Gespräch mit einem Lehrer

Während der Ferien traf ich mich mit einem Lehrer aus Nordsachsen – wir kennen uns aus Studienzeiten. Er lehrt dort am Gymnasium, ist seit Jahren Beratungslehrer. Darüber unterhielten wir uns vor fünf oder sechs Jahren, als wir uns zum letzten Mal trafen und darüber sprachen wir auch diesmal. In dieser kurzen Zeit hat sich sehr viel verändert.

Statt – wie damals – psychologische Problemlagen im Fokus zu haben – Scheidungen, Überlastungen, familiäre Konflikte, soziale Fragen und dergleichen – scheinen diese Probleme heute aus dem Blickfeld verschwunden zu sein. Sie sind natürlich noch da, aber sie dringen nicht mehr an die Oberfläche, denn in den Fokus geraten stattdessen Fragen der Inklusion und Integration.

Mittlerweile gebe es in fast jeder Klasse mindestens einen Inklusionsschüler, also einen sonst wie benachteiligten Eleven. An seiner Seite sitzt ein Begleiter, der – meistens die – dem Schüler beisteht, die Aufgaben während des Unterrichts kindgerecht erklärt, motiviert und zur Konzentration ermuntert.

Die Zahl der Autisten sei in den letzten Jahren explodiert, weniger allerdings als jene, die unter ADHS litten, aber auch die sind kein Vergleich zur Menge derjenigen, die eine Lese- und Rechtschreibeschwäche haben. Um diese Fälle müsse er sich in erster Linie kümmern. Dabei, so meint er fast etwas wütend, habe die Mehrzahl gar keine LRS, sondern könne einfach nicht lesen oder schreiben – sie haben es schlicht nicht gelernt. Und wer bei den ersten Diktaten durchfällt, bekommt diesen rettenden Stempel und wird es also nie lernen. Psychologische Tests würde es oft gar nicht geben, so daß objektive LRS-Kinder von eingebildeten nicht mehr unterschieden werden könnten.

In Ungarn – als Kontrast – muß man vergleichsweise lange suchen, bis man auf ähnliche Problemfälle trifft.

Integration, so sagt er, müsse man sehr individuell betrachten – einige der ausländischen Schüler gehören zu den Schulbesten, aber andere eben genau zum anderen Ende. Unter diesen eine ganze Reihe, die auch objektiv nicht die Gymnasialvoraussetzung mitbrächten. Sofern die Eltern der Kinder jedoch darauf bestehen – ich kann das selbst kaum glauben –, habe die Schule keine Handhabe, die Aufnahme zu verweigern.

„Ja“, sage ich, „man sieht daran auch gut den demographischen Wandel.“ Da atmet er einmal tief durch und nennt die Zahlen. Es sind exakt 97 von gesamt 700 Schülern. Darunter auch Osteuropäer, doch das Gros nahöstlich. Vor ein paar Jahren noch waren deren Namen hier so gut wie nichtexistent, da war die Schule – von wenigen Ausnahmen, meist Rußlanddeutschen, abgesehen – komplett deutsch.

Vor 2015 gab es in der Stadt offiziell ca. 2% Ausländer, danach verdoppelte sich die Zahl, heute kann man selbst in der lokalen Presse von 8% lesen. An diesem Gymnasium – somit in der jüngeren Kohorte – sind es nun 14% und da es sich um ein Gymnasium handelt, sollte man annehmen, daß die Gesamtzahl höher liegt.

Man muß sich diese Zahlen immer wieder vor Augen führen, um zu begreifen, was den Ostdeutschen – denn die Entwicklung dürfte repräsentativ sein – in kurzer historischer Zeit zugemutet wird. Die Zuwachsraten und damit die Zusammensetzung der gewachsenen Gesellschaft sind hier exorbitant höher als im Westen. Ob nach Iserlohn oder Pforzheim 1000 Syrer ziehen, fällt dort niemandem mehr auf – in Döbeln, Riesa oder Görlitz macht das einen spürbaren Unterschied.      

9 Gedanken zu “Gespräch mit einem Lehrer

  1. Michael B. schreibt:

    Zuerst muss man das eigene Ziel klarstellen. Fuer mich heisst das, dass ich Ueberzeugung einer anderen Person, Auditoriums, Leserschaft, nicht als unveraenderliche Groesse oder auch ueberhaupt als Ziel setze, diese Flexibilitaet sollte man sich goennen. Klar kommunizierte Gegnerschaft und Abgrenzung ist genauso wichtig, im genannten AfD-Fall z.B. auch wesentlich wichtiger.
    Geeignet und mit Statur gebracht, schafft das Armfreiheit fuer das eigene weitere Vorgehen und auch so simple Dinge wie Respekt – ob der zugegeben wird oder nicht. Das sehen uebrigens auch unentschiedene Dritte, sofern es solche im konkreten Fall gibt. Letzteres hat weitere ramifications, denn auch daraus entwickelt sich Nachdenken.

