Paradestiefel und kümmerte sich nicht weiter um die Ratten. Und das, obwohl es schon schrecklich viele waren.  Sie fraßen im Keller das ganze Korn, in der Kammer das ganze Mehl und den gesamten Käse und sogar am Speck begannen sie zu nagen, obgleich sie wußten, daß dies der am meisten gehütete Schatz des Mannes war, den er nicht einmal mit seinem Hund teilen würde.

Der Mann, als er das bemerkte, nahm den übrig gebliebenen Speck, band ihn an eine Stange und die Stange befestigte er mit einem Draht am Balken. Daraus entstand ein wirklich großer Aufschrei unter den Ratten. Unverschämtheit, Schande! – riefen sie, als sie begriffen, daß sie ihn nicht erreichen können. Er stiehlt uns das Essen, plündert, beutet aus! Wir dulden es nicht länger! – Und rebellierten. – Unser ist das Haus – verkündeten sie einander -, unser war es auf ewig, wir haben den Menschen darin nur geduldet, so lange er sich gut benahm! Jetzt aber ist es genug!

Und eines nachts, als er schlief, stürzten sie sich auf den Mann, zerbissen ihn, verjagten ihn aus dem Haus, trieben ihn weit weg und verkündeten stolz dem Garten, den Bäumen, den Tieren und den Vögeln, ja selbst den Blumen –, daß das Haus von nun an nicht länger dem Menschenreich, sondern dem Rattenland, seinem Recht und seinem Gesetz, zugehört. Und damit begannen sie nach Rattenart zu regieren. Sie verschlangen alles, was eßbar war und nagten alles an, was nicht eßbar war, ihnen aber vor die Augen kam. Sie leerten den Keller, die Kammer und das Getreidedepot. Es verzogen sich die Vögel, die Blumen gingen ein, die Wand des Hauses begann zu bröckeln und schwarz zu werden, statt Baum- und Blumenduft verbreitete sich Gestank. Die Ernte wurde am Boden zerstört, weil niemand sie einsammelte. Die Früchte reiften, fielen herunter und verfaulten. Das Getreide blieb ungeerntet, der Regen spülte es aus, der Wind drosch es. Und dann kam der Winter und die Ratten hatten bis dahin schon alles aufgefressen, was eßbar war und angenagt, was sich annagen ließ. Die Wände waren voller Löcher, vom Dach fielen die Ziegel, unter den Fenstern und Türen klafften große Löcher. Und also begannen sie zu hungern, denn es war kein einziges Getreidekorn übrig, und die Türen waren leck und durch die Risse in den Wänden pfiff der Wind, auf das beschädigte Dach fiel der Schnee und sie konnten sich nicht helfen.

Zuerst stritten sie sich, dann quälten und töteten sie einander, nagten aneinander und fraßen einander, aber zum Schluß blieb ihnen nichts anderes übrig: sie machten sich auf den Weg und verließen das zerstörte Reich.

Der Mann kam im Frühjahr jedoch brav zurück, brachte das Dach in Ordnung, reinigte das Haus, richtete die Wände, tünchte sie, er pflügte das Feld, säte die Saat und als der Sommer kam, umwehten von Neuem Blumenduft und Vogelgesang das Haus. Im Herbst waren Keller, Kammer und Speicher wieder gefüllt, und als der Winter kam, war alles so wie immer, als sei nichts geschehen.

Einige Ratten waren jedoch in den Wänden oder in den Kellergruben versteckt geblieben. Und als der Mann bemerkte, daß sie sich erneut zu vermehren begannen, dachte er lange darüber nach, was er mit ihnen anstellen sollte.

siehe: Geständnis, Aufklärung und Antisemitismus

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