Das Ende des Denkens

Ununterbrochen ist unser Geist in Bewegung. Worte und Sätze schwirren uns im Kopf herum, ein endloses Selbstgespräch, oft kaum bewußt. Diesen Strom zu stoppen, ist der Sinn vieler Meditationsübungen. Dabei kommen manchmal ganz brauchbare Gedanken zum Vorschein – wenn man sie nur festhalten kann.

Heute zum Beispiel sagte ich unwillkürlich folgenden Satz vor mich hin: „Nimm einfach mal ein halbes Jahr Auszeit und studiere Nietzsche“.

Im ewigen Redefluß tauchte plötzlich ein Gespräch auf, das ich vor einem Jahr in einer total verrauchten Berliner Eckkneipe geführt hatte und das offensichtlich noch immer  in mir arbeitete. Aus verständlichen Gründen, denn ich hatte den Eindruck, nicht besonders gut argumentiert zu haben, war im Übrigen auch schon ziemlich betrunken.

Meine Gesprächspartnerin war ein junges Mädchen, blitzgescheit und von Herzen gut, und Studentin der Philosophie im zweiten Studienjahr. Ihr Enthusiasmus war mitreißend und schön anzusehen, denn das ist die erste Bedingung, um so ein Studium durchzustehen: Man muß dafür brennen. Man studiert das in der Regel auch nicht, um etwas zu werden oder mit einer festen Berufsvorstellung, nein, Philosophie sollte man nur aus einem Grund studieren – weil es brennt, weil man verstehen will – und dafür auch Lebenswegrisiken eingehen.

Aber es war auch schmerzlich, ihr zuzuhören, die im Übrigen den Vorteil hatte, nur Apfelsaft getrunken zu haben, während wir anderen dem Bier und Schnaps schon tüchtig zugesprochen hatten. Es war schmerzlich, weil ihre Begeisterung schon ziemlich fest verankert war.

Ihrer Rede war zu entnehmen, daß ihre philosophische Bildung bis hierher vor allem aus abstracts, Chrestomathien, Mitschriften, Lexikonartikeln und zusammengetaggerten Blattsammlungen bestand, aus Leseproben oder einzelnen Kapiteln bedeutender Bücher. Ob sie im Studium überhaupt schon ein komplettes Werk studiert hatten, konnte man bezweifeln. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn es ist durchaus sinnvoll, sich anfangs einen Überblick zu verschaffen und ein Gefühl für verschiedene Textarten zu bekommen. Leider schien der Studiengang stark an der analytischen Philosophie orientiert zu sein.

In einem privaten Lesekreis hatten sie sich gerade Sartres „Sein und Nichts“ vorgenommen – kann man machen, ist besser als nichts, dachte ich.

Die junge Frau begeisterte sich nun für den modernen Feminismus, war auch schon einem Verein beigetreten, beschäftigte sich mit Gendertheorien und verteidigte vehement die Denkweise einer Simone de Beauvoir oder einer Judith Butler, schwärmte von Donna Haraway und anderen, deren Namen ich nun wiederum nicht kannte. Camille Paglia war ihr hingegen kein Begriff.

Ich ließ mich dummerweise in diesen Diskurs hineinziehen und am Ende lief es immer auf Bekenntnisse hinaus: Aber bist du denn dagegen, daß …? Glaubst du denn nicht auch, daß …? Ich habe es noch ein wenig mit Derrida probiert, wollte darlegen, daß Butler diesen sinnentstellend interpretiert, aber es war alles umsonst: wir sind freundschaftlich auseinandergewankt und uns dennoch keinen Schritt nähergekommen.

Und im heutigen Gedankenkarussell kam mir dann der Gedanke mit Nietzsche und ich begriff das eigentliche Problem. Nietzsche ist dabei nur eine Chiffre – man kann andere Namen dafür einsetzen.

