Kennt noch jemand Herbert Fritsche?

Nein? Seltsam eigentlich! In den Nachkriegsjahrzehnten erreichten seine bedeutendsten Bücher hohe Auflagen bei renommierten Verlagen. Sein riesiges feuilletonistisches Werk strahlte bis in „Die Zeit“, „Die Welt“ oder den „Spiegel“ hinein.

Fritsche führte eine intensive Korrespondenz mit Martin Buber, Ernst Jünger, Ernst Klett und vielen anderen, war mit Gottfried Benn und Gerhard Nebel befreundet, verstand sich als Schüler Gustav Meyrinks und Alfred Kubins …, kurz, war eine Größe, eine Schnittstelle im intellektuellen Leben Deutschlands der 30er bis 60er Jahre.

Seine Interessen waren weit gefächert. Frühreif veröffentlichte der 18-jährige mehrere Gedichtbände, mit 23 wagte er sich bereits an ein „Kleines Lehrbuch der weißen Magie“ und von da an arbeitete er wie ein Berserker, verfaßte zahlreiche Bücher und tausende Artikel und vergaß über alledem, sich in eigener Sache stark zu machen. Nie nahm er ein Blatt vor den Mund, wenn es ein Argument zu verteidigen galt, der zierliche, oft kränkliche Mensch lebte in seiner Matratzengruft, saß auf dem Bett, hackte 16 Stunden am Tag in seine Schreibmaschine, kam aber nie auf die Idee, sich zu vermarkten, die Öffentlichkeit zu suchen.

mein Fritsche

55 Jahre nach seinem Tod – er, der sein Leben in Siebenjahresschritten bemaß, starb im gesegneten Alter von 49 Jahren – lagen endlich Fritsches Gesammelte Werke in 17 Bänden, nebst drei voluminöser Briefbände und einer umfänglichen Biografie geschlossen vor und das alles hat ein einziger Mann, Werner Zachmann, in nur drei Jahren aus dem Boden gestampft!

Mit dabei Fritsches originelle Anthropologie der Grenzwissenschaften, jener „Erstgeborene“, der sein größter Erfolg war. Auch die Biographie Hahnemanns, des Urvaters der Homöopathie, die nicht kausal, sondern entelechal argumentiert, gilt es hervorzuheben: nirgendwo sonst wird man das Wesen und die inneren Paradoxa der Homöopathie besser erklärt finden. Fritsche selbst hielt „Die Erhöhung der Schlange“ für seine summa und sein opus magnum. In ihr entwirft er eine „Homöopathia Divina“, eine transzendentale Homöopathie, deren Grundprinzip „Similia Similibus Curentur“ er ontologisch und im Christus auch theologisch verwirklicht sieht. Großes Aufsehen, vor allem im bürgerlichen Flügel der bundesdeutschen Intelligenz, erregte auch seine großangelegte tierpsychologische Studie „Tierseele und Schöpfungsgeheimnis“, in welcher er das Tier „im Banne des Menschen“ beschreibt und nicht den Menschen als zoon oder animale.

Überhaupt war Fritsche ein Querdenker, ein Umwerter – nie gab er sich mit anerkannten Einsichten zufrieden, ganz gleich ob es sich um Philosophie, Heilkunde, Diätik, um Lebensreform, Esoterik, Biologie oder Psychologie handelte. Fritsche war Selbstdenker aus Passion – was ihm im Übrigen einige Wochen „Schutzhaft“ einbrachte.

Auch sein Leben, arm an äußeren, reich an inneren Ereignissen, ist wert erzählt zu werden. Es gibt verschiedene Phasen seines Schaffens. Sieben (!) Jahre lang arbeitete er in Buchingers Fastenklinik, predigte Verzicht, ein früher Veganer und Antialkoholiker, bis er auf eine Patientin mit erotischem Magnetismus traf: Man landete noch in derselben Nacht im Bett – das ekstatische sexuelle Erlebnis löste alle Spannungen. Fritsche verließ den Fastenpapst, begann Wein und Fleisch (in Maßen) zu schätzen und lernte seine Lektion. Mehr als 600 Seiten umfaßt Zachmanns Briefbiographie, in der er Fritsche weitläufig selbst zu Wort kommen ließ. Der hatte nämlich die Angewohnheit, seitenlange Briefe zu schreiben, selbst wenn die Person im Nachbarzimmer saß. Ein Original eben!

 

Herbert Fritsche Gesamtausgabe. Hrsg. Werner Zachmann. edition winterwork 2011 – 2014, 17 Bände
Herbert Fritsche: Briefe. 3 Bände. Hrsg. Werner Zachmann 2014. 471/270/471 S. 92,70 €
Werner Zachmann: Metaphysik des Scheiterns. Leben und Werk des Grenzgängers Herbert Fritsche. Wollenhaupt 2011, 611 Seiten. 28,90 €
zuerst erschienen in: © Naturheilpraxis 9/2015

siehe auch: Das innere Werdeziel der Kellerassel

Was die Pfütze lehrt

2 Gedanken zu “Kennt noch jemand Herbert Fritsche?

  1. Brettenbacher schreibt:

    Ein dielenbrett lockert sich… . Eine Schatzkammer tut sich auf. Sehr anregend. Vielen Dank! Auch an Herrn Zachmann.

    Kein gutes Bild.
    Eher so: Ein klimaneutrales Passivreihenhaus. Schottervorgärten. Tag wie Tag. Nichts was verdriest, nichts was freut. Da, schwer gegen den Schrank gelehnt, weicht dieser plötzlich zur Seite, dahinter die Tür…… !
    Und alles wieder da! Der Mond und die Sterne, der Wald, das Reh, des Schäfers Karre, des Denkers Klause, die Kirche im Dorf, hinter Butzen Alchemisten, und in allen Adern fließt Blut.
    Und um jede Ecke tut sich’s auf!
    Danke Fritsche! Danke Zachmann! Danke Sidewalk!

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