    Ich habe in meiner eigenen Geschichte Leute erlebt, deren Meinung meiner Eigenen damals diametral entgegengesetzt war, die aber ein Auftreten hatten, welches fuer sich einen Wert darstellte und letztlich dann eben auch ihre Sache wert machte, ueberdacht zu werden. Verstaerkt in einigen Faellen dadurch, dass sie in einer nominell weit unterlegenen Position waren.

    Ueberzeugt werden zu sollen ist etwas, was sich der Gegenueber auch verdienen muss. Wie Toleranz ist es kein Anrecht, sondern die Entscheidung desjenigen der diesen Zugang waehlen kann oder nicht.

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  2. Michael B. schreibt:

    Auch wenn nur bedingt (aber schon) dazu passend, moechte ich auf einen m.E. sehr guten Artikel auf achgut hinweisen, und das nicht nur weil der Autor meiner Profession angehoert:

    https://www.achgut.com/artikel/bitte_nicht_noch_ein_grosser_sprung

    Lynx: Ganz stringent erscheint mir die Argumentation Ihres Kollegen nicht, aber einen Punkt hat er, der hier zum Thema passt: „Die Welt ist nicht statisch. Das Leben besteht aus ununterbrochenen Anpassungsprozessen, in denen manches untergeht und ständig Neues entsteht.“

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  3. Michael B. schreibt:

    Ich habe mir einmal den Genuss gegoennt, Ihren Eintrag mit parallel laufendem Zeitgeistnarrativ zu rezipieren. Sie sind einfach rechts und baeh, seidwalk – genau wie der Lehrer. Und der auch noch verstockt und seine Einstellung verbergend („Da atmet er einmal tief durch und nennt die Zahlen.“). Sie natuerlich mit Ihrer aufgesetzten Scheinobjektivitaet auch. Da gibt es noch Arbeit, Genossen. Schon die Erwaehnung der Aenderungen von Prozentzahlen machen klar, welch kalten, unmenschlichen Geistes Kind Sie sind.

    Nichts davon ist auf Sachebene diskutierbar. Die ist heute als irrelevant gelabelt und dort wird sie auch in breiter Front gehalten. Wobei ich in dieser Hinsicht immer noch auf eine Asymmetrie zwischen oeffentlich sichtbarer und/oder als sichtbar in den Vordergrund geschobener und tatsaechlicher Meinungverteilung hoffe. Ich bin mir aber eigentlich auch sicher, dass letztere ganz anders aussieht. Das hilft in dieser Form aber noch nichts.

    Ob Migration, Windenergie, oder Corona. Von den dahinterliegenden eigentlich relevanten Prozessen im Dunkeln noch gar nicht zu reden. Wenn uns nicht bald einmal Mittel einfallen, diese Ebene zu zerbrechen, dann sieht es duester aus. Die direkten Eingriffe in das unmittelbar Persoenliche werden bald folgen oder tun es schon. Ich habe mir gestern einmal die beiden Beitraege der Frau Sommerfeld zur Impfpflicht auf Sezession durchgelesen und kann ihre Befuerchtungen zu den zu erwartenden Uebergriffigkeiten nur teilen.

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    • @ Michael B

      Tja, was will man machen? Der Bäh-Faktor ist demnach nicht zu vermeiden. Oder doch? Wie müßte denn so ein Artikel aussehen, damit er kompatibel werden könnte, damit das Problem überhaupt erstmal benannt werden könnte, ohne daß auf der anderen Seite die Aversion und Schubladisierung bereits ein Gespräch verunmöglicht hätte? Diese Frage treibt mich wirklich um. Ich würde diese Sprache sogar erlernen und ausprobieren wollen – allein, niemand kann mir sagen wie sie funktioniert. Tatsächlich war ich sogar der naiven Ansicht, daß man hier, auf diesem Blog, schon etwas von der Versöhnlichkeit spürt.