Die Tragik scheint mir zu sein, daß die jungen Studenten der Philosophie – zumindest in Berlin Ost – mit dem Denken aufhören, bevor sie damit begonnen haben. Sie starten am Ende des Denkens, dort wo die Philosophie, wo Denken überhaupt aufhört, dort fangen sie an. Das meine ich nicht nur chronologisch, sondern auch im Sinne einer Dekadenztheorie. Die moderne Philosophie – sofern man sie überhaupt noch so nennen darf – verbreitet nämlich Gewißheiten, statt Zweifel, gibt Antworten, statt Fragen zu stellen, stellt Regeln auf, anstatt zu verunsichern, und nirgendwo mehr als im modernen Feminismus und in der Genderforschung. Dieses Denken denkt nicht mehr, es ist im Sinne Heideggers zur Wissenschaft geworden.

Und damit werden die jungen Leute konfrontiert, müssen vermutlich auch Stellung beziehen und wer wagte schon, „dagegen“ oder auch nur kritisch zu sein. Wozu auch? Das Ziel der Gleichberechtigung, der allgemeinen Befreiung, das klingt doch gut, dagegen kann keine gute Seele sein – und eine gute Seele ist das Mädel.

Anstatt sich mit diesem Zeug herumzuschlagen, sagte meine innere Stimme, könnte sie Nietzsche lesen oder einen anderen großen Zweifler und Umdenker, Umwerter der Werte, einen jener seltenen Köpfe, die um die Ecke denken und dann um noch eine und noch eine und so den Menschen in all seinen guten Vorsätzen entzaubern und ganz nackt dastehen lassen. Nietzsche oder vielleicht Montaigne, Spinoza oder Sloterdijk zwingen uns zum Selberdenken, vor allem zum permanenten Fragen.

Es gibt auch einen anderen Weg, den Husserls etwa. Wem Nietzsche nicht zusagt, weil er zu manipulativ ist, der kann Denken zum Beispiel bei Husserl lernen. Dort wird er erfahren, was es heißt, immer tiefer und tiefer zu bohren, nie mit einer Antwort zufrieden zu sein, und auch die Fähigkeit erlernen, bereits Gesichertes – und sei es noch so mühsam errungen – wieder zu verwerfen und von vorn anzufangen.

Beide Wege führen übrigens zu Heidegger – und wer sich einmal in Heidegger vertieft hat, der sollte gegen gut klingende Ideologien gefeit sein. Man kann sich gerne den Gendersachen widmen, man sollte es aber zum Ende seines Studiums tun, wenn man über die ganze Klaviatur verfügt, das gesamte Besteck kennt, und nicht zu Beginn.

Leider, es bleibt zu fürchten, daß das heutige Studium solche Wege nicht mehr ermöglicht. Klar, sie werden auch mal über Nietzsche, Husserl und Heidegger sprechen, es wird nicht unerwähnt bleiben, daß Heidegger Parteimitglied war, ein Doktorand wird ein paar zusammengetaggerte Kopien verteilen, dann wird man sich eine Meinung bilden und weiter geht’s – auf zur Equality. Das junge Mädchen wird – das kann man ahnen – am Ende dieser Tortur das Denken aufgegeben, dafür aber eine Stelle in einer gemeinnützigen Organisation ergattert haben. Oder sie wird ihren Doktor machen und zwar nicht mehr in einem Fach, das sich genuin Philosophie nennen dürfte, sondern in etwas, was Bernd Zeller kongenial als „Akademiewissenschaften“ bezeichnete.

Aber vielleicht überrascht sie uns auch.

6 Gedanken zu “Das Ende des Denkens

  1. Steffen Knöfler schreibt:

    Nieztsche in einem Brief : „Alles was für „Emancipation des Weibes“ schwärmt, ist langsam, langsam dahinter gekommen, daß ich „das böse Thier“ für sie bin. In Zürich, unter den Studentinnen, große Wuth gegen mich. Endlich! — Und wie viele solche „Endlichs“ habe ich abzuwarten!“

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  2. Zweifler schreibt:

