Alles gut?

Menschen, die ein gutes Gewissen haben, haben in der Regel auch ein schlechtes Erinnerungsvermögen. (Johannes Møllehave)

Was ist eigentlich aus Johannes Møllehave geworden? Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört. Zuletzt – das war 2009 – las ich sein Buch „Det ender godt“ („Es endet gut. Über den Tod“). Damit hatte er eine der kommenden zeittypischen Leerparolen eingefangen und vorweggenommen: Man kann heute kaum noch ein Gespräch führen, ohne daß jemand die Floskel „alles gut“ einwirft.

Møllehave (geb. 1937) war in Dänemark eine Institution, eine Art gesellschaftliches Gewissen – ich hatte ihn mir stets als einen Umberto Eco in Miniaturausgabe vorgestellt. Zu allem hatte er etwas zu sagen, zu allem wurde ihm ein Mikrophon vors Gesicht gehalten und immer sprach er im Maschinengewehrstakkato über Gott und Welt, wie Eco, nur nicht ganz so tief und belesen. Ja, das ist vielleicht die passende Erklärung: er war die snakkemaskine Dänemarks.

Ursächlich war er Priester, hatte sich aber über die Jahre zum wohl gefragtesten Debatteur des Landes hochgearbeitet, das heißt, er reiste im Land umher, von einem Vortragssaal zum anderen und sprach frei, manchmal mehrfach am Tag, über Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, Grundtvig, das Gesangsbuch der Folkehøjskole oder Storm P, über Dänemark im Allgemeinen oder die dänische Sprache im Besonderen. Im Grunde war Møllehave – auch wenn er sich gegen diesen Begriff vehement gewehrt hätte – ein dänischer Nationalist und Traditionalist, wie er im Buche steht. Auf der Straße sah man ihn mit Stock – wie Kierkegaard – und Bowler Hat. Er liebte sein Land, seine Sprache, sein Volk, seine Kultur. Ich hörte ihn selbst einmal und hatte Mühe, seinen ineinander gewürfelten, von unzähligen Anekdoten durchsetzten Reden zu folgen. Atemlos, pausenlos sprach der Mann und immer ganz ganz positiv.

Ernste und schwere Themen nahmen bei ihm stets einen heiteren Ton an. Pointen konnte er reißen wie kein zweiter, sein Gedächtnis war bis zum Rand mit Zitaten angefüllt. Das strahlen auch seine Bücher aus, deren es dutzende gibt, die Titel tragen wie „Philosophische Fliegen“, „Man soll merken, daß wir leben“, „Zum Trost“, „Wo die Liebe lebt“ oder eben „Das endet gut“. Sein Geist kam wohl nie zur Ruhe, vorausgesetzt, daß permanentes Reden vorheriges Denken bedingt. Wann immer man ihn antippte, er hatte sofort eine ganze Reihe an lustigen Parabeln parat.

Daß er mitunter zu kleinen Uminterpretationen gegriffen hatte, nahm ihm niemand übel. So ging er viele Jahre mit seinem Lieblingsbegriff „Liebe“ hausieren – klar, er war Priester –, zitierte dazu vornehmlich Kierkegaards „Kjerlighedens Gjerninger“ („Der Liebe Tun“), interessierte sich aber weniger für dessen Pessimismus und nahm Agape für Eros, wenn es der Sache diente. So war Møllehave, ein ernstzunehmender intellektueller Clown, immer gut gelaunt, immer vorlebend, daß „es“ gut endet.

Mit 60 Jahren erlitt er einen Herzinfarkt und bekam einen Bypaß – das war ein erster Schock. Seither arbeitete er wie ein Besessener und schrieb wie ein Berserker, oft über sich selbst –mehrteilige Erinnerungsbücher – oder über den Humor, natürlich auch über Kierkegaard und Andersen, und nebenbei auch noch Krimis.

Ab 2009 konnte man dann ganz neue Töne vernehmen. Er hatte gerade zwei Schlaganfälle überstanden und plötzlich sprach er fast nur noch über seinen Tod, den er jeden Tag zu erwarten schien. Aus allem Optimismus, aus aller Hoffnung und aus aller Vertröstung war plötzlich eine fürchterliche Angst vor dem Tod herauszuhören und man begann zu ahnen, daß diese Angst der eigentliche Motor seines rastlosen Seins und Schaffens gewesen sein muß. Møllehave schien existentieller Anhänger der Theorie zu sein: Solange man erzählt, ist man nicht tot.

Dann wurde es aber still um ihn – es erschienen noch ein paar Bücher, aber ich bekam es nicht mehr mit – und nun also frage ich mich: was ist aus ihm geworden? Alles gut?

Still ist es um Møllehave geworden – aber er lebt. In einem Altersheim sitzt er vor sich hin und beklagt sich, daß er aufgrund der Corona-Bestimmungen seinen Sohn nicht mehr sehen kann. Seine Einlieferung vor drei Jahren kommentierte er mit den Worten: „Besser kann ich es nicht haben“ – die Schwundform von „Es endet gut“. Offenbar ist er im Kreis der Alten, Schwachen und Dementen kein Star mehr, nur einer von vielen, die den Absprung nicht rechtzeitig geschafft haben. Ein Video zeigt ihn, wie er in Begleitung über den alten Friedhof in Frederiksberg geht – wo eine endlose Reihe berühmter Dänen liegt, darunter seine Frau Herdis und auch der legendäre Karikaturist Storm P –, Gehen, Denken, Reden, Erinnern fallen ihm sichtbar schwer, auch scheint er aufbrausend geworden zu sein, gesteht, daß er täglich stolpert und fällt …: ein betrübliches Bild! Traurig, diesen Ausbund an Energie derart dahinsiechen zu sehen. Fast mag man ihm wünschen, es endlich überstanden zu haben.

Es scheint, als ob das Leben die entscheidende Frage anders beantwortet. Aber vielleicht steht das Beste ja noch bevor.

PS: Und während ich das schreibe, flattern Neuigkeiten ins Haus: Møllehave liegt auf der Intensivstation mit einer Viruserkrankung. Sein Sohn liegt derweil mit Corona – „hårdt ramt“ (schwer mitgenommen) – darnieder; man fürchtete das Schlimmste. Allein, die heutige Post bringt eine neue Wende: es geht ihm – Møllehave – wieder besser, er könne auch schon wieder lachen.

2 Gedanken zu “Alles gut?

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