Meine Naivität

Ich gestehe sie ein – sie wurde mir soeben erst wieder vorgeführt. In einem 15-minütigen Gespräch mit einem Buchhändler, einem ehemaligen Buchhändler.

Auf seiner Webseite hatte ich abends ein Buch bestellt. Morgens dann die Nachricht im Emailbriefkasten, daß es das Geschäft nicht mehr gäbe. Die Mail klang seltsam, ich wollte das Buch, also rief ich kurzerhand dort an.

Der Mann bestätigte die Mitteilung, aber seinem Timbre war zu entnehmen, daß er darüber selber betrübt war. Also fragte ich ihn direkt auf den Kopf zu, ob er enttäuscht und was denn vorgefallen sei. Das war mit der Tür ins Haus fallen, wirkte aber nicht abschreckend. So kamen wir ins Gespräch und ich erfuhr Folgendes.

Grund der Schließung sei die dauernde Schikane durch die Staatsanwaltschaft. Man könne es sich nicht leisten – weder finanziell noch psychisch –, immer wieder ermahnt und vor Gericht gezerrt zu werden. Aber weshalb? „Na, wenn Sie zum Beispiel die falschen Bücher im Angebot haben“.

Was soll das sein, falsche Bücher? – Meine Naivität! Bücher, die angeblich gegen das Gesetz verstoßen, deren Inhalt nicht gesetzeskonform sei. Ich erwähnte meine paar Erfahrungen mit Amazon, aber das sei letztlich ein Privatanbieter und der könne natürlich – auch wenn es in seiner Position ein Skandal ist – darüber entscheiden, was er anbiete.

Dem Händler war es nun mehrfach passiert, daß man ihn wegen des Vertriebs bestimmter Bücher angezeigt und vor Gericht gezerrt hatte, Polizeidurchsuchungen inklusive. Das ging an die Nerven und an die Jahresendabrechnung und irgendwann gab er auf – „wie dutzende andere jedes Jahr auch“.

Es gehe also um Ideologie, fragte ich. Klar, nur. Er gab mir das Beispiel eines Autors, der über Reinkarnation gearbeitet hatte. Überhaupt war das Repertoire des Geschäfts, das man teilweise noch im Internet einsehen kann, Religions- und Esoterik-lastig. Jedenfalls war der Verfasser des Reinkarnationsbuches der Meinung, sie – die Reinkarnation – müsse, wenn sie denn ein sinnvolles Konzept sei, auch für alle gelten, für Tiere und Pflanzen und auch für jene, die nicht an sie glaubten, gleich ob Atheist, Christ, Muslim oder Jude.

Ich verstand: „Und letzteres ist das Problem, nicht wahr?“ – „Genau.“

Die Argumentationsfigur kannte ich aus meinen eigenen buddhistischen Gesprächskreisen. Dort glaubt man apriorisch an das Karma: Jede Handlung hat eine Folge, jede böse Tat eine Strafe, die nicht notwendigerweise in diesem Leben abgegolten werden müsse. Umgekehrt setzt aber auch jede Folge – also das „Schicksal“ eine vorherige Tat – oder Schuld (Ursache) – voraus. Wer heute leidet, erntet die Früchte früherer Sünden.

Nun konnten die alten Hindus und Buddhisten, als sie sich diesen Gedanken zur Welt- und Leiderklärung zurechtlegten, nicht wissen, daß es irgendwann einmal die Deutschen geben würde, aus deren Volk eine bestimmte Gruppe in der Lage sein würde, systematisch Menschen nach Rasse auszurotten und daß dies dann zur Urkatastrophe der Menschheit erklärt werden würde … An diesem Punkt werden fernöstliche Lehren zwangsläufig „antisemitisch“, auch wenn sie von der Existenz der Juden und noch weniger von deren Schicksal eine Ahnung haben konnten.

Kurz und gut: die Bücher dieses Reinkarnationsesoterikers wurden verboten. Nur träfe das nicht vordergründig den Autor, wie mir der Händler beteuerte, sondern verantwortlich gemacht werden jene, die die Bücher vertreiben. So bekommt man den Staatsanwalt ins Haus, durchsucht die Polizei das Geschäft, werden Bestände beschlagnahmt und so hat man sich vor Gericht zu verantworten – als Händler.

