Raptus

In Pontoppidans Roman „Das Reich der Toten“ gibt es eine kurze Szene, die leicht überlesen werden könnte. Jytte, eine der Hauptfiguren des Buches und zum Zeitpunkt schwanger, erlebt inmitten Kopenhagens, beim Überqueren einer Straße, auf der gerade schwere Pferdewagen vorüberrasseln, einen seltsamen Moment, eine Erschütterung wie aus dem Nichts.

„Da flammte plötzlich ihn ihr eine gefährliche Lust auf, sich vor die großen Pferde zu werfen und sich unter deren schweren Hufen tottrampeln zu lassen. Das ganze währte nur einen kurzen Moment – ein wilder und blutiger Blitz. Aber in diesem Augenblick hatte sie den Todesschauer und dessen befreienden Schwindel gespürt.“

Man nennt das einen Raptus.

Der plötzlich aufflammende Wille, mit allem Schluß zu machen. Sicher, er befällt Menschen mit schwierigen Vorgeschichten oder in „ausweglosen Lagen“ öfter, man kann häufig eine gewisse suizidale Präferenz vermuten, aber sein Signum ist dennoch das Urplötzliche, der rational nicht zu verstehende Entschluß. Er ist der selbstzerstörerische Bruder des Amoks.

Ich selbst hatte einen solchen Moment einmal erlebt und er hat mich – Jytte vergleichbar – langfristig erschüttert und sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Es mag jetzt 15 Jahre her sein. Ich joggte meinen üblichen Weg und kam nach circa zwei Kilometern an eine kleine Eisenbahnbrücke aus rotem Ziegelstein.

Sie war schon sehr alt, wohl ein Erzeugnis der Industrialisierung im südlichen England. Frühere Absolventen der nahegelegenen Bildungsanstalt hatten darin mit großem Aufwand und oft handwerklicher Filigranität ihre Namen verewigt und das Datum ihrer Matura. Einige Gravuren waren schon mehr als 80 Jahre alt – man konnte davon ausgehen, daß die einst fröhlichen Eleven schon lange tot waren. Vor meinem inneren Auge sah ich sie dort knien, in Anzug und mit Schulmütze und wie Steinmetze sich mit Hammer und Meißel verewigen. Zum Teil waren die Schriftzüge schon erodiert oder bemoost. Auffällig war, daß die Qualität der Arbeiten nach 1945 auffällig abnahm und zuletzt nur noch in primitiven Kratzarbeiten bestand.

Goethe soll sich selbst auf einer der Aussichtsplattformen des Straßburger Münsters verewigt haben – auch dort stand ich einst, suchte die Inschrift und wagte kaum, mich übers Geländer zu beugen. Ob der junge Goethe den Sprung kontempliert hatte?

Rechts und links der Brücke sah man Kaninchenlöcher und hin und wieder fand man dort auch Dachsspuren. Sie überwand die viel befahrene Verbindung von Oxford Richtung Süden, Richtung Brighton oder Portsmouth. Und just als ich die Brücke erreichte, bog ein Zug in schnellem Tempo um die Kurve und würde in wenigen Sekunden den Übergang erreichen. Unser Zusammentreffen war perfekt.

Da überfiel mich wie ein Blitz der Gedanke zu springen, unmittelbar vor diesen Zug zu springen. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Balustrade mit den vielen Namen in einem Satz zu überwinden, die sieben, acht Meter zu fallen und punktgenau vor diesem rasenden Zug aufzuschlagen – der dann den Rest der Arbeit erledigen würde. Ich sah alles in großer Klarheit vor mir, durchlebte diesen Augenblick so intensiv wie selten einen.

Als der Zug auf der anderen Seite auftauchte und seine roten Lichter zeigte, blieb ich stehen, das Herz raste – ich brauchte eine Weile, um meinen Weg fortzusetzen.

Pontoppidan beschreibt die Szene in seinem Buch so plastisch, daß man davon ausgehen darf, er habe sie selbst erfahren und Jytte nur angedichtet.

Tatsächlich ist das Phänomen gar nicht so selten. Ein entfernter Bekannter war mit Familie und Freunden wandern. Sie kamen an einen Felsvorsprung, einen Ausblick. Die Familie ging weiter, er verharrte einen Moment, breitete die Arme aus und ließ sich fallen. Robert Enke oder Andreas Lubitz waren vielleicht auch Raptus-Fälle, wenngleich beide wohl depressive Vorerfahrungen hatten.

