Das gespaltene Land

Maaz‘ Psychogramm speist sich aus zwei Kraftquellen: der Sorge um den seelischen Zustand des Heimatlandes und der jahrzehntelangen Arbeit mit psychoanalytischen Methoden. Aus dieser Vereinigung zweier scheinbar inkommensurabler Kategorien ergeben sich spannende und ungewohnte Einblicke, aber auch einige argumentative Schwierigkeiten.

Die Demokratie – um die geht es vordergründig – ist in Deutschland akut gefährdet. Nicht nur äußerlich, institutionell, sondern auch innerlich: ihre Teilnehmer sind ihr seelisch nicht gewachsen. Das Urübel macht der Analytiker ganz klassisch in frühen Beziehungsstörungen aus, die nicht selten auf zu zeitige Muttertrennung, auf Traumata, zurückzuführen sind. Sie führen zur Selbst-Entfremdung oder zur Verpanzerung, wie Wilhelm Reich es genannt hatte, von dem Maaz wohl am stärksten beeinflußt ist. Verschont bleibt davon niemand: jeder stellt in der Folge einen je eigenen, individuellen und schon verzerrten Zugang zur Realität her.

Die Störungen lassen sich kategorisieren und Maaz dekliniert sie gleich dreifach, jeweils unter anderem Vorzeichen – Demokratie, Freiheit, Liberalität – durch. Der Mensch reagiert mit Kompensationsstrategien, die der jeweiligen seelischen Fehlentwicklung entsprechen. Das Ergebnis ist eine Normopathie und zwar im doppelten Sinne. Das Individuum tendiert zur Konformität aber wenn die Deformationen die Masse betreffen, so entsteht in der Summe ein falsches gesellschaftliches Leben als Normalität. Auch weltanschauliche Inklinationen beruhen letztlich auf frühkindlichen Defiziterfahrungen – das Leid eint die Menschen, die jeweiligen Bewältigungsversuche trennen sie. Wenn wir unser gemeinsames Leid als solches gegenseitig anerkennen würden, dann müßte doch ein Dialog auch über die Ideologiegrenzen hinaus möglich sein.

Freilich, die unzähligen krankhaften Idiosynkrasien können in einer funktionierenden äußeren Demokratie abgefedert und verkraftet werden. Verliert diese aber an Plausibilität, etwa weil sie die Meinungsfreiheit oder die materiellen und sozialen Sicherheiten nicht mehr garantieren kann, so wächst die Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung. Wir müssen mit uns selbst ins Gericht gehen, jeder, wenn wir diesen fatalen Erosionsprozeß aufhalten wollen, wir müssen wieder wahrhaft zuhören lernen, dürfen den anderen nicht apriori beschuldigen und sind auch genötigt, unsere eigene Schuld an jedem Konflikt einzusehen.

Bis hierher klingt das alles recht ausgewogen, es spricht den Leser ganz konkret an, ermuntert ihn zur kritischen Selbstbefragung. Die Beispiele, die Maaz dann aber immer wieder bringt, zeigen die schwere gesellschaftliche Schieflage, denn seine Themen sind die AfD und Pegida, die Migrationspolitik, der Islam, der Genderismus, der Populismus, der Feminismus, die Klimadebatte, also just all das, was der linke Mainstream thematisch weitflächig kategorial besetzt hält. Gegen diesen wendet er sich: „Unter demokratischen Verhältnissen bedeutet Zivilcourage, sich dem Mainstream zu widersetzen, politische Korrektheit infrage zu stellen … und dem normopathischen Druck der Zugehörigkeit zu widerstehen“. Man könnte dem Autor hier Mut attestieren. Maaz scheint sich des Risikos bewußt zu sein: ein einziger Denunziant genügte, um auch ihm das „Nazi“-Etikett anzuhängen, daß er als Symptom des seelischen Verfalls kennzeichnet – deshalb meint er, immer wieder Unabhängigkeitserklärungen einbauen zu müssen.

Das Buch krankt aber an größeren Problemen. Wenn alles innerseelisch determiniert ist, dann wird die rationale Einsicht, das Argument, entmachtet … und auch diese Schrift ist de facto obsolet: private Therapie ersetzt öffentlichen Dialog. Vor allem aber scheinen im Argumentationsgetriebe einige Zahnräder zu fehlen, jene nämlich, die die Transformation von der individuellen Störung hin zur gesellschaftlichen Erkrankung erklären. Sind die in ihrer frühkindlichen Entwicklung gestörten Individuen Politiker, Journalisten, Manager und dergleichen, dann ist das noch einsichtig – Maaz‘ Idee eines Politikerstudiums ist dort folgerichtig und originell – wie aber eine je individuelle Überforderung sich auf ein „kollektives Überforderungsverhalten“ transformieren läßt, bleibt dunkel.

