Sand im Wind

In Ungarn beklagt man den Verlust dreier großer Rocklegenden, die in seltsamer Abfolge innerhalb weniger Tage verstarben.

Zwei der verehrten Toten waren Mitglieder der legendären Band „Omega“ (gegr. 1962) gewesen, die selbst vor wenigen Jahren noch riesige Stadien füllen konnte. Auch in der DDR war sie ein Gigant. Das war vor allem einer schon optisch auffälligen Platte zu danken: „Gammapolis“. Wir nannten die Band Pink Floyd des Ostens; ihr weit ausgewalzter Space Rock – der nur bedingt Omega-typisch war –, diese scheinbar endlosen Klangteppiche aus Synthesizersounds, mit Weltraumgeflacker untermalt, und die sanfte Stimme des Sängers … trafen den Nerv einer sehnsuchtsvollen Jugend in der Zone. Andere sahen in ihr die Rolling Stones des Ostens und auch dieses Urteil war ob der zahlreichen Rocktitel berechtigt – aber nur halb, denn beide Zuschreibungen übergehen die musikalische Originalität der Gruppe. Man verstand kein Wort, sang aber trotzdem irgendwann imitierend mit. Und während die Mädchen vom löwenmähnigen Sänger János Kóbor schwärmten, wußten die wahren Fans, daß die Herzen – es gab mehrere – der Band woanders schlugen.

Derjenige, der diese Zauberklänge mit Orgel und Klavier hervorbrachte war László Benkő – er starb am 18. November dieses Jahres. Auch als Solomusiker war er den Experten in der DDR ein Begriff – seine Elektronikplatte „Lexikon“ konnte zwar nicht mit den Monumentalwerken von „Tangerine Dream“ oder dem technischen Bombastismus eines „Tomita“ – beide bei Amiga erschienen –, Klaus Schulze – den man auf einem polnischen Label bekam – oder selbst den beiden Ausnahmen-Scheiben von Reinhard Lakomy mithalten, war aber doch eine gern gehörte Abwechslung.  

Bassist und Komponist vieler legendärer Songs der Band – u.a. „10000 lépés“ („10000 Schritte“) war Tamás Mihály – er starb am 20. November.

Und nun hat es auch noch Balázs Fecó erwischt, den legendären Gründer und Chef der Vorreiterband „Taurus-Ex“ und der mythischen  „Korál“ (gegr. 1978). Er wurde Opfer des Covid-Virus. Ein mir befreundeter Arzt, Kardiologie, berichtete, ihn bereits vor Jahren in einer Herz-Spezialklinik zur Rehabilitation gesehen zu haben.  

Fecó hält man hier in Ungarn für ein Genie und ein Großer war er in jedem Falle. Ähnlich wie Benkő war er den Ostdeutschen vor allem durch eine Elektronik-Platte – „Register“ – bekannt geworden, die man in Berlin im Ungarischen Kulturzentrum erstehen konnte. Dieser Tod geht mir persönlich nahe, denn „Korál“ war meine erste große Entdeckung in Ungarn und die Eintrittskarte in eine unglaublich vielseitige und qualitativ hochwertige Musikszene. Im ersten Sommer saß ich einige laue Sommernächte unter dem Sternenhimmel bei einem oder zwei Glas Wein und lauschte den phantastisch melancholischen Klängen, die  Balázs Fecó komponiert, auf dem Synthesizer gespielt und mit schmaler, aber sensibler Stimme gesungen hatte.

In seinen bekanntesten Liedern – schwerblütige Balladen mit Hitcharakter – spielte die Vergänglichkeit oft eine Rolle. „Maradj velem“ („Bleib bei mir“), mit den ikonischen Anfangszeilen

Amikor vége az utolsó dalnak is,

Az utolsó hang is szétfoszlott már …,

die auf Deutsch nur ärmlich wiedergegeben werden können: „Wenn das letzte Lied vorbei ist, auch die letzte Stimme zerzupft (verflossen o.ä.)“, oder „Homok a szélben“ („Sand im Wind“) sind wohl die beiden bekanntesten Beispiele – man sollte sie kennen.

Nun also ist der Sand verweht, Fecó starb gestern – die Ungarn trauern. Isten vele!

Ein Gedanke zu “Sand im Wind

  1. Steffen Knöfler schreibt:

    Es wäre schön gewesen, auch die Todesursache (oder -anlässe) der anderen beiden Rocklegenden zu benennen. „Normale“, harmlose Lungenentzündung ?

    Auch verliert sich irgendwie der anfangs aufgebaute Spannungsbogen zur Häufung der Todesfälle ungarischer Rocker. Auch der Zufall zeichnet manchmal Muster.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.