      Sommerfeld hat auch mich sehr zum Nachdenken gebracht, ohne daß ich einer Beantwortung der Frage näher gekommen wäre. Das Thema übersteigt komplett unser aller Fassungsvermögen – ich scheue davor zurück, Schlußfolgerungen aus Nichtwissen zu ziehen. Zudem wird es von beiden Seiten zu eifrig beackert und daß man sich in streng naturwissenschaftlichen, immunologischen, pharmakologischen u.ä. Fragen nun an weltanschaulichen Linien ausrichtet, ist mir äußerst suspekt – hier und da. Es ist eine Rechnung mit zu vielen Möglichkeiten und Unwägbarkeiten und Fehlinformationen sowieso.

      Man sollte Karl Walters sehr lesenswerten Text – Danke! – auch in der Impffrage berücksichtigen. Er zeichnet die ideologischen Grenzführungen, das Links-Rechts-Schema, das wir alle satt haben, mit einer Art Systemtheorie gut verständlich vor.

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  4. Otto schreibt:

    „Ob nach Iserlohn oder Pforzheim 1000 Syrer ziehen, fällt dort niemandem mehr auf – in Döbeln, Riesa oder Görlitz macht das einen spürbaren Unterschied.“

    Sie haben ein „noch“ vergessen. Es sollte heißen:

    „Ob nach Iserlohn oder Pforzheim 1000 Syrer ziehen, fällt dort niemandem mehr auf – in Döbeln, Riesa oder Görlitz macht das noch einen spürbaren Unterschied.“

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    • Michael B. schreibt:

      Ich würde diese Sprache sogar erlernen

      Der Artikel des Herrn Walter ist ein Beispiel auch dafuer. Hart in der Sache, voellig verbindlich und ohne ideologische Triggerwendungen im Stil. Das hat wenig mit deren gezielter Vermeidung, sondern viel mit aktivem inhaltlichen Verwenden von Staerken der eigenen Position zu tun. Da wird nicht ueber logisches Schliessen geredet, sondern es wird angewendet. Und zwar zwingend. Daran fallen die Wadenbeisser ab und bringen nichts zustande (Gruesse an das Kaetzchen hier. Sie haetten seine letztliche stundenweise Sichtbarkeit uebrigens stehen lassen sollen, @seidwalk. Das sprach – und uebrigens auch als Kontrast zur gerade genannten Art einer Argumentation – fuer sich selbst.)

      Ebenfalls auf Sezession gab es kuerzlich Beitrag und Diskussion zur letzten Meuthenrede. Eine der wesentlicheren Meinungen unter den Kommentatoren war die, dass sich diese Partei nicht in vorgeblichen Themen, Diktion und damit verbundenem Habitus – speziell den Kotauauspraegungen – die/den der Gegner oktroyieren moechte und dem Meuthen folgt – verfangen sollte. Das ist auch meine Meinung dazu. Man kann mit inhaltlicher Schluessigkeit sehr weit kommen. Manchmal schwierig, die Contenance zu halten, aber das ist lernbar.

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      • @ Michael B.

        Sie meinen, Walters Argumente würden auf der anderen Seite durchschlagen und zu anderen Denkvorgängen führen, läse man sie dort? Gibt es dafür Beispiele?

        Natürlich stimme ich Ihnen zu: nur inhaltliche Schlüssigkeit und zivilisierter Ton kann in Frage kommen. Allein, es gab davon bereits genug – vielleicht im Gekeife untergegangen -, aber zur Überdenkung hat es wohl noch nicht geführt.

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        • Stefanie schreibt:

          „Wie müßte denn so ein Artikel aussehen, damit er kompatibel werden könnte, damit das Problem überhaupt erstmal benannt werden könnte, ohne daß auf der anderen Seite die Aversion und Schubladisierung bereits ein Gespräch verunmöglicht hätte? “

          „Natürlich stimme ich Ihnen zu: nur inhaltliche Schlüssigkeit und zivilisierter Ton kann in Frage kommen. Allein, es gab davon bereits genug – vielleicht im Gekeife untergegangen -, aber zur Überdenkung hat es wohl noch nicht geführt. “

          Warum schlagen die rationalen Argumente nicht durch? Das Fragen nicht nur Sie, sondern z.B. Auch eine Bekannte, mit der ich mich gerade zwei Stunden über das Für-und-Wider der Corona-Impfung unterhalten habe und die daran verzweifelt, daß ihre Kinder von all den Rechercheergebnissen, die sie Ihnen zukommen läßt nichts wissen wollen. Ich weiß, daß Sie sich mit diesem Thema eigentlich nicht herumschlagen wollen, aber ich nehme es mal pars-pro-toto, weil ich denke, daß hier die gleichen Mechanismen greifen wie beim Migrationsthema und all den anderen verfemten Ansichten, denen Sie sich seit Jahren widmen.