Anders gesagt: kann sich jemand mit tiefer Einsicht ins nur Spezifische die allgemeine Aussage zutrauen?

Hans-Joachim Maaz: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm. Beck 2020. 219 S., 16.95 €

zuerst erschienen in: „Sezession“ Heft 97

Ein Gedanke zu “Das gespaltene Land

  1. Michael B. schreibt:

    Das Urübel macht der Analytiker ganz klassisch in frühen Beziehungsstörungen aus, die nicht selten auf zu zeitige Muttertrennung, auf Traumata, zurückzuführen sind.

    Aus seinem Wikipediaeintrag:

    „Die Erfahrung, dass jeder [Hervorhebungen von mir] Mensch, dem ich begegnet bin, randvoll mit seelischem Elend ist, […] hat mein Leben entscheidend beeinflusst.“

    Das hat mich an Maaz immer gestoert, schon als er das ganze verflossene Land auf die Couch legen wollte. Das Uebel – einer voellig ueberschiessenden Verallgemeinerung – liegt in seiner eigenen Person und nicht in seinem Subjekt. Es sind nicht alle Leute von Kindheit an krank und muessen/koennen nur durch die richtige Gesellschaft geheilt werden.

    Auch weltanschauliche Inklinationen beruhen letztlich auf frühkindlichen Defiziterfahrungen

    Dann koennten sie sich nicht aendern. Welche Weltanschauung hat eigentlich derjenige ohne „frühkindliche Defiziterfahrungen“? Nach Maaz‘ Logik gibt es solche Menschen gar nicht.

    Wenn wir unser gemeinsames Leid als solches gegenseitig anerkennen würden, dann müßte doch ein Dialog auch über die Ideologiegrenzen hinaus möglich sein.

    Irgendwann in meinem Leben begann ich mich fuer Meditation zu interessieren. Mein Umfeld hat mir „Lehrer“ zugaenglich gemacht, Buecher wie „The Heart of Buddhist Meditation“ usw., usf.. Was die Buecher betrifft habe ich dann erst nach ein paar Jahren etwas gefunden, aus dem ich lernen konnte. Das war Bhante G’s „Mindfulness in Plain English“. U.a. aus einem fuer mich nicht hinreichenden, aber aeusserst notwendigem Grund: Der Autor schafft es in den ersten drei Vierteln des Buches einen Stil an sehr gelungener Beschreibung fast ohne Wertung durchzuhalten. Zuerst einmal betrifft das den Grundwiderspruch oestlicher Meditation zu westlichen Auffassungen (erstere wollen das Ich aufloesen, letztere das Ich staerken).
    Vor allen Dingen aber kam das Wort dukkha erst sehr spaet vor. Das war dann der typische Einstieg in das Verkaufsgespraech jeder Religion: Wenn du X tust bekommst du Y, hier: Wenn du meditierst, beendest du dein Leid. Durch Liebe zu allem was kraeucht und, und… Ab diesem Punkt wurden auch die Aeusserungen dahingehend haerter, wie man nun richtig oder falsch meditiert.

    Da habe ich dann aufgehoert. Man kann nun endlos philosophieren, was dieser Leidbegriff bedeuten soll, ganz trivial ist er nicht. Aber man wird die klassische Bedeutung im Sinn der Muehsal des Lebens nicht wegdefinieren koennen. Das ist aber nicht mein Grund fuer Meditation. Ich will meinen Gedankenstrom beruhigen, Aufmerksamkeit erhoehen, Aufreger aufloesen oder an mir vorbeileiten, Haeufigkeiten von Arbeiten ‚im flow‘ erhoehen. Das ist alles an Leid, was ich aufloesen muss. Bei mir geht immer eine rote Lampe an, wenn man mir etwas mit dem Wort – speziell in irgendwie unentrinnbarer, ins unfassbare gesteigerter Form – aufschwatzen will. Leben ist nicht so. Ich trage auch meine Paeckchen, aber ich habe auch andere Sachen in mir und aus denen fliessen ein paar der wesentlicheren Dinge, die ein lebenslanger Kampf gegen Leid prinzipiell verunmoeglicht. Damit bin ich nicht allein. Dieser Aspekt haelt mich uebrigens auch von den Rechten dieses Landes fern. Voellig trostlos in dieser Hinsicht.

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