Aber der Händler verkauft, er muß nicht gleichzeitig Leser sein, er muß nicht wissen, was in den Büchern steht. Ein sinnloses Paradox.

Ich fragte noch, ob das nur Neuerscheinungen beträfe oder auch historische Bücher? Beides, war die Antwort.

Aber wer kontrolliert denn so etwas? Ja, das sei die große Frage. Er habe drei mögliche Theorien. Entweder seien es vergnatzte Kunden, Privathasser oder irgendwelche Linken, die die Welt von Unliteratur reinigen wollten – habituelle Hasser – oder aber darauf spezialisierte Anwälte, die zu viel Zeit oder darin ein Geschäftsmodell erkannt hätten. Mir schien die dritte Variante recht einleuchtend, er aber favorisierte vehement die zweite und wird wohl seine Erfahrungswerte haben. „An Ihrem Akzent“, sagt der Händler, „kann ich erkennen, daß Sie aus dem Osten kommen – dann wissen Sie ja, wie das funktioniert.“ – „Da hat es aber auf eine andere Art und Weise funktioniert“, erwidere ich.

Es gibt jedenfalls und offensichtlich Menschen, die Buchbestände durchforsten, um diese ideologisch zu bereinigen. Händler gehen daran augenscheinlich zugrunde, zurück bleibt der Thalia-Einheitsbrei. Man könnte darin eine Nivellierung und Mediokrisierung der Gedankenlandschaft vermuten.

Den Wahrheitsgehalt der Aussagen kann ich nicht nachprüfen. Offensichtlich hatten meine Fragen einen wunden Punkt getroffen, die Antworten klangen sehr authentisch, die Enttäuschung war genuin.

Auf die bei Wikipedia ganz naiv eingetippte Frage „Gibt es verbotene Bücher in Deutschland?“, erhalte ich folgende Antwort: „Zuletzt ist ein Buch in Deutschland 2007 verboten worden. Damals hatte eine deutsch-türkische Schauspielerin gegen den Schriftsteller Maxim Biller geklagt, weil diese ihre Persönlichkeitsrechte durch die Veröffentlichung von Billers Roman „Esra“ verletzt sah.“ Auch die „Kategorie Indizierte Literatur“ liest sich eher harmlos.

Kann jemand meiner Naivität auf die Sprünge helfen?

6 Gedanken zu “Meine Naivität

  1. kdm schreibt:

    So sehr ich über den Eso-Unsinn lache, er darf doch nicht verboten werden! Worüber sollte ich sonst lachen, …über Welke oder Böhmermann? Nein danke. Dann lieber doch die (harmlosen) Eso-Spinner.

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  2. „Es gibt jedenfalls und offensichtlich Menschen, die Buchbestände durchforsten, um diese ideologisch zu bereinigen.“ Dazu eine eigene kleine Geschichte: Eine Freundin von mir sitzt, um an ihrer Fachhochschule auch irgendein kleines, unaufwendiges Amt wahrzunehmen, in der dortigen Bibliothekskommission. An die kam nun, von studentischer Seite ausgelöst, aber über den Mittelbau eingebracht, der Antrag, die Bibliothek solle doch bitte die Bücher verdächtiger Autoren kennzeichnen; also, wenn Forscher XY in den sechziger Jahren einen Beitrag zur Pädagogik verfaßt hat, dann soll gekennzeichnet werden, falls der in den Dreißigern in der NSDAP war, usw. usf. Man kennt das aus der US-amerikanischen Diskussion. Eine ziemlich üble Entwicklung, die, nach Einschätzung der Freundin, selbst an der linken FH von einer Minderheit vorangetrieben wird; allerdings von einer Minderheit, auf die eben dann geachtet wird, weil keiner als „böse“ dastehen möchte.
    Insofern gebe ich Ihrem Buchhändler recht: Es dürfte die zweite Variante sein, im kommerziellen Bunde mit der dritten vielleicht. Denn eine solche Entwicklung bzw. ihr Erfolg ist ohne handfeste materielle Interessen wohl kaum vorstellbar, da dürfte der Marxist in Ihnen zustimmen.