Das war bei mir nicht der Fall, unser Leben war in England vollkommen ausgefüllt.

Seither spüre ich besonders bei Brücken immer einen seltsamen Sog, spielt sich im Kopf der Film ab: Wie wäre es? Ob die grandiose Ziegelbrücke im romantischen Elstertal oder die große Donaubrücke in Südungarn, die Bilder sind da.

Sicherlich sind nicht alle Menschen raptusbegabt, aber daß es ihn überhaupt gibt, lehrt uns einiges, vor allem, da es ihn im Tierreich wohl kaum gibt. Zum einen erschüttert er den Glauben in unsere Vernunft, in unser rationales und abwägendes Denken. Zum anderen zeigt er uns die Fragwürdigkeit des Konzepts Geschichte, das einer inneren Stringenz bedarf, wenn es denn tragbar wäre. Somit versorgt uns die Existenz des Raptus mit zwei wichtigen anthropologischen Definitionen:

Der Grund der Vernunft ist kein vernünftiger. Und: Der Mensch ist das Tier, das jederzeit anders kann.

siehe auch: Das Reich der Toten

8 Gedanken zu “Raptus

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Der Zustand gehört wohl zu den Räuschen und Ergriffenheiten, die ich bisher erfolgreich gemieden habe. So sehr ich Baudelaires schwarze Gedichte mag, mit dem Prosagedicht « Il faut toujours être ivre » kann er bei mir jedenfalls nicht landen.

    In den Alpen ist mir das Gehen am steilen Abgrund sehr unangenehm. Bei einer Wanderung mit Freunden traf ich einmal eine Pariserin an, die sich krampfhaft an den Fels klammerte. Die Kameraden passierten sie alle dicht am Abgrund, was ich keineswegs wagen wollte. Die Dame machte ich dann mit scherzender Unterhaltung sehr langsam wieder mobil. Sie erzählte dabei, dass ihr Göttergatte sie in der Lage zurückgelassen habe, weil ihn ihre Angst unnötig aufhalte. Was für ein lieber Partner!

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    • Michael B. schreibt:

      Wenn ich mir Individualentwicklung als Punkt auf einem Zweig des Baumes aller Moeglichkeiten dazu vorstelle, dann ist dieser Raptus in meiner Vorstellung ein versuchter Sprung auf einen sehr entfernten Hauptast (1). Nur als Spezialfall der auf den Boden.

      Das Unterbewusstsein erkennt oder beurteilt an einem bestimmten Punkt die Entfernung dahin als ueberwaeltigend lang und damit gleichzeitig die Unmoeglichkeit durch stetiges Verbleiben auf der eigenen Linie – auch nicht als reversible Begehung – dieses Ziel real zu erreichen. Im negativen Fall wie im geschilderten Beispiel des Romans ist das die Beurteilung eines Grossteils des eigenen bisherigen Weges als hoffnungslos, als falsches Leben als Ganzes gesehen (und das kann ein Trugschluss sein!). Die Versuchung ist die, durch Extremitaet (den Sprung) den Pfad zum gewuenschten Ziel abkuerzen zu wollen. Wie gesagt, ist das nicht nur im selbstzerstoererischen Kontext moeglich.
      Ich halte insofern die Hoehenangstvergleiche nicht fuer eine Auspraegung davon. Nicht in der reinen physischen Form (den Selbstmoerder auf dem Dach schon eher, aber dessen Entwicklung dorthin muss gar nicht flashes der geschilderten Art enthalten. Die Konsequenz ist aber gleichartig.).

      (1) Moeglicherweise bricht die Analogie hier, weil dieser Ast nie zugaenglich war, er also prinzipiell keinen gemeinsamen Stamm mit dem eigenen Zweig hat. Aber sei es drum, das Ziel ist jedenfalls auf normalem Weg (also ueber die Aeste des Baums) weit weg.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Das existentialistische Pathos der Entscheidung und der Selbstgestaltung stimmt mich immer etwas skeptisch. Die Navigation im Lebensbaum ist wohl eher inkrementell als sprunghaft, auch wenn einem das in der Selbstdeutung wegen einer verzerrten Metrik ganz anders erscheinen mag, vor allem wenn man ein „Selbstverwirklicher“ ist. Ich kenne einige Menschen, die seit ihrer Jugend immer wieder den Großen Bruch vollzogen haben – und die dabei doch, aus der Vogelperspektive gesehen, ihre Trajektorie überhaupt nicht verändert haben.