          Zunächst einmal würde ich Ihnen zur Entspannung das Video von Michael Hatzius „Die Echse spielt die Corona-Pandemie mit Enten nach“ empfehlen.

          Dann schauen Sie sich noch mal Minute 3:03 an.

          „Wir sind gar nicht alle unabhängig. Eigentlich werden wir von einer riesigen Echse gesteuert.“

          Und damit, denke ich, trifft er den Nagel auf den Kopf: Der Teil unseres Hirns, der auch schon bei den Echsen vorhanden war – das Stammhirn – ist zuständig für all die Gefühle, die in diesen Konflikten getriggert werden: Angst, Aggression, Territorialverhalten, Selbsterhaltung durch Essen und im weiteren Sinne Sex, Lustbefriedigung (Dopamin), Schwarmverhalten, Statusdenken – alles Triebe die uns faktisch unter Kontrolle haben. Jonathan Haidt benutzt das Bild von Reiter und Elefant: die Gefühle haben letztendlich auch Kontrolle über das rationale Denken – am Ende erfindet der Geist seine Epizyklen um sich „wissenschaftliche Erklärungen“ zurechtzulegen, die in Übereinstimmung mit ihrem Gefühlshaushalt sind.
          Wie überwindet man nun diese Kollaboration zwischen Stammhirn und Neocortex?
          Zwischen diesen beiden Polen – Ration und Triebe – liegt das Zwischenhirn mit dem limbischen System (legen Sie das jetzt nicht auf die Goldwaage – ich bin ja nur Hobby-Neurologin) – Also der Stammesgeschichtliche Teil unseres Geistes, der sich bei den Säugetieren entwickelt hat und viel damit zu tun hat unser Sozialverhalten zu regeln: Brutpflege, Partnerschaft, Solidarität in Familienverbänden (Herden, Rudeln, Horden…).
          Wenn sich nun zwischen den Urinstinkten und Trieben und dem rational aufbereiteten Sinneseindrücken ein Zwiespalt ergibt (kognitive Dissonanz), so schaut man sich in seinem Sozialverband um und orientiert sich an dem Verhalten seiner Mitmenschen.
          Ihre noch so gut abgewägten und formulierten rationalen Argumente müßen sich damit letztlich gegen das Schwarmverhalten Ihrer Adressaten durchsetzen -unterschwellig auch gegen die Angst in sozialer Isolation von elementaren Bedürfnissen abgeschnitten zu sein (z.B. Nachteile im Kollegenkreis, Statusverlust, ggf. Verlust von Arbeitsplatz und Lebensgrundlage, Streit mit Ehepartner und Familie etc.)
          Der einzige Ausweg, der hier nun möglich wird, ist es umgekehrt über die Beziehungsebene an seine Mitmenschen heranzukommen. Im Fall meiner Bekannten wäre das der Versuch ihre (nun fast erwachsenen) Kindern zu sagen: „Ich mache mir Sorgen, weil… Ich habe Angst daß Euch … passiert.“ Ob das funktionieren wird, wird sich zeigen. Umgekehrt – bei der Angst um die eigenen Kinder wird dieser Ansatz sicher deutlich stärker funktionieren. Schwerer wird es auf der Ebene von nur relativ flüchtig Bekannten Leuten: Sie sprechen auf die Berichte Ihres ehemaligen Kommilitonen an – aber Sie sind ja so schon seiner Meinung, bzw. Interpretieren seine Ansichten im zeitgeistkritischen Sinne. Ein überzeugter Gutmensch wird seinen Problemen wahrscheinlich bestenfalls so entgegenkommen, daß dort halt mehr Mittel eingesetzt und mehr Stellen geschaffen werden sollen. Was wirklich hilft wird werden wohl eigene Erfahrungen sein oder Angst um Kinder und Anverwandte – doch selbst das ist keine Garantie (siehe Fall Maria Ladenburger).

          Zu einem ähnlichen Schluß kommt auch Matthias Burchhardt am Ende dieser Interviews. Er beschäftigt sich auch hier vordergründig mit den Auswirkungen der Coronapandemie, holt aber dabei auch etwas weiter aus: sieht die derzeitig Krise bereits bei Migrationskrise, Gender Bolognareform etc. Vorweggenommen. (Die Videos sind relativ lang, aber ich fand seine Position sehr gut durchdacht)

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