    Seidwalk: Es muß diesen Menschen doch bewußt sein, daß sie sich selbst das Wasser abgraben? Am Ende will man nur noch jene Bücher lesen, die man selber gern geschrieben hätte – es kommt zum geistigen Inzest und zur Autoimmunisierung. Auch wird das Verständnis der Vergangenheit und der in ihr lebenden Menschen verunmöglicht. Nebst vielen weiteren Aporien …

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    • Nein, werter Seidwalk, Sie unterstellen hier eine Vernunft, die schlicht nicht gegeben ist, soweit, so differenziert denken solche Leute doch gar nicht. Außerdem gibt es auch jenseits „verdächtiger“ Literatur für die noch genug „legitimen“ Dissens, etwa, ob eher der * als der _ für’s Gendern benutzt werden sollte, ob „black“ legitimer ist als „colour“ und was derlei Spitzfindigkeiten mehr sind. Reicht das etwa nicht für den Diskurs, der nur das Gute will?

      Seidwalk: Ich gebe zu, ich spüre angesichts dessen in mir einen gewissen Willen zur Naivität.

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    • Skeptiker schreibt:

      Werter Herr Droffe – Vergleichbares ist mir auch aus dem Umfeld einer Universitätsbibliothek berichtet worden. Zum Teil hängt es damit zusammen, dass sich vor allem in den Geistes – und Sozialwissenschaften sehr viele Illiterati tummeln. Da viele Studenten gar keine Studierenden werden wollen, ist man für betreutes Lesen dankbar. Das könnte noch als intellektuelle Selbstbeschädigung durchgehen (Stichwort. „geistiger Inzest“), wenn es nicht fatale Folgen für uns alle zeitigen wird. Sie lieber Seidwalk hatten jüngst einen Sammelband mit Aburteilungen „rechter“ Denker besprochen. Auf dem dort zutage getretenen Niveau läuft die gegenwärtige und noch länger ablaufende akademische Diskussions(un)kultur ab – gemäß behavioristischer Sprachtheorie: segmentieren – klassifizieren – und danach : eliminieren. Ich befürchte, dass die datentechnische Totalüberwachung es auch ermöglichen wird, das Ausleihverhalten der noch verbliebenen Leser öffentlicher Bibliotheken zu erfassen und demgemäß die „unsicheren“ Kantonisten zu segmentieren und zu klassifizieren vermag. Dann also Vorsicht bei der Ausleihe von Autoren, die von Rezensionspolizisten vom Schlage Brumlik und Funke clare et distincte als verwerflich gekennzeichnet worden sind. Lesen dürfte wieder gefährlich werden – ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Dystropien von Huxley, Orwell und Bradbury einmal den Charakter nackten Realismus annehmen könnten. Gut dass wir diese Bücher noch erwerben können – vielleicht treffen wir uns bald im Waldspaziergang und flüstern uns Titel zu.

      Seidwalk: Sie werden lachen, aber ich bin seit einiger Zeit dazu übergegangen, eine Liste von Büchern abzuarbeiten, die ich unbedingt noch haben/lesen möchte, von denen aber nicht abzusehen ist, ob sie in Bälde noch problemlos zu erwerben sein werden. Man sollte sich jetzt seine Bibliothek zusammensuchen, so lange es noch geht.

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  3. Otto schreibt:

    Sehr geehrter Herr Sidewalk, Sie Sind übrigens nach Pasewalk und Pritzwalk die Dritte mir bekannte deutsche Entität, deren Namen auf -walk endet. Zur Sache: Wollen Sie freundlicherweise den Namen des buddhistischen Autors nennen? Wenn Das Buch noch zu haben ist, möchte ich da mal einen Blick reinwerfen. Auch auf die Gefahr hin, keine große Literatur zu kaufen, immerhin muß der Autor auch leben.

    Seidwalk: Seidwalk! – Sie müssen noch eine Ecke weiterdenken.
    Der Name des Autors wurde nicht genannt.

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  4. Hellbacher schreibt:

    Es gibt eine solche Liste – ich habe sie einmal gesehen. Darin waren vor allem Werke, die gewisse Ereignisse im 2. Weltkrieg „verhamlost“ oder „geleugnet“ haben sollen. Es ist schon eine Weile her, daher kann ich zu ihrer Urheberschaft nichts sagen.

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