    Das Regal mit den Bösen, welche die Fragen schenken, die die Guten und jedenfalls die heutigen Nicht-Bösen mit Hilfe der von Ihnen beschriebenen Einengung nicht zulassen. Ist das Absicht oder Dummheit oder Bequemlichkeit-kennen sie selbst diese Bösen und deren Fragen? Nein, das gibt es nicht, kann es nicht geben, auch wenn es das Regal und die entsprechenden Bücher also auch die Bösen selbst gibt. Nein, die gibt es nicht und (als Beispiel) 87% der Deutschen sind begeistert über den Sieg Bidens. Fragen? Böse Fragen? Herausarbeiten von Antagonismen, von tatsächlichen Divergenzen und damit ganz banal auch materiellen Interessen? Was will Biden, wofür steht er tatsächlich, wer steht hinter ihm, wer ist er? Die Frage nach dem Übergeordneten ist böse, wird nicht gestellt. Klar, was er will, sagen einem die Nicht-Bösen, die Guten, die im Übergeordneten dasselbe wollen, wie er und gerade das niemals deutlich aussprechen…Das Mädchen hat ein gutes Herz, aber was ist heute gut? Tatsächlich soll und wird sie mit ihrem guten Herzen die Monstranz der Ingnoranz, die ihr auferlegt ist, sie sich selbst auferlegt, weitertragen und so die Beschädigungen des Denkens und damit der tatsächlichen Gegebenheiten stützen. Wenigstens solange bis sie Erweckung findet ist sie Teil der Guten, der Nicht-Bösen, derjenigen, die die anderen und deren Bücher mit den vielen Fragen noch nicht einmal sehen, selbst wenn sie sie vor sich haben, anfassen können. Die Kategorie des Guten selbst wäre von ihr zu hinterfragen-z.B. das Handeln der höchsten moralischen Instanz der Christenheit auf Erden mit der vorgeblichen Seenotrettung respektive der aktiven Unterstützung der Schlepperei und deren Folgen. Das Mädchen wird wohl noch lange zu den Guten gehören, denn solche Fragen zu stellen und unbarmherzig zu beantworten, ist nicht vorgesehen-weder im Lehrkanon noch im natürlichen Denken über das Gute an sich.

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  3. Michael B. schreibt:

    Zu Buechern uebrigens: Auf achgut gab es gerade einen Artikel von Gerd Held (den ich als Person gern lese). Ich kannte einige Bruchstuecke des dort ausgiebiger zitierten Tocqueville zur amerikanischen Demokratie, habe mir allerdings wegen der frappierenden Uebereinstimmung mit meiner persoenlichen Analyse aktueller Demokratie doch einmal das Ganze bestellt(diese amerikanische Ausgabe ist wohl vollstaendiger).

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  4. Till Schneider schreibt:

    In meiner Jugend habe ich u.a. sehr viel Science-Fiction gelesen. Ich habe mich damals auch bald gefragt, warum ausgerechnet das mich so anzieht, und bin zu der Antwort gelangt: Weil da noch viel mehr von diesen Welt-Konstrukten drinstehen, wie ich sie mir unablässig selber ausdenke. Der entscheidende Punkt: Ich habe mir selber welche ausgedacht (nicht „absichtlich“, sondern weil ich nicht anders konnte, weil ich „halt so bin“), und zusätzlich wollte ich so viel wie möglich von den Welt-Konstrukten kennenlernen, die sich andere ausgedacht haben. Damit ich einen möglichst kompletten Überblick über das „Denkbare“ bekomme, oder über das „unter egal wie abseitigen Umständen Mögliche“.

    Später, als ich auch Philosophie gelesen habe, fand ich im Vorwort von Wittgensteins „Tractatus“ den Satz: „Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat.“ Da dachte ich: Klar, was sonst. So wie bei mir und den Science-Fiction-Romanen. Würde ich mir nicht selbst dauernd Welt-Konstrukte ausdenken, dann würde ich die Welt-Konstrukte in den Romanen nicht verstehen, und sie würden mich auch überhaupt nicht interessieren.

    Warum ich damit begonnnen habe, Philosophie zu lesen, hing u.a. mit derselben Sache zusammen: Ich habe darin Dinge wiedergefunden, die ich mich selbst gefragt habe, und wollte wissen, was andere dazu sagen. Vieles dort Gedachte war mir auch völlig neu, aber bei weitem nicht alles. Ob das bei der jungen Philosophie-Studentin in Ihrem Bericht auch so ist? Ich habe da meine Zweifel. Mich hat der Verdacht beschlichen, dass sie nicht selbst philosophiert – und sich trotzdem für Philosophie interessiert, sogar „brennend“. Das wäre mir unverständlich, aber deshalb muss es ja nicht unmöglich sein.