        Schöner Film von Alain Resnais:
        Mein Onkel aus Amerika
        Ausschnitt auf Italienisch,
        auch wenn diese Filmbeschreibung, aufs „Menschliche“ versessen, nicht gerade danach klingt. Vielleicht, dass ich ihn zu sehr in meiner damals schon eher „unmenschlichen“ Perspektive angeschaut hatte. (Immerhin ist es der einzige mir bekannte Film, in dem dieser wohl nicht nur in seinen Rollen hispelige Dépardieu den verdienten Herzinfarkt erleidet.)

        Diese gattungsinhärente Zuschreibung von Bedeutsamkeit und Entscheidungs-Souveränität für alles, was man empfindet, tut und denkt, ist aber ohne jeden Zweifel lächerlich vanitös. Durch das fast reflexhafte Sozialverhalten, das uns unsere Affennatur aufprägt, in dem uns der tägliche Umgang mit anderen gefangen hält und das letzten Endes darauf zielt, nicht etwa unsere entwickelte somatische Natur, sondern allein ein paar Gene auf die Nachwelt zu bringen, erreichen wir kaum je die objektivere Außenperspektive des Lebens – die nur wenig Fallhöhe zeigt.

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        • Michael B. schreibt:

          Das existentialistische Pathos der Entscheidung und der Selbstgestaltung stimmt mich immer etwas skeptisch. Die Navigation im Lebensbaum ist wohl eher inkrementell als sprunghaft

          Hier liegt doch gar kein Widerspruch. Der Raptus ist keine Entscheidung oder Ausdruck von Selbstgestaltung im Sinn des Willens. Er ist ein unbewusstes Schlaglicht, vollstaendig unkontrolliert. Im Moment des Auftretens ueberschwemmt er im Gegenteil gerade die genannten Kategorien.

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  2. Stefanie schreibt:

    „Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab, den es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf deinen Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben „Du sollst Gott, den Herrn nicht versuchen.“ Matthäus 4, 5-7
    Vielleicht sind solche Situationen ja die Stunde des Versuchers? 😉

    Vielleicht lassen sie sich aber auch so erklären: Es handelt sich ja um abstrakte Gefahren – der Abgrund selber ist es ja nicht, aber die Vorstellung löst ein Bild von den Schmerzen aus, die ein Fall oder Sprung zur Folge hätte, andererseits enthält die Vorstellung auch das Gefühl des Freien Falls bzw. des Fliegens und in Antizipation dieser Dinge wird ein Adrenalinschub ausgelöst, der Schmerzen und Angst vergessen macht – daher vielleicht der Impuls „es zu tun.“

    Zu der Projektion in anderer könnte man vielleicht sogar das Beispiel von Andreas Schubert (dem Erbauer der Elstertalbrücke, bzw. der Göltzschtalbrücke) anführen, der sich der Legende nach ja von dieser aus Selbstzweifeln in den Tod gestürzt haben soll, ehe der erste Zug darüber fuhr. – Vielleicht weil eben allein die Existenz dieser Bauwerke die Phantasie zu dieser Möglichkeit angeregt hat.

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  3. Nordlicht schreibt:

    Vor Jahrzehnten bin ich auf einer Dienstreise nach Südamerika auf das Dach des Hotelhochhauses gegangen (- per Wartungstreppe), wollte die Aussicht geniessen, hatte positive Gefühle.

    Der gedankliche Sog der Tiefe, als ich an den Rand trat, war immens, ein erhebendes Gefühl. Ein berauschender Kitzel.

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  4. Michael B. schreibt:

    Ich kannte das Wort nicht, aber den Zustand. Hatte ich selten, aber mehrfach. Allerdings nicht mit der suizidalen Seite verbunden.
    Unter Wikipedia findet sich das Wort unter verschiedenen Bedeutungen. Siehe dort folgende interessante Variante:

    „being „carried away“ or „transported“, being in good spirits, see Ecstasy (emotion)“

    Das trifft es zumindest fuer meinen Fall viel eher. Es ist der Versuch einer Grenzdehnung. Extrem und mit vielleicht irrationalen Elementen (obwohl: die stehen nicht fuer sich allein), aber eigentlich nicht mit der Zerstoerung der eigenen Person verbunden, so wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

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