    Anyway: Wäre es so, dann bliebe sie hinter Wittgensteins Vermutung zurück, d.h. sie könnte ihn wahrscheinlich nicht verstehen. Ausgerechnet ihn. Obwohl ihr Studiengang „leider stark an der analytischen Philosophie orientiert zu sein scheint“ (was ich Ihnen aufs Wort glaube).

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    • @ Till Schneider

      Viele Wege führen bekanntlich zur Philosophie – eine gewisse Veranlagung zur kindlichen Träumerei und Fragerei, zur Einsicht in Alternativen, Einfühlung in den Anderen wird man bei den meisten voraussetzen dürfen. Ich kann mich entsinnen, auf mein Federkästchen – wo andere Popstars- oder Fußballernamen schrieben – heilige Namen großer Denker gekritzelt zu haben. Seltsamerweise stand dort die gesamte erste Generation der Frankfurter Schule, also auch Pollock oder Löwenthal, die heute kaum noch jemand kennt. Das muß dann bereits lange nach der Pubertät gewesen sein.

      Auch hatte ich ein ähnliches Erlebnis, wie Sie: In einem Leipziger Antiquariat ging es mir ein wenig wie Nietzsche: ich hatte eine wunderschöne Ausgabe von Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ in 2 Bänden entdeckt udn den unvorstellbaren Preis von 60 Mark dafür bezahlt. Zu Hause las ich dann ernüchtert das Vorwort, in dem Schopenhauer festlegte, was man alles bereits gelesen haben mußte, um sein Buch zu verstehen, u.a. Kant udn Platon und seine eigenen früheren Arbeiten dazu. Ich kam damals tatsächlich nicht weit, aber immerhin zu dem Entschluß, diesen langen Weg zu gehen – der mich dann freilich nicht zurück zu Schopenhauer geführt hat. Entscheidend war aber das Erlebnis!

      Diese Faszination spüre ich bei der jungen Dame durchaus, sie sprudelt auch noch die heiligen Namen hervor, kennt vieles auch noch nicht – alles ganz normal. Nicht normal ist hingegen ihre Detailkenntnis des postmodernen Feminismus, Genderismus, Queerismus etc. und da haut sie einem auch kräftig Begriffe um die Ohren. Man hat das Gefühl, daß diese nicht inhaltlich gedeckt sind, sondern wie Monstranzen vor sich hergetragen werden, was in mir den Verdacht weckte, daß eben nicht gedacht, sondern gelehrt wird. Und von der Sorte wird im Studium viel angeboten, ohne daß die Eleven schon einen belastbaren Grund haben. In diesen Fragen – Feminismus, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit etc. – war auch eine gewisse Festigkeit, ein unschöner Missionierungseifer ansatzweise zu spüren – es entstand der Verdacht, daß die dort im Studium zu Kämpfern (Gerechtigkeit) erzogen werden. Wer hier nicht selbst ausbricht, wird wohl zum Ideologen werden und verbiestern. Ihr Selbst-Philosophieren ist im Moment sehr stark vom Mainstream gelenkt. Sie denkt schon selbst, aber in einem bedauerlich engen und vorgegebenen Rahmen.

      Zum Glück hat sie noch immer eine gesunde Naivität. Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit, ihr meine Bibliothek zu zeigen udn obwohl dort 2500 Jahre versammelt sind, fiel ihr Blick zuerst auf die Sartre-Ausgabe – sie zog „Sein und Nichts“ heraus, also das, was sie gerade selber las. Das hat mich erschreckt, war aber vielleicht auch eine normale Reaktion, daß man im Meer nach dem einzigen Halt sucht. Als ich sie auf das Regal mit „den Bösen“ aufmerksam machte, reagierte sie ratlos: was soll das sein? Ich sagte: „das sind die Autoren, die du besser nicht auf dem Lesetisch liegen läßt“ aber sie meinte, sowas gäbe es nicht. Da muß der Realitätscheck also noch erlebt werden. Was dann kommt – daran wird man die Zukunft wohl ermessen können.

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